Media vita in morte sumus

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Antiphon Media vita, Codex sangallensis 546, Seite 319, Stiftsbibliothek St. Gallen, um 1510

Media vita in morte sumus ist der Beginn einer lateinischen Antiphon, die Notker I. zugeschrieben wird, aber wahrscheinlich schon um das Jahr 750 im Fränkischen Reich entstanden ist.

Der Text lässt sich etwa mit „Mitten im Leben sind wir des Todes“ übersetzen. Ein früher Nachweis einer Übertragung ins Deutsche mit dem Text „In mitten unsers lebens zeyt“ findet sich im Reichenauer Tonar von 1080.[1] Die traditionelle Übersetzung lautet: „Inmitten des Lebens sind wir vom Tode umfangen“ beziehungsweise „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“. Es steht für den Vergänglichkeitsgedanken speziell in der Barock-Zeit, siehe dazu auch Vanitas. Verwendung fand es zudem in Hartmanns von Aue mittelhochdeutscher Verserzählung „Der arme Heinrich“ (v. 93f.).

Text und Übertragungen[Bearbeiten]

Die Antiphon Media vita[Bearbeiten]

Der Text besteht aus zehn verschieden langen Versen. Die Zeilen 7 bis 9 erinnern an den Antwortgesang der großen Improperien, das Trisagion: „Sanctus deus, Sanctus fortis, Sanctus immortalis, miserere nobis“.

Media vita
In morte sumus.
Quem quærimus adiutorem
Nisi te, Domine,
Qui pro peccatis nostris
Iuste irasceris.
Sancte Deus,
Sancte fortis,
Sancte et misericors Salvator:
Amaræ morti ne tradas nos!

Mitten im Leben
sind wir im Tod.
Welchen Helfer suchen wir
als dich, Herr,
der du wegen unserer Sünden
mit Recht zürnst.
Heiliger Gott,
heiliger starker,
heiliger und barmherziger Erlöser:
überlass uns nicht dem bitteren Tod.

Luthers Lied Mitten wir im Leben sind[Bearbeiten]

Luthers dreistrophiges Lied im Erfurter Enchiridion (1524)

Die Antiphon wurde von Martin Luther 1524, im Anschluss an ältere Vorlagen, unter dem Titel Mitten wir im Leben sind ins Deutsche übertragen und um zwei parallel gebaute Strophen ergänzt, sodass jede Zeile die entsprechende Zeile der anderen beiden Strophen vertieft und auslegt. Das Lied findet sich im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 518. Die 1. Strophe wurde in das katholische Gotteslob (2013) unter Nr. 503 (GLalt 654) aufgenommen.

Die drei einander auslegenden Strophen lauten in der heute gebräuchlichen Form:

Mitten wir im Leben sind
mit dem Tod umfangen.
Wer ist, der uns Hilfe bringt,[2]
dass wir Gnad erlangen?
Das bist du, Herr, alleine.
Uns reuet unsre Missetat,
die dich, Herr, erzürnet hat.
Heiliger Herre Gott,
heiliger starker Gott,
heiliger barmherziger Heiland,
du ewiger Gott:
lass uns nicht versinken
in des bittern Todes Not.
Kyrieleison.

Mitten in dem Tod anficht
uns der Hölle Rachen.
Wer will uns aus solcher Not
frei und ledig machen?
Das tust du, Herr, alleine.
Es jammert dein Barmherzigkeit
unsre Klag und großes Leid.
Heiliger Herre Gott,
heiliger starker Gott,
heiliger barmherziger Heiland,
du ewiger Gott:
lass uns nicht verzagen
vor der tiefen Hölle Glut.
Kyrieleison.

Mitten in der Hölle Angst
unsre Sünd’ uns treiben.
Wo solln wir denn fliehen hin,
da wir mögen bleiben?
Zu dir, Herr Christ, alleine.
Vergossen ist dein teures Blut,
das g’nug für die Sünde tut.
Heiliger Herre Gott,
heiliger starker Gott,
heiliger barmherziger Heiland,
du ewiger Gott:
lass uns nicht entfallen
von des rechten Glaubens Trost.
Kyrieleison.

Melodie und musikalische Bearbeitungen[Bearbeiten]

Mittelalterliche Antiphon "Media vita in morte sumus"

Der gregorianische Gesang ist im Deuterus plagalis (vierter Kirchenton, hypophrygisch) komponiert. Auch die daraus entwickelte Melodie aus Wittenberg von 1524 auf den Text von Martin Luther verwendet diese Tonart.

Während sich im Werk Johann Sebastian Bachs nur ein schlichter vierstimmiger Chorsatz findet (BWV 383), der auf der Melodie des Luther-Chorals beruht, legte Felix Mendelssohn Bartholdy den Liedtext seiner achtstimmigen, expressiven c-Moll-Motette opus 23,3 zugrunde.

Weitere Vertonungen[Bearbeiten]

Varia[Bearbeiten]

Die bayerischen Guglmänner verwenden die Phrase als ihren Wahlspruch.

Ein Echo dieses Gedankens findet sich auch in Rilkes berühmtem, oft als Grabspruch verwendeten Kurzgedicht „Schlußstück“ („Der Tod ist groß […] Wenn wir uns mitten im Leben meinen | wagt er zu weinen | mitten in uns“).

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Media vita in morte sumus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Mytten wir ym leben synd – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Schobert: „Mitten im Leben ...“ Systematisch-theologische Bewerkungen zur Wahrnehmung des Todes im Mittelalter, Erlangen, in: Gott und Tod: Tod und Sterben in der höfischen Kultur des Mittelalters, Band 10 von Bayreuther Forum TRANSIT - Kulturwissenschaftliche Religionsstudien, LIT Verlag, Münster, 2011, ISBN 9783643108685
  2. Luther: „Wen suchen wir, der Hilfe tu“
  3. Mitten wir im Leben sind, abgerufen am 20. Februar 2015
  4. Media vita in morte sumus, abgerufen am 20. Februar 2015
  5. Media vita, abgerufen am 20. Februar 2015
  6. Media vita in morte sumus, abgerufen am 20. Februar 2015
  7. Media vita, abgerufen am 20. Februar 2015
  8. Media vita a 6, abgerufen am 20. Februar 2015