Matthew Barney

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Matthew Barney

Matthew Barney (* 25. März 1967 in San Francisco) ist ein zeitgenössischer amerikanischer Medienkünstler. In seinen Werken verbindet er skulpturale Environments, Installationen und Zeichnung mit Performance und Video. Zu seinen bekanntesten Werken zählen der Cremaster-Zyklus (1994–2002), ein fünfteiliger, in nicht chronologischer Reihenfolge entstandener Kunstfilm, sowie die epochale Filmoper River of Fundament (2006-2014), die er gemeinsam mit dem Komponisten Jonathan Bepler erarbeitete.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Matthew Barney ist der Sohn von Robert Barney und Marsha Gibney. Als Matthew sechs Jahre alt war, siedelte die Familie nach Boise im Nordwesten der USA über. Nachdem seine Eltern geschieden wurden, zog seine Mutter, eine Malerin, nach New York. Matthew und seine Schwester blieben mit ihrem Vater in Boise.

In der High School spielte er im Football Team in der Position als Quarterback und betätigte sich sportlich beim Ringen und Wrestling, das er später in seinen Werk thematisierte. Regelmäßige Besuche bei seiner Mutter in New York intensivierten sein Interesse an der Kunst.

Künstlerlaufbahn[Bearbeiten]

Barney verließ seine Heimatstadt Boise um ein Studium der Medizin an der Yale University in New Haven zu absolvieren. Aufgrund mangelnder Leistungen verwarf er nach zwei Semestern seinen Berufswunsch zum Facharzt für plastische Chirurgie und wechselte zur Kunst.[1]

Sein Talent und Einsatz wurde sehr früh von Studienkollegen wahrgenommen, die ihn für eine Empfehlung für das weiterführenden Programm der School of Art ausgesprochen hatten, an dem er später teilnahm. Während des Studiums arbeitete er als Fotomodel u. a. für Ralph Lauren.

Bereits in seinen ersten Werken hat Barney die Transzendenz körperlicher Begrenzung in einer Multimedia-Kunst mit Skulpturen, Spielfilmen, Videoinstallationen, Photographien und Zeichnungen praktisch erkundet. Im Jahr 1989 beendete er sein Studium in Bildender Kunst mit der Diplomarbeit “Field Dressing (orofill)”, dieses Werk zeigt eine Installation (Kunst) mit Videos und Skulpturen, die sich der Körperlichkeit des Sports, dem fetischistischen Charakter von Sportgeräten und der körperlichen Ausdauer widmen.[2] Ende der 1980er Jahre wurde Barney durch sportive Performances und Rauminstallationen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Werk[Bearbeiten]

In seinen Filmen und Skulpturen verarbeitet er unter anderem Themen aus der Biologie, Sexualität, Geschichte, Mythologie, Sport und Medizin, die sich teilweise auf legendäre Figuren wie den Entfesslungskünstler Harry Houdini, den Doppelmörder Gary Gilmore, den amerikanischen Footballstar Jim Otto oder General MacArthur, sowie Figuren aus der Mythologie beziehen.

Drawing Restraint (1988–2005)[Bearbeiten]

Beschreibung und Photographien (externe Weblinks)

Zwischen 1988 und 2005 entwickelte Barney die aus 12 Teilen bestehende Serie Drawing Restraint (dt. Zeichnen unter Einschränkung), in der er das Prinzip von Spannung und Gegenspannung im Rahmen der Aktionskunst verdeutlichte. Dabei erbaute er räumliche Situationen, die ihm körperliche Beschränkungen auferlegten, während der Kletter- und Turnakte an Wänden und Decken benutzen Utensilien zu sehen waren, sprang er auf einem Trampolin, kletterte über Hindernisse, behinderte sich selbst mit chirurgischen Plastikschläuchen und stellte in diesem Aktionsradius verschiedene Zeichnungen auf Papier her.

Die verwendeten Elemente, wie z. B. gewöhnliche Kletter-Ausrüstungen, waren dabei überwiegend in organisch geformten Skulpturen mit Objekten wie einer Gewichtheberbank oder Hanteln kombiniert, deren Anmutung, Form und Verwendung durch den nahezu nackt agierenden Performer an bizarre, autoerotisch aufgeladene Exerzitien denken ließ.

Insbesondere die ersten Teile der aus zwölf Teilen bestehenden Serie „Drawing Restraint“, setzen sich hauptsächlich formal mit der Skulptur und Zeichnung auseinander, thematisch unter anderem mit dem Prozess, aus körperlichem Widerstand visuelle Form zu erschaffen. Dies hat seinen Ursprung in den athletischen Erfahrungen als Footballspieler und Ringkämpfer.

