Moderne Zeiten

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Dieser Artikel behandelt den Film von Charles Chaplin. Für das gleichnamige Album von Unheilig siehe Moderne Zeiten (Album).
Filmdaten
Deutscher Titel Moderne Zeiten
Originaltitel Modern Times
Produktionsland Vereinigte Staaten
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 1936
Länge 87 Minuten
Altersfreigabe FSK 6
Stab
Regie Charles Chaplin
Drehbuch Charles Chaplin
Produktion Charles Chaplin
Musik Charles Chaplin
Kamera Roland Totheroh,
Ira Morgan
Schnitt Charles Chaplin
Besetzung

Moderne Zeiten (Originaltitel: Modern Times) ist ein von Charles Chaplin in den Jahren 1933 bis 1936 geschaffener US-amerikanischer Spielfilm, der am 5. Februar 1936 uraufgeführt wurde. Inhaltlich greift der Film, in dem Chaplin ein weiteres Mal die von ihm kreierte Figur des Tramps darstellt, den Taylorismus in der Arbeitswelt sowie die Massenarbeitslosigkeit infolge der Weltwirtschaftskrise auf. Es wird zwar mit akustischen Elementen gearbeitet, er setzt aber dennoch im Wesentlichen die Tradition des Stummfilms fort.

Handlung[Bearbeiten]

Wie eine Schafherde, dicht an dicht, drängen die Arbeiter aus dem Schacht der U-Bahnstation in die Fabrik. Einer von ihnen ist Charlie, der Tramp. Hier sind absurde Maschinen zu bedienen und ständig überwacht der Direktor der Produktionsstätte mit dem Namen „Electro Steel Corporation“ mit einem Monitorsystem die Tätigkeit seiner Beschäftigten. Der Firmenchef sitzt gelangweilt in seinem komfortablen Büro und versucht Puzzle zu spielen, während Charlie und seine Kollegen unter Hochdruck in der Fließbandfertigung arbeiten.

Durch die rasante und ständig gleichförmige Laufbandarbeit zeigt Charlie bereits erste Störungen in seiner Motorik und Koordination, als in einer Essenspause ein Ingenieurteam - im Beisein des Chefs - ans Band kommt und eine neuartige Erfindung testen möchte. Es handelt sich dabei um eine Maschine, die Arbeiter automatisiert füttern soll. Dadurch soll Pausenzeit eingespart werden. Charlie wird als Testperson auserkoren. Anfangs läuft die Fütterungs-Apparatur noch wie vorgesehen, wird aber plötzlich unkontrollierbar schnell, zeigt riskante Fehlfunktionen und Charlie wird von dem Automaten malträtiert. Der Test der Maschine wird enttäuscht vom Chef abgebrochen und Charlie setzt seine bisherige Arbeit am Fließband fort. Die Arbeit besteht zwar nur darin, an zwei Schrauben gleichzeitig zu drehen, aber durch das enorme Fertigungstempo hat er mit allerlei Störfaktoren im Zusammenspiel mit der herrschenden Hektik zu kämpfen.

Nach einiger Zeit gerät er komplett in das Maschinengetriebe der Anlage. Dort macht er sich, während riesige Zahnräder rotieren, an den dortigen Schrauben zu schaffen. Plötzlich dreht er völlig durch. Mit seinen zwei Schraubenschlüsseln rennt er hinter der Chef-Sekretärin her, da er ihre großen Kleidungsknöpfe für Schraubenköpfe hält. Wild schraubend auf der Straße angelangt, lenken ihn die Schrauben eines Straßenhydranten von der Frau ab. Doch als eine großbusige Passantin vorbeiläuft, will er an dieser weiterschrauben. Ein herbeigerufener Polizist verfolgt Charlie, der zurück in die Fabrik rennt, nicht ohne am Zugang wieder die Stempeluhr zu bedienen. Nach weiteren Destruktionshandlungen landet er im Irrenhaus.

Fließbandarbeit im Film, Charlie dreht Schrauben

Er wird als geheilt entlassen und sieht auf der Straße, wie ein Langholzlaster die (üblicherweise rote) Heckfahne verliert. Er versucht dem Fahrer dieses Fähnchen hinterher zu bringen und gerät dabei unter demonstrierende Arbeiter und wird in eine Schlägerei mit der Polizei hineingezogen. Mit der Fahne voran wird er aus dem Abwasserkanal herausgezogen, in dem er sich versteckt hat und kommt schließlich als vermeintlicher Arbeiterführer (aufgrund der Fahne) ins Gefängnis. Dort wird er im unverschuldeten Drogenrausch zum Helden, weil er einen Ausbruch von Mithäftlingen verhindert.

