Mindesteigenkapitalanforderungen für Kreditrisiken

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Die Mindesteigenkapitalanforderungen für Kreditrisiken sind Teil der „ersten Säule“ von Basel II. Sie regeln die Menge an Eigenkapital, die Banken in Abhängigkeit vom Risiko der Kredite vorhalten müssen.

Dabei werden differenziertere Verfahren für die Risikogewichtung vorgeschlagen, welche das Risiko des Kredites berücksichtigen. Banken können zukünftig zwischen folgenden Ansätzen wählen:

  • Standardansatz mit diskreten Risikogewichten (KSA)
  • einfacher IRB-Ansatz (Internal Ratings-Based Approach) mit stetigen Risikogewichten
  • fortgeschrittener IRB-Ansatz

Je nach Anwendung des Ansatzes werden unterschiedliche Risikogewichte (im Grundsatz 1 auch: Bonitätsgewichtungsfaktoren) angesetzt, welche auf Basis unterschiedlicher externer bzw. interner Ratings ermittelt werden. Durch Basel II werden Instrumente, die die Kreditausfallrisiken mindern, umfassend berücksichtigt.

Kreditrisiko-Standardansatz (KSA)[Bearbeiten]

Im Kreditrisiko-Standardansatz sind diskrete Risikogewichte (0, 10, 20, 50, 100, 150 %), die von externen Ratings der Kreditnehmer abhängen, anzuwenden.

  • Staaten und Zentralbanken: Hier wird das Länderrating oder Länderklassifizierungen von Exportkreditagenturen herangezogen
  • Banken, Wertpapierfirmen und öffentliche Stellen: Banken erhalten ein um eine Stufe höheres Risikogewicht als das entsprechende Land oder das anzuwendende Risikogewicht beruht auf der Rating-Klassifizierung der jeweiligen Bank
  • Unternehmen: Forderungen an Nichtbanken sind abhängig vom Rating des Unternehmens; liegt ein solches nicht vor so gilt ein Risikogewicht von 100 %
  • Forderungen im regulatorischen Retail-Portfolio: Risikogewicht pauschal 75 %
  • Hypothekarkredite: Risikogewicht 50 % (35 % für durch Wohnimmobilien besicherte Forderungen an Privatpersonen)
  • Eigenkapitalbeteiligungen: Risikogewicht 100 %
  • andere Bilanzaktiva, die nicht zum Handelsbuch gehören: Risikogewicht 100 %

Beispiele[Bearbeiten]

Beispiele zu Mindesteigenkapitalanforderungen: Basel II wie Basel III, je nach Risiko:

Forderungen an Staaten[Bearbeiten]

Die Bonität wird entweder durch ein Länderrating festgelegt oder durch die Klassifizierung einer Exportkreditagentur (ECA):

Basis EK-Quote: 8 % AAA bis AA- / BS* 1 A+ bis A- / BS* 2 BBB+ bis BBB- / BS* 3 BB+ bis B- / BS* 4 bis 5 CCC+ und darunter / BS* 6 Unbeurteilt
Von 8 Prozent 0 % 20 % 50 % 100 % 150 % 1250 %
Absolute Prozent 0 % 1,6 % 4 % 8% 12 % 100 %

BS* = Bonitätsstufe

Gem. [VO (EU) 575/2013] Artikel 114 Absatz 4 wird Risikopositionen gegenüber Zentralstaaten und Zentralbanken der Mitgliedstaaten, die auf die Landeswährung dieses Zentralstaats und dieser Zentralbank lauten und in dieser Währung refinanziert sind, ein Risikogewicht von 0 % zugewiesen.

Forderungen an Unternehmen[Bearbeiten]

Forderungen an Nichtbanken, inkl. Versicherungen:

Basis EK-Quote: 8 % AAA bis AA- A+ bis A- BBB+ bis BB- Unter BB- Unbeurteilt
Von 8 Prozent 20 % 50 % 100 % 150 % 1250 %
Absolute Prozent 1,6 % 4 % 8% 12 % 100 %

Sofern Kreditnehmer Sicherheiten stellen, können gegebenenfalls geringere Risikogewichte angewendet werden.

LGD (Loss Given Default)[Bearbeiten]

Im Standardansatz werden Sicherheiten durch Minderung des Risikogewichtes berücksichtigt.

PD (Probability of Default): Zuordnung zu Ratingklasse mit durchschnittlicher Ausfallwahrscheinlichkeit.

Besicherung[Bearbeiten]

Es bestehen nur finanzielle Sicherheiten.

