Mitropa

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Die MITROPA, später MITROPA AG, war eine Bewirtungs- und Beherbergungsgesellschaft, die die Versorgung von Reisenden in Bahnhöfen und auf Autobahnraststätten bereitstellte und durchführte. Sie wurde 1916 zum Betrieb von Schlaf- und Speisewagen gegründet. „MITROPA“ ist ein Akronym, das sich aus „MITteleuROPäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft“ ableitet.

2004 wurde die Mitropa verkauft. Seit dem Jahr 2006 firmiert der Rest der Gesellschaft unter dem Namen SSP Deutschland GmbH.

Geschichte[Bearbeiten]

Geschichte bis 1945[Bearbeiten]

Zug mit MITROPA-Speisewagen auf der Rhätischen Bahn in der Schweiz (1928)
Mitropa-Gaststätte im Berliner Ostbahnhof (1956)

Die Gesellschaft wurde am 24. November 1916 als Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft gegründet. Ziel war es, die Dominanz der französisch-belgischen Internationalen Schlafwagengesellschaft (CIWL/ISG) einzuschränken. Begründer von Mitropa waren unter anderem die Eisenbahnverwaltungen aus Deutschland, Österreich und Ungarn. Mit der Aufnahme des Geschäftsbetriebes am 1. Januar 1917 erhielt die Gesellschaft das Monopol zum Betrieb von Speise- und Schlafwagen in Deutschland, Österreich und Ungarn bis zum 1. Oktober 1946. Anfang 1917 übernahm die Mitropa auch die Bewirtschaftung des Balkanzugs von Berlin nach Konstantinopel, der die Mittelmächte miteinander verband und den Orient-Express der CIWL ersetzen sollte. Die Mitropa übernahm vorhandene Wagen und Personal der ISG sowie schon bestehende deutsche Schlaf- und Speisewagengesellschaften. Parallel dazu behielten allerdings die deutschen Länderbahnen ihre Schlafwagen, die letzten eigenständigen Kurse der nunmehrigen Reichsbahn gingen erst 1925 auf die Mitropa über.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet der Mitropa durch Verträge mit der ISG wieder auf Deutschland und Österreich beschränkt. Die Gesellschaft bot aber auch Kursläufe in die Niederlande und in die Schweiz an. Ab 1928 betrieb die Mitropa die Speisewagen der Berninabahn und der Rhätischen Bahn und bewirtschaftete den FD Rheingold. In der Zwischenkriegszeit übernahm die Gesellschaft auch weitere Geschäftsfelder. So wurden Restaurationsbetriebe auf den Schiffen der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft und den Fähren der Strecke SassnitzTrelleborg betrieben. Auch die gastronomische Versorgung in den Flugzeugen der Lufthansa wurde von der Mitropa übernommen. Die Mitropa eiferte hier der französisch-belgischen Konkurrenz der CIWL nach, die ebenfalls erste Bewirtschaftungen von Linienflügen sowie Schiffsrestaurants auf der Donau und der Weichsel übernommen hatte.

Die Wagen der Gesellschaft erhielten ab 1927/1928 erstmals den bordeauxroten Anstrich sowie das typische Mitropa-Emblem. Entwickelt hatte das Unternehmenslogo und die typische Schriftart der Gebrauchsgrafiker Karl Schulpig. In diesem Zeitraum übernahm die Mitropa auch das Sponsoring für den ersten Internationalen Fußballwettbewerb, den Mitropapokal.

Im Jahr 1928 übernahm die Mitropa die Siesta GmbH, die sich einen Namen mit dem Vermieten der damals sehr bekannten Siesta-Kissen an die Reisenden gemacht hatte. Danach wurden die Kissen unter dem Namen Mitropa-Reisekissen weiter vermietet.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs musste die Mitropa ihre Geschäfte zunächst erheblich einschränken. Ein Teil der bewirtschafteten Speise- und Schlafwagen wurde sofort abgestellt und für militärische Zwecke, bspw. in Befehlszügen der Wehrmacht, verwendet. Nach der Besetzung weiter Teile Mitteleuropas durch die Wehrmacht übernahm die Mitropa andererseits frühere Kurse der CIWL, Mitropa-Schlafwagen kamen so bis Bordeaux oder Sofia.[1] Diese Ausdehnung war aber letztlich nur vorübergehend. Die verbliebenen Speisewagendienste wurden im Juni 1942 auf Betreiben von Albert Ganzenmüller, dem Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium, eingestellt, der Betrieb der Schlafwagen streng reglementiert.[2] Die letzten Schlafwagenkurse wurden 1944 eingestellt. Anderseits übernahm die Mitropa weitere stationäre Dienste, vor allem an Bahnhöfen. So wurde während der deutschen Besetzung Polens im Warschauer Hauptbahnhof ein Mitropa-Restaurant Nur für Deutsche eröffnet.[3] Mit Kriegsende wurden alle Mitropadienste eingestellt.

Wilhelm Kleinmann war seit 26. Mai 1942 der letzte Direktor der Mitropa. Kleinmann – seit 1. Oktober 1931 Mitglied der NSDAP – entwickelte schon bei der Reichsbahn eine emsige Tätigkeit mit dem Ziel der „Säuberung“ der Reichsbahn von Juden und Sozialdemokraten, und der Besetzung wichtiger Positionen mit zuverlässigen Nationalsozialisten. Nach Kritik von Joseph Goebbels, Adolf Hitler und Albert Speer an Kleinmann – vor allem wegen der unzureichenden Leistungen der Reichsbahn während des Zweiten Weltkrieges in Russland – wurde dieser jedoch 1942 von der Reichsbahn zur Mitropa abgeschoben. Kleinmann verschwand in den Wirren des Einmarschs der Roten Armee in Berlin, vermutet wird, dass er in einem Internierungslager in Posen ums Leben kam.[4]

Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

MITROPA-Geschirr aus der DDR

Infolge des Zweiten Weltkrieges und der Teilung Deutschlands wurde auch MITROPA geteilt. Aus der Direktion West der MITROPA AG ging die Deutsche Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft (DSG) hervor, die Schlaf- und Speisewagen der Deutschen Bundesbahn in der Bundesrepublik Deutschland bewirtschaftete.

Die MITROPA AG blieb in (Ost-)Berlin als eine der wenigen Aktiengesellschaften, die die DDR überleben sollten. In der DDR bewirtschaftete die MITROPA nicht nur Speise- und Schlafwagen, sondern eine Vielzahl von gastronomischen Einrichtungen in Bahnhöfen, vor allem in den größeren Stationen.

Ab 1954 übernahm sie die gastronomische Versorgung auf den Schiffen der Weißen Flotte in Berlin und Dresden sowie den Eisenbahnfähren auf der Ostsee. Zum 1. Januar 1961 wurden der Gesellschaft auch die Autobahnraststätten übertragen. Im Jahre 1971 eröffnete sie in Usadel bei Neubrandenburg an der Fernverkehrsstraße 96 ihr erstes Motel.[5][6] Die Gesellschaft betrieb ebenfalls das 1969 eröffnete Rügen-Hotel in Saßnitz.

Die Kooperation zwischen DSG und MITROPA im Eisenbahnverkehr funktionierte den Umständen entsprechend gut. Die DSG besaß zwar die Markenrechte am Namen und Zeichen MITROPA, überließ diese jedoch zur Nutzung an die MITROPA. Die MITROPA nutzte das an einen Reichsadler erinnernde Zeichen aber abgewandelt: Der Adlerkopf über dem „M“ entfiel, das vormals vierspeichige, in der Verbindung mit dem Adler an ein Hakenkreuz erinnernde Rad erhielt zwei weitere Speichen.

Mitropa-Buffetwagen

MITROPA in der Schweiz[Bearbeiten]

Am 5. Juni 1996 wurde die MITROPA Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft, Berlin, Zweigniederlassung Basel, Schweiz gegründet.[7] Sie sollte „Service in Tageszügen, im Schlafwagen- und Liegewagenverkehr, auf Fährschiffen, in stationären Servicebetrieben der Personenbahnhöfe, in Hotels, in Raststätten an Autobahnen und Straßen, auf Flughäfen“ erbringen. Das Geschäft der Buffet Suisse SA (früher Minibuffet AG),[8] heute in Liquidation, wurde ab 1. März 1997 übernommen. Am 21. August 1997 wurde die MITROPA Suisse SA Bern (seit 13. Januar 2003 als DB Reise&Touristik Suisse SA) gegründet.[9] Sie übernahm die Leistungen der Zweigniederlassung, welche am 9. Dezember 2005 gelöscht wurde. 2002 wird diese Leistung von der Passaggio Rail AG, heute elvetino AG und eine 100 %-Tochter der SBB wieder übernommen.[10]

MITROPA nach der Wiedervereinigung Deutschlands[Bearbeiten]

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands existierten Deutsche Bundesbahn und Deutsche Reichsbahn sowie deren Schienengastronomie-Tochtergesellschaften bis 1994 nebeneinander her. 1994 wurden die beiden Bahnunternehmen zur Deutschen Bahn AG fusioniert und MITROPA und DSG zur MITROPA AG.

