Medizingeschichte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Medizingeschichte ist die Lehre von den historischen Entwicklungen der Medizin, einschließlich der Biografien von Personen, die Einfluss auf die Medizin ihrer Zeit ausübten. Sie nutzt die Methoden der allgemeinen Geschichtswissenschaft und will das Bewusstsein fördern, dass der Umgang mit Gesundheit, Krankheit, Sterben und Tod historisch und kulturell geprägt ist. Insofern sich Medizin auf naturwissenschaftliche Grundlagen bezieht, lässt sich die Medizingeschichte als Teil der Geschichte der Naturwissenschaften verstehen. Als Geschichte der Heilkunst stellt sie jedoch eine eigenständige Disziplin dar.

Medizingeschichte als wissenschaftliche Disziplin[Bearbeiten]

Entwicklung der Medizingeschichte in Deutschland[Bearbeiten]

Medizingeschichte verfügt in Deutschland über eine lange Tradition innerhalb der Medizin. Da bis ins 19. Jahrhundert hinein die antiken Texte des Corpus Hippocraticum (dem berühmten Arzt Hippokrates von Kos zugeschrieben) und des Galenos von Pergamon in der medizinischen Lehre gelesen wurden, stellte die Beschäftigung mit der Vergangenheit der Medizin eine Selbstverständlichkeit dar. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Geschichtsschreibung im heutigen Sinne, sondern die Zuordnung von Diagnosen und Therapien zu historischen Autoritäten der Medizin. Im Zuge der Aufklärung etablierte sich auch in der medizingeschichtlichen Auffassung ein Bewusstsein des allgemeinen Fortschritts in der Medizin.[1] Gegen Ende des 19. Jahrhunderts spezialisierten sich einige Wissenschaftler an medizinischen Fakultäten und praktizierende Ärzte auf die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte die Medizingeschichte durch die Verdienste von Karl Sudhoff größere Bedeutung und etablierte sich als Fach an den Medizinischen Fakultäten. Die von demselben geleitete Fachzeitschrift (Archiv für Geschichte der Medizin seit 1907, später Sudhoffs Archiv genannt) unterstützte die Fassung als eigene Disziplin zwischen Geschichtswissenschaft und Medizin. Gerade der Hippokratismus der 1920er Jahre, in dem man sich sehr stark auf eine überhöhte Gestalt des Hippokrates berief, um aktuelle Probleme der Medizin zu lösen, führte zu einer stabilen Institutionalisierung der Medizingeschichte.

Einen großen Verlust an Qualität und Führungspersönlichkeiten erlitt die deutsche Medizingeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945, als die führenden deutschen Medizinhistoriker in die USA auswanderten (u. a. Henry E. Sigerist, Owsei Temkin, Ludwig Edelstein, Erwin Heinz Ackerknecht). Die Forschung verlor in Deutschland bis in die 1970er Jahre hinein an Substanz und Kreativität, bis sie durch Impulse aus den geschichtswissenschaftlichen Methodendiskussionen neu angeregt wurde.

Bekannte medizinhistorische Institute in Deutschland sind unter anderem :

  • Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften (Leipzig; das älteste der Welt)[2]
  • Uni Bonn: Medizinhistorisches Institut[3]
  • Uni Mainz: Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin („GTE“)
  • Uni Tübingen: Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
  • Uni Heidelberg: Institut für Geschichte der Medizin

In den letzten Jahren wurden einzelne medizinhistorische Institute in Deutschland geschlossen, mit der Medizinethik institutionell zusammengefasst oder von dieser weitgehend verdrängt. Nur vereinzelt kam es zu Neugründungen, gegen den Trend wurde beispielsweise 2008 (als erstes Institut seit 1987) an der Universität Ulm das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin eingerichtet.[4]

Methodik der Medizingeschichte[Bearbeiten]

Die Medizingeschichte arbeitet mit historischen und teilweise mit ethnologischen Methoden. Als Quellen stützt sie sich hauptsächlich auf Textquellen wie etwa medizinische Texte aus vergangener Zeit, Krankenakten, Geschichtsschreibung, aber auch Tagebücher, Briefe, literarische Texte oder ethnographische Aufzeichnungen und Interviews. Die Untersuchung von menschlichen Überresten und alten Krankheitserregern fällt nicht in das Gebiet der Medizingeschichte, sondern der Paläopathologie.

