Materialseilbahn

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Materialseilbahn im Zillergrund, Tirol.

Eine Materialseilbahn, auch Lastenseilbahn genannt, ist eine Luftseilbahn, die normalerweise nur für den Transport von Gütern, beispielsweise von Erzen oder Lebensmitteln, zugelassen ist.

Transport von Baumaterial[Bearbeiten]

Materialseilbahnen werden vorübergehend errichtet, etwa beim Bau von Seilbahnen, Eisenbahnen, Sendemasten, Hütten u. a. im unzugänglichen Gelände (Gebirge), zum Abtransport von Bauschutt und zur Anlieferung von Baumaterialien. So wurden Deiche beim Niederländischen Deltaplan-Projekt mithilfe von Seilbahnen errichtet, dabei wurden Steine von den Seilbahnen direkt ins Meer geschüttet und so die Dämme errichtet.[1]

Versorgung im Gebirge[Bearbeiten]

Sie können auch dauerhaft errichtet werden, etwa für abgelegene Bergbauernhöfe oder Schutzhütten. Oftmals stellen Materialseilbahnen den einzigen Zugang zu hoch gelegenen Höfen und Almen dar, wenn die Errichtung einer Zufahrtsstraße oder eines Zufahrtsweges zu aufwändig wäre. In diesen Fällen kann eine Materialseilbahn auch dem Personentransport für einen eingeschränkten Benutzerkreis (den Anwohnern) dienen.

Lawinensprengbahn[Bearbeiten]

Eine weitere Anwendung für Materialseilbahnen sind Lawinensprengseilbahnen, mit denen Sprengladungen zum künstlichen Auslösen von Lawinen an den gewünschten Ort befördert werden.

Lorenseilbahn[Bearbeiten]

Schutzbau an einer Straßenüberkreuzung der Materialseilbahn Grundlsee

Materialseilbahnen werden auch verwendet, um Material, das an einer Lagerstätte abgebaut wird, zu einem weit entfernten Verlade- oder Verarbeitungsbetrieb zu befördern. Solche Anlagen werden in der Regel Lorenseilbahn genannt. Mit ihnen werden teilweise erhebliche Entfernungen über unwegsames und schwieriges Gelände überwunden. Durch sie wird der Einsatz von Straßentransportfahrzeugen vermieden oder es werden teilweise hohe Investitionen für den Bau von schienengebundenen Transportwegen gemindert. Eine Besonderheit von Lorenseilbahnen sind die Schutzbrücken über anderen Verkehrswegen. Sie sollen verhindern, dass umkippende oder abstürzende Loren größere Schäden anrichten. Die meisten Materialseilbahnen wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Ländern gebaut, die noch keine ausreichenden Verkehrswege hatten.

Deutschland und Europa[Bearbeiten]

1,9 km und eine Höhendifferenz von 880 m bewältigte die 1936 errichtete Materialseilbahn Fischunkelalm–Röth in Berchtesgaden im bayrischen Hagengebirge.

Die Agethorster Drahtseilbahn des Zementwerkes Alsen in der Nähe von Itzehoe war mit einer Länge von 13,5 km eine der längsten Industrieseilbahnen Europas.

Die Materialseilbahn Feldmoos–Chli Titlis diente von 1979 bis 1986 der Versorgung einer 1429,9 m höher gelegenen Baustelle. Sie hatte je ein Tragseil und Zugseil, um ein einziges Fahrzeug mit einem Gesamtgewicht von bis zu 3,8 t über eine gesamte Länge von 4675 m zu bewegen. Dabei wurde das längste je realisierte Spannfeld von 3467,1 m überquert.

Die moderne, nur 1,8 km lange Materialseilbahn der Vicat-Zementfabrik überquert die Isère, eine Autobahn und verschiedene Straßen, um eine Zementfabrik mit Kalkstein zu versorgen.

Die 17 km lange Seilbahnen Savona–San Giuseppe in Italien ist seit 1912 in Betrieb. Die beiden nebeneinander liegenden Lohrenbahnen können bis zu 420 Tonnen Material pro Stunde vom Hafen in Savona ins Hinterland transportieren. Die Anlage ist die derzeit längste in Betrieb stehende Seilbahn.


Die 96 Kilometer lange und von 1943 bis 1987 betriebene Linbanan Boliden–Kristineberg in Schweden diente dem Erztransport (Kupfer-, Blei-, Zink-, Silber- und Golderze) und war die längste Seilbahn der Welt.

