Mathilde Vollmoeller-Purrmann

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Mathilde Vollmoeller, Foto aus dem Jahr 1898

Mathilde Vollmoeller-Purrmann (* 18. Oktober 1876 in Stuttgart; † 17. Juli 1943 in München) war eine deutsche Malerin. Sie war ab 1912 die Ehefrau des Malers Hans Purrmann.

Familie und Herkunft[Bearbeiten]

Sabine Lepsius: Mathilde Vollmoeller, um 1900

Mathilde Vollmoeller entstammte einer Familie evangelischer Theologen, Wissenschaftler und Unternehmer. Ihr Vater, Kommerzienrat Robert Vollmöller (1849-1911), gründete eines der größten deutschen und europäischen Textilunternehmen seiner Zeit und gehörte zu den Pionieren einer sozialen Marktwirtschaft, die die Interessen der Arbeitnehmer gleichberechtigt neben die der Unternehmer stellte. Um die Jahrhundertwende wurde sein soziales Wirken in vielen Zeitschriften und Büchern hervorgehoben. Ihre Mutter, Emilie Vollmöller, geborene Behr, war eine engagierte Vertreterin der christlichen Sozialethik, und stand für Gleichberechtigung und Frauenemanzipation. Gemeinsam mit ihrem Mann Robert gründete sie einige vorbildliche soziale Einrichtungen im heutigen Stuttgart-Vaihingen, so das Emilienheim und den Filderhof, der noch heute als Altenheim existiert.

Mathilde Vollmoeller hatte neun Geschwister, darunter der Dichter Karl Gustav Vollmoeller, mit dem sie in jungen Jahren privat unterrichtet wurde und Martha Müller, geb. Vollmöller (1883-1955), die Anfang des 20. Jahrhunderts zu den ersten weiblichen Abiturientinnen Württembergs und den vier ersten Studentinnen Tübingens gehörte.[1] Ihr Bruder Hans Robert Vollmöller (1889-1917) war Flugzeugpionier und Testpilot, der 1917 anlässlich eines Testflugs nahe Berlin ums Leben kam. Ihr Bruder Kurt Vollmöller (1890-1936) war Schriftsteller und publizierte um 1930 Romane und mehrere Erzählungen.

Künstlerische Entwicklung[Bearbeiten]

Als junge Frau hatte sie den Roman „Liebesbriefe eines englischen Mädchens“ ins Deutsche übersetzt.[2] Sie unternahm literarische und musikalische Versuche. Schließlich nahm sie in Berlin Unterricht in Malerei bei der Porträtmalerin Sabine Lepsius und bei Leo von König. November 1897, als Stefan George zum ersten Mal im Hause des Malerehepaares Sabine und Reinhold Lepsius in Berlin aus eigenen Werken las, lernten sich Rainer Maria Rilke und Mathilde Vollmoeller kennen.[3] Die aus 99 Briefen bestehende Korrespondenz zwischen Mathilde Vollmoeller und Rainer Maria Rilke, die mit ihrem Umzug nach Paris 1906 einsetzte und bis 1920 andauerte, wurde als Buch herausgegeben.[4]

Malerin in Paris[Bearbeiten]

Stillleben mit Paprika, Paris um 1907

Im Jahr 1906 ging sie nach Paris und mietete dort ein Atelier und setzte ihre Studien fort in der Absicht, sich die Existenz einer selbstständigen Malerin aufzubauen. 1907 zeigte sie in Paris ihre Werke in ihrer ersten Ausstellung. Mehrfach stellte sie mit großem Erfolg im Salon d’Automne und im Salon des Indépendants im Grand Palais in Paris aus. Ab 1908 besuchte sie die "Académie Matisse". Angesehen war Mathilde Vollmoeller unter den deutschen und französischen Künstlern auch wegen ihrer Sprachkompetenz und ihres vermittelnden Wesens.

Freundschaft mit und Einfluss auf Rilke[Bearbeiten]

Im Mai 1907 als Rilke nach Paris reiste, trat die große Cézanne-Ausstellung im Salon d’Automne in den Mittelpunkt des gemeinsamen Interesses. Im Oktober sahen sich die beiden fast täglich bei den Bildern des Malers. In dieser Zeit schrieb Rilke sieben große Briefe über Cézanne an Clara Rilke, in der er auch rühmt, wie sehr die Freundin Mathilde Volmoeller ihn lehrte zu sehen (12. Oktober 1907, zit. S.151). In dieser Zeit überließ Mathilde Vollmoeller Rilke auch für einige Tage eine Mappe mit Reproduktionen von Vincent van Gogh, die sie aus Amsterdam mitgebracht hatte. Auch diese Werke brachte sie ihm näher, wobei er in seinem Brief an Clara Rilke vom 2. Oktober 1907, zit. S.149/50, zugleich verdeutlicht, wie wohltuend der Umgang mit Mathilde Vollmoeller für ihn ist.[5]

Heirat mit dem Maler Hans Purrmann[Bearbeiten]

Blick auf gelbes Haus, Collioure 1908/1909

In Paris lernte sie im Jahre 1908 den Maler Hans Purrmann kennen und übte künstlerisch großen Einfluss auf ihn aus. 1912 heiratete Mathilde Vollmoeller Hans Purrmann. Die beiden hatten drei Kinder, deren Erziehung sie sich widmete. Gleichwohl war Mathilde Vollmoeller-Purrmann in jeder freien Minute künstlerisch tätig, vor allem auch während der Reisen. In dieser Zeit bevorzugte sie statt der Ölmalerei die schwierigere Technik des Aquarells.

Ostseestrand Bansin, Aquarell, 1916

Nach der Hochzeitsreise 1912 lebte die Familie Purrmann bis 1914 in Paris. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges erzwang ihre Rückkehr nach Deutschland. Von 1914 bis 1916 lebten sie im „Unteren Schloss“ von Mathildes Vater Robert Vollmöller in Beilstein, danach nahmen sie bis 1935 ihren Hauptwohnsitz in Berlin. Ab 1921 verbrachten sie die Sommer in Langenargen am Bodensee, wo sie ein Fischerhaus erwarben. Purrmann zog es nach Italien; dorthin führten ihn mehrere Reisen. Von 1923 bis 1928 lebte die Familie in Rom und verbrachte nur die Sommermonate am Bodensee.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers wurde Hans Purrmanns Kunst als „entartet“ geächtet mit der Begründung, er sei ein „Französling“.

Gemeinsame Fluchthilfe für Th. Th. Heine[Bearbeiten]

Thomas Theodor Heine, der Mitherausgeber des Simplicissimus, hatte durch seine bissigen Artikel und Karikaturen schon früh den Zorn der Nazis auf sich gezogen. 1933 stand er deshalb auf den Verhaftungslisten der Gestapo. Heine floh von München nach Berlin, wo ihn die Familie Purrmann einige Wochen in ihrer Wohnung versteckte. In dieser Zeit verstarb ein entfernter Verwandter Mathilde Vollmoeller-Purrmanns in Graz. Sie reiste dorthin und brachte dessen Reisepass mit. Purrmann präparierte diesen dann so, dass Heine damit in die Tschechoslowakei ausreisen konnte.[6]

Im Jahr 1935 nahmen sie zusammen mit einigen Malerfreunden an der Beerdigung von Max Liebermann teil.

