Mehrebenensystem

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Begriff des Mehrebenensystems stammt aus der Systemtheorie der 1960er und 1970er Jahre und fand eine frühe Anwendung bei der Analyse technischer Systeme. Inzwischen wird er vorwiegend in sozialwissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere in der Politikwissenschaft verwendet. Mehrebenensystem (engl. multi-level governance) bezeichnet dort das komplexe Beziehungsgefüge verschiedener horizontaler sowie vertikaler politischer Entscheidungsstrukturen, wie es in einigen modernen politischen Systemen anzutreffen ist.

Im Gegensatz zu den Formen der klassischen Staatsorganisation wie etwa dem föderalen Bundesstaat oder dem unitarischen Einheitsstaat ist es im Mehrebenensystem nicht mehr möglich, klare Kompetenzabgrenzungen zu treffen und eine hierarchische Strukturierung des Ganzen vorzunehmen. Mehrebenensysteme werden durch eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Politikverflechtung gekennzeichnet. Ein Beispiel für ein Mehrebenensystem mit vergleichsweise schwacher Politikverflechtung zwischen den Ebenen ist das politische System der USA; dagegen ist die Politikverflechtung im Mehrebenensystem des Föderalismus in Deutschland sowie in der Europäischen Union stark ausgeprägt. Auch gesellschaftliche Subsysteme, wie beispielsweise das Bildungssystem, werden als „Mehrebenensysteme“ analysiert.

Beispiel Europäische Union[Bearbeiten]

Am deutlichsten lässt sich der Begriff des Mehrebenensystems wohl am politischen Gebilde der Europäischen Union darstellen. Denn in der komplizierten, historisch gewachsenen und auf zahlreichen Vertragswerken aufbauenden Organisationsstruktur spiegelt sich neben der dynamischen Entwicklung der europäischen Integration vor allem ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht unterschiedlicher politischer Ebenen wider.

Europäische Entscheidungen werden entweder im supranationalen Institutionengefüge der EU, auf nationaler Ebene oder aber subnational (kommunal) getroffen bzw. administrativ umgesetzt. Da sich die EU weder als ein klassischer Bundesstaat charakterisieren, noch in den Typus des Staatenbundes einordnen lässt, verwendet man hier daher sinnvollerweise den Begriff des Mehrebenensystems sui generis. In der deutschsprachigen Rechtswissenschaft hat sich der Begriff des Staatenverbunds etabliert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Achim Brunnengräber, Heike Walk (Hrsg.): Multi-Level-Governance. Klima-, Umwelt- und Sozialpolitik in einer interdependenten Welt. Schriften zur Governance-Forschung, Nomos, Baden-Baden 2007; ISBN 978-3-8329-2706-6
  • Jürgen Kussau, Thomas Brüsemeister: Educational Governance: Zur Handlungskoordination im Mehrebenensystem Schule. In: Herbert Altrichter, Thomas Brüsemeister und Jochen Wissinger (Hrsg.): Educational Governance – Handlungskoordination und Steuerung im Bildungssystem; Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2007; ISBN 978-3-531-15279-0; S. 15–54.
  • Kai Wegrich: Steuerung im Mehrebenensystem der Länder. Governance-Formen zwischen Hierarchie, Kooperation und Management. VS Verlag für Sozialwissenschaft, Wiesbaden 2006; ISBN 3531146106
  • Thomas König (Hrsg.): Das europäische Mehrebenensystem. Campus-Verlag, Frankfurt/Main 1996; ISBN 3593355264
  • Johannes Huinink: Mehrebenensystem-Modelle in den Sozialwissenschaften. Dt. Univ.-Verl., Wiesbaden 1989; ISBN 3-8244-4017-2
  • Quirin Weber: Parlament - Ort der politischen Entscheidung? Legitimationsprobleme des modernen Parlamentarismus - dargestellt am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland, Helbing Lichtenhahn Verlag, Basel 2011, ISBN 978-3-7190-3123-7, 191 ff., 260 ff., 319 f., 408 ff.

Weblinks[Bearbeiten]