Mirliton

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt das Musikinstrument. Für das in Louisiana so bezeichnete Gemüse siehe Chayote.
Französisches Mirliton um 1910

Mirliton (französisch) ist ein durch Luftbewegung angeregtes Membranophon, von dem nach der Art der Tonerzeugung drei Varianten unterschieden werden:

  • Bei den heute überwiegend als Kinderspielzeug verwendeten Ansingtrommeln wird eine an einem Hohlkörper befindliche dünne Membran durch Ansingen oder Ansprechen durch eine Öffnung in Schwingung versetzt, wodurch sich der Klang der Stimme verändert.
  • Freie Mirlitone benötigen keinen Hohlkörper, weil die Membran wie beim Kammblasen oder beim Blasen über ein Blatt durch die Luftströmung direkt angeregt wird.
  • An Resonanzkörpern von Musikinstrumenten, besonders an afrikanischen Xylophonen und an Flöten, über kleinen Löchern angebrachte Membrane verstärken und verändern den Klang.

Ansingtrommeln[Bearbeiten]

Französische Papiertröte von 1990

Die unterschiedlichen Formen der kleinen, flötenähnlichen Effektinstrumente bestehen aus Papier, Holz oder Kunststoff. Wird in das Mundstück hineingesprochen oder gesungen, gerät eine Membran in Schwingungen und verleiht dem Klang der Stimme eine eigentümlich nasale Klangfarbe. Das Gehäuse fungiert als Resonanzkörper und wirkt klangverstärkend. Mirlitone sind meist röhrenförmige Hohlkörper mit einer durch eine Membran abgedeckten Öffnung. Der englische Name für eine besondere Form von Ansingtrommeln aus Metall oder Kunststoff ist kazoo. Ansingtrommeln waren in vielen Teilen Afrikas und Asiens alte Kultinstrumente, mit denen die menschliche Stimme in die eines jenseitigen Geistwesens verwandelt werden konnte, um mit diesem in Verbindung zu treten. Ihre Existenz lässt sich aus den mancherorts in der Volksmusik und als Kinderspielzeug erhaltenen Exemplaren rückschließen.

Bei Aerophonen wird der Ton erzeugt, indem ein Luftstrom an einer Kante (Flöte), einem vibrierenden Plättchen (Rohrblattinstrument, auch an einer Zunge) oder mit den Lippen (Blechblasinstrument) gebrochen und in Schwingungen versetzt wird. Die Membran bei einem Mirliton gerät wie das Rohrblatt eines Blasinstruments durch einen Luftstrom in Bewegung, dennoch zählen nach der Hornbostel-Sachs-Systematik Ansingtrommeln nicht zu den Aerophonen, sondern wie Schlagtrommeln zu dem Membranophonen, weil der Ton primär anderweitig entsteht und an der Membran nur klanglich verändert wird.

Europa[Bearbeiten]

Chalumeau eunuque des Marin Mersenne von 1636/37

Im 16. und 17. Jahrhundert war das Mirliton in Europa als Zwiebelflöte, französisch flûte à l'onion, auch flûte eunuque, englisch eunuch flute, bekannt. Der französische Musiktheoretiker Marin Mersenne (1588–1648) bildet in seinem Werk Harmonie universelle: Contenant la théorie et la pratique de la musique von 1636/37, in welchem er akustisch-physikalische Berechnungen vornimmt und die Musikinstrumente klassifiziert, ein für seine Zeit typisches Mirliton unter dem Namen chalumeau eunuque („Chalumeau der Eunuchen“) ab. Die in das Loch B eingesungenen Töne kommen verstärkt am Trichter heraus. Das nahe Ende ist mit einer Membran abgedeckt, über die eine in der Abbildung abgezogene Kappe mit Schalllöchern gestülpt wird. Die erkennbaren Fingerlöcher sollten das Instrument als Flöte aussehen lassen. Damit ließ sich jedoch nicht die Tonhöhe, sondern nur in gewissem Umfang der Klang beeinflussen.[1]

Ein Holzröhrchen besitzt am Ende eine Verdickung, die durch eine dünne, mit einer Zwiebelschale vergleichbare Membran geschlossen ist.[2] Ende des 19. Jahrhunderts kam eine verbesserte Version solcher Ansingtrommeln mit einem Schalltrichter aus Messing, die Zobo genannt wurden auf den Markt (englisch zobo flute oder zobo horn).[3] Populär wurde das Mirliton als industriell gefertigter Lärmapparat für Kinder und als Scherzartikel auf Jahrmärkten. Eine ähnliche akustische Wirkung lässt sich erzielen, wenn über einen Kamm geblasen wird.

Ein typisches selbst gefertigtes Mirliton kommt in der süditalienischen Region Kalabrien als Kinderspielzeug vor. Ein weicher Riedgrashalm wird am nahen Ende direkt am Fruchtknoten und am fernen Ende kurz vor dem nächsten Knoten abgeschnitten. Eine am nahen Ende seitlich in den Halm geschnittene ovale Öffnung diente als Blasloch. Das ferne Ende wird mit einem festgebundenen Blatt, einer Zwiebelschale oder dem Fetzen einer Serviette als Membran abgedeckt.[4]

Tschaikowski nannte einen für Querflöten komponierten Satz seiner Nussknacker-Suite (1892) danse des mirlitons.

Afrika[Bearbeiten]

In derselben Form, nur aus einem Röhrenknochen hergestellte Mirlitone dienten in Afrika ursprünglich sakralen Zwecken, etwa als Ritualinstrumente beim Totenkult oder bei der Anrufung personifizierter Ahnengeister. Magier verwendeten Mirlitone, weil sie zur Kontaktaufnahme mit jenseitigen Wesen ihre Stimme verändern mussten. Die Bafia in Kamerun stellten zu diesem Zweck nach einer Beschreibung von 1934 Mirlitone aus menschlichen Röhrenknochen oder aus Leopardenknochen her, deren eines Ende sie durch einen mit Wachs angeklebten Kokon einer Spinne abdeckten. Solche Mirlitone durften nur von männlichen Erwachsenen oder Medizinmännern eingesetzt und mussten vor Nichtinitiierten sorgfältig verborgen werden. Jungen sangen stattdessen in einen Elefantengras-Stängel, in den seitlich zwei Öffnungen eingeschnitten waren: ein Blasloch und ein mit einer Membran abgedecktes Loch.[5] Maskentänzer der westafrikanischen Senufo sprechen beim Ritual für einen Verstorbenen, der in eine Decke gewickelt am Boden liegt, in ein Mirliton und wollen so in Kontakt mit ihm treten, während sie gleichzeitig mit einem Fliegenwedel sanft über ihn hinwegstreichen.[6] Die Idoma in Zentral-Nigeria verändern den Klang ihrer Stimme mit dem Vogelknochen-Mirliton ɔgakwú, das mit einem Spinnenkokon versehen ist. Ähnliche Instrumente gibt es im Süden Nigerias[7].

Eine Übernahme von Elementen der kolonialzeitlichen britischen Marschmusik in die traditionelle Musik Malawis führte zu den malipenga (Singular lipenga) oder mganda genannten Marschmusikensembles. Jungen begannen in der Mitte des 20. Jahrhunderts, die britischen Trommeln und Blasinstrumente mit ihren bescheidenen Möglichkeiten nachzubauen. Anstelle der Trompeten und Hörner nahmen sie längliche Kalebassen, an deren Ende sie eine Öffnung schnitten und diese mit einem Spinnenkokon überklebten. Der Name des Mirlitons, lipenga, bedeutet „Horn“. Die unter den Tonga entwickelten neo-traditionellen malipenga-Ensembles wurden später auch bei den Tumbuka beliebt.[8]

Mittel- und Südamerika[Bearbeiten]

In verschiedenen Gegenden Mexikos verwendeten Jäger einfache röhrenförmige Mirlitone, um Tierlaute zu imitieren und das Jagdwild anzulocken. Ein Lockinstrument für Tiere heißt in Mexiko gamitadera (von spanisch gamo, „Hirsch“). Die Röhre bestand aus Schilfrohr oder Tierknochen, deren eines Ende mit einer Membran geschlossen war. Durch ein Loch an der Seite wurde hineingesungen. Im Bundesstaat Guerrero verwendete man üblicherweise als Membran einen getrockneten Fledermausflügel, ansonsten Tierdarm.[9]

Die zentralamerikanischen Miskito kennen ein turu-turu genanntes Mirliton von drei Zentimetern Länge, das aus zwei von Bienenwachs umgebenen Schilfrohrstücken mit einem dazwischen gesteckten Fledermausflügel besteht.[10]

Freie Mirlitone[Bearbeiten]

Beim Kammblasen entstehen Effektgeräusche, wenn die Atemluft gegen die möglichst feinen Zinken eines Kamms und einer darunter gehaltenen Membran aus dünnem Papier, Stanniolpapier oder Plastikfolie geblasen wird.

In Kambodscha besteht das freie Mirliton slekk aus einem dicken Baumblatt. Der Spieler faltet das Blatt in der Länge, hält es zwischen seine Lippen und bläst gegen die gefaltete Kante. Das slekk wird meist solo zur Unterhaltung gespielt, seltener im populären Orchester vung phleng kar, das bei Hochzeiten (kar) aufspielt. Neben dem slekk gehören zu diesem Ensemble ein Sänger, das Doppelrohrblattinstrument pey prabauh, der Musikbogen khse muoy, die dreisaitige Röhrenspießgeige tror Khmer, die zweisaitige Zupflaute chapey dang veng, die Bechertrommel skor arakk und die Zimbeln chhing.[11]

Jugendliche der in Südchina lebenden Miao und verwandter Ethnien blasen über ein cugenao (chinesisch muye) genanntes Blatt, um in einem hohen klaren Ton die menschliche Stimme nachzuahmen. Dabei entstehen wohlklingende Melodien, mit denen junge Männer Liebesgefühle ausdrücken wollen und auf eine Reaktion der Mädchen warten. Verwendet wird ein Blatt der Stechpalme (Ilex) oder ein anderes festes frisches Blatt. Das in der Mitte gefaltete Blatt sollte etwa 5,5 Zentimeter lang und 2,2 Zentimeter breit sein. Plastikfolie kann einen Ersatz darstellen. Das cugenao kann solo oder mit anderen Instrumenten eingesetzt werden. Häufig intonieren die Miao damit Liebeslieder (Brautwerbelieder youfang) oder Trinklieder. Wenn junge Männer in der Provinz Wenshan bei Festen oder privaten Feiern cugenaos ertönen lassen, sitzen ihnen Mädchen gegenüber und spielen dazu Maultrommeln.[12]

Membrane an Musikinstrumenten[Bearbeiten]

Rahmenxylophon aus Zentralafrika, vor 1887. Über die seitlichen Öffnungen der Kalebassenresonatoren waren Mirlitone geklebt.

Des Weiteren bezeichnet Mirliton die mit einer papierdünnen Membran überklebte Öffnung an den Resonanzkörpern von Schlag-, Blas- und Saiteninstrumenten. Durch Luftschwingungen im Innern wird die Membran angeregt, was die Lautstärke erhöht und den Klang verändert. Solche aus einem Spinnenkokon oder aus Zigarettenpapier bestehenden Membrane sind für die Kalebassenresonatoren afrikanischer Xylophone, etwa des balafons oder der valimba typisch und kommen auch an einigen Saiteninstrumenten wie der Kerbstegzither mvet vor. Vor der Aufführung prüft der Xylophon-Spieler die korrekte Spannung der aufgeklebten Mirlitone, wie der Trommler erforderlichenfalls die Fellspannung an der Verschnürung oder durch Erwärmen seiner Trommel einstellt.

Das bekannteste Instrument in Zentral- und Südamerika mit einem Mirliton ist die marimba. Traditionell wurde ein Spinnenkokon mit Bienenwachs angeklebt, in Nicaragua wird für dieses Xylophon heute üblicherweise getrockneter Schweinedarm verwendet.

Die historische Kalebassentrompete zumbador der Mixteken besaß ein Mirliton. Bei den zur Otomangue-Sprachfamilie gehörenden indigenen Pame in Mexiko ist die Flöte mitote mit einer Spinnweb-Membran ausgestattet.[13] Die Pame-Flöte ist 35–55 Zentimeter lang und besteht aus einem Schilfrohr (carrizo) mit vier Fingerlöchern. Auf ein weiteres Loch vor dem unteren Ende ist mit Wachs ein Spinnenkokon geklebt.

Archäologische Funde legen nahe, dass es in vorkolumbianischer Zeit in der Hueta-Kultur (800–1200) in Costa Rica Schnabelflöten mit Mirlitonen gab. Zwei zoomorphe Tonflöten von 12 und 14 Zentimetern Länge besaßen am fernen Ende eine Öffnung, die mit einem Mirliton überdeckt gewesen sein muss.[14]

Mirlitone kommen in Ostasien unter anderem an zwei Flöten vor: an der chinesischen Bambusquerflöte dizi, die neben sechs Grifflöchern noch über ein mokong genanntes Loch verfügt, das mit einer Bambus- oder Papiermembran beklebt ist, sowie an der daegeum, einer ähnlichen langen Querflöte aus Korea. In China besteht die Membran (chinesisch di-mo) üblicherweise entweder aus der dünnen inneren Haut eines Bambusrohrs (ju-mo), aus einer etwas dickeren inneren Schicht eines Schilfrohrs (lu-mo) oder gelegentlich einer Zwiebelschale. Notfalls funktioniert auch eine dünne Plastikfolie. Als Klebstoff dienen unterschiedliche, in der Küche verfügbare Flüssigkeiten mit einer gewissen Haftkraft oder der Kleber von Briefmarken[15].

Eine Übergangsform zwischen den Klang der Stimme verändernden Ansingtrommeln und einen eigenen Ton erzeugenden Flöten stellen Okarinas (Gefäßflöten) im nigerianischen Bundesstaat Plateau dar, die aus der Fruchtschale von Oncoba spinosa, eines zu den Weidengewächsen gehörenden Baumes, hergestellt werden. Der Spieler bläst über das obere Loch und kann, indem er zwei weitere Löcher mit den Fingern abdeckt, drei bis vier Töne mit ungenauen Intervallen produzieren. Die Okarina wird von Jägern als Signalinstrument verwendet oder um sich draußen mit Musik zu unterhalten. Bei einer Variante ist eines der Löcher in der Schale mit einem Spinnenkokon überklebt. Der Spieler kann wahlweise in die Okarina sprechen oder blasen.[16]

Literatur[Bearbeiten]

  • B. M. Blackwood, Henry Balfour: Ritual and Secular Uses of Vibrating Membranes as Voice-Disguisers. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Vol.78, No. 1/2, 1948, S. 45–69
  • Roberto Velázquez Cabrera: Ancient Aerophones with Mirliton. In: Arnd Adje Both, Ricardo Eichmann, Ellen Hickmann, Lars-Christian Koch (Hrsg.): Studien zur Musikarchäologie VI, Orient-Archäologie Band 22. (5th Symposium of the International Study Group on Music Archaeology at the Ethnological Museum, State Museums Berlin, 12–23 September 2006) Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westf. 2008

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jeremy Montagu: Origins and Development of Musical Instruments.Scarecrow Press, Lanham 2007, S. 6
  2. 1911 Encyclopædia Britannica/Eunuch Flute. wikisource
  3. Kwintet Goedkoper: The rise of the Zobo brass instruments.
  4. Antonello Ricci, Roberta Tucci: Folk Musical Instruments in Calabria. In: The Galpin Society Journal, Vol. 41, Oktober 1988, S. 36–58, hier S. 44
  5. B. M. Blackwood, Henry Balfour, S. 50
  6. Till Förster: Smoothing the Way of the Dead: A Senufo Rhythm Pounder. In: Yale University Art Gallery Bulletin, (African Art at Yale) 2005, S. 54–67, hier S. 61
  7. Roger Blench: Idoma Musical Instruments. In: Journal of International Library of African Music, Vol. 6, No. 4, 1987, S. 42–52, hier S. 47
  8. Gerhard Kubik: Zum Verstehen afrikanischer Musik. Lit Verlag, Wien 2004, S. 310
  9. Roberto Velázquez Cabrera, S. 365f
  10. T. M. Scruggs: Miskitu. In: Dale A. Olsen, Daniel E. Sheehy (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. South America, Mexico, Central America, and the Caribbean. Band 2. Garland Publishing, New York 1998, S. 660, ISBN 0-8240-4947-0
  11. Sam-Ang Sam, Panya Roongruang, Phong T. Nguyen: The Khmer People. In: Terry E. Miller (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Southeast Asia. Band 4. Garland Publishing, New York 1998, S. 169, 196
  12. Huanle de Miaojia. A happy Miao Family. (Ethnic Series) PAN Records, Leiden 1994 (PAN 2023CD), Bernard Kleikamp: Beiheft der CD, S. 4
  13. E. Fernando Nava: Otopame (Chichimec, Otomí, and Pame). In: Dale A. Olsen, Daniel E. Sheehy (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. South America, Mexico, Central America, and the Caribbean. Band 2. Garland Publishing, New York 1998, S. 573
  14. Roberto Velázquez Cabrera, S. 363, 365
  15. Alan Thrasher: The Transverse Flute in Traditional Chinese Music. In: Asian Music, Vol. 10, No. 1, University of Texas Press, 1978, S. 92–114, hier S. 96
  16. Roger Blench: The traditional music of the Jos Plateau in Central Nigeria: an overview. 2005, S. 8f