Merowinger

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Dieser Artikel behandelt das Königsgeschlecht der Merowinger. Für die fiktive Figur siehe Matrix Reloaded. Für den Krawattenknoten siehe Krawattenknoten. Für den Roman von Heimito von Doderer siehe Heimito von Doderer.

Die Merowinger (seltener Merovinger) waren das älteste bekannte Königsgeschlecht der Franken vom frühen 5. Jahrhundert bis 751. Sie wurden vom Geschlecht der Karolinger verdrängt. Nach ihnen wird die historische Epoche des Übergangs von der Spätantike zum frühen Mittelalter im gallisch-germanischen Raum Merowingerzeit genannt.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Ursprung des fränkischen Geschlechts der Merowinger ist durch zahlreiche spätere Mythen verklärt. Historisch gesichert ist ihre Existenz im 5. Jahrhundert. Teilweise wird in der Forschung auch vermutet, dass bereits einige der fränkischen reges, die Anfang des 4. Jahrhunderts von Kaiser Konstantin dem Großen bekämpft wurden, Merowinger waren, doch ist diese nur auf Namensähnlichkeiten basierende Annahme nicht beweisbar.[1]

Die Expansion der frühen Merowinger während der ausgehenden Spätantike.
Siegelring mit dem Bildnis Childerichs und Aufschrift CHILDERICI REGIS

In Tournai wurde im Jahr 1653 die Grabstätte von Childerich I. († 481 oder 482) gefunden. Childerich bezeichnete sich selbst als rex, was zu dieser Zeit nicht ohne weiteres als „König“ übersetzt werden kann, und war anscheinend ein Fürst der Salfranken. Von Childerich, der angeblich ein Sohn des Merowech und mit dem früheren rex Chlodio verwandt war, stammten alle späteren Merowinger ab. Heute wird im Unterschied zur älteren Forschung oft angenommen, dass der Aufstieg der Familie erst mit Childerich begann. Zahlreiche kostbare Grabbeigaben waren ihm ins Grab gelegt worden. So trug er die Uniform eines spätrömischen Offiziers; vom Militärumhang (paludamentum) war die goldene Zwiebelknopffibel erhalten. Childerich hatte als Föderatenführer für Westrom und für (oder gegen?) den römischen Heermeister Aegidius gekämpft, der sich nach 461 einen eigenen Machtbereich in Nordgallien aufbaute. Wohl 469 bekämpfte Childerich sächsische Plünderer, wobei der römische comes Paulus (möglicherweise ein Nachfolger des Aegidius) getötet wurde. In der neueren Forschung ist vermutet worden, dass Aegidius, Paulus und Childerich um die Kontrolle der letzten weströmischen Armee in Gallien rivalisiert hätten.[2]

Childerichs Sohn Chlodwig I. herrschte (so zumindest die traditionelle Chronologie) von 481/482 bis 511. Er beseitigte wohl 486 den letzten römischen Rivalen Syagrius, den Sohn des Aegidius, und erhob das Frankenreich durch Siege über die benachbarten fränkischen Kleinkönige (Sigibert von Köln, Ragnachar, Chararich), Alamannen und die Westgoten sowie durch die Annahme des katholischen Christentums zu weltgeschichtlicher Bedeutung. Durch die Annahme des katholischen Christentums wurden im Frankenreich vor allem Spannungen zwischen den Franken und der gallo-romanischen Mehrheitsbevölkerung, die ebenfalls katholisch war, vermieden. Chlodwig und seine Nachfolger beriefen sich nicht nur auf ihre Stellung als rex, sondern bewegten sich daneben lange auch noch im (post-)römischen Kontext. Die Merowinger bewahrten so auch die gallo-römische Kultur, bedienten sich der Kenntnisse der alten gallo-römischen Aristokratie und lehnten sich an die spätrömische Verwaltungspraxis an.

