Minitel

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Minitel 1 aus dem Jahr 1982
Minitel-Terminal der Fa. Alcatel

Minitel war ein etwa 30 Jahre lang ausschließlich in Frankreich angebotener und genutzter Onlinedienst. Eingeführt wurde das System im Jahr 1982. Technisch ist Minitel mit dem deutschen Bildschirmtext (BTX) vergleichbar, nur dass Minitel ausschließlich eigene Terminals (Bildschirm und Tastatur samt Telefonanschluss) benötigte und keine Nutzung beispielsweise am Fernsehgerät (wie bei BTX) erlaubte. Die Einwahl-Nummer 3615 für die Minitel-Nutzung ermöglichte dank der einfachen Bedienbarkeit der Terminals über mehrere Jahrzehnte hinweg Millionen Franzosen den Zugang zu elektronischen Informations- und Unterhaltungsdiensten. Am 30. Juni 2012 wurde der Dienst, nachdem eine geplante frühere Abschaltung im März 2012 zunächst verschoben worden war, endgültig eingestellt.[1]

Entwicklung und Verbreitung[Bearbeiten]

Die französische Regierung unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing gab in den 1970er-Jahren die Entwicklung dieses Systems bei der staatlichen Post- und Telefongesellschaft PTT (Poste, Téléphone et Télécommunications, heute La Poste und France Télécom) in Auftrag. Diese setzte die Aufgabe erfolgreich um und führte das System in Frankreich ein. Im Gegensatz zu BTX in Deutschland konnte sich Minitel in Frankreich jedoch wesentlich umfassender durchsetzen. Einer der Gründe dafür war, dass die notwendige Hardware in Frankreich von der France Télécom kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Nach Testbetrieben im Département Ille-et-Vilaine und in Velizy 1981 startete Minitel 1982 großflächig. Seit Februar 1983 konnten die Franzosen über Minitel kostenlos die digitale Version des Telefonbuchs abrufen. Die Kunden konnten sich entscheiden, ob sie ein gedrucktes Telefonbuch oder ein kostenloses Minitel-Terminal wollten. Dadurch erreichte das System schon früh eine kritische Nutzerzahl. 1990 verfügte Minitel bereits über vier Millionen Nutzer. Das mit Minitel vergleichbare deutsche System Bildschirmtext (BTX), das 1983 mit großem Pomp gestartet war, brachte es 1988 gerade einmal auf rund 100.000 Nutzer. Für das 1984 gestartete österreichische Pendant MUPID meldete die Post im Oktober 1992 15.600 Teilnehmer. Anfangs wurden die Minitel-Geräte mit einer streng nach dem Alphabet aufgebauten Tastatur hergestellt, die erst später auf die gebräuchliche Schreibmaschinen-Tastatur umgestellt wurde. Die Zeitungsbranche in Frankreich bekämpfte das Netzwerk zunächst, da es den Verlust von Kleinanzeigen fürchtete. Für die damalige Zeit war der Dienst sehr fortschrittlich und verbreitete sich schnell.

Angebotene Inhalte[Bearbeiten]

Ursprünglich sollte Minitel nur die schweren Telefonbücher ersetzen und Telefonauskünfte erteilen. Relativ schnell wurden aber neue von den Franzosen gerne genutzte Dienste angeboten: u. a. der Wetterbericht, Kontostands-Abfragen, Banküberweisungen, Bahnticket-Bestellungen, Reisebuchungen und selbst Aktienkäufe. Auch beliebte Sex-Dienste wurden unter der Bezeichnung Minitel rose angeboten. Der Gründer des heutigen Telekomanbieters Free, Xavier Niel, ist durch diese Dienste reich geworden. Weiterhin bot das System die Möglichkeit der schriftlichen Kommunikation zwischen den Nutzern (eine Art Urform des Chats).

Erfolg des Systems[Bearbeiten]

1985 waren in Frankreich bereits eine Million Geräte in Betrieb. Das Minitel-System war so erfolgreich, dass dessen Einnahmen im Jahre 1996 sogar die des Internets in den USA in diesem Jahr überstiegen. Mit dem System wurde zeitweise mehr als eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr gemacht. Seinen Höhepunkt erreichte das Minitel im Jahr 2000, als rund 25 Millionen Franzosen fast neun Millionen Geräte nutzten.

Niedergang und Konkurrenz durch das Internet[Bearbeiten]

Mit der Entwicklung des Internets in den USA war das Ende des französischen Systems eingeläutet. Eine neuere Generation von Minitel-Endgeräten konnte zwar z. B. auch Bilder im JPEG-Format empfangen, doch die überwiegend simplen Textbotschaften konnten gegen die im Internet mögliche Informationsübertragung nicht standhalten. Das Minitel blieb ein geschlossenes französisches System ohne Vernetzung mit Benutzern in anderen Ländern. Einige Minitel-Anwendungen funktionierten schließlich auch über das Internet. Die Zeitung Libération machte noch Stunden vor der Abschaltung am 30. Juni 2012 einen Test und rief per Minitel den erotischen Videotext-Dienst 3615 Ulla auf. Von den rund 300 Nutzern des Dienstes saß kein einziger mehr vor einem Minitel-Terminal, sondern alle nutzten die Online-Version über das Internet. Der Niedergang von Minitel kam sehr langsam. Viele Franzosen wollten sich von Minitel nicht trennen, weshalb das Internet sich zunächst in Frankreich langsamer durchsetzte als anderswo. Im Jahr 2010 gab es immer noch etwa zwei Millionen Minitel-Benutzer. 2.400 Minitel-Dienste waren zu diesem Zeitpunkt noch aktiv (in den 1990er Jahren waren es bis zu 25.000). Zum Zeitpunkt der Abschaltung am 30. Juni 2012 besaßen schließlich nur noch 400.000 Haushalte einen Terminal und 1.800 Dienste waren noch aktiv.[1]

Das Ende[Bearbeiten]

Das war für den letzten Betreiber, das Unternehmen Orange, angesichts der Instandhaltungskosten für das Netzwerk letztlich zu wenig. Auch aufgrund der Kosten für die Ersatzteile der Terminals ließ sich das System nicht mehr rentabel betreiben. Letztlich war die Entscheidung für die Einstellung also aus wirtschaftlichen Gründen unvermeidbar. Die Einzelteile der verbliebenen Geräte sollen zu Auto-Stoßstangen oder Mantelhaltern umgearbeitet werden.[2] Eine bei Toulouse gelegene Firma hat sich darauf spezialisiert, die Geräte auszuschlachten und dann die Kunststoff-Teile einer neuen Verwendung zuzuführen. Am Tag der Abschaltung wurde das von den Franzosen einst heiß geliebte Minitel würdig verabschiedet: Unter dem Titel «3615 ne répond plus» (3615 antwortet nicht mehr) konnte dem Pionier des elektronischen Zeitalters und seiner Bedeutung noch einmal nachgespürt werden. In Monaco etwa präsentiert ein Künstler nach Angaben der Gratiszeitung «20 minutes» Minitel-Geräte, die er selbst künstlerisch verfremdet hat.[3][4][5]

Das Minitel-Konzept[Bearbeiten]

Minitel war ein zentral kontrolliertes und kein freies Netzwerk, an dem die zugelassenen Anbieter von Diensten und der Netzwerkbetreiber verdienen konnten. Günter Hack von News.ORF.at kommentiert die hinter Minitel stehende Idee wie folgt: „(...) Apples Erfolg mit dem App Store (hat) der Idee des geschlossenen Systems mit eingebauter Bezahlmöglichkeit wieder Auftrieb gegeben. Auch wenn Minitel gegen die schiere Dynamik des freien Netzes und seiner offenen Standards den Kürzeren gezogen hat - die Idee eines konsumorientierten Netzwerks mit simplen Clients, die mit einer streng kontrollierten Zentrale verbunden sind, hat immer noch zahlreiche Freunde in der Medien- und IT-Industrie. Was ist schließlich Facebook anderes als eine Art Minitel, das sich im Internet breitgemacht hat“.[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Frankreichs „frühes Internet“ stirbt einen späten Tod FAZ vom 1. Juli 2012
  2. Frankreichs Internet Vorgaenger Minitel geht vom Netz bei heise.de
  3. Le Minitel condamné à mourir de sa belle mort pour ses 30 ans en 2012 (bei orange.fr am 20. Juli 2011)
  4. Minitel sagt Adieu: Frankreichs Internet-Vorgänger wird eingestellt - teltarif.de News (Artikel vom 30. Juni 2012)
  5. a b Das Ende von Minitel - news.ORF.at (online am 30. Juni 2012)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Minitel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien