Mem

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Disambig-dark.svg Dieser Artikel behandelt das Mem als Gedankeneinheit. Siehe MEM für andere Bedeutungen und Abkürzungen. Siehe Internet-Phänomen für die Verwendung in „Internet-Meme“

Mit Mem wird in der Memetik ein Gedanke als übertragbare Informationseinheit bezeichnet. Ein Mem ist eine Gedankeneinheit, die sich durch Kommunikation der Memträger vervielfältigt. Das Mem findet seinen Niederschlag in der „Memvorlage“ (im Gehirn oder einem anderen Speichermedium) und der „Memausführung“ (zum Beispiel Kommunikation: Sprache als so genannter „Memplex“; vgl. Blackmore). Theoretischer gesagt wird die Begrifflichkeit des Mems als Replikator der kulturellen Evolution eingeführt. Im Replikatorbegriff bereits enthalten ist eine begrenzte Analogie der Meme mit anderen Replikatorklassen (darunter Gen, biologisches Virus, Computervirus, Prion) Mit dieser Analogisierung geht die Annahme von Prozessen der kulturellen Replikation, Variation und Selektion einher: Dem darwinistischen Selektionsprinzip entsprechend führt die unvollkommene Replikation so zu unterschiedlichem Reproduktionserfolg verschiedener Replikatoren. Wie auch bei anderen Replikatoren kommt es zur Bildung von kollektiv-autokatalytischen Verbänden von Memen.[1]. Die Verbände werden Memplex genannt.

Veranschaulichung des Konzeptes: Als Mem verstanden ist die monotheistische Festlegung auf einen Gott z. B. ein erfolgreicher kultureller Replikator (gemessen z. B. an seiner Verbreitung), während z. B. der Glaube an die Wirkung von Regentänzen sich nicht global durchsetzen konnte, irgendwann sogar einer kulturellen Auslese zum Opfer fiel und nun ein Nischendasein führt. Dabei kann das Mem "nur ein Gott" als Teil eines ausserordentlich großen autokatalytischen Verbandes, der Religion, gesehen werden.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Anwendung

Durch die Mem-Hypothese lassen sich Teilaspekte der Evolution der Vogeldialekte erklären. Verschiedentlich wird auch versucht, mit Ansätzen der Memetik komplexe soziale Phänomene wie Sprachwandel oder die Ausbreitung verschiedener missionarischer Religionen und Kulte zu erhellen. Außerdem zeigen die Vertreter dieser Hypothese koevolutive Korrespondenzen zwischen genetischer und „memetischer“ Evolution (Hirnentwicklung) auf.

[Bearbeiten] Geschichte

Mit dem Mem-Konzept versuchte 1976 der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seinem Buch The Selfish Gene (deutsch: Das egoistische Gen) seine selektionstheoretische Idee des Gens als einem Replikator und dem eigentlichen Ort der Selektion zu veranschaulichen. Von dort aus fand es seinen Weg auch in geistes- und kulturwissenschaftliche Diskurse.

[Bearbeiten] Kritik

[Bearbeiten] Analogie zum Evolutionsmechanismus

Mit ihrer analogen Anwendung des Evolutionsmechanismus auf geistige und kulturelle Prozesse setzt die Memtheorie voraus, dass Meme in vergleichbarer Weise wie Gene diskrete Einheiten sind, die sich von anderen Memen klar abgrenzen lassen; ansonsten ließe sich die Einheit der Selektion nicht bestimmen. Dies wird aber von Kulturwissenschaftlern und Psychologen bestritten.[2][3] Weiterhin setzt Dawkins Modell kultureller Evolution eine relativ hohe Kopiergenauigkeit voraus, die nur in Ausnahmefällen durch Fehler und Ungenauigkeiten zu Mutationen führt. Anders lässt sich von der Memtheorie die hohe Konstanz kultureller Repräsentationen nicht erklären.[4] Die Aneignung kultureller Repräsentationen durch Individuen erfolgt allerdings nur in seltenen Grenzfällen ohne eine Transformation.[5] Eine empirische Untersuchung von Scott Atran hat gezeigt, dass normale Studenten etwa bei der Wiedergabe von Sprichwörtern die metaphorische Bedeutung erfassen und diese sinngemäß wiedergeben, wohingegen Autisten sich lediglich auf die wörtliche Bedeutung beziehen und mit sprachlichen Äußerungen am ehesten "kopierend" umgehen.[6] Unter anderem wegen dieser schwachen wissenschaftlichen Fundierung konnte sich die Memtheorie in den Sozialwissenschaften bisher nicht durchsetzen, sondern ist vor allem von der Öffentlichkeit breit rezipiert worden.[7]