Er wird freigelassen. Ein Empfehlungsschreiben vom Gefängnisleiter verhilft ihm zu einem Job in einer Werft, wo seine erste und einzige Tätigkeit zur Versenkung eines halbfertigen Schiffes im Werftbecken führt. Er bricht daraufhin die Arbeit ab und flüchtet. Auf der Straße sieht Charlie, wie ein Mädchen wegen Brotdiebstahls verhaftet werden soll. Da er ohnehin wieder zurück ins Gefängnis möchte, lässt er sich anstatt ihrer verhaften. Dies wird entdeckt und Charlie provoziert daraufhin eine erneute Festnahme. Schließlich treffen sich beide bei einem Gefängnistransport wieder und fliehen gemeinsam. Er findet einen neuen Job als Nachtwächter in einem Kaufhaus und beide verbringen die Nacht an diesem Arbeitsplatz, einem regelrechten Wundertempel des Konsums. In dieser Nacht trifft er auf Einbrecher, von denen sich einer als ehemaliger, inzwischen arbeitsloser Arbeitskollege entpuppt. Die Begegnung endet in einem Vollrausch. Nachdem Charlie völlig verkatert, am nächsten Morgen im Kaufhaus, von einer Verkäuferin unter einem Berg von Kleiderstoff hervorgezerrt wird, wird er erneut ins Gefängnis geworfen.

Unterdessen hat seine Freundin eine eigene Bleibe für sie gefunden, eine Bruchbude, in welcher beide unverdrossen eine detailgetreue Karikatur kleinbürgerlichen Lebens zelebrieren. Charlie erneut auf freiem Fuß, arbeitet nun als Schlossergehilfe. Diesmal gerät sein Kollege in eine große Maschine, Charlie flößt dem Eingeklemmten Nahrung ein und befreit ihn. Dann erfahren beide, dass Streik ausgerufen ist. Am Werktor löst Charlie unabsichtlich ein Gerangel zwischen Streikenden und Polizei aus. Dafür wird er wieder mal verhaftet.

Das Mädchen findet schließlich einen Job als Tänzerin in einem Tanzlokal, wo auch Charlie zum Bedienen und Singen angestellt wird. Bei der Kellnerarbeit geht zwar einiges schief und seinen Liedtext kann er sich nicht so recht merken, aber Charlie bewährt sich mit einer improvisierten Lachnummer. Doch dann taucht der behördliche Vormund des Mädchens auf und will es aus dem Lokal holen und von Charlie trennen. Charlie und das Mädchen fliehen erneut und gehen gemeinsam auf der Straße dem Morgen entgegen.

Stummfilm oder Tonfilm?[Bearbeiten]

Das „Movie College Team“ bewertet Moderne Zeiten als späten Stummfilm und Chaplin als „größte[n] Nachzügler“.[1] Moderne Zeiten gilt als Satire auf den Tonfilm: Toneffekte werden lediglich zu dramaturgischen Zwecken eingesetzt. Zu hören sind Geräusche von Maschinen, unwillkürliche Körpergeräusche und medial vermittelte Aussagen wie die Anweisungen des Betriebsleiters aus dem Lautsprecher und die auf Schallplatte aufgenommene Vorstellung der Essmaschine. Zu hören ist auch der Gesangsvortrag des Protagonisten. Dieser ist allerdings völlig unverständlich; dem zu hörenden Kauderwelsch wird lediglich durch ausdrucksstarke Gestik ein Sinn verliehen.

Noch 1936 ist Chaplins Befürchtung spürbar, Sprechfilme würden die Fähigkeit zur Pantomime zerstören, die er als Grundlage der Filmkunst ansah.[2] Folglich wird jede nicht über Apparate vermittelte Kommunikation in Moderne Zeiten (wie im Stummfilm) pantomimisch dargestellt, was besonders bei der Präsentation der Essmaschine witzig wirkt, da deren Erfinder den auf Schallplatte abgespielten Werbetext, der die Maschine dem Direktor erklären soll, auch direkt sprechen könnte; stattdessen unterstreicht er pantomimisch seine eigenen Worte, getreu der hörbaren Aussage, dass eine praktische Vorführung die Funktionsweise der Maschine besser zeigen könne als alle Worte.

Dadurch, dass gesprochener Text nur dann hörbar ist, wenn er über Apparate vermittelt wird, entsteht der Eindruck, dass nur diejenigen „etwas zu sagen haben“, die die Verfügungsgewalt über die Apparate innehaben. Nicht-Besitzer von Apparaten hingegen bleiben ungehört.

Interpretation[Bearbeiten]

„Kämpfen“ die Arbeiter im Film mit den übergroßen Maschinen, sozusagen gegen eine übermachtige Maschinenwelt? Dem Zuschauer bieten sich viele Interpretationsmöglichkeiten.

Der Film kritisiert den durch die Industrialisierung hervorgerufenen Verlust von Individualität durch Zeitdruck und monotone, durch Maschinen geprägte Arbeitsabläufe. Die Arbeiter in der Fabrik werden als abgestumpft dargestellt, lediglich die Hauptfigur reagiert mit menschlicher Sensibilität auf das Geschehen in der dargestellten Arbeits- und Umwelt, die sich auch in der Liebesgeschichte mit dem Mädchen ausdrückt.

Die Maschinen wirken nicht nur durch ihre Größe als bedrohlich. Sie saugen hungrig auf Walzen und Laufbändern neben Material auch Menschen in ihr Räderwerk ein und drohen, die Arbeiter zu zerstampfen und zu zermalmen. Nur mit Glück kann man ihnen wieder entgehen und wird dann sozusagen ausgespuckt.[3] Aber nicht nur die Maschinen stellen eine Bedrohung dar. Als der Tramp von der unausgereiften Fütterungsaparatur drangsaliert wird, versuchen die Umstehenden zuerst die Fehlfunktionen der Maschine zu beheben. Erst als der Firmenchef mit lapidaren Worten den Test abbricht, wird er befreit. Der Film weist deutliche Parallelen zum cineastischen Industriealptraum Metropolis (1926) von Fritz Lang auf.[4] Wenn beispielsweise der Firmenchef über riesige Monitore seine Arbeiter an den monströsen Produktionsanlagen dirigiert und permanent überwacht, dann erscheint der Fabrikschaffende winzig und eingeschüchtert.

Der Film stellt eine Weiterentwicklung der von Chaplin in früheren Filmen ausgearbeiteten Tramp-Rolle unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen dar. Aus dem Tramp, als typischen Wanderarbeiter, ist vor dem Hintergrund von Massenarbeitslosigkeit einer der vielen Arbeitslosen geworden, der in dieser Zeit ums Überleben kämpfen muss. Im Film Goldrausch von 1925 löst Armut, Hunger und Sehnsucht Halluzinationen beim Tramp aus, in Moderne Zeiten führt die industrielle Ausbeutung des Menschen zu geistigen und auch körperlichen Fehlfunktionen. So wirkt der oft vom Hunger nach Nahrungsmitteln gepeinigte Tramp in bekannter Weise komisch, wenn sich bei seinem Kellnerjob im Tanzlokal ein riesiger Bratvogel vom getragenen Tablett aus am Kronleuchter einhängt. Das Thema Nahrungsaufnahme und Hunger spielt aber auch insgesamt eine Rolle im Film. Denn nun stellt Chaplin im Film die Anforderungen der Maschinen menschlichen Bedürfnissen gegenüber. Wird Charlie im ersten Filmteil von dem Menschfütterautomaten zwangsgefüttert, ist später - spiegelbildlich - ihm ein, in einer übergroßen Maschine eingeklemmter, Arbeitskollege ausgeliefert. Charlie flößt ihm zuerst Nahrung ein, noch bevor er ihn befreit, schließlich galt es, die Pausenzeit einzuhalten.[5] Wenn im Film die Menschfüttermaschine an ihrer Aufgabe scheitert, was ihr den Nimbus der Allmacht über den Menschen raubt, reagiert der Zuschauer, wiederum betrachtet, auf die Szene gleichsam mit unmittelbarem Gelächter. Dieses Lachen, das sich in der Auslegung des Philosophen Walter Benjamin stets der spielerischen Natur des Filmgeschehens bewusst ist, wirke als Medizin gegen die Schocks des modernen Lebens, indem es Spannungen abbaut. Der Tramp vermag also nicht nur die Fabrikwelt auf den Kopf zu stellen, sondern er führt mit seiner komischen Körpersprache auch vor, welche Konflikte industrielle Arbeit auslöst, um sie auf sinnlichen Ebenen sogleich mit Lachen zu therapieren.[6]

Anders als in früheren Filmen steht der Tramp am Filmende auch nicht allein da.[7]

Chaplin betrachtet in seinem Film den Einzelnen und die Gesellschaft in ihrer Umwelt in radikal alternativen Zusammenhängen. Er stellt vorhandene gesellschaftliche, wissenschaftliche und technologische Wechselwirkungen dar und spekuliert auch-beispielsweise in seinen Übertreibungen zur Fabrikwelt-über kommende. Der Film wird selten auch als ein Science-Fiction Film oder genauer als eine Zukunfts-Tragikkomödie wahrgenommen. Dies liegt heute auch daran, dass sich die Welt und damit auch die Filmart der Fiktion, rasant weiter modernisiert hat. Heute wirkt der Film gegenwartsnäher und die dargestellte Technologie teilweise überholt. Zur Zeit der Filmentstehung in der man Fließbandarbeit noch als eine neue amerikanische Erfindung wahrnahm, deren Entwicklung und Weiterverbreitung Henry Ford stark beeinflusst hat, bekamen Zuschauer sicher nicht diese Eindrücke. Die überdimensionalen Überwachungsmonitore sind im Film eine der damaligen Fiktionen Chaplins, heute kann man sie mit anderen Augen sehen.

Lexikon des Internationalen Films: „Eine Tragikomödie von bitter-ironischer Schärfe; mit einfachsten Mitteln, viel Bildwitz und Galgenhumor gestaltet, setzt der Film die vitalen Bedürfnisse des Menschen gegen die übertriebene Rationalisierung und Mechanisierung des Lebens.“[8]

Uraufführungen im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten]

  • Deutschland: 31. März 1956
  • Österreich: Juli 1956[9]
  • DDR: 1978, im Rahmen einer "Amerikanischen Woche des Films", erstmals gezeigt.[10]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

1989 wurde Moderne Zeiten in das National Film Registry aufgenommen. Bei Umfragen des American Film Institute nach den 100 besten US-amerikanischen Filmen landete er als dritter Chaplin-Film (hinter Goldrausch und Lichter der Großstadt) im Jahr 1998 auf dem 81. und im Jahr 2007 auf dem 78. Platz.

Rezeption[Bearbeiten]

Politische Tendenz[Bearbeiten]

Dem Film wurde sehr früh unterstellt, er weise eine „kommunistische Tendenz“ auf.[11] So schrieb Boris Schumjazki, der erste Mann der sowjetischen Filmindustrie, nach einem Besuch in Hollywood, bei dem Chaplin ihm einen Rohschnitt des Films gezeigt hatte, in der Prawda, Chaplin habe „ein Dokument geschaffen, das im sozialen Kampf Partei ergreift.“[12] Der Filmtitel, der ursprünglich The Masses lauten sollte ("New Masses" war der Name einer in den 1930er Jahren in den USA erscheinenden kommunistischen Zeitung), wurde in Modern Times geändert. Wegen seiner angeblich kommunistischen Tendenz konnte der Film erst am 31. März 1956 erstmals in der Bundesrepublik Deutschland aufgeführt werden.[13] Auch die Behörden in den USA beobachteten Chaplins „anti-amerikanische“ Aktivitäten mit Argwohn: Als Chaplin 1952 nach Großbritannien reiste, sorgte FBI-Chef John Edgar Hoover dafür, dass er wegen angeblich subversiver Tätigkeiten nicht mehr in die USA einreisen durfte. Moderne Zeiten wurde in der DDR erst 1978, im Rahmen einer "Amerikanischen Woche des Films", gezeigt.[14]

Der Filmkritiker Philipp Bühler[15] bescheinigt dem Film, dessen Beginn „das ganze 20. Jahrhundert in einem Bild zusammenzufassen scheint“, „unverkennbar marxistische Vorzeichen“, indem Chaplin demonstriere, was „entfremdete Arbeit“ bedeute: „Die riesigen Maschinen, arbeitsteilig bedient, produzieren nichts – zumindest nichts Erkennbares. Die Arbeiter/innen sind vom Produkt abgekoppelt, haben zu funktionieren als ausschließlich nach Zeit, Lohn und Arbeitskraft kalkulierte Größe.“ Allerdings sei, so Bühler, Chaplin kein Kommunist gewesen. „Eher schon wollte Chaplin wissen, wie es in diesen Zeiten möglich ist, kein Kommunist zu werden.“ Bereits im Dezember 1935 meinte der Motion Picture Herald: „Er [Chaplin] ist sicher auch ein Philosoph, ein nicht allzu optimistischer, aber er ist zuallererst ein Showman – wie sein großes bürgerliches Vermögen beweist.“