Chlodwig verteilte die Herrschaft im formal ungeteilten Reich auf seine vier Söhne, doch starben drei Linien aus, so dass Chlothar I. von 558 bis 561 das inzwischen um Thüringen und Burgund erweiterte Reich wieder vereinigen konnte. Damals hörten die Merowinger auf, die nominelle Oberhoheit des (ost-)römischen Kaisers weiter anzuerkennen (siehe auch Völkerwanderung). Schrittweise wurde aus dem Machtbereich fränkischer foederati so ein zunehmend homogenes Königreich.

Das Frankenreich unter den Merowingern

Unter Chlothars Nachfolgern wurde das Reich wieder geteilt und durch Bruderkriege zerrissen, von Chlothar II. jedoch 613 wieder vereinigt. Chlothar II. und Dagobert I. waren offenbar die letzten wahrhaft mächtigen Herrscher aus dem Geschlecht der Merowinger, doch fing bereits unter ihnen der Einfluss der Hausmeier (der maiores domus) an zu wachsen. In dieser Situation erhob sich das mit den Arnulfingern verbündete Geschlecht der Pippiniden schrittweise zu solcher Macht, dass Grimoald, der Sohn von Pippin dem Älteren, 656 den Versuch unternahm, statt des Merowingers Dagobert II. seinen eigenen Sohn zum König von Austrasien (Hauptstadt Metz) zu erheben. Weil die anderen mächtigen Familien dies aber (noch) nicht duldeten, behielten die Merowinger ihre Königswürde noch ein weiteres Jahrhundert. Obwohl im Lauf der Zeit zahlreiche Merowinger ermordet wurden, oft von nahen Verwandten, wurde die Dynastie als solche für unantastbar gehalten. Daher mussten die Karolinger, als sie schließlich selbst den Thron bestiegen, eine neue Form der Herrschaftslegitimation suchen.

Seit 687 herrschten offenbar faktisch die aus den Arnulfingern und Pippiniden hervorgegangenen Karolinger, auch wenn es Hinweise gibt, dass König Childebert III., den der Liber Historiae Francorum als rex iustus und vir inclytus bezeichnet, um 700 noch einmal versucht haben könnte, aktiv in die Regierungsgeschäfte einzugreifen. Karl Martell konnte schließlich die karolingischen Hausmeier-Ämter in seiner Hand vereinigen. Einer seiner Söhne, Pippin der Jüngere, erhob 743 noch einmal einen Merowinger, Childerich III., zum König, ließ ihn aber 751 nach Einholung eines päpstlichen Gutachtens absetzen und in das Kloster Sithiu (spätere Abtei Saint-Bertin) einweisen. Um seine Herrschaft zu legitimieren, suchte und erhielt Pippin angeblich die ausdrückliche Zustimmung der Kirche (in der neuesten Forschung wird diese Version der Ereignisse allerdings bezweifelt).[3] Fest steht: Damit endete die Herrschaft der Merowinger, die zuletzt wohl nur noch zeremoniell gewesen war - wie reibungslos der Dynastiewechsel verlief und wie machtlos die letzten Merowinger wirklich waren, ist allerdings ebenfalls unklar: In jüngerer Zeit äußern Historiker wie Ian N. Wood oder Johannes Fried vermehrt Zweifel an der Zuverlässigkeit der späten und parteiischen Quellen aus der Karolingerzeit. Demnach sei die überlieferte Darstellung der Ereignisse eine spätere Konstruktion, die unter anderem die Absetzung Childerichs III. rechtfertigen sollte, indem sie die angebliche Machtlosigkeit des Herrscherhauses überbetonte, um den Dynastiewechsel zu einer bloßen Formsache zu erklären. Der Vorwurf, ein rechtmäßiger König sei bloß ein nutzloser rex inutilis, war das ganze Mittelalter hindurch eine beliebte Strategie, um einen Staatsstreich zu legitimieren.

Ursprungssage und Frage des Sakralkönigtums[Bearbeiten]

Der Name „Merowinger“ kommt – in der Form Mervengus – erstmals um 640 bei Jonas von Bobbio vor,[4] etwas später in der Fredegar-Chronik und dann erst wieder im 8. Jahrhundert.

Schwierig zu klären sind die seit langem diskutierten Fragen nach dem Ursprung und der Legitimation des merowingischen Herrschaftsanspruchs. Es handelt sich um folgende Fragen:

  • Gab es ein altes Königtum der Merowinger, das in vorchristlicher Zeit durch einen Mythos legitimiert war, der eine göttliche Abstammung des Geschlechts behauptete? Welcher Stellenwert kam dieser Sage gegebenenfalls zu?
  • Haben die christlichen Merowinger weiterhin von dem Ansehen profitiert, das der Ursprungsmythos gegebenenfalls ihren Vorfahren verschafft hatte? Haben sie einen solchen Mythos aus diesem Grund trotz seiner Unvereinbarkeit mit der christlichen Lehre propagieren lassen?
  • Inwieweit lassen sich aus einzelnen Angaben erzählender Quellen der Merowinger- und der Karolingerzeit fortdauernde Überreste einer etwaigen vorchristlichen sakralen Tradition des merowingischen Königtums erschließen? Gestatten es diese Belege, dieses Königtum in den Zusammenhang eines antiken germanischen Sakralkönigtums einzuordnen?

In der Forschung stehen sich zwei extreme Positionen gegenüber, diejenige von Karl Hauck und diejenige von Alexander C. Murray. Hauck war der konsequenteste Vertreter der modernen Theorie vom fränkischen Sakralkönigtum. Seine Auffassung, der zufolge sich bei den Merowingern die Tradition eines alten germanischen Sakralkönigtums beobachten lasse, hat die Forschung seit der Veröffentlichung eines wegweisenden Aufsatzes im Jahr 1955 lange Zeit geprägt.[5] Alexander Murray hat dieser Sichtweise dann 1998 vehement widersprochen.[6] Andere Forscher wie Ian Wood äußerten sich zwar zurückhaltender. In jüngster Zeit gewinnt jedoch eine Position an Zustimmung, die das „germanische Königtum“ insgesamt für einen Mythos hält,[7] weshalb folglich auch keine entsprechenden Tradition bei den Merowingern vorliegen könne.

Im Mittelpunkt der Kontroversen steht die Herkunftssage (Origo gentis), wie sie in der lateinischen Fredegar-Chronik (7. Jahrhundert) überliefert ist. Sie berichtet von Chlodio, dem ersten als historische Persönlichkeit fassbaren rex der Salfranken, der im zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts fränkische Krieger anführte und auch aus anderen Quellen bekannt ist. Der Sage zufolge begegnete Chlodios Frau, als sie sich zum Baden an das Meer begab, einem Meeresungeheuer (bistea Neptuni, „Untier Neptuns“), das dem Quinotaurus ähnlich war. Darauf gebar sie einen Sohn, den späteren König Merowech, Großvater Chlodwigs I. (zweifellos eine historische Gestalt). Der Name Quinotaurus erinnert an die antike griechische Sage von Minotauros, einem Mischwesen aus Mensch und Stier; vielleicht ist das Q nur ein Schreiberversehen. Die Formulierung in der Chronik lässt die Frage offen, ob das Untier selbst der Vater Merowechs war oder ob die Begegnung der Königin mit ihm nur als Vorzeichen zu verstehen ist und Chlodio der Vater war. Der Chronist fügt hinzu, nach diesem Merowech seien dessen Nachkommen, die Frankenkönige, später Merohingii genannt worden.[8]

Karl Hauck, der hier mit Methoden der Vergleichenden Religionswissenschaft arbeitete, deutete die Erzählung konsequent im Sinne einer sakralen Königsidee. Er verstand den Text so, dass Merowech nicht entweder von dem Ungeheuer oder von Chlodio gezeugt wurde, sondern beides zugleich: Das aut ... aut („entweder – oder“) habe im Vulgärlatein auch „sowohl – als auch“ bedeutet, das Ungeheuer sei daher niemand anders als Chlodio selbst gewesen, der zeitweilig als theriomorphes (tiergestaltiges) Wesen auftrat und damit seine göttliche Natur erwies. So habe sich durch den Zeugungsakt das „Wirken der Zeugungs- und Schöpfungsmacht des Hauptgottes“ gezeigt, das den Stammvater des Geschlechts hervorbrachte; die Stiergestalt stehe für die „Urgewalt der göttlichen Schöpferkraft“ eines Fruchtbarkeitsgottes.[9] Die Sage sei im Sinne des Konzepts der „heiligen Hochzeit“ (Hierogamie) aufzufassen. In diesem Zusammenhang verwies Hauck auf eine besondere Bedeutung des Stiers für die Merowingersippe; so wurde im Grab von Merowechs Sohn und Nachfolger Childerich I. ein goldenes Stierhaupt gefunden. Dem Mythos habe auch ein ansatzweise rekonstruierbarer Kultus entsprochen; er habe schon lange vor dem fünften Jahrhundert bestanden und sei dann auf jüngere Repräsentanten des alten, heiligen Königsgeschlechts übertragen worden.[10]

Diese Interpretation, die aus dem Text der Chronik auf die Existenz einer altgermanischen, ursprünglich mündlich überlieferten Sage schließt, fand in der Forschung über Jahrzehnte hinweg grundsätzlich weithin Anklang. Allerdings wurde die Gleichsetzung des quasi göttlichen Ungeheuers mit Chlodio meist nicht akzeptiert, sondern an der Übersetzung „entweder – oder“ festgehalten. Anstoß erregte seit jeher der Umstand, dass die Chronik zwei relativ unbedeutende historische „Kleinkönige“ bzw. Föderatenführer des 5. Jahrhunderts zu den Protagonisten des Mythos macht. Daher und aus sprachlichen Überlegungen setzte sich die Auffassung durch, dass sich die Sage in ihrer ursprünglichen Version nicht auf Merowech bezogen habe, sondern auf eine weit ältere Sagengestalt namens Mero als Stammvater der damals so genannten „Merohinger“. Erst in einer jüngeren Fassung sei sie wegen der Namensähnlichkeit auf Chlodio und Merowech übertragen worden. Dadurch sei der Irrtum entstanden, der Name der Merowinger sei von dem historischen König Merowech abgeleitet.[11]

Murray hat seine radikale Gegenposition zu dieser Sichtweise ausführlich begründet. Er meint, Stierdarstellungen seien in der spätantiken Kunst weit verbreitet und nicht notwendigerweise religiös zu deuten; außerdem könne es sich bei den Funden aus dem Childerichgrab um keltische Importware handeln.[12] Die mutmaßliche Sagengestalt Mero sei rein spekulativ erschlossen und ihr fehle jede Basis in den Quellen; vielmehr gehe der Name Merowinger auf den historischen Merowech zurück. Die Erzählung in der Fredegar-Chronik habe keinen heidnischen Hintergrund, sondern sei erst im sechsten oder siebten Jahrhundert entstanden. Es handle sich nicht um eine echte Sage, sondern nur um einen Versuch eines gebildeten Christen, den Namen Merowech nach einer damals verbreiteten Gewohnheit etymologisch zu erklären. Dieser gelehrte Franke habe den Namen Merowech als „Meer-Vieh“ gedeutet und sei so darauf gekommen, einen Zusammenhang mit dem Neptun-Ungeheuer herzustellen. Den Minotauros-Mythos habe er gekannt, denn dieser wurde von populären Autoren wie Vergil, Ovid und Apuleius behandelt bzw. erwähnt und war noch in der Spätantike gut bekannt. Der Minotauros-Sage zufolge war Minotauros der Sohn eines Stiers, den der Gott Poseidon (Neptun) aus dem Meer emporsteigen ließ. Von dieser Vorstellung angeregt sei der christliche Franke auf die Idee gekommen, die Minotauros-Sage für seinen Zweck umzugestalten.[13]

Ian Wood zieht die Möglichkeit in Betracht, dass die Erzählung in ihrer überlieferten Form als Verspottung mythischer Deutungen einer sakralen Herkunft des Merowingergeschlechts gedacht war.[14]

Das Seitenpanel des Barberini-Diptychon aus dem frühen 6. Jahrhundert zeigt einen langhaarigen Soldaten in kaiserlichen Diensten.

Verkompliziert wird die Situation dadurch, dass in jüngster Zeit Gelehrte wie Patrick J. Geary und Guy Halsall verstärkt dafür plädieren, zumindest Childerich I. primär als spätrömischen Söldnerführer zu betrachten, der einen extrem heterogenen Verband befehligt habe, dem Menschen unterschiedlichster Herkunft angehört hätten; da die Merowinger in Wahrheit keine alte Familie gewesen seien, sondern möglicherweise erst mit Childerich in eine prominente Position aufgestiegen seien, sei, sofern tatsächlich eine sakrale Legitimation postuliert worden sei, zumindest nicht von alten Wurzeln derselben auszugehen.[15] Dies wird auch von jenen Forschern angenommen, die, wie erwähnt, der Ansicht sind, dass es kein „altgermanisches“ Königtum gegeben habe, sondern dass sich dies erst in nachchristlicher Zeit unter römischem Einfluss ausgeprägt habe.

Das Erscheinungsbild der Merowinger wurde von ihren langen Haaren geprägt, was bereits auf dem Siegel Childerichs I. erkennbar ist und auch von mehreren späten Chronisten bestätigt wird. Doch ist unklar, wie genau dieses Merkmal zu deuten ist: Während etwa Eugen Ewig und John Michael Wallace-Hadrill die Haartracht mit einem alten Heerkönigtum und einer herrschaftlichen Sphäre verbinden wollten, betrachten sie Forscher wie Reinhard Schneider eher als Zeichen der Zugehörigkeit zur Herrscherfamilie.[16]

Im 5./6. Jahrhundert trugen allerdings viele Krieger schulterlanges Haar; dies gehörte in der Spätantike zum habitus barbarus, dem typischen Aussehen eines Soldaten. Die Merowinger könnten also einfach an dieser zunehmend antiquierten Sitte festgehalten haben: In der Endphase der Dynastie, als die Merowinger angeblich nur noch Schattenkönige waren, und nach der Beseitigung ihres Königtums wurden sie insgesamt als Bewahrer altertümlicher Bräuche dargestellt. Angaben aus der Karolingerzeit, die das traditionsgebundene Verhalten der letzten Merowinger als seltsam, lächerlich und antiquiert erscheinen lassen, dürften bewusst verzerrt sein, da sie der Rechtfertigung des Dynastiewechsels von 751 dienen sollten (siehe oben).

So schreibt Einhard, der in karolingischer Zeit eine Biographie Karls des Großen verfasste, die letzten Merowinger hätten sich auf einem von Ochsen gezogenen Karren (carpentum) herumfahren lassen. Dieser Karren wurde in der älteren Forschung oft auf einen heidnischen Kultwagen zurückgeführt und als zusätzliches Indiz für den mutmaßlich sakralen Charakter des merowingischen Königtums genannt. Dagegen wandte Murray ein, dass Einhard den Ochsenkarren nur mit den letzten Merowingern in Verbindung bringt und ihn nicht als herrscherliches Merkmal oder Privileg kennzeichnet, und dass keine einzige der älteren Quellen solche Karren als Fahrzeuge der merowingischen Könige erwähne.[17] Doch was der karolingerzeitliche Autor als lächerliche Kuriosität schildert, war in Wahrheit ein altes Element der spätantiken Herrscherrepräsentation gewesen: Ammianus Marcellinus berichtet, Kaiser Constantius II. sei 357 auf einem carpentum in Rom eingezogen,[18] und noch im 6. Jahrhundert reisten römische Präfekten und vicarii laut dem Gelehrten und Politiker Cassiodor meist in solchen Karren, die ein Zeichen ihrer hohen Würde waren.[19]

Fest steht: Die letzten Merowinger wurden trotz ihrer Machtlosigkeit nicht allgemein als lächerliche Figuren wahrgenommen; anderenfalls hätten die Karolinger den Dynastiewechsel leichter und früher durchführen können und wären dafür nicht auf die Autorität des Papstes angewiesen gewesen. Die Hausmeier mussten lange Zeit Rücksicht auf die tief verwurzelte Tradition nehmen, nach der nur Merowinger zur Königswürde legitimiert waren. Bereits Julius von Pflugk-Harttung sprach für die Jahre nach 687 von einer „planmäßigen Entwöhnung“ von der Herrscherfamilie.[20] Diese quasi religiöse Scheu gegenüber der Dynastie dient oft als Argument dafür, dass ihr bis zuletzt ein sakraler Charakter zugeschrieben worden sei, dessen Wurzeln in archaischen heidnischen Vorstellungen zu suchen seien. Da jedoch ein Beweis dafür bisher nicht erbracht wurde, bleibt die Frage offen.[21] Dynastisches Denken, also die Vorstellung, das Recht auf Herrschaft sei an nur eine Familie gebunden, war in Spätantike und Frühmittelalter omnipräsent; es bedurfte, wie etwa der Blick auf die Theodosianische Dynastie zeigt, keineswegs einer expliziten religiösen Begründung und muss daher auch nicht in einem Sakralkönigtum wurzeln.

Herrscher[Bearbeiten]

Aufgrund der ständigen Teilungen des Reiches unter die Söhne der Merowinger herrschten bis zu vier Brüder oder andere Verwandte gleichzeitig in Teilreichen. Die beiden wichtigsten waren Austrasien im Osten und Neustrien im Westen des Kerngebietes des fränkischen Königreichs.

Zu den verwandtschaftlichen Beziehungen siehe: Stammliste der Merowinger

Archäologie[Bearbeiten]

Merowingerzeitliche Nekropole in Civaux

Neben den schriftlichen Quellen zur Epoche der Merowinger zieht die historische Forschung heute wesentliche Informationen aus archäologischen Quellen. In erster Linie stehen hierfür Gräber zur Verfügung, deren genaue Dokumentation bei der Ausgrabung die Voraussetzung für eine aussagekräftige Interpretation ist. Denn durch Ausgraben einer Nekropole wird diese unwiederbringlich zerstört, und daher ist es erforderlich, jede Kleinigkeit zu dokumentieren und auf diese Art als Information zu erhalten.

In der Archäologie haben sich Methodik und Fragestellung im Laufe der Zeit geändert. Waren frühere Generationen noch besonders interessiert am Fund großer Reichtümer, fragt der heutige Frühgeschichtler vor allem nach den Lebensumständen auch der einfachen Bevölkerung. Zumindest Informationen über wirtschaftliche Kraft und Jenseits-Vorstellungen lassen sich aus dem Inventar und dem Bau (Einbauten wie Grabkammer oder einfache Baumsärge, Ausrichtung der Bestattung etc.) eines Grabes mit einiger Sicherheit ableiten.

Die alte Vorstellung, dass nach der „zivilisierten“ Epoche der Spätantike eine dunkle und wenig zivilisierte Zeit der Merowinger folgte, muss heute zumindest teilweise revidiert bzw. relativiert werden. Zwar diskutiert die Frühgeschichte ebenso wie die Alte Geschichte noch immer das Problem von Kontinuität oder Diskontinuität in der Übergangsphase von der spätantiken römischen Zeit zum Frühmittelalter, doch kann anhand von Bodenfunden schon heute angenommen werden, dass zumindest die frühen Merowinger einen sehr eigenen ästhetischen Anspruch an ihre Ausstattung hatten und insbesondere römische Formen weiterpflegten. Es gibt gute Gründe, die merowingische Geschichte mindestens bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts noch zur Spätantike zu rechnen, da die Kontinuitäten zur römischen Zeit damals noch dominierten, auch wenn natürlich bereits „mittelalterliche“ Elemente erkennbar sind. Insgesamt lässt sich zwar ein deutliches Absinken des Niveaus der materiellen Kultur sowie ein Niedergang der antiken Bildung zwischen 450 und 700 kaum leugnen. Einige Historiker zählen dennoch die gesamte Zeit bis zur Absetzung des letzten Merowingers Childerich III. im Jahr 751 noch zur Spätantike.[22]

Eine hohe Bedeutung bei der kulturellen Erforschung der merowingischen Epoche hat der umfangreiche ehemalige Fundbestand des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten die Funde als sogenannte Beutekunst in die Sowjetunion und sind heute im Besitz des Moskauer Puschkinmuseum bzw. in anderen Museen der GUS. Seit April 2007 ist nach 60 Jahren Verborgenheit dieser umfangreiche Schatz wieder in einer Ausstellung in Moskau der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zugänglich.

Merowingerzeitliche Scheibenfibeln
Gürtelschnalle

Neben einer sehr großen Anzahl unterschiedlichster Perlen und unterschiedlicher Trachten wurden auch mit Almandin verzierte Scheibenfibeln als Gewandnadeln getragen. Neben goldenen Schmuckplättchen trugen die Frauen aus wirtschaftlich potenten Familien zu ihrer Bestattung auch eine Vielzahl von Glasperlen unterschiedlicher Formen und Farben. In die Kleidung oder in das Leichentuch kann ein feiner Goldfaden (Goldlahn) eingewebt gewesen sein. Silberner Schmuck wie Ohrringe, aber auch Gürtelschnallen oder die typisch merowingerzeitlichen Beingurte, deren praktischer Charakter im Halten eines den Unterschenkel verdeckenden Tuchs gesehen werden muss, sowie Ringe aus Edelmetall gehörten ebenfalls zur Ausstattung. Dabei finden sich in Adelsgräbern noch bis nach 600 recht oft auch Münzen und Schmuck aus Ostrom, mit dem weiterhin Kontakt bestand: Noch unter Kaiser Maurikios (582–602) wurden oft Gesandtschaften ausgetauscht, und Ostrom versuchte wiederholt, die Merowinger zu Angriffen auf die Langobarden zu bewegen.

Sicher kann in der prachtvollen Beisetzung „adliger“, zumindest aber wirtschaftlich besser gestellter Personen ein Symptom für einen erheblichen Gruppendruck der Gemeinschaft gesehen werden: In das Grab kam nur das, was aufzugeben sich die Familie des Toten leisten konnte, denn es war ja durch die Beisetzung dem Zugriff entzogen. Zugleich war während der Bestattung für alle erkennbar, dass die betreffende Familie reich genug war, auch Kostbarkeiten aufzugeben. Dass dieser Zustand nicht für alle Zeiten anhielt, wird aus der hohen Anzahl von später beraubten Gräbern deutlich, aus denen Mitglieder der Gemeinschaft – in der Regel einige Zeit nach der Beisetzung – die besten Stücke des Inventars stahlen.

Seltener beraubt, weil nicht so reich ausgestattet, sind die Gräber der wirtschaftlich nicht so gut gestellten Familien oder der romanisierten Bevölkerung, die ein anderes Beigabenmuster haben. Hier konnte oder wollte man nicht die wertvollen und noch für das Überleben oder den Status wichtigen Gegenstände durch die Bergung in der Erde aufgeben. So wurde in solchen Fällen früher oft zu leichtfertig von „armer“ Bevölkerung gesprochen.

Diese Bevölkerungsgruppe ist es auch, die die Chronologie-Systeme von Archäologen ins Wanken bringen kann. Oftmals wurden Gegenstände erst aufgegeben, wenn sie völlig aus der Mode gekommen waren, und ihr Tragen keinen Wert mehr in der Gesellschaft hatte. So verschiebt sich die Beigabe etwa eines Ohrringpaares, das eine relativ begrenzte chronologische Laufzeit haben sollte, manchmal um einige Jahrzehnte und wirft eine – in der Regel generell sehr empfindliche – Feinchronologie fast um. Die Berücksichtigung auch dieser Tatsache macht die Auswertung einer archäologischen Quelle – wie etwa eines merowingerzeitlichen Gräberfelds – so komplex.

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Merowinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Merowinger – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Allgemeine historische Überblicke zu den Franken bei: Eugen Ewig: Die Merowinger und das Frankenreich. 5. aktualisierte Auflage. Stuttgart 2006, S. 12ff.; Ian N. Wood: The Merovingian Kingdoms, 450–751. London 1994, S. 33ff.; Erich Zöllner: Geschichte der Franken bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. München 1970, speziell S. 37ff.
  2. Vgl. Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West, 376-568. Cambridge 2007, S. 303f. Vgl. allgemein zum historischen Kontext des Aufstiegs der Merowinger und dem Verfall weströmischer Macht Henning Börm: Westrom. Von Honorius bis Justinian. Stuttgart 2013.
  3. „Diese Darstellung unterlag somit einer anachronistischen Konstruktion und diente der nachträglichen Legitimation des Unlegitimierbaren“, so Johannes Fried: Das Mittelalter. München 2008, S. 53.
  4. Jonas von Bobbio: Vita Columbani.
  5. Karl Hauck: Lebensnormen und Kultmythen in germanischen Stammes- und Herrschergenealogien, in: Saeculum 6 (1955), S. 186-223.
  6. Alexander Callander Murray: Post vocantur Merohingii: Fredegar, Merovech, and ‚Sacral Kingship’, in: After Rome’s Fall. Narrators and Sources of Early Medieval History, hrsg. A. C. Murray, Toronto 1998, S. 121-152.
  7. Stefanie Dick: Der Mythos vom "germanischen" Königtum. Studien zur Herrschaftsorganisation bei den germanischen Barbaren bis zum Beginn der Völkerwanderungszeit (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 60), Berlin 2008.
  8. Fredegar-Chronik 3.9, hrsg. Bruno Krusch, Monumenta Germaniae Historica Scriptores rerum Merovingicarum Bd. 2, S. 95.
  9. Karl Hauck: Lebensnormen und Kultmythen in germanischen Stammes- und Herrschergenealogien, in: Saeculum 6 (1955), S. 197f.
  10. Karl Hauck: Lebensnormen und Kultmythen in germanischen Stammes- und Herrschergenealogien, in: Saeculum 6 (1955), S. 197-204.
  11. Erich Zöllner: Geschichte der Franken bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. München 1970, S. 29 Anm. 2; Reinhard Wenskus: Artikel Chlodio, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 4 (1981) S. 477; Eugen Ewig: Trojamythos und fränkische Frühgeschichte, in: Die Franken und die Alemannen bis zur "Schlacht bei Zülpich" (496/97), hrsg. Dieter Geuenich, Berlin 1998, S. 14.
  12. Murray S. 124-127.
  13. Murray S. 137-147.
  14. Ian N. Wood/Heinrich Tiefenbach: Artikel Merowech, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 19 (2001) S. 575.
  15. Vgl. Guy Halsall: Barbarian Migrations and the Roman West. Cambridge 2007, S. 88f.
  16. Zusammenfassend Kaiser, Das römische Erbe und das Merowingerreich, S. 111.
  17. Murray S. 129-132.
  18. Ammian. 16,10.
  19. Cass. Variae 4 und 15.
  20. Pflugk-Harttung: Zur Thronfolge in den germanischen Stammesstaaten. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Germanistische Abteilung. 11, 1890, S. 177ff., hier S. 185.
  21. Die zunehmende Skepsis gegenüber der Annahme sakraler Ursprünge des merowingischen Königtums teilt beispielsweise auch Stefan Esders: Artikel Merowinger, in: Der Neue Pauly Bd. 8 (2000) Sp. 10.
  22. Vgl. etwa Patrick J. Geary: Die Merowinger, München 2004, S. 225-230.