Maurice Georges Dantec

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Maurice Georges Dantec (Maurice G. Dantec, * 13. Juni 1959 in Grenoble) ist Wahlkanadier und bezeichnet sich selbst als «französischsprachiger nordamerikanischer Schriftsteller».

Biografie[Bearbeiten]

Jugend und literarische Anfänge[Bearbeiten]

Maurice George Dantec ist der Sohn eines Wissenschaftsjournalisten und einer Näherin mit kommunistischer Grundüberzeugung. Ab 1970 besuchte er das Romain-Rolland Gymnasium von Ivry-sur-Seine, einem „roten“ (also kommunistischen oder sozialistischen) Vorort von Paris. An dieser Schule lernte er den Erzieher Jean-Bernard Pouy kennen, der ihm die Augen für die Science-fiction-Literatur der 1970er Jahre und für die Situationistische Internationale öffnete.[1] Nach dem Abitur begann er ein Studium der französischen Literaturwissenschaft, das er abbrach, um die Punkrock-Bands État d'Urgence und Artefact zu gründen. Die musikalischen Abenteuer gingen einher mit einer Anstellung als Redakteur und dauerten bis zum Jahre 1980 an.

Im Jahr 1991 beschloss er während eines Jobs in einer Agentur für Telemarketing, hauptberuflicher Schriftsteller zu werden. Das Ergebnis wurde La Sirène rouge (dt.: Die rote Sirene), sein erster Roman, ein Mittelweg zwischen Romanfeuilleton und Krimi, der den Preis „Trophée 813“ für den besten Kriminalroman gewann. Zwei Jahre später schrieb er seinen zweiten Roman Les Racines du mal (dt.: Die Wurzeln des Bösen, die Übersetzung ins Deutsche steht noch aus), eine Mischung von Science Fiction, Kriminalroman, Thriller und Essay, ihm 1996 den Grand Prix de l’Imaginaire und den Preis Rosny Aîné einbrachte.

Dantec löste mit seinen provokativen öffentlichen Stellungnahmen vielfache Anfeindungen aus.

Exil in Québec[Bearbeiten]

In den Jahren 1994 und 1995 reiste er als „Zeitzeuge“ in das ehemalige Jugoslawien. Frankreich erschien ihm zu schwach und Europa als in vollem Zerfall befindlich. Er wollte weg von der Gewalt in den Vorstädten und entschied sich für ein Exil in Montreal. Im Jahr 1998 wanderte er endgültig nach Kanada aus, wo er seinen dritten Roman "Babylon Babies" schrieb, auf dem der Film Babylon A.D. beruht.

Romancier und Essayisten? Nein, Schriftsteller[Bearbeiten]

In der autobiografischen Erzählung Le Théâtre des opérations, journal métaphysique et polémique, deren erster Band Manuel de survie en territoire zéro (dt.: Anleitung zum Überleben in der Null-Zone) im Jahr 2000 veröffentlicht wurde ließ er seinen Überlegungen freien Lauf und stellte sich die Frage über sein Projekt: „Aber was ist das eigentlich, was dieses seltsamem Objekt, das weder Tagebuch, noch Gesellschaftskritik, noch kritische Erzählung, noch philosophische Anklage, noch moralische Sabotage, noch Glaubensbekenntnis und doch ein wenig von all dem gleichzeitig ist, in vielen Parallelen produziert.“ Im Jahr 2001 lieferte Dantec einen zweiten Band mit dem Titel Laboratoire de catastrophe générale (dt.: Laboratorium der allgemeinen Katastrophen), das sich in Tagebuchform präsentiert. Dantec verwendete die Abkürzung „TdO“ für die Reihe „Théâtre des opération“.

Villa Vortex und der „literarische Virus“[Bearbeiten]

Mit Villa Vortex kam der Autor im Jahr 2003 zurück zur Fiktion, wobei das Projekt „TdO“ seine Spuren hinterlassen hatte. Der Ausdruck seiner Gedanken erschien nun untrennbar verbunden mit seinem Werk der Fiktion, weshalb er Villa Vortex als Abbild der viralen Literatur verbreiten wollte. Eine virale Literatur erachtete er als notwendig, um eine Debatte in Gang zu bringen. Möglicherweise war dies der Grund, warum eine Kontroverse im Jahr 2004 in gewissen Medien in Gang setzt wurde, als Dantec eine E-Mail auf der Web-Side Bloc Identitaire veröffentlichen ließ und seine Gegner ihm eine Annäherung an den Rechtsextremismus vorwarfen. Er selbst präzisierte seinen im Gegensatz zum Block Identitaire befindlichen Standpunkt über Amerika und Israel. Der Verlag Gallimard verweigerte die Veröffentlichung des dritten Bandes aus der Reihe TdO mit dem Titel American Black Box. Der Verlag Flammarion bot seine Veröffentlichung an, sofern einige Passagen zensiert würden. Dantec lehnte dies ab und wechselte zum Verlag Albin Michel, der am 25. August 2005 den Sciencefiction Roman Cosmos Incorporated und im Jahr 2006 unzensiert American Black Box veröffentlichte.

Von 2004 bis 2006 schrieb Dantec für die konservative Zeitschrift Egards und das Web-Journal RING wo er sich u.a. für das „Nein“ beim Referendum vom 29. Mai über den Entwurf der EU-Verfassung aussprach. Im Verlauf von zwei Jahren lieferte er rund 20 Texte für Online-Publikationen und Zeitschriften.

Im Jahr 2006 erschien Grande Jonction als Fortsetzung von Cosmos Incorporated, ein "Western über die Unendlichkeit, Elektrizität, das Ende der Menschheit und der Maschinen" (Sendung "Esprits libres", France 2, September 2006). Der Roman bekommt eine sehr gute Resonanz von der Kritik, wie sie Maurice Dantec seit dem Erscheinen von "Les racines du mal" im Jahr 1996 nicht mehr erhalten hatte. Mit den ersten zwei Bänden dieser Trilogie gilt er nicht mehr als Polemiker sondern wird wieder als Schriftsteller anerkannt.

Der literarische Herbst 2007 wurde gekennzeichnet durch die Erscheinung von Artefact: machines à écrire 1.0. Dank einer Klausel in seinem Vertrag mit dem Verlag Albin Michel, die aussagt, dass der Schriftsteller eine Sammlung von Novellen liefern muss, schreibt Dantec einen "dreifaltigen" Roman, einen "Roman in drei Personen" der 3 Novellen enthält: "Jeder der 3 Romane hat einen direkten Einfluss auf die anderen, ohne dass er die Folge oder die Wiederaufnahme der Anderen ist" (Sendung "Esprits libres", France 2, Oktober 2008).

Reflektierend über Identität und Andersartigkeit ist der Roman Artefact: machines à écrire 1.0 auch und vor allem eine Überlegung über die Rolle des Schriftstellers und seine Beziehung mit dem eigenen Schöpfungsprozess.

Ende 2008, wird die Novelle "Comme le fantôme d'un jazzman dans la station mir en deroute" (Wie das Gespenst eines Jazzman in der MIR auf Abwegen) beim Verlag Albin Michel erscheinen.

Bis heute wurde noch keines der Bücher Dantecs ins Deutsche übersetzt.

Literaturgeschichtliche Einordnung[Bearbeiten]

Maurice G. Dantec steht mit seinem Werk vor allem in der Tradition der Science-fiction und der Cyberfiction und des gesellschaftskritischen französischen roman noir der 1950er und 1960er (u.a. Léo Malet) sowie des ausgesprochen politischen französischen néo-polar der 1970er und 1980er (u.a. Jean-Patrick Manchette, Didier Daeninckx). Er unterläuft diese Einflüsse aber auch, wenn er etwa provokativ formuliert, der roman noir sei von der Überzeugung getragen, Verbrechen sei konstitutiv für die Gesellschaft.[2] Üblicherweise wird dagegen der roman noir als eine Gattung aufgefasst, in der die Gesellschaft als mitverantwortlich für das Verbrechen eines Einzelnen erscheint.

Werke[Bearbeiten]

Romane[Bearbeiten]

Essays[Bearbeiten]

  • Manuel de survie en territoire zéro. Le Théâtre des opérations 1: journal métaphysique et polémique, 1999. Paris: Gallimard, 2000. ISBN 2-07-075887-7
  • Laboratoire de catastrophe générale. Le Théâtre des opérations 2: journal métaphysique et polémique, 2000-2001. Paris : Gallimard, 2001. ISBN 2-07-076267-X
  • American black box. Le Théâtre des opérations 3: journal métaphysique et polémique, 2002-2006. Paris: Albin Michel, 2007. ISBN 978-2-226-17091-0

Literatur[Bearbeiten]

Analysen[Bearbeiten]

  • Lawrence R. Schehr: Dantec’s Inferno. In: Alain-Philippe Durand und Naomi Mandel (Hrsg.): Novels of the Contemporary Extreme. Continuum, London 2006, S. 89-99. - Über einige Themen Dantecs, wie Kapitalismus, Apokalypse, Enthumanisierung.
  • David Platten: Reading-Glasses, Guns and Robots: A History of Science in French Crime Fiction. In: French Cultural Studies 12.3, 2001, S. 253-70. - Über den Stellenwert der Wissenschaft bei Gaston Leroux, Jean-Patrick Manchette und Dantec.
  • David Rabouin: Dantec/Houellebecq: Le Temps des Prophètes? In: Magazine Littéraire 392, Nov. 2000, S. 46-49.

Interviews[Bearbeiten]

  • Entretien avec Maurice G. Dantec par Virgile Jouanneau & Sandra Gabbai. In: Les ours, 18 mars 1996,[3].
  • Interview avec Maurice G. Dantec. In: Temps noir 5, Juni 2001.

Rezensionen[Bearbeiten]

  • Bernard Fauconnier: Dantec en son laboratoire. In: Magazine Littéraire 392, Nov. 2000, S. 50. - Über: Le Théâtre des opérations: Journal métaphysique et polémique (2000).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eric Holstein: Biographie de Maurice G. Dantec. In: ActuSF, 2003 [1]
  2. Er spricht davon, die Autoren des roman noir seien vom „aspect constitutif du crime dans la société humaine“ überzeugt: Entretien avec Maurice G. Dantec, par Virgile Jouanneau & Sandra Gabbai, in: Les ours, 18 mars 1996, [2], S. 2.
  3. Ausführliches Interview