Exil in Florenz[Bearbeiten]

Nach 1935 exilierte das Ehepaar nach Italien. Freunde verhalfen Hans Purrmann zur ehrenamtlichen Leitung der Villa Romana in Florenz. Purrmann baute sie mit tatkräftiger Mithilfe seiner Frau wieder auf. Dort trafen sich zahlreiche Künstler und Kunstinteressierte, die sich im nationalsozialistischen Deutschland nicht halten konnten, darunter Monika Mann, Kasimir Edschmid, Toni Stadler, Werner Gilles und Eduard Bargheer. Den Purrmanns gelang es dank der Hilfe des Vorstandes der Villa (Präsident war Carl Goerdeler), in Florenz eine freie Insel der Kunst zu unterhalten.[7]

Tod[Bearbeiten]

Mathilde Vollmoeller-Purrmann starb am 17. Juli 1943 nach langer Krankheit in München und wurde in Langenargen am Bodensee beigesetzt. Ihr Tod führte ihren hinterbliebenen Mann in eine tiefe Krise.

Wiederentdeckung[Bearbeiten]

Wie die meisten erfolgreichen Künstlerinnen dieser Zeit, etwa Paula Modersohn-Becker und Clara Rilke-Westhoff, wurde sie von den Kunsthistorikern übergangen oder stiefmütterlich behandelt. Ihr erhaltenes Werk, das aus ca. 360 Ölgemälden und Aquarellen besteht, wurde im Jahr 1999 wiederentdeckt und durch mehrere Ausstellungen der Öffentlichkeit bekannt gemacht.[8] Das Purrmann-Haus in Speyer zeigt in einer Dauerausstellung einen repräsentativen Ausschnitt ihres Werkes. Erhalten sind darüber hinaus im Besitz ihrer Tochter Regina Purrmann ca. 2500 Briefe und andere Dokumente.

Literatur[Bearbeiten]

  • Rainer Maria Rilke, Mathilde Vollmoeller: Paris tut not. Briefwechsel., Herausgegeben von Barbara Glauert-Hesse, Wallstein Verlag, Göttingen 2001, 272 Seiten, ISBN 3-89244-442-0
  • Mathilde Purrmann: Ein Jahr für Jürgen Wittenstein, (hg. v. Eduard Hindelang), Museum Langenargen am Bodensee, Friedrichshafen 2001; Mathilde Vollmoeller-Purrmann hat in den 20er Jahren ein Kalenderbuch mit Gedichten und Illustrationen für ihren Neffen Jürgen Wittenstein angefertigt. Sie hatte die Absicht ein weiteres Exemplar des Kalenders Kinderbuch-Verlagen zur Veröffentlichung anzubieten.
  • Adolf Leisen, Maria Leitmeyer (Herausgeber): Katalogbuch zur Ausstellung „Mathilde Vollmoeller-Purrmann (1876-1943) - Lebensbilder einer Malerin“, mit Beiträgen von Joachim Burmeister, Christopher Kerstjens, Adolf Leisen, Maria Leitmeyer, Anne Stegat, Speyer 2001, 160 Seiten, 160 Farbabbildungen
  • Christina Klausmann: Vollmöller-Purrmann, Mathilde, in: Württembergische Biographien, Bd. 1. Kohlhammer, Stuttgart 2006, S. 287 f. (Online)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mathilde Vollmoeller-Purrmann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.uni-tuebingen.de/frauenstudium/daten/biographien/Biogramm_ersten_studentinnen.pdf
  2. http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2001-05/paris_tut_not.htm Renate Scharffenberg: Paris thut not
  3. http://www.perlentaucher.de/buch/11067.html
  4. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4447&ausgabe=200112 Buchbesprechung von Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Ergiebigkeit der Natur Rainer Maria Rilkes Briefwechsel mit Mathilde Vollmoeller
  5. http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2001-05/paris_tut_not.htm Renate Scharffenberg: Paris thut not
  6. http://web.archive.org/web/20071029203136/http://www.kunstportal-pfalz.de/veranstalter_archiv_details.php?ID_va=14&id=183
  7. http://web.archive.org/web/20071029203136/http://www.kunstportal-pfalz.de/veranstalter_archiv_details.php?ID_va=14&id=183
  8. http://www.speyer.de/de/kultur/kunst/vollmoeller