Als veralteter Ansatz gilt die Fortschrittsgeschichte, die selektiv nach einzelnen Theorien und Praktiken in der Medizin früherer Zeiten sucht, die sich zumindest in ähnlicher Form bis heute behauptet haben.

Ein grundlegendes Prinzip ist die Anerkennung verschiedener Krankheitskonzepte als Teil und Spiegel des jeweiligen kulturellen Kontextes. Damit werden vergangene medizinische Erklärungsmöglichkeiten und Konzepte nicht als falsch gebrandmarkt und am System unserer Zeit gemessen, sondern die Denkweisen anderer Epochen in ihrer jeweils eigenen Logik betrachtet.

Umstritten ist die Retrospektiven Diagnose: So lehnt Karl-Heinz Leven (Universität Freiburg) es grundsätzlich ab, Krankheiten mit gegenwärtigen Krankheitsentitäten zu identifizieren, wenn diese Entität in der betreffenden Epoche nicht als solche anerkannt war. Eine andere Strömung hält ein solches Vorgehen dagegen, analog der Übertragung von soziologischen und kulturwissenschaftlichen Begriffen auf historische Sachverhalte, in engen Grenzen für sinnvoll und fruchtbar.

Wissenschaftler und ihre Auszeichnungen, Institutionen, Gesellschaften, Museen[Bearbeiten]

Die Medizingeschichte ist heute institutionell zum größten Teil an den medizinischen Fakultäten lokalisiert und hat einen Anteil an der medizinischen Ausbildung. Es finden sich aber auch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Institutionen anderer akademischer Fächer, in denen Medizingeschichte oder bestimmte Aspekte der Medizingeschichte bearbeitet werden. So rekrutieren sich auch Medizinhistoriker aus verschiedenen Fachbereichen. Es finden sich zahlreiche Ärzte, aber auch Philosophen, Klassische Philologen, Arabisten, Historiker und Wissenschaftshistoriker unter ihnen, nicht selten auch wissenschaftliche Außenseiter. Häufig verfügen Medizinhistoriker auch über Doppelqualifikationen. Wenn sie aus nicht-medizinischen Fächern stammen, können sie am Medizinstudium teilnehmen, ohne die für die Approbation erforderlichen ärztlichen Prüfungen zu absolvieren, und dann mit einer medizinhistorischen Dissertation den Titel eines Doctor rerum medicarum (im Gegensatz zu dem des Doctor medicinae) erwerben. Tätig sind wissenschaftlich arbeitende Medizinhistoriker meist in universitären Instituten für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, die in den medizinischen Fakultäten untergebracht sind, aber auch in den entsprechenden universitären Instituten der genannten Fächer. Allerdings gibt es auch eine Reihe von außeruniversitären Forschungsinstituten. Darüber hinaus wurden eine Reihe von gelehrten Gesellschaften gegründet, die die Erforschung allgemein der Geschichte der Naturwissenschaften und im Besonderen der Medizin zum Ziel haben und häufig die Publikation wissenschaftlicher Zeitschriften und Publikationsreihen tragen. Ein effizientes Mittel, medizinhistorische Zusammenhänge und Forschungsergebnisse einem größeren Publikum zu vermitteln, sind insbesondere naturwissenschaftlich ausgerichtete Museen, von denen manche ausschließlich auf die Medizingeschichte spezialisiert sind. Seit 1955 vergibt die von George Sarton und Lawrence Joseph Henderson gegründete History of Science Society (HSS) die George-Sarton-Medaille für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte. Zu den ersten Trägern gehörte der Deutsch-amerikanische Medizinhistoriker Owsei Temkin, der die Auszeichnung im Jahr 1960 erhielt. Mit der renommierten Medaille wurden auch John Farquhar Fulton, Richard Harrison Shryock und Walter Pagel ausgezeichnet.

Abriss europäische, arabische und ägyptische Medizingeschichte[Bearbeiten]

Da die Erforschung der medizinischen Praktiken der schriftlosen Völker der Alt- und Jungsteinzeit, aber auch Mitteleuropas vor den Römern Gebiet der Paläopathologie ist, beginnt die tatsächliche Medizingeschichte erst mit dem Vorhandensein von Textzeugnissen.

