Meteor von Tscheljabinsk

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rauchspur des Meteors von Jekaterinburg aus,[1] etwa 200 km von Tscheljabinsk entfernt
Explosion des Meteors, gefilmt mit einer Autokamera in Kamensk-Uralski, etwa 200 km nördlich von Tscheljabinsk
Rekonstruierte Flugbahn des Meteors[2]
Projektion der Flugbahn in kleinerem Maßstab

Der Meteor von Tscheljabinsk war ein am 15. Februar 2013 um etwa 9:20 Uhr Ortszeit (4:20 Uhr MEZ)[3] weithin sichtbarer Meteor in der Tscheljabinsker Oblast rund um die Stadt Tscheljabinsk im russischen Ural,[4] nachdem ein Meteoroid bzw. kleiner Asteroid in die Erdatmosphäre eingetreten war. Nach Rekonstruktion der Bahn zählt dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Gruppe der erdnahen Asteroiden vom Apollo-Typ.[5][6]

Es handelt sich um den größten bekannten Meteor seit über 100 Jahren. Ein noch größerer Meteor könnte zuletzt beim Tunguska-Ereignis im Jahr 1908 in die Erdatmosphäre eingedrungen sein. Bisher einmalig für einen Meteoritenfall ist auch die hohe Zahl der verletzten Personen von rund 1500.

Folgen[Bearbeiten]

Der Meteor wurde vielfach beobachtet und gefilmt.[7] Unter anderem existieren viele Videoaufnahmen, die mit den in Russland weit verbreiteten Autokameras aufgenommen wurden.[8] Das Ereignis ging zeitverzögert mit einem lauten Knall einher. Eine Druckwelle verursachte zahlreiche Schäden, vor allem zerbrochene Fenster. Schätzungsweise 3700 Gebäude wurden beschädigt.[9] Das Dach einer Fabrik stürzte ein.[10] Nach Angaben der Behörden gab es Schäden in sechs Städten der Region. 1491 Menschen wurden verletzt[11] und suchten medizinische Hilfe. Die meisten davon erlitten Schnittwunden durch splitterndes Glas sowie Prellungen.[12] 43 Personen mussten stationär ins Krankenhaus.

Presseberichten zufolge stürzte ein Meteoritenbruchstück in den Tschebarkulsee nahe der gleichnamigen Stadt etwa 80 Kilometer südwestlich von Tscheljabinsk, wo sich ein Loch von sechs Metern Durchmesser in der Eisdecke des zugefrorenen Sees bildete.[13][14] Die Analyse der um das Loch gefundenen Fragmente in einer Größe von 5 bis 10 mm ergab, dass es sich um Meteoritengestein handelt, und zwar um gewöhnliche Chondriten (LL5-Chondrite (Low-Metal, Low-Iron)).[15][16] Der Meteorit wurde vorläufig nach der nächstgelegenen Ortschaft Tschebarkul benannt, die endgültige Namensgebung erfolgte im März 2013 durch die Meteoritical Society und lautet Tscheljabinsk.[17][18] Das bis Ende Februar 2013 größte gefundene Stück des Meteoriten wog über ein Kilogramm.[19][20] Am 16. Oktober 2013 wurde aus den Seeablagerungen ein viel größeres Stück mit einem Gewicht von mehr als 570 kg geborgen.[21][22]

Wissenschaftliche Auswertung[Bearbeiten]

Das Objekt kam aus Richtung der Sonne und konnte daher von keinem der Himmelsüberwachungsprogramme (wie z.b. NEAT, LINEAR, LONEOS, CSS, CINEOS, Spacewatch) entdeckt werden.[23] Die Eintrittsgeschwindigkeit in die Atmosphäre wurde mit etwa 19 km/s bestimmt. Die Energie wird auf Grundlage von Infraschall-Messungen[24][25] auf ein TNT-Äquivalent von mehr als 500 Kilotonnen angegeben.[26] Daraus wurde eine Masse in der Größenordnung von 10.000 Tonnen und ein Durchmesser von 20 Metern gefolgert;[27] dies wurde im November 2013 auf rund 12.000 Tonnen Masse und einen Durchmesser von etwa 19 Metern bei einer mittleren Dichte von 3,3 Gramm pro Kubikzentimeter korrigiert[28][29]. Die Internationale Astronomische Union klassifizierte das Ereignis als „Superbolide“.[30] Auslöser der Druckwelle war ein so genannter Airburst. Dabei brach das Objekt beim Eintritt in die Erdatmosphäre infolge von Luftreibung und -kompression in einer Höhe von etwa 30 km auseinander. Die Bruchstücke besitzen insgesamt eine wesentlich größere Reibungsfläche, wodurch es zur schlagartigen Energiefreisetzung kommt.[31]

