Miriquidi

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Als Miriquidi und Mircwidu bezeichnete der frühmittelalterliche Historiograph Thietmar von Merseburg (Chron. 6, 10; 8, 28) das Erzgebirge und einen Teil des zu der Zeit bewaldeten Vorlandes und einen Wald an der niederländischen Merwede ein Flussarm der Maas. Lateinisch Miriquidi silva bedeutet zu Deutsch „Dunkel-, Finsterwald“. Thietmar reflektiert mit den volkssprachigen altniederdeutschen (altsächsischen) Begriffen Miriquidi, Mircwidu ältere Benennungsmotive aus Mythen und Sagen für einen Ur- und Grenzwald. In Gestalt und Lautung verbinden sich die beiden Namensformen mit Formen des übrigen Namenschatz (Onomastikum) innerhalb der Germania.

Namenkundliches[Bearbeiten]

Als Grundform der Namen liegt eine zweigliedrige Komposition vor, die aus den Formen germanisch *merkwaz (altsächsisch mirki, altenglisch mierce), deutsch Dunkel und *wiðuz, deutsch Baum, Holz, Wald gebildet ist.[1] Den altenglischen- und sächsischen Belegen kommt im ersten Glied eine Bedeutungserweiterung von „böse“ bei.[2] Die analoge gutbelegte altnordische Form Myrkviðr erscheint in der hochmittelalterlichen isländisch-norwegischen Sagaliteratur und in Texten der Edda.[3][4]

Historische Belege[Bearbeiten]

Thietmar erwähnt in der Stelle Chron. 6, 10 den Miriquidi im Kontext des ersten Feldzugs des ostfränkischen Königs und späteren römisch-deutschen Kaisers Heinrich II. gegen den polnischen Fürsten und späteren König Bolesław I. Chrobry im Sommer des Jahres 1004. Heinrich entschied sich über das Erzgebirge in Böhmen einzuziehen und die Burg Saaz zu erobern. In der Stelle Chron. 8, 28 erwähnt er, dass der Graf Dietrich III. von Holland im Jahr 1018 im Mircwidu östlich von Dordrecht bei Sliedrecht sich widerrechtlich ein größeres Gehöft/Gut angeeignet hat und die Enteigneten sich beim nunmehrigen Kaiser Heinrich ob der „ruchlosen Tat“ beschwerten. Der älteste Beleg des Miriquidi im konkreten Bezug zur Erzgebirgsregion datiert auf das Jahr 974 in der Form Miriquido. Kaiser Otto II. (CDS 1,1, 19) schenkte der Stiftung Merseburg einen Wald, oder ein Waldgebiet im Gau Chutizi zwischen der Saale und der Mulde, der Miriquidi genannt wird.

Rezeption[Bearbeiten]

Der (Ur)Wald als Grenze findet sich für die Magna Germania bei den antiken Geographen/Geschichtsschreibern wie Tacitus in der Beschreibung des Hercynia silva. Dieser stellte – mit dem Erzgebirge als ein Teilstück dessen – für den germanischen Kulturraum ein bedeutendes topographisches Objekt dar, dessen Einfluss sich in der geistigen Kultur wie in der Komposition von Mythen, Sagen und Vorstellungen bis in das nord-west-europäische Hochmittelalter niederschlug – der dunkele schwerdurchdringliche gefahrenbergende Wald. Die Phrase in der eddischen Lokasenna, Strophe 42 „er Muspelz synir ríða Myrkvið yfir“ („wenn Muspels Söhne über (durch) den Myrkwid reiten“) wird als Darstellung des Hercynischen Waldes gesehen.[5] Eine weitere Rezeption in den nordischen Quellen des Miriquidi-Mirkwidu-Myrkviðr als ausgesprochener Grenzwald findet sich aus der Sagaliteratur in der Hlöðskviða („Hunnenschlachtlied“) als Völkerscheide zwischen Goten und Hunnen. Wolfgang Haubrichs vermutet bei dem Beleg Mircwidu bei Dordrecht an eine volksetymologische Abwandlung Thietmars aus Meri-widu (Merwede) zu deutsch „Moor- oder Sumpfwald“ auf Grund einer Beeinflussung Thietmars aus dessen Kenntnis der Mythen und der Heldensage.[6] Im 11. Jahrhundert erscheint dieser Moorwald namentlich neben dem Flussnamen als flumen et silva Merewido.[7] Zu Thietmars Belegen ist der holsteinische frühmittelalterliche Grenzwald altsächsisch „Isarnho“ (altdänisch Jarnvið) vergleichend zu stellen, der Sachsen, Dänen und Warnen gegeneinander abgrenzte.[8]

Sowohl Thietmars Verwendung und Erwähnung des traditionellen Begriffs wie die Rezeption in der eddischen- und Sagaliteratur (12. bis 13. Jahrhundert) zeigen die Funktion des Waldes als eine Scheide der realen Welt, von Siedlungsräumen und Völkern. In der geistigen Kultur als ein Motiv in der fiktionalen mündlichen und verschriftlichten Überlieferung die wiederum aktiv einflussnehmend bei der Benennung von Örtlichkeiten und Landmarken mitwirkte.[9]

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Eggers: Myrkviðr. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.) Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 20, de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017164-3, S. 460–61.
  • Karlheinz Hengst: Erzgebirge/Krušné hory im Spiegel der Sprache seit etwa 3000 Jahren „Hercynia silva - Fergunna - Miriquidi - Böhmerwald - Erzgebirge“. In: Erzgebirge - Heimat und domov : Materialienband zum 8. Deutsch-Tschechischen Begegnungsseminar Gute Nachbarn - Schlechte Nachbarn? ; [Im Rahmen der Konferenzreihe am Sächsisch-Tschechischen Hochschulzentrum der TU Chemnitz vom 30. März - 2. April 2005 in Aue unter dem Rahmenthema „Erzgebirge - Heimat und domov“]. Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-55027-8, S. 71–79.
  • Rudolf Much: Myrkviðr. In: Johannes Hoops (Hrsg.) Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 1. Auflage Bd. 3, Karl J. Trübner, Straßburg 1915–16, S. 291.
  • Vladimir Orel: A Handbook of Germanic Etymology, Brill, Leiden/Boston 2003, ISBN 90-04-12875-1.
  • Ludwig Rübekeil: Suebica – Völkernamen und Ethnos, Institut für Sprachwissenschaft, Innsbruck 1992, ISBN 3-85124-623-3. (Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, 68)
  • Klaus von See, Beatrice La Farge, Eve Picard, Ilona Priebe und Katja Schulz: Kommentar zu den Liedern der Edda. Bd. 2: Götterlieder (Skírnismál, Hárbarðslióð, Hymiskviða, Lokasenna, Þrymskviða), Winter, Heidelberg 1997, ISBN 3-8253-0534-1.
  • Thietmar von Merseburg. Chronik. Neu übertragen und erläutert von Werner Trillmich. Mit einem Nachtrag von Steffen Patzold. [FSGA 9] Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 8., gegenüber der 7. um einen Nachtr. erw. Aufl., Darmstadt 2002, ISBN 3-534-00173-7.
  • Reinhard Wenskus: Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes, 2. unveränderte Auflage, Böhlau Verlag, Köln – Wien 1977, ISBN 3-412-00177-5, S. 225 ff.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Die Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg und ihre Korveier Überarbeitung. Thietmari Merseburgensis episcopi chronicon. Hrsg. von Robert Holtzmann. Berlin 1935. (Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. 6, Scriptores rerum Germanicarum, Nova Series ; 9.) Liber 6, 10 (S. 287)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vladimir Orel: A Handbook of Germanic Etymology, Leiden/Boston 2003, S. 268, 462
  2. Heinrich Tiefenbach: Altsächsisches Handwörterbuch. A Concise Old Saxon Dictionary. de Gruyter, Berlin/New York 2010, ISBN 978-3-11-023234-9, S. 275.
  3. Jan de Vries: Myrkr. In: Ders. Altnordisches Etymologisches Wörterbuch. Brill, Leiden/Boston/Köln, 2. verbesserte Auflage 2000, S. 398
  4. Klaus von See (et al.): Kommentar zu den Liedern der Edda. Bd. 2: Götterlieder, Heidelberg 1997, S. 470
  5. Martin Eggers: Myrkviðr, Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 20 Berlin/New York 2001, S. 460
  6. Wolfgang Haubrichs: „Heroische Zeiten?“ Wanderungen von Heldennamen und Heldensagen zwischen den germanischen gentes des frühen Mittelalters. In: Astrid van Nahl, Lennart Elmevik, Stefan Brink (Hrsg.): Namenwelten. Orts- und Personennamen in historischer Sicht, de Gruyter, Berlin/New York 2004, ISBN 978-3-11-091147-3, S. 513–534, hier 522. (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 44)
  7. Adolf Bach: Deutsche Namenskunde II. Die deutschen Ortsnamen 1. Winter, Heidelberg 1953, S. 448.
  8. Jürgen Udolph: Isarnho. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.) Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 15, de Gruyter, Berlin/New York 2000, ISBN 3-11-016649-6, S. 506–508
  9. Ludwig Rübekeil: Suebica – Völkernamen und Ethnos, Innsbruck 1992, S. 64–70, 72