Beim Training entwickelt sich der Muskel nach dem Prinzip von Spannung und Gegenspannung. Unter wiederholter extremer Belastung beginnt er zu brennen und bricht gewissermaßen zusammen, doch dann heilt er und wird dabei immer stärker. Diesen Prozess, aus Widerstand Form zu erschaffen, wollte ich für die Kunst nutzen.”[3]

Während die ersten Drawing Restraint Projekte vor allem das Zeichnen bei körperlicher Beschränkung in Räumen mit Hindernisparcouren inszenieren, ist das Projekt Drawing Restraint 7 von 1993 eine Rauminstallation in Verbindung mit einem Video, welches auf drei Monitoren gezeigt wird. Hierbei verbindet Barney Mythologien mit seiner Arbeit. Drei Satyren fahren in einer Limousine durch Manhattan. Während das Satyren-Kind auf dem Vordersitz wie ein junger Welpe seinem eigenen Schwanz hinterherjagt, ringen auf dem Rücksitz zwei erwachsene Satyren (wohl männlich und weiblich) miteinander, wobei das weibliche Wesen versucht mit der Hornspitze des männlichen Wesens ein Horn nachzuzeichnen. Satyren sind Fabelwesen aus der griechischen Mythologie und stellen als Gefolge des Weingottes Dionysos die animalische Lüsternheit dar. Barney beruft sich später im Cremaster Cycle auf diese Wesen um undifferenzierte, sexuelle Energie zu symbolisieren.

„The Field“

Drawing Restraint 8 von 2003 rückt das für Matthew Barney typische Symbol eines vertikalen Ovals und eines horizontalen schmalen Rechtecks/Balken, die sich in der Mitte kreuzen, in den Vordergrund. Das Oval stellt einen organischen Körper dar, während der Balken den selbstauferlegten Widerstand symbolisiert, der das Wachstum fördert. Ähnlich wie bei Muskeln, die Gewichte brauchen, um zu wachsen. Wird der horizontale Balken entfernt treffen zwei halbe Ovale aufeinander und die aufgestaute, sexuelle Energie wird freigesetzt, was jedoch dazu führt, dass der organische Körper zu schrumpfen/ verkümmern beginnt. Dieses Symbol taucht in allen Cremaster Filmen auf.

Im Zuge des Drawing Restraint Projektes gelangt Matthew Barney zu einer Erkenntnis, die im Allgemeinen das Fundament der DR-Serie bildet: Die "drei Phasen des Pfades", welche aus Situation, Kondition und Produktion bestehen und durch den Bolus ergänzt werden.[4]

Situation

Als Situation sieht Barney den groben Antrieb, die sexuelle Energie ohne jegliche Restriktion durch Disziplin oder Richtung. Situation ist die undifferenzierte sexuelle Energie und wird charakterisiert durch Hunger und wahllosen Konsum - ähnlich einem Mund. Perfekt beschrieben ist die Situation nach Barney in der Darstellung des weiblichen und männlichen Fortpflanzungssystems in den ersten 6 bis 7 Wochen eines Fötus, in denen sich noch kein Geschlecht gebildet hat.

Kondition

Die Kondition ist sozusagen das Eingeweide. Sie diszipliniert die orale Aufnahme von Situation und verleiht der undifferenzierten sexuellen Energie eine Form. Die Kondition funktioniert nach Barney wie ein Magen, der die Situation verdaut, sich dadurch ernährt und somit zum Wachstum führt.

Produktion

Die Produktion ist der anale Auswurf des "Pfades". Ein fertiges Produkt entsteht.

Unit Bolus: Der Bolus (zu dt. etwa große Pille), eine zweiköpfige Hantel, schließt den 3-Phasen-Pfad, indem er den Mund der Situation und den Anus der Produktion ergänzt. Er ermöglicht die Betrachtung einer Endlos-Schleife zwischen Begierde und Disziplin.

Ein Teil der Serie ist der 2005 entstandene Kunstfilm Drawing Restraint 9, der sich stilistisch formal von den anderen Werken des Zyklus abhebt.

Field Dressing (1989–1990)[Bearbeiten]

Photographie (externer Weblink)

"Field Dressing" bezeichnet im Englischen das Ausnehmen von Wild in freier Wildbahn nach der Jagd. "orifill" ist eine Zusammensetzung der englischen Wörter orifice - Öffnung und to fill- füllen.

Matthew Barneys erste Installation vereinte Performance, Skulptur und Video zu dem Werk “Field Dressing (orifill)”, in der dem späteren Werk zugrunde liegende Beziehung zwischen Aktion und Objekt deutlich wird. Das Thema des Werks sind der Leistungswahn des Extremsports, dem fetischistischen Charakter von Sportgeräten, sowie die Möglichkeit durch Widerstand eine Form zu erzeugen und durch Disziplin Potenzialkräfte freizusetzen.

Das Environment "Field Dressing (orifill)" besteht aus zwei Video-Monitoren und einigen sich auf die Videos beziehenden Skulpturen im Raum. Auf den Videos präsentiert sich Barney nackt mit einer Art Kletterausrüstung. Er klettert an einem Mast und einigen Seilen rauf und runter und schmiert dabei in regelmäßigen Abständen erkaltete Vaseline in seine Körperöffnungen.

Am Anfang der 1990er Jahre beginnt Barney, das Werk und dessen Referenzraum wie auch die Darsteller und Schauspieler seiner Performances zu erweitern. Weiterhin verwendet er in der Materialsprache organische und synthetische Materialien, darunter die bereits in dem Zyklus „Drawing Restraint“ zum Einsatz gebrachte Vaseline. Mit dem zunehmenden internationalen Beachtung des Künstlers erfolgte eine explizite Internationalisierung seiner persönlichen Mythologie.

In New York trat der Künstler 1991 erstmals öffentlich mit der Performance „MILEHIGH Threshold: Flight with the ANAL SADISTIC WARRIOR” in Erscheinung, bei der er an der Decke hängend den Raum künstlerisch in Beziehung zu seinem Körper setzte.

OTTOshaft (1992)[Bearbeiten]

Photographien (externe Weblinks)

Frühe Werke wie „OTTOshaft” (1992), ausgestellt auf der Documenta 9 beruhen auf der Bildhauerei, also das Arbeitsprinzip eine Skulptur zu erschaffen, hinzu kam der Aspekt, ein Ereignis in Echtzeit abzubilden, sodass diese auf Video festgehalten wurde. Dieser Prozess hat sich in folgenden Projekten teilweise in erzählerische Erzählstrukturen verwandelt, die man im Cremaster-Zyklus erkennen kann.[5][6]

Für die Documenta-Performance in einem Kasseler Parkhaus wurde eine Football-Mannschaft durch über ihre Tartans als schottischen Clans-Mitglieder ausgewiesene Truppe von Dudelsack-Spielern ausgewechselt, die ein wenig später als nicht weniger wettkämpferisch-agierende Gegenspieler der soldatisch-sportlich disziplinierten Uniformträger duellierende Satyrn auftauchen.

Bei späteren Ausstellungen von OTTOshaft werden diverse organische Materialien mit Plastik-Objekten und drei von der Decke hängenden Monitoren in einem Raum zu einer Installation. Die Videos auf den Monitoren(mit den Titeln OTTOdrone, OTTOshaft und AUTOdrone) zeigen verschiedene fanatisch ausgeführte Aktionen (u. a. das Puzzeln).

Auch in späteren Projekten spielt Barney als Protagonist selbst die unterschiedlichsten Rollen in seinen Werken und Filmen. OTTOshaft gehört als Mittelteil zur "Jim Otto Suite" -Trilogy.

Cremaster Cycle (1994–2002)[Bearbeiten]

Im Jahr 1994 begann Barney die Arbeit an seinem monumentalen „Cremaster Cycle“, ein aus 5 Teilen bestehender, in nicht chronologischer Reihenfolge entstandener Kunstfilm, in dem ein Konflikt einer pränatalen Entwicklung eines Reproduktionssystems im Zentrum steht. Die Filmserie ist nach dem lateinischen Wort des Hodenheber der Musculus cremaster benannt, der für den Hoden eine Komponente der Thermoregulation ist.

Der „Cremaster Cycle“ bildet ein in sich geschlossenes ästhetisches System. Er besteht nicht nur im Medium des Films, sondern auch in der Photographie, der Zeichnung und in der Skulptur, die mit jeder Episode in einer Verbindung steht. Barney selbst bezeichnet diese, als ein geschlossenes, autobiographisches oder auch narzisstisches System, in dem sich eine visuelle Sprache wie eine Perle in einer Auster eingenistet hat.[3] Autobiographisches in den Cremaster-Filmen findet sich z. B. in Cremaster1, dass im Bronco Stadium auf dem blauen Astroturf (dem Football-Feld) gedreht wurde. Hier spielte Barney selbst in der High School Football. In Cremaster 2 wurde an mehreren Orten gedreht, die Barney als kleiner Junge besucht hat und Cremaster3 spielt in New York, wo Barney bis heute lebt. Als wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die enge Zusammenarbeit mit dem New Yorker Komponisten Jonathan Bepler zu sehen, der die musikalische Gestaltung von Cremaster 2, Cremaster 3 und Cremaster 5 übernahm.

Die Filmreihe folgt zwei grundlegenden Ideen:

  1. Die Idee der geschlechtlichen Ausdifferenzierung in der Gebärmutter.

Hiernach spielt Cremaster 1 vor dem Eintreffen der differenzierenden, männlichen Hormone in einer ausschließlichen Weiblichkeit. Anders als bei den anderen Cremaster-Filmen, spielt Matthew Barney konsequenterweise nicht in diesem Film mit.

  1. Die Idee des kreativen Prozesses:

Demnach ist Cremaster 1 der Funke der Idee, C2 ist die Ablehnung der Idee, in C3 verliebt sich der Künstler in seine Idee, in C4 wächst die Panik, wenn die Idee kurz vor der Realisation steht und in C5 findet die finale Auflösung/ Realisation der Idee statt.

Die Kuratorin Nancy Spector bezeichnete den „Cremaster Cycle“, als ein von inneren Motiven angetriebenes Kraftfeld, dass sich im Lauf seiner Entwicklung kristallisiert. Visuell wird dieses als Logo in Form eines horizontalen Rechtecks und einer vertikalen ovalen Form symbolisch dargestellt. Für Barney repräsentiert das Oval: „den Körper, das Rechteck den selbst auferlegten Widerstand. Letzteren könnte man als etwas Positives ansehen, als Hilfestellung für die Kreativität. Muskeln brauchen Gewichte, um zu wachsen, ein Entfesselungskünstler braucht die Handschellen, um seine Aktion zu vollbringen. "Drawing Restraint 9" ist der Versuch, die Behinderung aufzuheben. Der Körper kann sich der Sinnlichkeit hingeben, Ruhe finden. So war es möglich, dass sich eine Liebesgeschichte entspinnt.[7]

Auf die Frage nach ob Menschen in den Filmen auch als Skulpturen oder als Schauspieler angesehen werden, antwortete Barney? „Skulpturen würde ich sie nicht nennen, Schauspieler aber auch nicht. Das hat eher mit Performance zu tun. Die Arbeiten, die ich vor meiner Teilnahme an der „documenta 9“ 1992 gemacht habe, beruhten tatsächlich auf Bildhauerei, ihr Video-Aspekt war mehr der Versuch, ein Ereignis in Echtzeit abzubilden. Das hat sich langsam in erzählerische Strukturen verwandelt. Das "Cremaster"-Projekt kommt aber immer noch aus dieser Disziplin. Die Menschen in den "Cremaster"-Filmen tun das, was ich in früheren Projekten getan habe: Sie aktivieren ein System von Objekten und erfüllen Aufgaben. Es geht mehr darum, einen Raum zu aktivieren als einen dramatischen Bogen zu projizieren.[8]

Cremaster 1 (1995)[Bearbeiten]

40min. mit Marti Domination

Cremaster 1 spielt in Barneys Heimatstadt Boise, Idaho und stellt den Zustand dar, in dem in einem Reproduktionssystem noch keine geschlechtliche Ausdifferenzierung stattgefunden hat, oder mit anderen Worten gesagt, der Hoden am wenigsten hervorgetreten ist. Dies ist der feministischste Film des Cremaster-Cycle.

Der Film spielt auf dem blauen Astroturf des Bronco-Stadions. Über dem Feld schweben zwei Luftschiffe, in denen sich jeweils ein nahezu identischer Raum befindet. Eingerichtet in einem futuristischen Weiß, mit einem riesigen Tisch auf dessen Mitte eine Skulptur steht, die einem Reproduktionssystem ähnelt (ähnlich wie zwei Eierstöcke und deren Leiter). Die Skulptur einkreisend und fast den ganzen Tisch bedeckend, liegen Weintrauben in großer Zahl auf dem Tisch. In einem Zeppelin sind sie rot, in dem anderen blau.

Unter jedem dieser Tisch befindet sich die Blondine Goodyear (Marti Domination), die auf einer Art Plattform sitzt und vom Rest des Raumes durch ein großes weißes Tischtuch abgeschirmt ist. Um den Tisch herum sitzen in jedem Luftschiff 5 Stewardessen, die Goodyear unter dem Tisch nicht bemerken. Diese wiederum beginnt ein kleines Loch in die Tischdecke zu reißen und ergattert so peu à peu Weintrauben vom Tisch. Bald schon wird das Loch immer größer und mehrere Weintrauben kullern auf den Boden. Aus den herumliegenden Weintrauben bildet Goodyear Formationen/Muster (zum Beispiel das bekannte Barney-Symbol für positive Einschränkungen (Oval und Balken), den Bolus (die Hantel), Zellteilung und ein Reproduktionssystem).

Zur gleichen Zeit treffen unter den Luftschiffen auf dem blauen Astroturf Revuetänzerinnen ein, die anfangen sich in Formationen aufzustellen, die Goodyear über ihnen aus Weintrauben legt. Die Stewardessen beobachten das Spektakel und rauchen.

Goodyear steckt dann einmal den Arm durch das Loch in der Tischdecke und dreht die auf dem Tisch befindliche Skulptur um 180 Grad, wodurch ihr Arm mit Vaseline überzogen wird. Diese wischt sie dann an den Weintrauben ab.

In der Schlussszene taucht Goodyear sowohl in den Luftschiffen als auch auf dem Spielfeld inmitten der Revuetänzerinnen auf, von wo aus sie zwei Ballons in Richtung Kamera fliegen lässt. Ferner hält sie die Luftschiffe an der Leine und wird auch gezeigt wie sie auf einem Thron sitzt, der einem Football-Tor ähnelt (dies wiederum ähnelt einem Reproduktionssystem).

Der Abspann läuft über ein Bienenstock-Muster, welches als Leitmotiv für Cremaster 2 fungiert.

Cremaster 2 (1999)[Bearbeiten]

76min. mit Norman Mailer, Matthew Barney

Cremaster 2 basiert vage auf dem Leben des mormonischen Doppelmörders Gary Gilmore, der im Film von Barney gespielt wird.

Der Autor des Buches "The Executioner’s Song" Norman Mailer spielt in dem Film den Entfesselungskünstler Harry Houdini. Mailer hatte in seinem Buch die Behauptung aufgestellt, Gary Gilmore könnte ein Enkel Houdinis sein.

Um den Konflikt zwischen den Geschlechtern auszudrücken, wählt Barney für Cremaster 2 die Metapher der Bienenkönigin und ihrer Drohnen. Der Bienenstock, der in den ersten Szenen durchgängig vertreten ist, ist Symbol der Mormonen (symbolisiert die Bedeutung des Kollektivs über den Einzelnen) und ist auch auf der Flagge des US-Bundesstaates Utah abgebildet.

Die Texte der Songs in diesem Film sind Auszüge aus Briefen, die sich Gilmore mit seiner Freundin Nicole Baker vor seiner Hinrichtung im Gefängnis schrieb.

Cremaster 3 (2002)[Bearbeiten]

182min. mit Richard Serra, Aimée Mullins, Matthew Barney

Cremaster 3 thematisiert sehr stark irische Mythologien und das Freimaurertum in Zeit als das Chrysler Building gebaut wurde (1930). Die dominierenden Farben in diesem Film sind Orange und Grün wie auf der irischen Flagge. Der Film entspricht einer zur Hälfte vollzogenen geschlechtlichen Differenzierung.

Zu dieser Zeit arbeiteten sehr viele irische Maurer an den großen New Yorker Wolkenkratzern. Unter Ihnen gab es drei Abstufungen: den Lehrling, Geselle und Meister.

Der Film beginnt mit der keltischen Legende vom Giant’s Causeway. Finn war ein relativ kleiner Riese in Irland, der sich mit dem Riesen Benandonner aus Schottland messen wollte. Damit die beiden Rivalen zueinander finden konnten, baute Finn den Pfad aus Steinen (Giant’s Causeway) über die See. Als Benandonner nun im Anmarsch war, erschütterte die Erde. Oonagh, die Frau Finns nahm ihren Mann und wickelte ihn in Tücher, so dass Benandonner dachte, es sei Finns Kind und nicht er selbst. Da bekam er ist mit der Angst zu tun und nahm reißaus.

Dann wechselt der Film in das New York von 1930, wo das Chrysler Building gebaut wird. Gary Gilmore in Reinkarnation als Frauenleiche kriecht unter dem Gebäude hervor und wird von vier Bestattern zur Lobby geführt und dort in einen Chrysler Imperial gesetzt.

Später wird der Film unterbrochen von einem Zwischenteil, der sich "the order" nennt.

The Order[Bearbeiten]

„The Order“ spielt im berühmten Guggenheim Museum in New York City. Hier durchläuft Matthew Barney – immer noch als Maurerlehrling – die verschiedenen Ebenen des Museums in Form von fünf "Level", wie bei einem Computerspiel. Die Level wiederum symbolisieren je einen Cremaster-Film und fügen alles zusammen. Die Architektur des Guggenheim Museums ähnelt vage der eines Bienenstockes, was sowohl auf die Freimaurer anspielt, als auch auf die Mormonen in Cremaster 2.