Der Eintrittswinkel in die Erdatmosphäre betrug etwa 16 Grad.[32] Das Objekt erzeugte beim Eintritt in die Atmosphäre einen Lichtblitz, der heller als die Sonne war.[33][34] Im Rahmen des Kernwaffenteststopp-Vertrages von der CTBTO installierte Infraschall-Messstellen detektierten das bislang stärkste Ereignis seit Beginn der Messungen.[35] Seismographen des USGS und Wettersatelliten wie Meteosat-9 und 10, Fengyún 2 und MTSAT-2 lieferten ebenfalls Daten.[36][37] Eine erste Rekonstruktion der elliptischen Bahn des Meteoroiden durch die NASA ergab, dass diese über den Marsorbit hinausführte.

Forscher halten es für möglich, dass das Objekt von Tscheljabinsk ein Bruchstück des Apollo-Asteroiden 2011 EO40 war.[38] Im November 2013 veröffentlichte Analysen weisen möglichweise auf den Asteroiden 86039 (1999 NC43) hin bzw. könnte der Mutterkörper Teil eines Rubble Pile aus der Flora-Gruppe, aus dem inneren Asteroidengürtel sein.[39][40] Eine im Mai 2014 veröffentlichte Analyse erhärtete die Bruchstücktheorie, auch wurde das Mineral Jadeit im Meteoriten von Tscheljabinsk festgestellt.[41][42]

Koinzidenz 2012 DA14[Bearbeiten]

Die Bahnen des Tscheljabinsk-Meteoroiden und (367943) Duende sind komplett verschieden
Dichteste Annäherung des Asteroiden 367943 Duende an die Erde, maßstabsgetreu.

