Max Kuczynski

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Max Kuczynski

Max Kuczynski (* 2. Februar 1890 in Berlin; † 1967 in Lima) war ein deutscher Bakteriologe und Pathologe. Als Hochschullehrer in Berlin wendete er sich der Anthropologie zu. Als Emigrant in Peru wurde er zum Wegbereiter der „ethnischen Pathologie“.[1]

Leben[Bearbeiten]

Kuczynski entstammte einer jüdischen Familie aus der Provinz Posen. Seine Eltern waren Louis Kuczynski und Emma Kuczynski.[2] Er studierte Naturwissenschaften und Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und der Universität Rostock (1912/13).[3] 1912 heiratete er Lotte Henriette Dienstfertig. In Rostock promovierte er 1913 zum Dr. phil..[4] Im Heer des Deutschen Kaiserreichs nahm er an den Kämpfen auf dem Balkan teil.

Nachdem er als Schüler von Otto Lubarsch 1919 an der Charité auch zum Dr. med. promoviert worden war, habilitierte er sich 1921.[5] Nach wiederum nur zwei Jahren als Privatdozent wurde er 1923 a.o. Professor. Im selben Jahr trat er eine einjährige Gastprofessur für Allgemeine Pathologie in Omsk an. 1924 folgte er der Einladung, seine Arbeiten zur Seuchenforschung in Moskau fortzusetzen. Im selben Jahr wurde er unter Lubarsch Abteilungsvorstand in der Berliner Pathologie.[6] In Begleitung eines lettischen und eines kirgisischen Studenten bereiste er Zentralasien um Altai, Balchaschsee und Irtysch. Der Zusammenhang zwischen Lebenswelt und menschlichen Krankheiten begann ihn zu faszinieren.[6] 1932 wechselte er nach der Kündigung am Pathologischen Institut an das neu errichtete Neurologische Institut.[7]

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde er nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im November 1933 mit 43 Jahren in den Ruhestand versetzt. Wie viele andere Betroffene verließ er Deutschland.[8] Die Jahre zwischen 1933 und 1936 sind unklar.[9] Kuczynski verließ Deutschland aber schon 1933 und kam über Frankreich, die Schweiz und Caracas nach Peru. 1935 heiratete er seine zweite Frau Madeleine Godard, eine Tante von Jean-Luc Godard. Er nannte sich fortan Máxime Kuczynski-Godard und lebte unter diesem Namen in Peru. Dort arbeitete er ab 1938 am Institut für Sozialmedizin der Universidad Nacional Mayor de San Marcos. Im selben Jahr überlebte er einen Selbstversuch mit Bartonella bacilliformis.[10] Dieser Selbstversuch war 1885 für den peruanischen Nationalhelden Daniel Alcides Carrión[11] tödlich ausgegangen.[12] Später arbeitete Kuczynski bis 1948 für das Gesundheitsministerium in Amazonien und zum Teil für das Wirtschaftsministerium in den Anden. Seine anthropologischen Forschungen bei den indigenen Völkern Südamerikas waren wegweisend.[13]

Sein 1938 geborener Sohn Pedro Pablo Kuczynski war 2005/06 Premierminister von Peru.

Werke[Bearbeiten]

  • mit Martin Levinthal und Erich Wolf: Epidemiologie, Ätiologie, Pathomorphologie und Pathogenese der Grippe (= Spanische Grippe 1918). J. F. Bergmann, 1921. GoogleBooks
  • Steppe und Mensch. Kirgisische Reiseeindrücke und Betrachtungen über Leben, Kultur und Krankheit in ihren Zusammenhängen. Leipzig 1925
  • Ärztliche Eindrücke und Betrachtungen im Anschluss an eine zweite medizinische Studienreise in Mittelasien. In: Klinische Wochenschrift, 5 (9), S. 370–373; 5(10), S. 422–425 (1926)
  • Die Erreger des Fleck- und Felsenfiebers. Berlin 1927
  • mit Bianca Hohenadel: Der Erreger des Gelbfiebers. Wesen und Wirkung. Berlin 1929

Literatur[Bearbeiten]

  • Matthias Heeke: Reisen zu den Sowjets: der ausländische Tourismus in Rußland 1921–1941; mit einem bio-bibliographischen Anhang zu 96 deutschen Reiseautoren. LIT Verlag, Münster 2003, S. 595 ff.
  • Michael Knipper: Amazonien als sozialmedizinisches Labor. Der Berliner Emigrant Max Kuczynski (1890–1967) in Peru. 2004
  • Hans H. Lembke: Die Schwarzen Schafe bei den Gradenwitz und Kuczynski. Zwei Berliner Familien im 19. und 20. Jahrhundert. 2008. Snippets bei GoogleBooks
  • Michael Knipper, Oswaldo Salaverry: M. Kuczynski-Godard (1890–1967) – Fotografías médico-antropológicas de la Amazonía y de los Andes peruanos, 1938–1948. In: Revista Peruana de Medicina Experimental y Salud Pública, 27, 2010, S. 146–150

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. H|Soz|U|Kult
  2. H. H. Lembke
  3. Eintrag im Matrikelportal Rostock
  4. Naturwissenschaftliche Dissertation: Untersuchungen an Trichomonaden. GoogleBooks
  5. Medizinische Dissertation: Weitere histologisch-bakteriologische Befunde beim Fleckfieber
  6. a b H. Hecker, F. Kämpfer (2003)
  7. Cay-Rüdiger Prüll: Medizin am Toten oder am Lebenden? Pathologie in Berlin und in London, 1900–1945 Schwabe, 2003, S. 236–237
  8. Sven Kinas: Massenentlassungen und Emigration. In: Michael Grüttner u. a.: Die Berliner Universität zwischen den Weltkriegen 1918–1945. Berlin 2012 (Geschichte der Universität Unter den Linden, Bd. 2), S. 386: die Universität Berlin verlor 1933/34 über 35 Prozent ihres Lehrkörpers durch nationalsozialistische „Säuberungen“
  9. Mitteilung PD Dr. M. Knipper
  10. L. K. Altman (1987)
  11. en:Daniel Alcides Carrión in der englischsprachigen Wikipedia; nach ihm ist die 1965 gegründete Universidad Nacional Daniel Alcides Carrión benannt.
  12. Lawrence K. Altman: Who Goes First? The Story of Self-Experimentation in Medicine. University of California Press, 1987, S. 4. A. Erhardt, Oskar Eichler: Erzeugung von Krankheitszuständen durch das Experiment: Infektionen I-IV, Band 16, Teil 10, Ausgabe 2. Springer-Verlag, 1964, S. 118
  13. M. Knipper, 2009, PMID 19852393