Michail Sergejewitsch Woslenski

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Michail Sergejewitsch Woslenski (auch Michael Voslensky; russisch Михаил Сергеевич Восленский, wiss. Transliteration Michail Sergeevič Voslenskij; * 6. Dezember 1920 in Berdjansk (Ukraine); † 8. Februar 1997 in Bonn) war ein russischer Historiker und Politikwissenschaftler.

Leben[Bearbeiten]

Er war sowjetischer Dolmetscher beim Nürnberger Prozess und im Alliierten Kontrollrat für Deutschland. Er habilitierte sich als Historiker in Moskau und als Philosoph in der DDR.

Seit 1955 arbeitete er an der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Von 1950 bis zu seiner Ausreise aus der Sowjetunion war er in engem Kontakt mit dem Apparat des ZK der KPdSU. Seit 1972 lebte er in Deutschland, arbeitete am Forschungsinstitut für sowjetische Gegenwart. Er galt international als einer der besten Kenner der inneren Verhältnisse der Sowjetunion und authentischer Kommunismus-Kritiker.

Woslenskis im Westen erschienenes Hauptwerk ist eine Trilogie über die sowjetische Nomenklatura. Der erste Band wurde in vierzehn Sprachen übersetzt und beeinflusste nachhaltig die soziologische Diskussion über die Gesellschaft in der Sowjetunion; dort wurde er anfangs nur im Samisdat veröffentlicht, die erste Ausgabe erschien 1991 im Verlag Oktjabr in Moskau.

Der dritte Band[1] basiert auf detailliertem Studium der nach 1991 zugänglich gemachten Archive des ZK der KPdSU, in die Woslenski, wie z.B. auch Wladimir Bukowski, detailliert und umfangreich Einblick nahm. Hier belegt Woslenski mit vielen Originaldokumenten unter anderem die Millionenzahlungen der Sowjetunion an westliche kommunistische Parteien und linke Arbeiterorganisationen, die entweder über KGB-Mitarbeiter überreicht wurden oder an befreundete Firmen in vielen europäischen und außereuropäischen Staaten, so auch in der Bundesrepublik Deutschland, überwiesen wurden.

Die in den 1990er Jahren in Russland stattfindende Transformation von Teilen der früheren Parteielite in eine neue Unternehmerschicht, beurteilte Woslenski skeptisch. Er war der Ansicht, dass die ehemalige Nomenklatura prinzipiell nicht in der Lage sei, in einer sich formierenden Marktwirtschaft soziale Elemente zu etablieren. Folglich sei sie ein Hindernis bei der Gestaltung sozialen Wandels.

Kritik[Bearbeiten]

Andere Rezensenten haben das 3. Buch Woslenskys, insbesondere seine "...Erklärung für den Terror [...als] nicht über das Niveau des Enthüllungsjournalismus der russischen Tagespresse hinaus"-kommend bezeichnet[2] "Anders als der Titel eingibt, spielt das Jahr 1917 in Voslenskys Buch keine Rolle." Es wird ihm vorgeworfen "...von der weit vorangeschrittenen Diskussion über die Opferzahlen im Stalinismus [..] keine Notiz" genommen zu haben. Voslensky berechnete "....eine Zahl von 140.000 Opfern, die der NKWD während der Aktionen des Großen Terrors" 1937/38 umbrachte. Aus den russischen Archiven wissen wir jedoch seit einiger Zeit, dass über 680.000 Menschen erschossen wurden." Und schließlich: "Wer die Geschichte der Sowjetunion nur als eine Geschichte der Verbrechen der KPdSU und des KGB sehen will, der wird in Voslenskys Buch eine Bestätigung finden. Wer Antwort auf die Frage sucht, wie die Sowjetunion über siebzig Jahre überlebte und warum sie dann zusammenbrach, kann auf eine ganze Reihe fundierterer und besser lesbarer Arbeiten zurückgreifen."·

Werke[Bearbeiten]

  • Nomenklatura. Die herrschende Klasse der Sowjetunion. Molden, Wien 1980, ISBN 3-217-00564-3; 3. aktualisierte und erweiterte Ausgabe unter dem Titel Nomenklatura. Die herrschende Klasse der Sowjetunion in Geschichte und Gegenwart. Nymphenburger, München 1987, ISBN 3-485-00524-X
  • Sterbliche Götter. Die Lehrmeister der Nomenklatura. Straube, Erlangen/Bonn/Wien 1989, ISBN 3-927491-11-X; Ullstein, Frankfurt/Berlin 1991, ISBN 3-548-34807-6
  • Das Geheime wird offenbar. Moskauer Archive erzählen. 1917 - 1991. Langen Müller, München 1995, ISBN 3-7844-2536-4

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael S. Voslensky: Das Geheime wird offenbar. Moskauer Archive erzählen. 1917-1991. Aus dem Russischen von Kurt Baudisch. Langen Müller Verlag, München 1995. 546 Seiten.
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMarkus Wehner: Was sind das doch für infame Dokumente. In: FAZ.net. 25. Oktober 1995, abgerufen am 16. Dezember 2014.

Weblinks[Bearbeiten]