Afrika[Bearbeiten]

Die 75 Kilometer lange Massaua-Asmara-Seilbahn in Eritrea diente von 1938 bis 1941 der Versorgung der italienischen Armee und war zu ihrer Zeit die längste Seilbahn der Welt. Die 42 km lange Kalklinbanan transportierte von 1941 bis 1997 Kalksteine in Schweden und war für zwei Jahre die längste Seilbahn der Welt.

Die 76 Kilometer lange COMILOG-Materialseilbahn transportierte von 1957 bis 1986 Manganerz von Moanda in Gabun nach Mbinda in der Republik Kongo.

Die 20 km lange Materialseilbahn Bulembu–Barberton zwischen Swaziland und Südafrika diente von 1939 bis 2002 zum Transport von Asbest zum Bahnhof von Barberton und in die Gegenrichtung von Koks für ein Kraftwerk. Sie war die längste Seilbahn der Welt ohne Zwischenstation.

Amerika[Bearbeiten]

Die 35 km lange Materialseilbahn Chilecito-La Mejicana in Argentinien diente ab 1905 zum Abtransport von Erz aus der Sierra de Famatina in über 4600 m Höhe und war zu ihrer Zeit die längste Seilbahn der Welt und bis zum Bau der Meridabahn im Jahre 1958 auch die Seilbahn mit der höchsten Bergstation. Sie überwand einen Höhenunterschied von 3528 m, der bis heute nicht übertroffen wurde.

Die 75 km lange Materialseilbahn Mariquita-Manizales in Kolumbien, die in den Jahren 1915 bis 1922 für den Transport von Kaffee erbaut wurde, war zu ihrer Zeit die längste Seilbahn der Welt.

Bauseilbahn[Bearbeiten]

Bauseilbahnen werden zum Transport von Baumaterialien (beispielsweise Fahrzeuge, Anlagen, Schotter, Zement) bei Baustellen im Hochgebirge eingesetzt. Das Bauprojekt «Linthal 2015» ist derzeit das größte Schweizer Bauvorhaben im Energiebereich, bei der das größte Wasserkraftwerk der Schweiz entsteht. Dazu wurden zwei Bauseilbahnen gebaut, die eine Materiallast von bis zu 30 Tonnen, in Ausnahmefällen bis 40 Tonnen[2] pro Gehänge tragen können.[3]

Sonstige Transporte[Bearbeiten]

Die Autoseilbahn Bratislava transportiert im VW-Werk Bratislava Autos zur Einfahrstrecke.

Seilwege und Holzseilbahn[Bearbeiten]

Seilwege haben eine ähnliche Funktion, jedoch dienen sie hauptsächlich der Heueinbringung im steilen Gelände und werden von Hand bedient. Dasselbe für Holz gilt für Holzseilbahnen.

Antrieb[Bearbeiten]

Angetrieben werden Materialseilbahnen meist von einem Benzinmotor, Dieselmotor oder Elektromotor. Größere Materialseilbahnen sind meist als Zweiseilumlaufbahnen ausgelegt, mit einem Tragseil für jede Richtung und einem umlaufenden Zugseil, das die Loren bewegt. Viele kleine Bahnen bestehen aus einem einzelnen Tragseil, an dem die Last an einer Rolle hängt. Die Rolle wird entweder von oben mit einem Hilfsseil gezogen oder abgelassen, oder oben umgelenkt von unten mit einem Hilfseil hochgezogen. Das Hilfsseil ist auf einer speziellen Stahlseil-Trommel aufgewickelt, die vom Motor gedreht wird.

Gefahr für Flugverkehr[Bearbeiten]

In Gebirgsregionen gibt es, bedingt durch die Topografie, tausende von Materialseilbahnen. Diese Bahnen stellen ein großes Risiko für Flugzeuge, insbesondere Helikopter und Hängegleiter dar. Viele dieser Seile sind auf keiner Gefahrenkarte eingezeichnet und erhöhen daher das Kollisionsrisiko. In der Schweiz bietet die Schweizer Luftwaffe seit Jahren eine kostenlose Demontage nicht mehr benötigter Materialseilbahnen an, um das Risiko für zivile und militärische Luftfahrzeuge zu verringern.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Deltaplan abgerufen am 12. Dezember 2011
  2. Jürg Huber:Rekord-Bahn nimmt Betrieb auf bei glarus24.ch
  3. Herkulesaufgabe am Berg

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ropeway conveyors – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien