Michael Tomasello

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Michael Tomasello (* 18. Januar 1950 in Bartow, Florida, USA) ist ein US-amerikanischer Anthropologe und Verhaltensforscher.

Wissenschaftlicher Werdegang[Bearbeiten]

Nach Studium der Psychologie an der Duke University und Promotion in Experimentalpsychologie an der University of Georgia lehrte er von 1980 bis 1998 an der Emory University Psychologie, wo er seit 1982 auch am nationalen Zentrum für Primatenforschung arbeitete. Seit 1998 ist er Co-Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, wo er das Wolfgang-Köhler-Primaten-Forschungszentrum leitet. Seit 1999 ist er Honorarprofessor an der Universität Leipzig.

Geteilte Intentionalität[Bearbeiten]

Michael Tomasello beschäftigt sich mit der Evolution der menschlichen Sprache, auch um den Unterschied zwischen Menschen und Tieren zu beschreiben. Dies führte zu der Entwicklung des Konzeptes der geteilten Intentionalität (shared intentionality oder auch Wir-Intentionalität):[1][2]

  • Es gibt drei grundlegende Motive für Kommunikation: Auffordern, Informieren, Teilen (Nahrung, Gefühle, Einstellungen).
  • Die menschliche sprachliche Kommunikation ist aus der gestischen Kommunikation hervorgegangen.
  • Es gibt prinzipiell zwei verschiedene Arten gestisch zu kommunizieren, Zeigegesten und ikonische Gesten. Ikonische Gesten wurden in der phylogenetischen Entwicklung des Menschen durch Sprache ersetzt, Zeigegesten werden zusätzlich verwendet.
  • Die gestische Kommunikation setzt ein Verstehen der Intentionen des Gegenübers voraus. Das Auffordern erfordert hierbei lediglich das Verständnis der subjektiven Intentionen des Gegenübers, Informieren und Teilen hingegen erfordern eine geteilte Intentionalität, mit anderen zusammen an kooperativen Aktivitäten mit geteilten Zielen und gemeinsamen Absichten teilzunehmen. Menschenaffen können Intentionen von anderen Affen und Menschen erfassen und kommunizieren gestisch um aufzufordern. Aber nur Menschen kommunizieren zum Zweck des Informierens und des Teilens, weil nur sie Intentionen aufeinander abstimmen.
  • Das Teilen führte zu einem starken Gruppenzusammenhalt. Gruppenselektionsdruck führte zur Bildung von Gruppennormen.

Konventionale Sprachen gingen aus der gestischen Kommunikation hervor, wobei Zeigegesten weiter die sprachliche Kommunikation ergänzen. Ikonische Gesten wurden durch sprachliche Äußerungen ersetzt. Durch eine Drift (Gesten werden durch mangelndes Verständnis des gemeinsamen Hintergrunds in der Gemeinschaft falsch interpretiert, wobei sich nach und nach eine neue Bedeutung der Gesten durchsetzte) veränderten sich die Bedeutungen von Gesten, weg von einer natürlichen hin zu einer arbiträren Bedeutung.

Die Evolution von der auffordernden Kommunikation über die informierende Kommunikation zur teilenden Kommunikation ging einher mit einer zunehmenden Komplexität der zugehörigen Grammatiken.

Das Konzept beruht u. a. auf umfangreichen empirischen Studien zur Kommunikation von Menschenaffen, dem Spracherwerb von Kindern und der Gehörlosenkommunikation.

Auszeichnungen und Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Tomasello ist seit 2001 Mitglied der Leopoldina, 2004 erhielt er den Internationalen Preis der Fyssen-Stiftung.[3] 2006 wurde Tomasello mit dem Jean-Nicod-Preis ausgezeichnet, im Jahr 2009 mit dem Hegel-Preis der Stadt Stuttgart und dem Oswald-Külpe-Preis der Universität Würzburg. 2010 wurde ihm zusammen mit Timothy G. Bromage der Max-Planck-Forschungspreis zuerkannt. 2011 zeichnete ihn die Jacobs Foundation mit dem Klaus J. Jacobs Forschungspreis aus und von der British Academy erhielt er den Wiley Prize in Psychology.[4] Tomasello wurde als Albertus-Magnus-Professur 2014 der Universität zu Köln ausgewählt.

Publikationen[Bearbeiten]

  • Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002.
  • Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009. (Originaltitel: Origins of Human Communication.)
  • Warum wir kooperieren. Suhrkamp Verlag Berlin 2010. (Originaltitel: Why We Cooperate)

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Tomasello, Malinda Carpenter, Josep Call, Tanya Behne, Henrike Moll: Understanding and sharing intentions: The origins of cultural cognition. In: Behavioral and Brain Sciences. 28, 2005, S. , doi:10.1017/S0140525X05000129. (online; PDF; 1,1 MB)
  2. Michael Tomasello, Malinda Carpenter: Shared intentionality. In: Developmental Science. 10, 2007, S. 121–125, doi:10.1111/j.1467-7687.2007.00573.x. (online; PDF; 134 kB)
  3. Prix international: Lauréats. auf: fondationfyssen.fr
  4. General Psychology: Wiley Prize in Psychology. In: Wiley Online Library.