Menschenfett

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Zwei Apothekengefäße mit Beschriftung „AXUNG. HOMINIS“ für Menschenfett[1]
Humanol Steril der Turm-Apotheke Leipzig, vermutlich frühes 20. Jh.[1]
Reagenzglas mit Inhalt und Aufschrift „Adeps Humani“[2]

Menschenfett ist ein in historischen Arzneibüchern seit dem 16. Jahrhundert erwähnter, wichtiger Bestandteil als hochwertig erachteter Salben und anderer fetthaltiger Arzneiformen. In den alten Rezepturen wird das menschliche Fett lateinisch als Pinguedo hominis oder Axungia hominis bezeichnet, wo es neben anderen tierischen Fetten von Bären (Axung. ursi), Vipern (Axung. viperarum), Bibern (Axung. castoris), Katzen (Axung. Cati sylvestris) und vielen anderen aufgeführt wird.[3] Johann Agricola (1496–1570) beschreibt die Gewinnung von Menschenfett und seine Anwendungsgebiete.

Mit heilmagischer Bedeutung wurde es als sogenanntes „Armsünderfett“ oder „Armsünderschmalz“ in der Volksmedizin bis in das 19. Jahrhundert von Scharfrichtern aus den Körpern von Hingerichteten hergestellt und verkauft.[4] Wie vielen anderen Teilen von Hingerichteten wurde auch ihrem Fett eine besondere Wirkkraft zugesprochen, was sich aus einem heidnischen Opferglauben heraus entwickelte. Für die Henker war der Verkauf von Menschenfett eine wichtige Einnahmequelle.[5] Armsünderfett wurde zur Herstellung von verschiedenen Salben gegen Knochenschmerzen, Zahnschmerzen und Gicht verwendet. Es galt auch als Allheilmittel insbesondere bei Erkrankungen, die mit einer Kachexie verbunden waren (beispielsweise Tuberkulose).[6] Auch eine schmerzlindernde Wirkung bei Rheuma und Arthritis wurde dem Menschenfett zugesprochen.[7]

Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde Menschenfett unter dem Handelsnamen Humanol („ausgelassenes Menschenfett“) in steriler, verflüssigter Zubereitung für Injektionszwecke angeboten und 1909 in die chirurgische Therapie bei Narbenbehandlung, Wundrevisionen und Wunddesinfektionen eingeführt. Geringe Heilungserfolge und das Auftreten von Fettembolien ließ die Anwendung in den 1920er Jahren wieder aus der Mode kommen.[8] Zur äußeren Anwendung enthielten vorgebliche Faltencremes verschiedener Hersteller (Hormocenta[9] von Hormocenta Cosmetic Böttger GmbH, Placentubex C und Placenta-Serol von Merz Pharma[10]) noch bis in die 1980er Jahre menschliches Fett aus Plazenten[11], das neben dem vorgeblich gut in die menschliche Haut eindringenden Fettbestandteil des Mutterkuchens auch Hormone und Vitamine enthalten solle. Die embryonale Herkunft sollte einen verjüngenden Effekt evozieren. Mit der Verwendung dieser „natürlichen“ Substanzen wurde offen geworben was sich auch am Namen der Produkte nachvollziehen ließ. Die Placenten wurden von Hebammen und geburtshilflichen Abteilungen für industrielle Zwecke gesammelt. Die Verwendung menschlicher Placenten wurde nach der Entdeckung des HIV in den 1980er-Jahren zugunsten tierischer Produkte beendet, obwohl aufgrund des Verarbeitungsprozesses zu keiner Zeit eine Infektionsgefährdung bestand, jedoch generell Produkte mit menschlichen Inhaltsstoffen nicht mehr positiv besetzt waren.

In Peru wurde 2009 eine als Pishtacos bezeichnete Bande bezichtigt, Menschenfett hergestellt und vertrieben zu haben; der Fall stellte sich als freie Erfindung der Ermittler heraus.[12][13]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b Aus dem Bestand des Deutschen Apothekenmuseums Heidelberg.
  2. Aus dem Bestand des Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburg.
  3. Ferdinand Giese: Chemie der Pflanzen- und Thierkörper in pharmazeutischer Rücksicht. Verlag Hartmann, Leipzig 1811, S. 337.
  4. Christiane Wagner, Jutta Failing: Vielmals auf den Kopf gehacket … Galgen und Scharfrichter in Hessen. Naumann, Nidderau 2008, ISBN 978-3-940168-17-7.
  5. Menschenfett war früher ein begehrter Rohstoff. In: Die Welt vom 20. November 2009, ISSN 0173-8437.
  6. Adolf Wuttke, Detlef Weigt (Hrsg.): Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. Superbia, Leipzig 2006, ISBN 978-3-937554-19-8 (Nachdr. der Erstausgabe, Hamburg 1860 bei Agentur des Rauhen Hauses in Hamburg).
  7. Philip Bethge: Die Heilkraft des Todes. In: Der Spiegel. Jg. 63 (2009), Nr. 5 vom 26. Januar 2009, ISSN 0038.
  8. H. Koch: Fettembolie durch Humanolinfektion. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie, Bd. 186 (1924), S. 273–278 (Titelblatt).
  9. Urteil des BGH (über eine Berichterstattung im Fernsehen, bei der hormonelle Nebenwirkungen behauptet wurden) vom 20. Juni 1969 VI ZR 234/67 in Neue Juristische Wochenschrift, Bd. 23 S.191
  10. Edmund Schrümpf: Lehrbuch der Kosmetik. Wien, Bonn 1957, S. 238
  11. Rolf Müller: Die kommerzielle Nutzung menschlicher Körpersubstanzen: rechtliche Grundlagen und Grenzen (Band 191 von Schriften zum Bürgerlichen Recht, ISSN 0720-7387), Duncker & Humblot 1997, S. 105
  12. Die Legende vom Menschenfett. In: TAZ, Jg. 32 (2009) vom 2. Dezember 2009, ISSN 0931-9085
  13. Menschenfett-Verkauf war eine Ente. In: Mitteldeutsche Zeitung vom 2. Dezember 2009.

Weblinks