Der Meteoritenfall fand nur ca. 20 Stunden vor der größten Erdannäherung des Asteroiden (367943) Duende statt. Dieser hat etwa den doppelten Durchmesser des Tscheljabinsk-Meteoroiden und eine geschätzte Masse von 130.000 Tonnen.[43] Laut der Europäischen Weltraumorganisation und der NASA[33][31] ist ein Zusammenhang der beide Ereignisse aufgrund stark unterschiedlicher Bahnen der Objekte auszuschließen.[44]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Meteor bei Tscheljabinsk vom 15. Februar 2013 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Videos[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Flickr-Seite mit Angabe des Kameraorts
  2. Zeichnung auf Grundlage von Zuluaga, J.I. and Ferrin, I. "A preliminary reconstruction of the orbit of the Chelyabinsk Meteoroid.", ArXiv e-prints, arxiv:1302.5377 February 2013. (21. Feb. 2013)
  3. Russian Meteor. NASA. Abgerufen am 15. Februar 2013.
  4. Rund 500 Verletzte durch Meteoriteneinschlag am Ural. In: RIA Novosti. 15. Februar 2013, abgerufen am 15. Februar 2013 (deutsch).
  5. Daniel Lingenhöhl: Dem Tscheljabinsk-Meteorit auf der Spur. Meldung vom 25. Februar 2013 bei Spektrum.de.
  6. Jorge I. Zuluaga, Ferrin, Ferrin, Ignacio: A preliminary reconstruction of the orbit of the Chelyabinsk Meteoroid. 1302, 2013, S. 5377. arXiv:1302.5377. Bibcode: 2013arXiv1302.5377Z.
  7. Fireball sparks alarm in Russia. Abgerufen am 15. Februar 2013 (englisch).
  8. Kathrin Spoerr: Warum Russen Armaturenbrett-Kameras haben. In: Die Welt vom 15. Februar 2013. Abgerufen am 16. Februar 2013.
  9. http://online.wsj.com/article/SB10001424127887324162304578305163574597722.html?mod=WSJ_hpp_LEFTTopStories#
  10. 400 injured by meteorite falls in Russian Urals. Abgerufen am 15. Februar 2013 (englisch).
  11. Число пострадавших при падении метеорита приблизилось к 1500 (russisch)
  12. Hunderte Verletzte durch Meteoritenschauer in Russland. Abgerufen am 15. Februar 2013.
  13. Militär entdeckt Sechs-Meter-Krater. Abgerufen am 15. Februar 2013.
  14. 20 Minuten Online: Wettersatellit filmte Eintritt in die Erdatmosphäre. Abgerufen am 15. Februar 2013.
  15. Russische Wissenschaftler finden Teile des Meteoriten zeit.de; Wissenschafter: Fragmente des Meteoriten in Russland gefunden derstandard.at
  16. Russians Wade Into the Snow to Seek Treasure From the Sky nytimes.com, abgerufen am 19. Februar 2013
  17. Russian Meteorite May Be Named Chebarkul en.rian.ru, abgerufen am 2. März 2013
  18. Chelyabinsk Offizieller Eintrag des Meteoriten 'Chelyabinsk' in der Datenbank der Meteoritical Society, lpi.usra.edu, abgerufen am 11. November 2013
  19. Уральские ученые нашли килограммовый осколок метеорита (russisch)
  20. Rianovosti: One-Kilo Meteorite Fragment Found (25. Februar 2013)
  21. Осколок метеорита весом около 600 кг достали из озера в Челябинской области (russisch)
  22. Meteorite pulled from Russian lake (englisch)
  23. Additional Details on the Large Fireball Event over Russia on Feb. 15, 2013 "The second diagram shows the impactor's final trajectory over the last several hours, as it approached the Earth along a direction that remained within 15 degrees of the direction of the Sun. Asteroid detection telescopes cannot scan regions of the sky this close to the Sun." neo.jpl.nasa.gov
  24. Russian meteor largest in a century, nature.com
  25. CTBTO Infrasound Stations Detect Russian Meteorite Blast, ctbto.org
  26. Risk of massive asteroid strike underestimated nature.com, abgerufen am 11. November 2013
  27. A Preliminary Report on the Chelyabinsk Fireball/Airburst (PDF; 43 kB)
  28. Tilmann Althaus: Der Tscheljabinsk-Bolide - sein Ursprung und seine Folgen. Spektrum.de, 6. November 2013.
  29. P. G. Brown et. al.: A 500-kiloton airburst over Chelyabinsk and an enhanced hazard from small impactors. Nature Letter, 6. November 2013, doi:10.1038/nature12741.
  30. CBET 3423:20130223: Trajectory and Orbit of the Chelyabinsk Superbolide, Astronomical Telegrams, International Astronomical Union, cbat.eps.harvard.edu; repro.
  31. a b Additional Details on the Large Fireball Event over Russia on Feb. 15, 2013. NASA/JPL. 1. März 2013. Abgerufen am 24. März 2013.
  32. A Preliminary Report on the Chelyabinsk Fireball/Airburst (PDF; 43 kB)
  33. a b NASA Jet Propulsion Laboratory: Russia Meteor Not Linked to Asteroid Flyby. Abgerufen am 16. Februar 2013.
  34. So hell wie 30 Sonnen faz.net, abgerufen am 21.November 2013
  35. Russian Fireball Largest Ever Detected by CTBTO’s Infrasound Sensors, 18. Febr. 2013
  36. Magnitude ? (uncertain or not yet determined) - URAL MOUNTAINS REGION, RUSSIA; M0.0 - Meteor Explosion Near Chelyabinsk, Russia usgs.gov, abgerufen am 21. Februar 2013
  37. Meteorite Slams into Atmosphere Above Chelyabinsk, Russia noaa.gov; Satellite Views of Meteor Vapor Trail Over Russia wisc.edu
  38. Der Meteor von Tscheljabinsk hat eine Familie scienceblogs.de/astrodicticum-simplex; C. de la Fuente Marcos, et al: The Chelyabinsk superbolide: a fragment of asteroid 2011 EO40? arxiv.org, abgerufen am 1. August 2013
  39. Tscheljabinsk-Meteorit: Die Kraft von 600 Kilotonnen TNT spiegel.de
  40. Unerwartet gewaltiger Einschlag heise.de, abgerufen am 8. November 2013
  41. Das Produkt einer kosmischen Kollision orf.at
  42. Jadeite in Chelyabinsk meteorite and the nature of an impact event on its parent body nature.com, abgerufen am 23. Mai 2014
  43. NASA-Bericht vom 4. Februar 2013
    veraltete Schätzung der ESA vom 15. März 2012
  44. 500 Menschen bei Meteoritenregen verletzt. Abgerufen am 15. Februar 2013 (deutsch).

55.15472222222261.375833333333Koordinaten: 55° 9′ 17″ N, 61° 22′ 33″ O