Michael Hartmann (Soziologe)

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Michael Hartmann im Oktober 2008

Michael Hartmann (* 24. August 1952 in Paderborn) ist Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Elitesoziologie, Managementsoziologie, Industrie- und Organisationssoziologie an der Technischen Universität Darmstadt.

Er ist seinem Selbstverständnis nach Sozialist und vertritt als Kritiker der deutschen Gegenwartsgesellschaft seine politischen Positionen öffentlich und auch als Gast in Fernseh-Talkshows.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Hartmann bestand 1971 die Abiturprüfung am altsprachlichen Gymnasium Theodorianum in seiner Geburtstadt Paderborn. Sein Studium von 1971 bis 1976 in den Fächern Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie, Geschichte, Germanistik und Psychologie an den Universitäten in Marburg und Hannover schloss er mit dem M. A. in Soziologie und Politikwissenschaften ab. Im Jahre 1979 promovierte er in Hannover zum Dr. phil. 1983 habilitierte er sich in Soziologie an der Universität Osnabrück.

Nach verschiedenen Projektarbeiten, befristeten Tätigkeiten, Gast- und Vertretungsprofessuren sowie kurzen Phasen von Unterbeschäftigung/Erwerbslosigkeit ist Michael Hartmann seit 1999 Professor für Soziologie am Fachbereich Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften der Technischen Universität Darmstadt. Hartmanns Forschungsinteresse gilt unter Anderem besonders der Elitenforschung sowie der Globalisierung und deren Einfluss auf die unterschiedlichen nationalen Wirtschaftstile (Globalization and National Economic Cultures).[1]

Hochschulpolitisch setzt er sich gegen Studiengebühren an deutschen Universitäten und die Förderung sogenannter „Eliteuniversitäten“ ein.

[Bearbeiten] Der Mythos von den Leistungseliten

In seiner viel beachteten empirischen Studie Der Mythos von den Leistungseliten untersucht Hartmann die Bedeutung der sozialen Herkunft beim Zugang zu Elitepositionen in der Bundesrepublik Deutschland. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sie eine erhebliche Bedeutung habe beziehungsweise die Chancengleichheit diesbezüglich erhebliche Defizite aufweise. Er arbeitet den großen Einfluss heraus, den die soziale Herkunft bei der Besetzung solcher Position spielt.

Michael Hartmann hat die Biografien von 6500 Doktoren der Promotionsjahre 1955, 1965, 1975 und 1985 in der Bundesrepublik Deutschland untersucht, um heraus zu finden, ob die soziale Herkunft bei Akademikern mit dem höchsten Bildungsabschluss für den Aufstieg in die Elite relevant ist. Dabei konzentrierte er sich wegen ihrer Bedeutung für die Herrschaftsstruktur in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Politik auf Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure. Zum Einen stellt Hartmann fest, dass bereits die Promotion sozial hoch selektiv ist. Zum Anderen zeigt sich, dass bei Betrachtung des weiteren Karriereverlaufs der Promovierten Spitzenpositionen in den untersuchten Bereichen in überrepräsentativen Ausmaß von Kindern des Großbürgertums und des gehobenen Bürgertums besetzt werden. Dabei unterliegt der Wirtschaftsbereich einer stärkeren sozialen Selektion als die Bereiche Justiz und Politik. Hartmann begründet dies mit der Wahlmöglichkeit der aus Großbürgertum und gehobenen Bürgertum stammenden Kinder, die vorwiegend in Positionen der Wirtschaft drängen und sich erst dann für Justiz und Politik entscheiden, wenn die gesamtwirtschaftliche Situation die Aussichten auf eine Wirtschaftskarriere schmälert.

Die in der strukturfunktionalistischen Schule der Eliteforschung vertretene Position, die Rekrutierung der Eliten erfolge vorrangig anhand der individuellen Leistung, hat sich insoweit nicht bestätigt. Auch die Hoffnungen von Ralf Dahrendorf und den meisten anderen Eliteforschern, die Bildungsexpansion mit ihrer sozialen Öffnung der Hochschulen werde an der Bedeutung der sozialen Herkunft bei der Rekrutierung der Eliten Wesentliches ändern, hätten sich dementsprechend nur unzureichend erfüllt. Zwar sei es zunächst durchaus zu einer Öffnung der Promotion für breitere Teile der Gesellschaft gekommen, doch habe bei den untersuchten Jahrgängen inzwischen eine weitere soziale Selektion bei der Verteilung von Spitzenpositionen eingesetzt.

Zusammenfassend habe also die Bildungsexpansion zwar den Zugang zu den Bildungsinstitutionen für breite Gesellschaftsteile erleichtert, nicht aber den zu den Elitepositionen.