Berücksichtigung der Laufzeit[Bearbeiten]

Die Laufzeit wird bei der Eigenmittelunterlegung im Standardansatz nicht berücksichtigt.

Kreditrisikominderung[Bearbeiten]

Um das Kreditrisiko zu vermindern, können sich Kreditinstitute beispielsweise Nettingvereinbarungen bedienen. Weiterhin wirken sich finanzielle Sicherheiten mindernd auf den Exposure sowie auf das Risikogewicht aus während Kreditderivate lediglich die Risikogewichte beeinflussen.

IRB-Ansatz[Bearbeiten]

Mit der Anwendung des internen Rating-Ansatzes (Internal Ratings Based Approach) wird die Eigenmittelunterlegung nach interner Bonitätseinschätzung festgelegt. Dabei werden kreditnehmerspezifische und kreditspezifische Merkmale berücksichtigt. Die Ratings müssen von einer unabhängigen Instanz vorgenommen werden.

Im IRB-Ansatz ist eine stetige Risikogewichtungsfunktion anzuwenden, die von vier Risikoparametern abhängt. Im Basisansatz ist nur die Ausfallwahrscheinlichkeit (PD), im fortgeschrittenen Ansatz sind zusätzlich Verlustquote bei Ausfall (LGD), ausfallgefährdeter Betrag (EAD) und effektive Laufzeit (M) auf Basis interner Ratings zu schätzen.

Für die Schätzung der Ausfallwahrscheinlichkeiten bieten sich folgende Faktoren an:

  • Heranziehen interner Daten über die Ausfallerfahrungen in der Vergangenheit
  • Verbindung der Rating-Klassen des internen Systems mit Rating-Kategorien von Rating-Agenturen.
  • Verwendung statistischer Modelle mit unmittelbarer Zuordnung von Ausfallwahrscheinlichkeiten.

Die IRB-Formel lautet:

 \text{Eigenmittel} = \text{Exposure at Default} \cdot \text{Risikogewicht} \
\mathrm{Risikogewicht} = \mathrm{LGD} \cdot \text{Value at Risk pro EH Exposure u pro EH LGD} \cdot \text{Restlaufzeit} \

PD: VaR pro Einheit Exposure und pro Einheit (EH) LGD, Ausfallwahrscheinlichkeit auf ein Jahr.

Assetklassen im IRB-Ansatz[Bearbeiten]

  • Staaten und Zentralbanken
  • Banken und Wertpapierfirmen
  • Forderungen an Unternehmen

Mindestanforderungen für interne Ratings[Bearbeiten]

Kreditspezifische Faktoren sind maßgeblich für die Schätzung des LGD. Diese werden in den IRB-Ansätzen unterschiedlich berücksichtigt. Im fortgeschrittenen Ansatz werden auch kreditnehmerspezifische Aspekte berücksichtigt. Beim Retail-Portfolio werden die Ausfallwahrscheinlichkeit (PD: Probability of Default) und der Exposure at Default (EAD) institutsintern bestimmt. Bei Verzug der Zahlungen kommen diese Positionen in einen gesonderten Pool.

Kreditrisikominderung im IRB-Ansatz[Bearbeiten]

Auch beim IRB-Ansatz mindern Nettingvereinbarungen den Exposure, Sicherheiten den Loss Given Default und Kreditderivate bzw. Garantien den Value at Risk (PD) und können im fortgeschrittenen Ansatz den LGD mindern.

IRB-Basisansatz[Bearbeiten]

Beim IRB-Basisansatz werden individuelle Risikogewichte gewählt. Es müssen Mindestanforderungen erfüllt werden, beispielsweise die Datenhistorie belegt oder ein sog. "use test" gemacht werden. Es wird ein stetiges Risikogewicht auf der Basis intern ermittelter Ausfallwahrscheinlichkeiten ermittelt. Alle Parameter werden vom Gesetzgeber vorgegeben. Die Bestimmung von Risikogewichten folgt einem weitgehend einheitlichen Schema, wobei die einzelnen Komponenten multiplikativ verknüpft sind.

LGD im Basisansatz[Bearbeiten]

Im Unternehmensportfolio sind Standardwerte festgesetzt (45 % für unbesicherte Forderungen, 75 % für nachrangige Forderungen). Im Mengengeschäft (auch Retail-Portfolio genannt) erfolgt eine interne Schätzung der LGD.

Besicherung[Bearbeiten]

Die Besicherung ist im Unternehmensportfolio begrenzt auf finanzielle Sicherheiten und auf marktgängige physische Sicherheiten. Im Mengengeschäft können (theoretisch) jegliche Sicherheiten in die interne Schätzung der Verlustquote bei Ausfall (LGD) einbezogen werden.

Berücksichtigung der Laufzeit[Bearbeiten]

Es wird eine durchschnittliche effektive Laufzeit von 2,5 Jahren angenommen.

Fortgeschrittener IRB-Ansatz[Bearbeiten]

Damit Banken zur Nutzung des fortgeschrittenen IRB-Ansatzes berechtigt sind, müssen erweiterte Mindestanforderungen erfüllt werden. Es wird ein stetiges Risikogewicht auf der Basis der intern ermittelten Ausfallwahrscheinlichkeit, der Verlustquote, dem Exposure at Default und der Laufzeit ermittelt. Es handelt sich dabei um interne Ratings.

Wichtig ist, dass für alle Positionen nur ein einheitlicher Ansatz zu wählen ist. Es besteht ein Anreiz, ein fortgeschritteneres Verfahren zu wählen. Denn hier gelten geringere Unterlegungssätze.

LGD[Bearbeiten]

Der LGD wird im fortgeschrittenen Ansatz individuell geschätzt. Dadurch können theoretisch alle denkbaren Sicherheiten zur Minderung der Kapitalanforderungen berücksichtigt werden. Im Rahmen der Mindestanforderungen ist jedoch nachzuweisen, dass die internen Schätzverfahren stabile und zuverlässige Prognosen liefern.

Laufzeit[Bearbeiten]

Die Berechnung der effektiven Restlaufzeit durch die Bank ist möglich. Es sind die Untergrenzen 1 Jahr und als Obergrenze 5 Jahre vorgeschrieben, wobei für bestimmte Geschäfte (z.B. Repos) auch kürze Laufzeiten gelten. Im Rahmen von nationalen Wahlrechten können Staaten hiervon abweichend festlegen, dass auch im fortgeschrittenen IRB-Ansatz i.d.R. eine einheitliche Laufzeit von 2,5 Jahren anzusetzen ist.

Auswirkungen und Relevanz[Bearbeiten]

Banken können durch die Nutzung der aufwendigeren Risikomessung gemäß der Eigenkapitalvorschriften nach Basel II ihre Kapitalanforderungen deutlich senken. Dagegen führt eine Anwendung des Standardansatzes zu einer Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen im Vergleich zu Grundsatz 1.

Kredite an den Mittelstand[Bearbeiten]

Die Eigenkapitalvorschriften von Basel II haben insbesondere Kritik vom deutschen Mittelstand hervorgerufen. Grund ist die Vermutung, dass Kredite an den Mittelstand teurer würden. Dagegen hat Basel II ambivalente Effekte:

Kredite werden teurer:

  • da es im Mittelstand mehr Kreditnehmer mit "schlechten" als mit "guten" Ratings gibt. Gründe können
    • geringere Eigenkapitalausstattung,
    • fehlende Diversifikation,
    • fehlende Nachfolgeregelung oder
    • keine schriftlich fixierte Unternehmensstrategie sein.
  • da bestimmte Banken Basel II "als Vorwand" für eine stärker risikoorientierte Konditionensetzung (v.a. Zinserhöhung für schlechte Bonitäten) verwenden werden.
  • da möglicherweise erhöhte Betriebskosten (Risikomanagement, Informationstechnologie etc.) an die Kunden weitergegeben werden.

Kredite werden billiger:

  • da nach Basel II (im Gegensatz zu Basel I) auch (in zunehmendem Maße) Absicherungstechniken berücksichtigt werden sollen.
  • da ein großer Teil von ihnen als "Retail-Exposures" qualifiziert werden könnte und für diese eine niedrigere Risikogewichtung als für "Corporate Exposures" vorgesehen ist.

Vorgehensweise zur Ermittlung der Eigenkapital-Anforderungen[Bearbeiten]

Standardansatz IRB-Basisansatz Fortgeschrittener IRB-Ansatz
Mindestanforderungen für Wahl der Ansätze keine eigene Risikomodelle eigene Risikomodelle mit...
Methode der Risikomessung externes Rating internes Rating internes Rating
Interne Schätzung von Risikoparametern keine PD (EAD, LGD nur im Mengengeschäft) EAD, PD, LGD
Anerkennung von Kreditrisikoabsicherungstechniken Nettingvereinbarungen