[Bearbeiten] Erkenntnisgewinn und empirische Fundierung

Unklar ist, welcher Erkenntnisgewinn sich aus den Anleihen des Memkonzepts bei der biologischen Evolutionstheorie für die geistes-, sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung ergeben könne. So waren nach Auffassung des Psychologen Gustav Jahoda die überzeugenden Elemente von Blackmores Memtheorie bereits im 19. Jahrhundert bekannt, die neueren Elemente jedoch "spekulativ und höchst fragwürdig".[8] Wird mit der Mem-Hypothese der Anspruch erhoben, soziale und kulturelle Entwicklungen in einer Weise zu analysieren, die dem naturwissenschaftlichen Verständnis der Realität entspricht, so muss die Memetik zeigen, dass sie zu anderen, weiter reichenden und belastbareren Aussagen gelangen kann als die Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften herkömmlicher Art. Wenn Mem dagegen eine naturalisierende Wortneuschöpfung für Ideen oder Gedanken ist, muss Ockhams Rasiermesser zum Einsatz kommen: Entitäten sollen nicht unnötig vervielfacht werden.

Anders als im Disput über die biologische Evolutionstheorie können Kritiker der Memtheorie darauf verweisen, dass es für die Existenz von Memen und ihre Replikationsmechanismen - anders als für Gene - bislang keine empirischen Belege gibt.[9][10] Selbst wer die Memtheorie als plausibel erachtet, muss daher nach empirischer Evidenz fragen.


[Bearbeiten] Etymologie

Das Wort Mem ist etymologisch dem Begriff Gen nachempfunden und hat mehrere weitere Bezüge:

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Stuart Kauffman: Der Öltropfen im Wasser München 1996, S. 463.
  2. M. Bloch: "A well-disposed social anthropologist’s problems with memes", in: Essays on cultural transmission, Oxford: Berg, 2005, S. 87 ff.
  3. S. Atran: (2001). The trouble with memes. Inference versus imitation in cultural creation. Human Nature, 12(4), S. 351 ff.
  4. David Mihola: We are all born with native minds. Beiträge der Kognitiven Anthropologie zur Kognitionswissenschaft am Beispiel der „Folkbiology“, Diplomarbeit, Universität Wien, 2008, S. 16 [1]
  5. Vgl. Dan Sperber: "Why a deep understanding of cultural evolution is incompatible with shallow psychology", in: N. Enfield & S. Levinson (Hg.), Roots of human sociality, Oxford: Berg, 2006, S. 431 ff.
  6. Scott Atran: (2001). The trouble with memes. Inference versus imitation in cultural creation. Human Nature, 12(4), S. 351 ff.
  7. Dirk Richter: "Das Scheitern der Biologisierung der Soziologie - Zum Stand der Diskussion um die Soziobiologie und anderer evolutionstheoretischer Ansätze", KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Volume 57, Number 3 / September 2005, S. 523 ff.
  8. G. Jahoda (2002): "The Ghosts in the Meme Machine" History of the Human Sciences, Bd. 15, Nr. 2, S. 55-68.
  9. D. Sperber (2000): "An Objection to the Memetic Approach to Culture" in: Augner (Hg.) Darwinizing Culture: The Status of Memetics as a Science, Oxford: OUP, S. 163, 173.
  10. Joseph Poulshock (2002): "The Problem and Potential of Memetics" Journal of Psychology and Theology:"memetics is rife with conceptual problems and utterly lacking in empirical support".


[Bearbeiten] Literatur

  • [2] Scott Atran, The Trouble with Memes, Human Nature 12, 4 (2001), S. 351 ff.
  • Robert Aunger: The Electric Meme. A New Theory of How We Think, New York 2002, ISBN 0-7432-0150-7.
  • A. Becker, C. Mehr, H. H. Nanu: Gene, Meme und Gehirne, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003, ISBN 3-518-29243-9.
  • Susan Blackmore: Die Macht der Meme, Heidelberg, Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, 2000, ISBN 3-8274-1601-9.
  • Rolf Breitenstein: Memetik und Ökonomie. Wie die Meme Märkte und Organisationen bestimmen, Münster: LIT, 2000, ISBN 3-8258-6246-1. Download
  • Richard Brodie: Virus of the Mind, Seattle: Integral Press, 1996; ISBN 0-9636001-1-7.
  • Mihaly Csikszentmihalyi: Dem Sinn des Lebens eine Zukunft geben, Stuttgart: Klett-Cotta, 2000, ISBN 3-608-91018-2.
  • Olaf Dilling: Hypochonder des Geistes. Kritische Anmerkungen zu Richard Dawkins Theorie kultureller Evolution, Marburger Forum, Heft 2008/3, [3].
  • Aaron Lynch: Thought contagion, New York: Basic Books, 1996, ISBN 0-465-08466-4.
  • Polichak, James W.: Wozu sind Meme gut? Eine Kritik memetischer Ansätze zum Verständnis der Informationsverarbeitung. In: Skeptiker 1/2004, S. 4 -12.

[Bearbeiten] Buchbesprechung

  • Blackmore, Susan: Die Macht der Meme oder die Evolution von Kultur und Geist. In: Skeptiker 1/2004, S. 33 - 34. Besprochen von R. Schäfer

[Bearbeiten] Weblinks

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