[Bearbeiten] Seine Forschung/Ergebnisse

  • Die deutschen Eliten stammen ganz überproportional aus den Reihen des Bürgertums. (Zum „Bürgertum“ zählen bei ihm größere Unternehmer und Grundbesitzer, akademische Freiberufler, leitende Angestellte sowie höhere Beamte und Offiziere.) In der Vätergeneration der heutigen Eliten stellten diese Berufsgruppen ca. 3,5 % der männlichen Erwerbstätigen. Weitgehend einig ist man sich auch in der Einschätzung, dass die politische Elite sozial am durchlässigsten und die Wirtschaftselite am geschlossensten ist.
  • Es besteht ein prinzipieller Zusammenhang zwischen der sozialen Selektivität des deutschen Bildungssystems und der sozialen Rekrutierung der deutschen Eliten.
  • Verantwortlich für das soziale Ungleichgewicht sind zwei Aspekte. Zum Einen gibt es eine Vielzahl von Auslesemechanismen innerhalb des deutschen Bildungssystems, das sich im internationalen Vergleich - wie die Schülerleistungsstudie PISA deutlich gezeigt hat - durch eine besonders ausgeprägte soziale Selektion auszeichnet. Die Dreigliederung des Schulwesens spielt in dieser Hinsicht eine entscheidende Rolle. Nach einer Erhebung unter allen Hamburger Fünftklässlern benötigt zum Beispiel ein Kind, dessen Vater das Abitur gemacht hat, ein Drittel weniger Punkte für eine Gymnasialempfehlung als ein Kind mit einem Vater ohne Schulabschluss. Bei Versetzungsentscheidungen sind dieselben Mechanismen zu beobachten. Zum Anderen spielen Selektionsmechanismen während des Berufslebens eine Rolle, die sich im Wesentlichen auf Persönlichkeitsmerkmale beziehen. Die Bedeutung der ‚richtigen Chemie‘ oder des ‚Bauchgefühls‘ hängt wesentlich mit dem Bedürfnis der führenden Kader zusammen, sich mit Personen zu umgeben, denen man vertrauen und in dessen Folge auch besser einschätzen kann. Man müsse sich einen Vorstand, so ein interviewter Topmanager, in der Regel als eine Schicksalsgemeinschaft vorstellen, die gemeinsam erfolgreich sei oder aber scheitere. Maßgeblich dafür, ob man glaubt, jemandem vertrauen zu können, und damit auch für die Entscheidung, ob diese Person als Vorstandskollege akzeptiert wird, ist letztlich der Habitus der Person. Der gewünschte Habitus wird in den Chefetagen der deutschen Großunternehmen an vier zentralen Persönlichkeitsmerkmalen festgemacht:
    • Man sollte eine intime Kenntnis der Dress- und Benimmcodes aufweisen, weil dies aus Sicht der Entscheider anzeigt, ob der Kandidat die geschriebenen und vor allem die ungeschriebenen Regeln und Gesetze in den Chefetagen der Wirtschaft kennt und auch zu beherzigen gewillt ist.
    • Eine breite Allgemeinbildung ist erwünscht, weil sie als ein klares Indiz für den berühmten und als unbedingt notwendig erachteten ‚Blick über den Tellerrand‘ angesehen wird.
    • Notwendig ist auch eine breite unternehmerische Einstellung und der damit als notwendig erachteten optimistischen Lebenseinstellung.
    • Persönliche Souveränität in Auftreten und Verhalten als wichtigstes Element schließlich zeichnet in den Augen der Verantwortlichen all diejenigen aus, die für Führungsaufgaben dieser Größenordnung geeignet seien.
    • Solche habituellen Persönlichkeitsmerkmale werden in erster Linie von dem Milieu vermittelt, in dem man aufgewachsen ist, und sind nicht durch fachliche persönliche Leistung zu erwerben.

[Bearbeiten] Publikationen

  • Michael Hartmann: Eliten und Macht in Europa. Ein internationaler Vergleich. Campus Verlag, Frankfurt am Main [u.a.] 2007, ISBN 3-5933-8434-5.
  • Michael Hartmann: Elitesoziologie. Eine Einführung. Campus Verlag, Frankfurt am Main [u.a.] 2004, ISBN 3-5933-7439-0.
  • Michael Hartmann: Eliten in Deutschland - Rekrutierungswege und Karrierepfade. In: Das Parlament, Politik und Zeitgeschichte. 10, 2004, S. 17-21.
  • Michael Hartmann: Der Mythos von den Leistungseliten. Campus Verlag, Frankfurt am Main [u.a.] 2002, ISBN 3-593-37151-0.
  • Michael Hartmann: Topmanager – Die Rekrutierung einer Elite. Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-5933-5513-2.
  • Michael Hartmann: Juristen in der Wirtschaft. Beck, München 1990, ISBN 3-406-34650-2.
  • Michael Hartmann: Rationalisierung im Widerspruch. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-593-33416-X.
  • Michael Hartmann: Rationalisierung der Verwaltungsarbeit im privatwirtschaftlichen Bereich. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-593-32875-5.

[Bearbeiten] Quellen und Einzelnachweise

  1. Wissenschaftlicher Werdegang Hartmanns auf den Internetseiten der TU-Darmstadt (gesichtet am 4. September 2008)

[Bearbeiten] Weblinks

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