Die neue MITROPA AG hatte vier Geschäftsbereiche: Service im Zug, Gastronomie und Handel an Bahnhöfen, Service an der Straße und Schiffscatering. Der Bereich Schiffscatering wurde 1999/2000 an Scandlines abgegeben. Das Tagesgeschäft (hauptsächlich die Bewirtschaftung von Speisewagen) aus dem Bereich Service im Zug sowie die dazugehörige Logistik (Fahrzeugwartung, Lebensmittellager und -belieferungen) wurden im Juli 2002[11] in die damalige DB Reise & Touristik AG (seit November 2003 DB Fernverkehr) integriert. Das Nachtgeschäft (hauptsächlich die Bewirtschaftung von Schlaf- und Liegewagen) wurde in die 2002 neu gegründete, bis heute im Konzernbesitz befindliche DB European Railservice integriert. Damit entfiel unter der Leitung von Hartmut Mehdorn der traditionsreiche Name für die Bordgastronomie der Züge der Deutschen Bahn. Seither sind die Restaurantkräfte nur schwer von Schaffner und Zugführer unterscheidbar.

Anfang 2004 kündigte die Deutsche Bahn an, das Unternehmen verkaufen zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte Mitropa 1950 Mitarbeiter.[11] Am 1. April 2004 wurde die MITROPA AG mit den verbleibenden Geschäftsbereichen an die Compass Group Deutschland GmbH mit Sitz in Eschborn verkauft.[12] Ende 2004 wurde das Unternehmen MITROPA AG in die MITROPA GmbH umgewandelt. 2005 beschäftigte das Unternehmen bundesweit 1950 Mitarbeiter im Bereich stationäre Gastronomie & Handel für Reisende an 46 Bahnhöfen sowie 34 Autobahnraststätten bzw. Autohöfen. Im Jahr 2003 erzielte die MITROPA GmbH einen Umsatz von 120 Millionen Euro.

Innerhalb der Compass Group wurde MITROPA GmbH dem Tochterunternehmen Select Service Partners zugeschlagen. Im Jahre 2006 wurde die MITROPA GmbH Select Service Partners aus dem Konzern herausgelöst und firmiert nun als SSP Deutschland.[13]

Bilder Schlafwagen[Bearbeiten]

Bilder Speisewagen[Bearbeiten]

Sammelgegenstände[Bearbeiten]

Wie viele andere Unternehmen war auch die MITROPA auf eine anteilige Fremdfinanzierung angewiesen. Folglich gab man 1926 Genussscheine aus, die heute in entwerteter Form als Historische Wertpapiere vorliegen.

Sonstiges[Bearbeiten]

In verschiedenen Fernsehshows mit Hape Kerkeling vergab dieser (fiktive) Erzeugnisse der Marke Mitropa (Duschhauben, Kaffeemaschinen oder anderes) als Gewinne.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Werner Sölch: Orient-Express. Glanzzeit und Niedergang eines Luxuszuges. 4. Auflage, Alba Verlag, Düsseldorf 1998, S. 67–71
  2. Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn: Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945, EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 195
  3. Bartoszewski W., 1859 dni Warszawy. Wydawnictwo „Znak“, Kraków 1974
  4. Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“ Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933–1945, Teetz 2007, ISBN 978-3-938485-64-4, S. 105.
  5. Geschichte des Motels, abgerufen am 21. November 2011
  6. Virtual Museum of Dead Places, mit einem Artikel aus der Zeitschrift Der Deutsche Straßenverkehr, 11/1971, abgerufen am 21. November 1971
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKonkursverfahren Gericht Bern-Laupen. Kanton Bern, 21.08.1997, abgerufen am 14. Januar 2010 (deutsch).
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatEintrag Handelsregister Kanton Bern. Kanton Bern, 29.09.2008, abgerufen am 14. Januar 2010 (deutsch).
  9. Eintrag im Handelsregister des Kantons Bern
  10. Elvetino Portrait
  11. a b Meldung DB AG will Mitropa verkaufen. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 4/2004, ISSN 1421-2811, S. 146.
  12. Geschäftsbericht 2004 S. 73
  13. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatTraditionsname Mitropa verschwindet. ECONOMY.ONE GmbH (Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH), 30.06.2006, abgerufen am 14. Januar 2010 (deutsch).

Literatur[Bearbeiten]

  • Gottfried Krüger-Wittmack: 75 Jahre MITROPA. Hermann Merker Verlag, Fürstenfeldbruck 1992, ISBN 3-922404-28-6

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mitropa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien