Mise of Amiens

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Der Mise of Amiens (franz: Dit d'Amiens, deut: Spruch von Amiens) aus dem Jahr 1264 war ein Versuch den Verfassungskonflikt zwischen König Heinrich III. von England und der Opposition englischer Barone um Simon de Montfort, 6. Earl of Leicester, friedlich beizulegen.

Hintergrund[Bearbeiten]

Im Sommer 1258 erzwangen die englischen Barone, angeführt von Simon de Montfort, von König Heinrich III. die eidliche Anerkennung der Provisions of Oxford, in denen der König den Baronen weitreichende politische Zugeständnisse einräumen musste. Die Beschlüsse von Oxford wurden 1259 mit den Provisions of Westminster erweitert.

Mit der Unterstützung Papst Alexanders IV. versuchte der König diese ihm abgerungenen Reformbestimmungen zu revidieren. 1261 entband ihn der Papst von seinem Eid und 1263 erklärte Papst Urban IV. die Provisions of Oxford für ungültig. Dies führte den König in einen Verfassungskonflikt mit den Baronen, der sich allmählich zu einem Bürgerkrieg zuspitzte.

Der Urteilsspruch[Bearbeiten]

Um eine bewaffnete Konfrontation abzuwenden einigten sich die Streitparteien darauf den französischen König Ludwig IX. (Saint Louis) um einen Schiedsspruch in dieser Angelegenheit zu ersuchen, denn der genoss über die Grenzen Frankreichs hinaus den Ruf ein Friedensstifter zu sein. Im Dezember 1263 reiste König Heinrich III. mit seinen Söhnen zu dem am 23. Januar 1264 einberaumten Treffen in das französische Amiens. Montfort selbst musste seine Teilnahme absagen, da er auf dem Weg zu seinem Schiff bei Catesby vom Pferd fiel und sich einen Oberschenkelknochen brach. Die baronialle Partei wurde stattdessen von seinem Sohn Henry und dem jungen Humphrey de Bohun vertreten.

Die Beweggründe der Parteien, besonders für Montfort, den Urteilsspruch des französischen Königs zu ersuchen werden in der Geschichtsforschung kontrovers diskutiert. Schon den Zeitgenossen war durchaus bewusst, dass König Ludwig IX. in dieser Angelegenheit alles andere als ein neutraler Schiedsrichter sein konnte. Zum einen waren er und Heinrich III. über ihre Frauen miteinander verschwägert. Vor allem aber war Ludwig IX. als Mehrer des Königtums bekannt, der in seiner Herrschaftszeit die regierende und gesetzgebende Gewalt der französischen Krone gegenüber den eigenen Vasallen deutlich zur Geltung gebracht hatte – eine Haltung, die den Motiven der englischen Opposition entgegenstand, die von ihrem König eine Teilung der Macht erreichen wollte. Etwas anderes als ein Urteil zugunsten seines englischen Amtskollegen wäre von Ludwig IX. nicht zu erwarten gewesen. Vermutlich aber hatte Montfort darauf spekuliert, um dadurch König Heinrichs III. Ansehen unter dem mit ihm noch sympathisierenden Baronen Englands zu schaden, indem der König seine Schwäche gegenüber seinen Gegnern offenbarte und gegen sie bei einem ausländischen Monarchen um Hilfe ersuchen musste. Zugleich aber könnte Montfort sich und seine Partei als einziger Wahrer einer unabhängigen Politik Englands gegenüber dem Papst und dem König von Frankreich positionieren.

König Ludwigs IX. Urteil fiel erwartungsgemäß aus. Nachdem er beide Parteien angehört hatte, erklärte auch er alle dem englischen König abgenötigten Verträge für null und nichtig. Sie hätten der englischen Krone an Macht und Ehre beraubt und dem Land Unfriede gebracht. Er verbot die weitere auf den Provisions basierende Gesetzgebung und forderte die englischen Barone dazu auf, ihrem König alle gehaltenen festen Plätze zu übergeben. Allerdings erklärte Ludwig IX. dazu auch, dass alle Chartas und Freibriefe, die vor 1258 ausgestellt wurden (also auch die Magna Charta), von diesem Urteil nicht betroffen seien und dass eine allgemeine Amnestie für alles bisher Geschehene ausgesprochen werden sollte.

Das Urteil wurde etwas später im März 1264 auch von Papst Urban IV. anerkannt.

Folgen[Bearbeiten]

Das Urteil stieß bei den englischen Baronen sofort auf Ablehnung. Noch bevor Heinrich III. nach England zurückgekehrt war, hatte Montfort seine Anhänger zum Kampf gegen ihn aufgerufen. In der Schlacht von Lewes am 14. Mai 1264 errang er einen vollständigen Sieg über den König. Im Dezember 1264 rief daraufhin Montfort das nach ihm benannte De Montfort's-Parliament aus, welches am 20. Januar 1265 erstmals zusammentraf. Somit war das erste allumfassende Parlament der europäischen Geschichte gebildet. Nur ein Jahr später fiel Montfort gegen die Königlichen unter dem Kronprinzen Eduard Plantagenet in der Schlacht von Evesham.

Literatur[Bearbeiten]

  • Reinhold Pauli: Simon von Montfort, Graf von Leicester, der Schöpfer des Hauses der Gemeinen (Tübingen, Laupp, 1867)
  • J. R. Maddicott: Simon de Montfort (Cambridge University Press, 1996)