Aus dem Alten Orient sind die ältesten Schriften zu Arznei- und Zaubermitteln, aber auch rechtliche Regelungen für den Arztberuf bekannt (Gesetzeskodex des Hammurapi). Die Behauptung Herodots, dass die Babylonier ihre Kranken einfach auf dem Marktplatze ablegen und jeder Vorübergehende Hinweise zur Gesundung mitteile, kann dadurch widerlegt werden. Wie bei den meisten älteren Krankheitskonzepten gingen auch die Menschen im Alten Orient von einer Krankheitsverursachung durch böse Dämonen und strafende Götter aus. Bei ihren Therapieformen lag ein großes Gewicht auf der Wiederherstellung der kultischen Reinheit.

Aus dem Alten Ägypten sind ähnliche Textzeugnisse erhalten. Ein Spezialgebiet ist die ägyptische Praxis der Mumifizierung, die erhebliche medizinische und konservatorische Kenntnisse erforderte. In Ägypten existierte bereits ein ausdifferenziertes Spezialistentum unter den Heilern, die teilweise auch in eine ärztliche Beamten-Hierarchie eingegliedert waren.

Antike[Bearbeiten]

Hippokrates

Im antiken Griechenland lag das Heilen zunächst in den Händen von religiösen Deutungskonzepten und Institutionen (Asklepiosmedizin, Asklepios, Epidauros). Allerdings entstand Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. unter dem Einfluss der vorsokratischen Naturphilosophie (Empedokles) die sogenannte rationale Medizin, die eng mit dem Namen des Hippokrates von Kos verknüpft wird. Dabei wurde der Körper beobachtet und mit Einflussnahme auf seine Zusammensetzung (Anfänge der Humoralpathologie) versucht seine Selbstheilung zu unterstützen. Im Hellenismus entstand in Alexandria ein großes Zentrum für medizinische Ausbildung und Forschung, wo sich verschiedene Gruppen und Theorien herausbildeten. Große antike Entdeckungen wurden hauptsächlich in dieser Zeit gemacht, da im dortigen offenen Klima selbst Sektionen an Menschen und Tieren möglich waren.

Aulus Cornelius Celsus

Nach Rom kam die griechische Medizin erst spät, aber sie setzte sich trotz der Vorbehalte ehrwürdiger Römer wie z. B. Catos des Älteren durch. Auch die griechischen Heilkulte erfuhren Adaption (Aesculapius). Das medizinische Personal vom Sklaven bis zum hochgebildeten Privatarzt war meist griechischer Herkunft. Besonders wichtig für den weiteren Gang der Medizin war der in Rom wirkende Arzt Galenus von Pergamon, dessen umfangreiches Werk für die weiteren Jahrhunderte maßgeblich werden sollte. Galen verstand sich zwar selbst als Hippokratiker, aber vertrat unter dem Namen des Hippokrates eine eigene Lehre, die auch stark auf den Erkenntnissen aus der Zeit des Hellenismus aufbaute. So gab Galen z. B. der Humoralpathologie (Viersäftelehre) ihre schlussendliche Gestalt, die sie als grundlegendes Krankheitskonzept bis ins 19. Jahrhundert behalten sollte. Neben Galenus war auch Aulus Cornelius Celsus für die Etablierung der griechischen Medizin im Römischen Reich von Bedeutung, er verfasste eine acht-bändige medizinische Enzyklopädie, die bis in die Neuzeit als Standardwerk der Medizin benutzt wurde.

In der Spätantike nach Galen und in oströmischer/byzantinischer Zeit wurde das bis dahin erworbene Wissen hauptsächlich gesammelt und tradiert. Die medizinischen Schriftsteller des oströmischen Reichs bis 1453 (Eroberung Konstantinopels durch die Türken) fassten hauptsächlich ältere Schriftsteller in Enzyklopädien zusammen und ordneten deren Wissen thematisch in Sammelwerken. Nur wenig Neues wurde den Schriften hinzugefügt. In der Tradition des Erhalts der bewunderten Kulturgüter der heidnischen Antike versuchte man, die Medizin von christlichen Einflüssen frei zu halten. Den Beginn machte Oreibasios, Leibarzt des Kaisers Julian, im 4. Jahrhundert n. Chr., der das erste medizinische Sammelwerk in 70 Bänden verfasste.

Mittelalter[Bearbeiten]

Die arabische Medizin baute direkt auf den antiken Vorläufern auf. Die griechischen und lateinischen Texte wurden teils im Original tradiert, teils ins Arabische übersetzt. Im arabischen Raum erfuhr die Antike Medizin noch einmal eine Blüte, da arabische Mediziner auf ihr aufbauend auch zu neuen Erkenntnissen kamen. Die Araber entwickelten Spezialistentum und z. B. auch Krankenhäuser von einer Qualität, wie sie im Westen erst im 19. Jahrhundert wiederzufinden waren. Ein Teil des heute vorhandenen Wissens über die griechische Medizin wurde auf Arabisch festgehalten und später wieder ins Griechische übersetzt. Einer der bedeutendsten Ärzte dieser Zeit war der Perser Avicenna, seine Schrift Qanun galt seit dem 12. Jahrhundert als ein Standardwerk der Medizin. Ebenfalls von Bedeutung war der auch aus Persien stammende Rhazes, der einer der ersten Vertreter einer auf Experimenten beruhenden Medizin war.

Während die byzantinischen und arabischen Mediziner das antike Erbe bewahrten, war die Medizin des westlichen Mittelalters recht unberührt von allen Erkenntnissen, die es zuvor einmal gegeben hatte. Nur wenige lateinische Schriften aus dem Altertum hatten überlebt, das Griechische ging verloren. Lediglich klösterliche Heilkräuterkunde wurde betrieben, sodass man diesen Abschnitt als Klostermedizin zusammenfassen kann (dabei herausragend Hildegard von Bingen). Erst ab dem 13. Jahrhundert kamen über Spanien und die Mauren Einflüsse der hoch entwickelten arabischen Medizin nach Mittel- und Westeuropa. Über Italien und die dortigen Handelskontakte nach Byzanz/Konstantinopel wurden die griechischen Texte wieder zugänglich. Wesentlichen Anteil an der Einbringung des griechisch-arabischen Medizinwissens in die westliche Welt hatte die Schule von Salerno, die als eine der ersten medizinischen Hochschulen Europas gilt.

Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

Nachdem man über Jahrhunderte hinweg gemäß der scholastischen Methode lediglich die alten Autoritäten Galen, Celsus, Avicenna, Rhazes und Hippokrates gelesen hatte, gewannen ab dem 15. und 16. Jahrhundert eigene Erkenntnisse und Untersuchungen an Gewicht. Eigene Beobachtungen und Experimente nach dem Vorbild von Francis Bacon stellten die Autoritäten in Frage und führten zu neuen Entdeckungen besonders in der Anatomie und Physiologie. Vesalius gebrauchte als erstes Sektionen zum Gewinn neuer Erkenntnisse über die menschliche Anatomie, welche zuvor nur zur Illustration von Galen-Texten gebraucht worden waren. Durch Experimente am lebenden Organismus konnte William Harvey im 17. Jahrhundert den Blutkreislauf und die Pumptätigkeit des Herzens beweisen.

Trotz einer Vielzahl neuer, empirisch gewonnener Erkenntnisse blieb die Humoralpathologie aber noch bis ins 19. Jh. Grundlage von Körpervorstellung und Therapie. Verschiedene ergänzende Körpersysteme wie zum Beispiel die mechanistische Sichtweise kamen hinzu. Durch Paracelsus konnten erste Impulse einer Biochemie entstehen.

Ab dem 16. Jahrhundert bildeten sich auch die ersten Versuche, den ärztlichen Stand[5] als Berufsvereinigung zu organisieren, besonders auch, um sich gegen andere, bereits in Zünften organisierte Heilberufe (Bader, Chirurgen) oder traditionelle Heilende (Hebammen, Laienheiler aller Art, religiöse Heilungssuche) durchzusetzen, die den Heilermarkt dominierten.