Der Boden des Museums ist mit blauem Rasen bedeckt (siehe C1).

Level 1

"The Order of the Rainbow". Hier tanzen Revuetänzerinnen mit Steppschuhen und Lamm-Kostümen diverse Choreographien. Das Lamm symbolisiert bei den Freimaurern den ersten Grad und symbolisiert Unschuld und Reinheit. Die weißen Steptanzschuhe ähneln denen von „Loughton Candidate“ aus C4.

Level 2

Die Hardcore-Bands Agnostic Front und Murphy’s Law mit ihren jeweiligen Fans battlen gegeneinander. Hier muss Barney zwischen den rabiat tanzenden Fans ein Puzzle im Boden lösen, das später das Symbol der Freimaurer für Kameradschaft ergibt.

Level 3

Hier wartet Aimée Mullins (Model und Paralympics-Teilnehmerin) auf Barney, zunächst als Schönheit in einem weißen Schürzen-Kleid mit gläsernen High-Heels, dann als leopardenartiges Wesen, da versucht ihn zu töten. Sie steht für den 3. Grad der Freimaurer, kann auch als Alter-Ego Barneys gesehen werden. Der Maurerlehrling tötet die Leoparden-Frau, somit sein Double und wird dadurch zum Maurermeister.

Level 4

In der vierten Etage wartet eine Art weiße, übergroße Dudelsack-Plastik in der Form eines Schafbockes und unzählige Haufen von Pfeifenstäben auf den Maurerlehrling. Hier muss er 5 Pfeifenstäbe so gen Dudelsack-Korpus werfen, das diese den Korpus perfekt ergänzen, was wiederum an die schottische Tradition des "caber toss" erinnert (Baumstamm werfen). Diese 5 Pfeifenstäbe repräsentieren die 5 Säulen der Freimaurer-Zugehörigkeit.

Level 5

Der Künstler Richard Serra spielt sich selbst, wie er flüssige Vaseline gegen eine Wand schleudert, die sich allmählich einen Weg nach unten zum Erdgeschoss bahnt. Die Aktion stellt gleichermaßen die Timeline für "the Order" dar.

Drawing Restraint 9 (2005)[Bearbeiten]

Ein Teil der Serie ist der 2005-2006 entstandene Kunstfilm Drawing Restraint 9, der aus Anlass einer Einladung für eine Ausstellung aus Japan entstand. Dieser spielt auf dem japanischen Walfangschiff Nisshin Maru und bildet das neunte Werk in einer Reihe von Arbeiten von Drawing Restraint, das bereits im Jahr 1987 initiiert wurde.[9]

In Drawing Restraint 9 ist das "Field" eine mit Vaseline gefüllte Form, die bereits im Zyklus des Cremaster im Mittelpunkt des Geschehen steht, auf dem Deck eines japanischen Walfangschiffs. Dort befinden sich auch die beiden Gäste aus Amerika und Europa: Barney und seine damalige Lebensgefährtin,[10] die isländische Sängerin Björk, die auch die von japanischen Klängen inspirierte Filmmusik mit dem gleichnamigen Titel zu Drawing Restraint 9 komponierte.

Barney selbst bezeichnet den Film als eine Meditation über den Schöpfungsakt, „über rohe sexuelle Energie und die Disziplin, die Gestaltung bedingt. Und darüber, wie man kreativ bleibt, indem man nicht in Formen erstarrt, sondern sie ständig wieder verflüssigt.”[3]

River of Fundament (2006 - 2014)[Bearbeiten]

Basiert auf dem Roman Ancient Evenings (deutsch: Frühe Nächte) aus dem Jahre 1983 von Norman Mailer.[11]

Einfluss und Inspiration[Bearbeiten]

Inspiration fand Barney nach eigenen Angaben, in den amerikanischen Horror-Filmen wie Tanz der Teufel, Freitag der 13., Der Weiße Hai, Das Omen, Der Exorzist und Shining, sowie auch Filme von Busby Berkeley und NFL Films, eine Firma, die Football Dokumentar-, Werbefilme, sowie Fernsehbeiträge produziert. Von besonderer Bedeutung waren auch eigene Aufzeichnungen, die während des Footballspiel aufgezeichnet wurden, die man später nach dem Spiel zusammen anschaute und auswertete.[12][13]

Die Videokünstler der 1970er und 1980er Jahre wie Marina Abramovic, Joseph Beuys, Chris Burden, Bruce Nauman und Vito Acconci waren ebenfalls prägend, wobei er überwiegend Momentaufnahmen aus den Filmen sah.[14] Von Joseph Beuys Materialsprache zeigte sich Barney besonders beeindruckt.[15] Im Oktober 2006 wurde versucht ästhetische und konzeptuelle Gemeinsamkeiten der beiden Künstler in der Ausstellung „All in the present must be transformed: Matthew Barney and Joseph Beuys“ im Guggenheim Museum in Berlin und Venedig gegenüberzustellen. Kurator der Ausstellung war Nancy Spector.[16]

Nach der Auffassung der Kuratorin des Solomon R. Guggenheim Museum ist Barneys’ künstlerische postmoderne Arbeitsweise geprägt vom französischen Philosophen Gilles Deleuze, dessen Begriff der „Vielheit“ bezeichnend für Barneys’ Werk ist und sich dadurch einer eindeutigen Erklärung verweigert.[16]

Von besonderer Bedeutung sind der bildende Künstler Richard Serra und der Schriftsteller Norman Mailer, die beide eine bedeutende Rolle im „Cremaster Cycle“ durch ihr künstlerisches Werk sowohl als auch durch ihre eigene schauspielerische Leistung einnehmen. Mailer ist Autor des 1979 erschienenen Buch „The Executioner’s Song“, das u. a. über den Mörder Gary Gilmore und den Entfesselungs- und Zauberkünstler Harry Houdini erzählt, die wiederum beide Protagonisten des „Cremaster Cycle“ sind. Im zweiten Teil spielt er die Rolle des Harry Houdini.[15] Richard Serra, der wie Barney die Yale University in New Haven besuchte und in Barneys’ „Cremaster Cycle 3“ die Rolle des Architekten Hiram Abiff spielt, sowie auch sich selbst darstellt, in dem er Vaseline in eine Ecke schleudert, wie er dies auch mit flüssigem Blei in seiner Arbeit “Splashing” Ende der 1960er Jahre machte.[13]

In der Zeit der Entstehung des Werks Field Dressing (1989–1990) von 1989–1990 beeinflusste ihn das Buch “Creativity and Perversion” von der französischen Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel.[17]

Aus der Ableitung jahrelanger therapeutischer und klinischer Praxiserfahrung mit perversen Patienten und entwickelt in einer Auseinandersetzung mit den theoretischen Ansätzen von Sigmund Freud und Melanie Klein steht im Zentrum des Denkens von Janine Chasseguet-Smirgel die Theorie einer archaischen Matrix des Ödipuskomplexes, ein theoretisches Modell der frühkindlichen Entwicklung vor dem Eintritt in die ödipale Phase. Ihre Erkenntnis untermauert die Autorin mit Beispielen aus Mythologie, Theologie und Literatur, das auch im späteren Werk wie den „Cremaster Cycle“ eine bedeutende Rolle einnimmt.

Vom 9. Februar bis zum 19. Februar 2006 war Barney Jurymitglied bei den Internationalen Filmfestspielen 2006 in Berlin.

Sammlungen[Bearbeiten]

Filmographie[Bearbeiten]

  • 1995: Cremaster 4
  • 1996: Cremaster 1
  • 1997: Cremaster 5
  • 1998: March of the Anal Sadistic Warrior
  • 1999: Cremaster 2
  • 2002: Cremaster 3
  • 2005: De Lama Lamina
  • 2005: Drawing Restraint 9

Ausstellungen[Bearbeiten]

Einzelausstellungen[Bearbeiten]

  • 1989: Field Dressing. Payne Whitney Athletic Complex, Yale University, New Haven
  • 1989: Scab Action. Video-Ausstellung für die New York City Rainforest Alliance, Open Center, New York
  • 1991: Barbara Gladstone Gallery, New York
  • 1991: Stuart Regen Gallery, Los Angeles
  • 1991: Matthew Barney: New Work. San Francisco Museum of Modern Art
  • 1994: Portraits from Cremaster 4. Regen Projects, Los Angeles
  • 1996: Transexualis and Repressia. Cremaster 1 and Cremaster 4, San Francisco Museum of Modern Art
  • 1997: Cremaster 5. Portikus, Frankfurt
  • 1997: Cremaster 5. Barbara Gladstone Gallery, New York
  • 1997: Cremaster 1. Kunsthalle Wien
  • 1998: March with the Anal Sadistic Warrior, KunstKanaal, Amsterdam
  • 1998: Cremaster 5. Fundació La Caixa, Barcelona, Spain
  • 1998: Cremaster 5. Regen Projects, Los Angeles
  • 1998: Cremaster 1. Öffentliche Kunstsammlung Basel, Kunstmuseum
  • 1999: Cremaster 2: The Drones’ Exposition. Walker Art Center, Minneapolis / San Francisco Museum of Modern Art
  • für die Saison 2000/2001: Gestaltung des Eisernen Vorhangs der Wiener Staatsoper im Rahmen einer von museum in progress konzipierten Ausstellungsreihe
  • 2002: Matthew Barney: The Cremaster Cycle. organisiert vom Solomon R. Guggenheim Museum, New York; eröffnet im Museum Ludwig, Köln; danach Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris und Solomon R. Guggenheim Museum, New York
  • 2003: Matthew Barney in the Living Art Museum. Living Art Museum, Reykjavik
  • 2003: Boise Art Museum, Boise, Idaho
  • 2003: Matthew Barney – Cremasters. Astrup Fearnley Museet for Moderne Kunst, Oslo
  • 2005: Matthew Barney: Drawing Restraint. 21 st Century Museum of Contemporary Art, Kanazawa, Japan / Leeum, Samsung Museum of Art, Seoul
  • 2008: Matthew Barney: Drawing Restraint. Kunsthalle Wien
  • 2010: Prayer Sheet with the Wound and the Nail. Laurenz-Stiftung, Schaulager Basel
  • 2011: DJED. Gladstone Gallery, Manhattan, New York, Eisenplastiken[18]
  • 2014: Matthew Barney. River of Fundament[19], Haus der Kunst, München.
  • 2014: Matthew Barney: Drawing Restraint.[20], Art Gallery of Ontario, Toronto.

Retrospektiven[Bearbeiten]

  • 2002–2003: “Matthew Barney: The Cremaster Cycle”, organisiert vom Solomon R. Guggenheim Museum, New York; eröffnet im Museum Ludwig, Köln; danach Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris und Solomon R. Guggenheim Museum, New York

Ehrungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Museen zu Matthew Barney[Bearbeiten]

Kunstbildung[Bearbeiten]

Bild, Video und Audio Aufnahmen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mönchehaus Museum für moderne Kunst Goslar Matthew Barney Kaiserring 2007, Interview mit Matthew Barney am 5. Oktober 2007: Schüler fragen – der Künstler antwortet moenchehaus.de (PDF; 64 kB)
  2. Digital Arts and New Media - Matthew Barney Report danm.ucsc.edu
  3. a b c Interview mit Matthew Barney: Spiel mir das Lied auf der Sho. In: Spiegel Online – Kultur, 16. April 2006
  4. Drawing Restraint URL: http://www.drawingrestraint.net/
  5. Art Now: Matthew Barney: OTTOshaft tate.org.uk
  6. Artist Project Matthew Barney tate.org.uk
  7. „Ein Walfangschiff ist für mich politische Architektur – Der Künstler Matthew Barney über sein neues Werk "Drawing Restraint 9" und die Rolle seiner Ehefrau Björk“. In: Die Welt, Juni 2006, Interview
  8. „Der Rest ist Vertrauen“. In: taz, 4. Juni 2002, Interview
  9. Zusammenfassung der Filmkritiken bei Filmzeit film-zeit.de
  10. newsoficeland.com: Björk from Iceland is now single
  11. Mein Blut für Öl in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 23. März 2014, Seite 38
  12. New York Times Interview: Influences: Matthew Barney – by Karen Rosenberg newyorkmetro.com
  13. a b pbs.org - Art21: "CREMASTER 3"–on location at the Solomon R. Guggenheim Museum, NY pbs.org
  14. New York Times Interview – Influences:Matthew Barney – by Karen Rosenberg newyorkmetro.com
  15. a b Postmedia Magazin, Untitled, Ausgabe 21, London, Frühling 2000: Matthew Barney, Interview mit Jonathan Jones postmedia.net
  16. a b Interview mit der Kuratorin Nancy Spector über die Ausstellung - „All in the present must be transformed: Matthew Barney and Joseph Beuysdeutsche-bank-art.com
  17. Modern Painters – The International Art Magazin / September 2006 / S. 67 modernpainters.co.uk
  18. Pulsschlag in New York in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 2. Oktober 2011, S. 57.
  19. Seite des Museums zur Ausstellung, abgerufen am 28. Juni 2014.
  20. Seite des Museums zur Ausstellung, abgerufen am 28. Juni 2014.
  21. Weiterführende Informationen, Interview und Pressematerial zum Goslarer Kaiserring