Maxim Biller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Maxim Biller (* 25. August 1960 in Prag) ist ein deutscher Schriftsteller und Kolumnist.

Leben[Bearbeiten]

Biller wurde als Kind russisch-jüdischer Eltern in Prag geboren und emigrierte mit seinen Eltern und seiner Schwester, der späteren Journalistin und Schriftstellerin Elena Lappin, als Zehnjähriger 1970 nach Westdeutschland. Er studierte in Hamburg und München Literatur. Nach einem Studium an der Deutschen Journalistenschule in München schrieb er für Tempo, Spiegel und Zeit. Sein erster Erzählband Wenn ich einmal reich und tot bin (1990) wurde in der Süddeutschen Zeitung als „die Wiederkehr der jüdischen Literatur nach Deutschland“ bezeichnet. Seine Romane und Erzählungen wurden in mehrere Sprachen übersetzt, unter anderem der Roman Die Tochter, der in Frankreich 2003 in der renommierten Reihe „folio“ beim Verlag Gallimard erschienen ist. 2007 wurden zwei seiner Short Storys im New Yorker abgedruckt, „was bei Deutschen so häufig vorkommt wie Papstwerden“.[1] Im Juli 2010 begann er in der deutschen Ausgabe des Rolling Stone unter dem Titel „Maxim Billers Feuilletonshow“ eine politisch-gesellschaftliche Kolumne zu schreiben. Biller stellte nach zwei Kolumnen die Zusammenarbeit wieder ein, weil das Magazin einen Text über Ferdinand von Schirach nicht unverändert drucken wollte.

Im Oktober 2011 veröffentlichte Biller in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Aufsatz, in dem er die These aufstellte, dass nach der Ära der Gruppe 47 und der Postmoderne in der deutschsprachigen Literatur eine neue literatische Epoche angebrochen sei; eingeläutet habe sie Rainald Goetz mit dem Roman Irre, der 1981 erschienen ist. Diese literarische Epoche, sagt Biller, zeichne sich durch das extreme Ineinandergreifen von Werk und Leben des Autors aus und stehe im Zeichen eines äußerst empfindsamen, öffentlichkeitbewussten und narzisstischen Ich-Erzählers, weshalb Biller diese Epoche „Ichzeit“ nennt.[2]

Biller lebt in Berlin. Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt er die satirische Kolumne „Moralische Geschichten“. Eine der Hauptfiguren, Dudek Kohn, ist ein erfolgloser jüdischer Schriftsteller, dessen siebenjährige Tochter Rosa immer bessere Ideen hat als er.

Billers Mutter, Rada Biller, hat bis 2011 ebenfalls einige Erzählungen und einen Roman im Berlin Verlag herausgebracht.[3]

„Esra“-Kontroverse[Bearbeiten]

Im Jahr 2003 erregte Biller Aufsehen mit seinem Roman Esra, dessen Vertrieb dem Verlag im Frühjahr 2003 untersagt wurde, nachdem etwa 4000 Exemplare ausgeliefert worden waren. In dem autobiografischen Text werden intime Einzelheiten über den Ich-Erzähler und seine Partnerin „Esra“ geschildert. Dabei werden starke Übereinstimmungen zwischen der Figur der Esra und Billers früherer Partnerin Ayşe Romey erkennbar. In der Figur der „Lale“, einer herrschsüchtigen, psychisch kranken Alkoholikerin, fühlte sich wiederum deren Mutter Birsel Lemke diffamiert.

Romey und Lemke erwirkten eine einstweilige Verfügung; im folgenden Verfahren untersagte das Landgericht München die weitere Verbreitung des Buchs, da es die Persönlichkeitsrechte der Klägerinnen verletzt sah. Am 21. Juni 2005 verwarf der Bundesgerichtshof die Revision des Verlags, der sich daraufhin an das Bundesverfassungsgericht wendete. Schließlich bestätigte der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts am 12. Oktober 2007 das Urteil des BGH in weiten Teilen. Das Werk darf weiterhin wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte durch den Verlag Kiepenheuer & Witsch nicht verbreitet und veröffentlicht werden.[4]

Anschließend verlangten Romey und Lemke vor dem Landgericht München I vom Autor jeweils 50.000 € Schadensersatz. Daraufhin unterschrieben über 100 Personen, darunter Günter Grass, Herbert Achternbusch, Feridun Zaimoğlu, Elfriede Jelinek und Peter Zadek, auf Initiative der Verlegerin Gina Kehayoff einen Aufruf zur Unterstützung Maxim Billers.[5] Am 13. Februar 2008 verurteilte das Landgericht München den Autor und den Verlag Kiepenheuer & Witsch, bei dem das Buch erschienen war, zur Zahlung von 50.000 Euro Entschädigung an Romey.[6] Inzwischen wurde dieses Urteil wieder aufgehoben. „Die BGH-Richter teilten mit, dass der Roman zwar die Persönlichkeitsrechte der Klägerin ‚schwerwiegend‘ verletzte habe, gestanden ihr aber dennoch keinen Schadensersatz zu. Grund für die Zurückhaltung sei der erhebliche Eingriff in die Kunstfreiheit, den das Verbot darstellt.“[7]

Am 10. Juni 2008 urteilte der BGH über die Unterlassungsklage von Lemke und wies diese zurück (VI ZR 252/07). Ihr Persönlichkeitsrecht sei – im Gegensatz zu dem ihrer Tochter – nicht schwerwiegend verletzt, urteilten die Richter; in diesem Fall habe die Kunstfreiheit Vorrang vor dem Persönlichkeitsrecht.[8] Für das Buch hatte dieses vorerst letzte Urteil keine Auswirkungen mehr, da es weiterhin nicht durch den Verlag Kiepenheuer & Witsch verbreitet werden darf.

Werke[Bearbeiten]

  • Wenn ich einmal reich und tot bin (Erzählungen). Kiepenheuer und Witsch, Köln 1990, ISBN 3-423-11624-2. (inklusive der Erzählung Harlem Holocaust)
  • Die Tempojahre (Essays und Reportagen). Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1991, ISBN 3-423-11427-4.
  • Land der Väter und Verräter (Erzählungen). Kiepenheuer und Witsch, Köln 1994, ISBN 3-423-12356-7.
  • Harlem Holocaust (Kurzroman). Kiepenheuer und Witsch, Köln 1998, ISBN 3-462-02761-1.[9]
  • Die Tochter. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2000, ISBN 3-423-12933-6. (Roman über das Scheitern einer Liebe zwischen einem Israeli, der seine Erlebnisse als Soldat im Libanonkrieg vergessen will, und einer Deutschen.)
  • Kühltransport (Ein Drama), 2001
  • Deutschbuch (Essays und Reportagen), 2001
  • Esra, 2003, ISBN 3-462-03213-5 (der Vertrieb wurde dem Verlag gerichtlich untersagt)
  • Der perfekte Roman (Ein Lesebuch), 2003
  • Bernsteintage (Erzählungen), 2004
  • Maxim Biller Tapes (CD mit Songs und Gedichten), 2004
  • I Love My Leid (Video/www.youtube.com), 2004
  • Moralische Geschichten (Satirische Kurzgeschichten), Kiepenheuer und Witsch, Köln 2005 ISBN 3-462-03477-4
  • Adas größter Wunsch (Kinderbuch), 2005
  • Menschen in falschen Zusammenhängen (Komödie), 2006
  • Liebe heute (Short stories), 2007
  • Ein verrückter Vormittag (Kinderbuch), 2008
  • Der gebrauchte Jude (Selbstporträt), 2009
  • Kanalratten. Theaterstück. Fischer 2013 ISBN 978-3-596-19007-2
  • Im Kopf von Bruno Schulz. Novelle. Kiepenheuer & Witsch 2013 ISBN 978-3-462-04605-2

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Malte Welding: Wolf unter Schafen, Die literarische Welt, 27. April 2013, S. 2
  2. Maxim Biller: Unsere literarische Epoche. Ichzeit. In: FAZ, 1. Oktober 2011. Abgerufen am 27. Dezember 2011
  3. Im Kofferraum ein Topf voll Borschtsch, in: FAZ vom 28. Juni 2011, Seite 32
  4. Verletzung von Persönlichkeitsrechten – Roman „Esra“ bleibt verboten (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung, tagesschau.de, 12. Oktober 2007
  5. Freiheit, die wir meinen (Anzeige von 100 Schriftstellern in der Süddeutschen Zeitung), sueddeutsche.de, 24. Juli 2006
  6. LG München I: Schmerzensgeld für «Esra», beck-aktuell-Redaktion, C. H. Beck, 14. Februar 2008
  7. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/esra-streit-maxim-biller-muss-kein-schmerzensgeld-zahlen-a-663127.html bzw. Pressemitteilung des BGH
  8. „‚Esra‘-Klage abgewiesen“ vom 11. Juni 2008; Weser-Kurier vom 11. Juni 2008
  9. Rezension von Fritz Gimpl: Maxim Biller: Harlem Holocaust. In: Lit-eX - Magazin für Verrisse aller Art, Ausgabe 2, Dezember 1998, online unter http://www.lit-ex.de/litex24.htm
  10. Pressemitteilung der Universität Kassel zur Grimm-Professur, 11. Dezember 2008.