Materialproduktsystem

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Das Materialproduktsystem (englisch Material Product System, kurz MPS, eigentlich System of Balances of the National Economy[1]) beschreibt einen Verfahrenstandard zur Erstellung Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Das Verfahren wurde ein den 1920er Jahren in der Sowjetunion entwickelt und fand bis 1990 in planwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften Verwendung. Als zentrale Messgröße im MPS fungierte das Nettomaterialprodukt (äquivalent zum Nettoinlandsprodukt) neben dem Bruttomaterialprodukt (äquivalent zum Bruttoinlandsprodukt).

Im Gegensatz zu dem nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten und heute weltweit verwendeten United Nations System of National Accounts (SNA) wurde im MPS nur den Bereich der sog. „materiellen Produktion“ erfasst, d. h. nur die Produktion von Waren und solchen Dienstleistungen, die mit der Produktion und Verteilung von Waren verbunden sind, fließen in die Berechnung ein. Berechnet werden z. B. Montage- und Reparaturdienstleistungen, Warentransport und Telekommunikation, nicht aber persönliche Dienstleistungen wie das Gesundheits- und Erziehungswesen oder innere Sicherheit.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Ein erster Vorläufer des späteren MaterialproduktsystemS wurde 1926 erstmals veröffentlicht, zusammen mit den ersten volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und umfangreicheren Wirtschaftsstatistiken der UdSSR betreffend das Geschäftsjahr 1923/24. Weitere Veröffentlichungen folgten in den folgenden Jahrzehnten, nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen auch die sowjetischen Satellitenstaaten dieses System. 1958 wurde eine überarbeitete Version des MPS der UN vorgelegt, mit dem Ziel die Vergleichbarkeit von MPS und SNA zu verbessern. Zehn Jahre später erklärte der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe eine erneut überarbeitete Version des MPS als das Standardverfahren volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen in seinen Mitgliedstaaten. Diese Version wurde ebenfalls der UN vorgelegt und 1971 erklärte diese das MPS als zweiten empfohlenen Standard volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen neben dem SNA.[3]

Rasch erwies sich das MPS auch für planwirtschaftliche Systeme als ungeeignet.[4] Bereits in den 1970er Jahren begann die RGW-Statistikabteilung mit weiteren Überarbeitungen des Systems, mit dem Ziel es mehr dem SNA anzugleichen und die Umrechnung zwischen beiden Systemen zu erleichtern. Die Ergebnisse wurden 1987 der UN vorgelegt. Pläne, die eine Zusammenführung beider Systeme zum Ziel hatten, wurden infolge der politischen Umwälzungen der 1980er Jahre nicht mehr umgesetzt.[5]. Einige Staaten des Ostblocks begannen zu dieser Zeit, volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen auf Basis beider Systeme zu erstellen und zu veröffentlichen. Die Sowjetunion stellte 1988 auf das SNA um, die meisten anderen Staaten folgen 1990. Zwei Jahre übernahmen auch die Volksrepublik China und Kuba das SNA,[6] lediglich Restjugoslawien behielt das MPS noch bis 1997 bei.[7]

Länder, die das Materialproduktsystem verwendeten:[8]

Literatur[Bearbeiten]

  • János Árvay: The Material Product System (MPS). A Retrospective. In: Zoltan Kenessey (Hrsg.): The Accounts of Nations. IOS Press, Washington D.C. 1994, ISBN 978-90-5199-156-7, S. 218–236 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Dieter Brümmerhoff: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. 8. Auflage. Oldenbourg Verlag, München 2007, ISBN 978-3-486-58335-9.
  • Pavel Ilʹič Popov: Balans narodnogo chozjajstva Sojuza SSR 1923-24 goda. Trudy Centralʹnogo Statističeskogo Upravlenija. Tom XXIX. Moskva, 1926.
  • Valerjan Antonovič Sobol: Očerki po voprosam balansa narodnogo chozjajstva. Gosstatizdat, Moskva, 1960.
  •  André Vanoli: A History of National Accounting. IOS Press, Washington D.C. 2005, ISBN 978-1-58603-469-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • UN-Statistikkommission (Hrsg.): Basic Principles of the System of Balances of the National Economy (= Studies in Methods Series F. Band 17). Vereinte Nationen, New York, 1971.
  • UN-Statistikkommission (Hrsg.): Comparisons of the System of National Accounts and the System of Balances of the National Economy (= Studies in Methods Series F. Band 20). Vereinte Nationen, New York.
  • Teil 1. Conceptual Relationships. 1977
  • Teil 2. Conversion of Aggregates of SNA to MPS and vice versa for Selected Countries. 1981
  • UN-Statistikkommission (Hrsg.): Basic Methodological Principles Governing the Compilation of the System of Statistical Balances of the National Economy (= Studies in Methods Series F. Band 17). Vereinte Nationen, New York, 1989, ISBN 978-92-1-161303-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  André Vanoli: A History of National Accounting. IOS Press, Washington D.C. 2005, ISBN 978-1-58603-469-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Dieter Brümmerhoff: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. 8. Auflage. Oldenbourg Verlag, München 2007, ISBN 978-3-486-58335-9, S. 89
  3. János Árvay: The Material Product System (MPS). A Retrospective. In: Zoltan Kenessey (Hrsg.): The Accounts of Nations. IOS Press, Washington D.C. 1994, ISBN 978-90-5199-156-7, S. 219–223 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4.  André Vanoli: A History of National Accounting. IOS Press, Washington D.C. 2005, ISBN 978-1-58603-469-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.).
  5. János Árvay: The Material Product System (MPS). A Retrospective. In: Zoltan Kenessey (Hrsg.): The Accounts of Nations. IOS Press, Washington D.C. 1994, ISBN 978-90-5199-156-7, S. 229–235 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6.  André Vanoli: A History of National Accounting. IOS Press, Washington D.C. 2005, ISBN 978-1-58603-469-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Herbert Büschenfeld: Die wirtschaftliche Lage in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens vor dem Kosovokrieg. In: Dunja Melčić (Hrsg.): Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. Westdeutscher Verlag, Opladen 1999, ISBN 978-3-531-13219-8, S. 513.
  8. János Árvay: The Material Product System (MPS). A Retrospective. In: Zoltan Kenessey (Hrsg.): The Accounts of Nations. IOS Press, Washington D.C. 1994, ISBN 978-90-5199-156-7, S. 236 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).