Matroid
Ein Matroid (n.) ist eine mathematische Struktur mit deren Hilfe der Begriff der (linearen) Unabhängigkeit verallgemeinert wird. Matroide sind in vielen Bereichen der Kombinatorik (z. B. kombinatorischen Optimierung, diskrete kombinatorische Geometrie u. a.), aber auch in anderen Bereichen wie der Graphentheorie bedeutsam. In vielen Fällen werden allerdings orientierte Matroide benötigt, die gegenüber den "gewöhnlichen" Matroiden qualitativ deutlich mehr Information tragen.
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[Bearbeiten] Definition
Ein Matroid über einer Menge
ist ein Paar
mit
(d.h.
ist eine Teilmenge der Potenzmenge von
), die folgende Bedingungen erfüllt:


und
mit 
mit
für alle
,
wobei
die Kardinalität der Menge
bezeichnet. Die Elemente von
nennt man auch die Elemente (oder Punkte) des Matroids, die Elemente von
die unabhängigen Teilmengen von
(anderenfalls heißen die Mengen abhängig). Falls das Paar
nur die ersten beiden Bedingungen erfüllt, wird es als Unabhängigkeitssystem bezeichnet. Die dritte Bedingung wird oft auch als Austauscheigenschaft oder Austauschaxiom bezeichnet. Die vierte Bedingung ist offenbar in endlichen Mengen E trivial. Das kleinste n, für das diese erfüllt ist, nennt man den Rang von M.
[Bearbeiten] Austauscheigenschaft
Das Kennzeichnende eines Matroids gegenüber einem "gewöhnlichen" Unabhängigkeitssystem besteht in der Austauscheigenschaft. Während sich die Bedingungen 1. und 2. verhältnismäßig leicht als Abgeschlossenheit der Menge U hinsichtlich des Teilmengen-Operators verstehen lassen, so ist die Motivation der Austauscheigenschaft weniger offensichtlich. Man kann sich diese wie folgt veranschaulichen: Durch
-fache Anwendung der Austauscheigenschaft kann man
Elemente aus B zu A hinzufügen. Weshalb man anstatt von der Austauscheigenschaft teilweise auch von der augmentation-property („Vergrößerungseigenschaft“) spricht. Von der so erzeugten Menge weiß man, dass sie ebenfalls Element des Unabhängigkeitssystems U ist. Diese Menge enthält nun zwar Elemente aus B, allerdings wurden im Vergleich zu B
-viele Elemente durch Elemente aus
ausgetauscht. Dies begründet den Namen Austauscheigenschaft.
[Bearbeiten] Beispiele
- Sei
eine endliche Menge von Vektoren (z. B. die Spalten einer Matrix, daher auch die Bezeichnung „Matroid‟) und seien die Elemente von
genau die linear unabhängigen Teilmengen von
, dann ist
ein Matroid. - Sei
die Kantenmenge eines endlichen Graphen, und
enthalte genau alle kreisfreien Teilmengen von
, dann ist
ein Matroid (auch graphisches Matroid genannt). Die maximalen Elemente von
sind dann die aufspannenden Wälder des zugrundeliegenden Graphen.
[Bearbeiten] Alternative Charakterisierungen eines Matroids
Zu einem Matroid über der Menge
kann man ausgehend von dem System
der unabhängigen Teilmengen weitere Systeme von Kreisen
und Basen
in
definieren sowie einen Hüllenoperator
und eine Rangfunktion
und dafür spezielle Eigenschaften beweisen. Wenn umgekehrt zur Menge
nur ein System
,
,
oder
mit der jeweiligen speziellen Eigenschaft gegeben ist, kann man dazu ein System
definieren, das
zu einem Matroid macht.
Definiert man schließlich ausgehend von
zunächst
und dazu
(und dazu wieder
), so gilt
(und
); analog für die Systeme
,
und
(Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit).
[Bearbeiten] Kreise
Eine Menge
eines Matroids
heißt Kreis, wenn gilt
, aber es gilt
für alle
.
Das System
der Kreise des Matroids
besteht aus den minimalen unter den abhängigen Teilmengen in
. Anders ausgedrückt: Eine Teilmenge
ist unabhängig genau dann, wenn sie keinen Kreis enthält (kreisfrei ist):
. Im obigen Beispiel 2 sind die Kreise des Matroids gerade die Kreise des zugrundeliegenden Graphen.
Eigenschaften: Die leere Menge ist kein Kreis. Keine echte Teilmenge eines Kreises ist ein Kreis. Wenn man zwei Kreise (im Beispiel rechts den roten und den grünen) vereinigt und ein Element, das zu beiden Kreisen gehört (im Beispiel die rot-grün gestrichelte Kante), aus der Vereinigung herausnimmt, enthält der Rest noch einen (dritten) Kreis.
Umgekehrt: Hat man zur Menge
ein System
von Kreisen genannten nicht leeren Teilmengen mit diesen Eigenschaften, so bilden die kreisfreien Teilmengen ein System unabhängiger Teilmengen, das
zum Matroid mit Kreissystem
macht.
[Bearbeiten] Basen
Die maximalen Elemente von
bzgl.
heißen Basen des Matroids. Alle Basen enthalten gleich viele Elemente, diese Anzahl nennt man den Rang
des Matroids. Dieser Begriff von Basis entspricht demjenigen im endlichdimensionalen Vektorraum. Im Beispiel 2 sind die Basen die aufspannenden Bäume.
Eigenschaft: Zu Basen
und
existiert ein
, so dass
eine Basis ist. Dieser sog. Austauschsatz von Steinitz ist ein wichtiges Beweismittel der linearen Algebra, das zum Beispiel die Festlegung der Dimension eines Vektorraumes ermöglicht.
Umgekehrt: Hat man zur Menge
ein nicht leeres System
von Basen, für das dieser Austauschsatz gilt, so bilden die Teilmengen dieser Basen ein System unabhängiger Teilmengen, das
zum Matroid mit Basensystem
macht.
[Bearbeiten] Rangfunktion
Zu einer Teilmenge
bilden die in
enthaltenen unabhängigen Mengen das System
und ein Matroid
, dessen Rang
auch als
aufgefasst werden kann.
Eigenschaften: Für die so definierte Rangfunktion
gilt:

- Aus
folgt 

Umgekehrt: Hat man zur Menge
eine Funktion
mit diesen Eigenschaften, so bilden die Teilmengen
mit
ein System unabhängiger Teilmengen, das
zum Matroid mit Rangfunktion
macht.
[Bearbeiten] Hüllenoperator
Für eine Teilmenge
ist
.
Eigenschaften: Die ersten drei Eigenschaften charakterisieren einen allgemeinen Hüllenoperator.

- Aus
folgt 

Weil
ein Matroid ist, gilt die Zusatzeigenschaft:
- Ist
, aber
, so gilt
.
Umgekehrt: Hat man zur Menge
eine Funktion
mit diesen Eigenschaften, so bilden die Teilmengen
mit
für alle
ein System unabhängiger Teilmengen, das
zum Matroid mit Hüllenoperator
macht.
[Bearbeiten] Greedy-Algorithmen
Ein gewichteter Matroid ist ein Matroid zusammen mit einer Gewichtsfunktion
, die jedem Element ein Gewicht zuordnet. Für diese Matroide berechnen Greedy-Algorithmen stets Basen mit minimalem oder maximalem Gewicht. Ein Beispiel ist der Algorithmus von Kruskal zur Berechnung eines minimalen aufspannenden Waldes eines Graphen. Die unabhängigen Mengen des zugrundeliegenden Matroids sind die Wälder des Graphen (siehe Beispiel 2).
Ein Unabhängigskeitssystem ist genau dann ein Matroid, wenn ein Greedy-Algorithmus zu jeder Gewichtsfunktion immer Basen minimalen oder maximalen Gewichts berechnet.
[Bearbeiten] Literatur
- James Oxley: Matroid Theory. Oxford Mathematics 2004, ISBN 0-19-853563-5.
- Bernhardt Korte, Jens Vygen: Combinatorial Optimization. Theory and Algorithms. 4. Auflage, Springer, Berlin 2007, ISBN 978-3-540-71843-7.
- Christos H. Papadimitriou, Kenneth Steiglitz: Combinatorial Optimization. Algorithms and Complexity. Prentice Hall Inc., Englewood Cliffs (NJ) 1982, ISBN 0-13-152462-3.
- Jon Lee: A First Course in Combinatorial Optimization. In: Cambridge Texts in Applied Mathematics. Cambridge University Press, Cambridge 2004, ISBN 0-521-01012-8.
- Sven Oliver Krumke, Hartmut Noltemeier: Graphentheoretische Konzepte und Algorithmen. 2. Auflage, Vieweg-Teubner, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-8348-0629-1.
- Hubertus Th. Jongen: Optimierung B. Skript zur Vorlesung, Verlag der Augustinus-Buchhandlung, Aachen, ISBN 3-925038-19-1
- P. Läuchli: Matroide, Eine Einführung für Mathematiker und Informatiker. Hochschulverlag vdf, Zürich 1998, ISBN 3-7281-2470-2
[Bearbeiten] Weblinks
Mark Hubenthal: A Brief Look At Matroids (pdf) (enthält viele Beweise der hier gemachten Aussagen über Matroide)
Alexander Hölzle: Einführung in die Theorie der Matroide (pdf) (Beispiele und Beweise der wichtigsten Sätze)


und
mit 
mit
für alle
,
folgt 


folgt 

, aber
, so gilt
.