Im 18. Jahrhundert konnte die universitäre Medizin ihre gesellschaftliche Stellung weiter ausbauen. Durch Aufklärung und Absolutismus wurde der Staat und seine möglichst hohe Bevölkerungszahl zum Thema der Wissenschaft, besonders auch der Medizin (Medicinische Policey). In diesem Zusammenhang konnte der Einfluss der universitären Medizin weiter steigen und erfolgreich andere Berufsgruppen ersetzen. Hierzu gehört z. B. die Gynäkologie und Geburtshilfe, in der die Hebammen von den Ärzten verdrängt wurden, hauptsächlich durch bessere Einflussmöglichkeit und Status. Die Chirurgie und Zahnheilkunde wurden langsam den Badern und anderen Heilberufen entzogen und verwissenschaftlicht.

Das 18. und auch das beginnende 19. Jahrhundert waren für verschiedenste medizinische Systeme offen. Neue Erkenntnisse (z. B. die Entdeckung der Nerven) und darauf folgende theoretische Deutungssysteme (z. B. Brownianismus, Animalischer Magnetismus) waren in einer Vielzahl vorhanden. Als gemeinsames kann man die Idee von einer allgemeinen Lebenskraft nennen, die sich durch viele der sich teils hart widersprechenden Systeme zog.

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Das 19. Jahrhundert brachte enorme Fortschritte in der Diagnose und Therapie vieler Krankheiten vor allem durch die Entwicklungen im Bereich der Naturwissenschaften. So wies die Zelltheorie den Weg zur Entwicklung von Histologie und mikroskopischer Pathologie. Der Pathologe Rudolf Virchow wurde durch seine Lehre, wonach die Zelle der Ort der Erkrankung sei, Vorreiter einer bis heute in der wissenschaftlichen Medizin anerkannten Krankheitstheorie („Zellularpathologie“). Sie löste endgültig die alte Vorstellung von den Körpersäften ab. Die in der Biologie formulierte Evolutionstheorie verstärkte das Interesse an vergleichender Anatomie und Physiologie. Beobachtungen und Experimente im Bereich der Vererbung führten zu ersten Erkenntnissen der Humangenetik.

Die erfolgreiche Bekämpfung des Kindbettfiebers durch Hygienemaßnahmen war Ausgangspunkt einer bedeutsamen Entwicklung der Bakteriologie bzw. Mikrobiologie. Innerhalb weniger Jahrzehnte konnten die Erreger vieler vorher kaum erfolgreich behandelbarer Krankheiten wie Milzbrand, Diphtherie, Tuberkulose, Lepra, Pest, Syphilis, Gonorrhö gefunden werden.

Durch die konsequente Anwendung bakteriologischer Erkenntnisse in der Chirurgie (Antisepsis) wurde die Sterblichkeit infolge Wundinfektionen stark reduziert. Ein weiterer Fortschritt in der Chirurgie war die Einführung der Narkose. Erst durch die Fortschritte auf diesen beiden Gebieten wurde die Entwicklung der Chirurgie zu einem alle Regionen des Körpers erfassenden Fachgebiet möglich; viele auch heute noch relevante Operationstechniken wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt.

Fortschritte der Physik und Chemie ermöglichten neue Erkenntnisse der Physiologie des Nervensystems, der Verdauung, des Herz-Kreislauf-Systems, des Hormonsystems und weiterer Stoffwechselfunktionen. Die Entdeckung der Röntgenstrahlen (1895) und der Radioaktivität (1898 von Marie Curie) führte bald zu ersten diagnostischen und therapeutischen Anwendungen (Radiologie) und erheblichen Erkenntnisfortschritten. Gleichwohl kursierten zahlreiche Halbwahrheiten und viel Unbewiesenes. Zum Beispiel hielten zahlreiche Ärzte im 18. und 19. Jahrhundert Masturbation für die Ursache von „jugendlicher Rebellion“ und von Krankheiten wie Epilepsie, „Erweichung von Körper und Geist“, Hysterie und Neurosen.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde in damaligen wissenschaftlichen Zentren Deutschlands wie Leipzig und Königsberg die Psychologie begründet (siehe Geschichte der Psychologie). 1896 verwendete Sigmund Freud zum ersten Mal den Begriff Psychoanalyse. Freuds Arbeit trug dazu bei, sexuelle Themen zu ent-tabuisieren.

Es gab in der Medizingeschichte – ähnlich wie in der Technikgeschichte – Phasen und Gegenden, in denen ein besonders ausgeprägter Fortschrittsglaube bzw. eine Fortschrittseuphorie herrschten. Dies begünstigte es, dass Ärzte sich unreflektiert und selbstüberschätzend auf neuen Gebieten versuchten. Zum Beispiel erklärten sich zunehmend Ärzte dafür zuständig bzw. verantwortlich, das „wahre Geschlecht“ von Zwittern zu ermitteln; sie operierten an deren Geschlechtsorganen herum.[6]

Daneben wurden Medizin und andere gesellschaftliche Themen vermengt. Zum Beispiel erschienen ab etwa 1860 Publikationen, die die Beschneidung von Jungen als „Prävention gegen Masturbation“ – damals pejorativ als „Selbst-Missbrauch“ bezeichnet – oder als „Bestrafung“ dafür propagierten.[7]

Geschichte der paramedizinischen Disziplinen und Berufe[Bearbeiten]

Geburtshilfe, Pharmazie und Pflege (Gesundheits- und Krankenpflege sowie Altenpflege) haben zum Teil neben aber auch als integraler Teil der Heilkunde jahrhundertelang die Geschichte der Medizin mit geprägt. Erst im 20. Jahrhundert entwickeln sich deren Berufsgeschichten als deutlich unterschiedene Fachgebiete.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Aktuelle Darstellungen der Medizingeschichte
Ältere Darstellungen der Medizingeschichte
  • Max Bartels: Medizin der Naturvölker. Urgeschichte der Medizin. Th. Grieben's Verlag Leipzig 1893, Reprint: Leipzig, ISBN 3-8262-0204-X.
  • Heinrich Haeser: Lehrbuch der Geschichte der Medicin. 3. Auflage. 1882
  • Julius Leopold Pagel: Geschichte der Medicin. 1898
  • Karl Sudhoff: Kurzes Handbuch der Geschichte der Medizin. S. Karger, Berlin 1922. Kostenlos Online lesen oder herunterladen via http://archive.org/details/texts
Lexika der Medizingeschichte
  • Wolfgang U. Eckart u.a. (Hrsg.): Ärzte Lexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart (1995, 3. Aufl., 2006)
  • Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-015714-4
  • Wilhelm Haberling, Franz Hübotter, Hermann Vierordt (Bearb.): Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. 2. Auflage. Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1929–1935
  • Karl-Heinz Leven (Hrsg.): Antike Medizin. Ein Lexikon. C.H. Beck, München 2005
Geschichte und Bibliographien der Medizingeschichte
  • Marcel H. Bickel: Die Lehrbücher und Gesamtdarstellungen der Geschichte der Medizin 1696–2000. Ein Beitrag zur medizinischen Historiographie. Schwabe, Basel 2007, ISBN 978-3-7965-2246-8
  • Andreas Frewer, Volker Roelcke (Hrsg): Die Institutionalisierung der Medizinhistoriographie. Entwicklungslinien vom 19. ins 20. Jahrhundert. Stuttgart 2001
  • Garrison/Morton: Morton’s medical bibliography: an annotated check-list of texts illustrating the history of medicine, 5. Auflage, Aldershot: Scolar Pr. [u. a.], 1991
Teilaspekte der Medizingeschichte
Medizingeschichte in der Geschichtsdidaktik

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang U. Eckart, Robert Jütte: Medizingeschichte. Eine Einführung, Stuttgart 2007, S. 21ff
  2. Webpräsenz des Karl-Sudhoff-Instituts für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften.
  3. Webpräsenz des Medizinhistorischen Instituts in Bonn.
  4. Bernhard vom Brocke: Die Institutionalisierung der Medizinhistoriographie im Kontext der Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, in: Andreas Frewer und Volker Rölke (Hrsg.): Die Institutionalisierung der Medizinhistoriographie: Entwicklungslinien vom 19. ins 20. Jahrhundert, Stuttgart, Steiner 2001, S. 187–212, hier: S. 191.
  5. Rudolf Peitz: Die 'Decem quaestiones de medicorum statu'. Ein spätmittelalterlicher Dekalog zur ärztlichen Standeskunde, Würzburg 1977 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 11)
  6. spiegel.de: Und Gott schuf das dritte Geschlecht (2007)
  7. Darby, R. (2003): The Masturbation Taboo and the Rise of Routine Male Circumcision: A Review of the Historiography. Journal of Social History, 36 (3), 737-757, doi:10.1353/jsh.2003.0047.