Chaplin selbst wurde 1936 von der New York Times mit den Worten zitiert: „Es gibt Leute, die meinem Werk soziale Bedeutung beimessen. Es hat keine. Das ist ein Thema für Vortragsredner. Meine Absicht ist zuerst zu unterhalten.“[16]

Aktualität im 21. Jahrhundert[Bearbeiten]

Der Tramp und die Mensch-Füttermaschine auf dem Laurentiusplatz, Wuppertal 2013

Modern Times wurde 1989 als „culturally significant“ von der Library of Congress bewertet und ausgewählt als schützenswert für die United States National Film Registry. 2003 wurde der Film „out of competition“ auf dem Cannes Film Festival gezeigt.[17] Der Journalist und Comics-Experte Andreas Platthaus stellt die Frage nach der Aktualität des Films im 21. Jahrhundert: Scheinbar passe er „besser in die Zeit von Roosevelt II als in die von Hartz IV“. Trotzdem handele es sich bei Moderne Zeiten um den „modernste[n] Film der Saison“; denn er zeige, dass man (wie der Tramp im Film als Träger der roten Fahne) nur „[d]urch Unschuld, nicht Berechnung […] zum Führer einer sozialen Bewegung“ werde.[18]

Der Literaturkritiker Thomas Klingenmaier weist, ähnlich wie Platthaus, auf die veränderte Rezeption des Films durch Zuschauer im 21. Jahrhundert hin: Die Zuschauer der Zeit unmittelbar nach 1936 hätten in dem Ausspeien des Protagonisten aus der Maschine noch einen Akt der „Rettung“ gesehen. Heutige Zuschauer hingegen erlebten diese Szene nicht als „Befreiung“ des Arbeiters von seiner Fron, sondern als „Ausmusterung“ eines überflüssig Gewordenen aus der menschenleer gewordenen Fabrik.[19]

Wenn zu Filmbeginn der Fabrikdirektor mit aufwendigen Überwachungssystemen die Tätigkeiten seiner Beschäftigten ständig überwacht, werden heute beim informierten Zuschauer gedankliche Verknüpfungen zu George Orwell und seinem dystopischen Roman 1984, in dem ein totalitärer Präventions- und Überwachungsstaat dargestellt wird, hervorgerufen.

Die Filmszene, in der der Tramp von einer mechanischen Apparatur, in immer irrwitziger werdender Geschwindigkeit, Nahrung eingeflößt bekommt, drängt uns heute Parallelen mit modernen Tierfütterungsautomaten in Massentierhaltungen geradezu auf. Im Film entsteht der Eindruck, dass nur der etwas zu sagen hat, der über die damals noch als modern geltenden Kommunikationsmittel verfügt. Diese Problematik begegnet uns in unserer heutigen, zunehmend technisierten, Kommunikation verstärkt.

Adaptionen[Bearbeiten]

In Anlehnung an den Film nannte die englische Choreographin Jean Renshaw ein 2011 in Fürth uraufgeführtes Tanzstück Modern Times.[20] Die französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Maurice Merleau-Ponty benannten ihr Journal, Les Temps modernes, nach dem Filmtitel.[21]

Sonstiges[Bearbeiten]

Die Darstellerin des hungrigen Straßenmädchen, Paulette Goddard, wurde wenig später Chaplins Frau.

Auf die Frage des Tanzlokalbesitzers gegen Filmende, ob er auch singen könnte, reagiert Charlie verlegen. Seine spätere Gesangsdarbietung kommt bei den dargestellten Lokalgästen zwar gut an, ist aber in unverständlichem Kauderwelsch ausgeführt. Hintergrund der Gesangseinlage des Stummfilmstars war, dass diese Neuerung in seinem Repertoire von der Produktionsfirma auferlegt wurde.[22] Die Szene mit dem unfreiwilligen Drogenrausch Charlies im Gefängnis war seinerzeit sehr gewagt, war doch 1930 eine freiwillige Zensurbestimmung angeordnete worden. Diese auch Hays Code genannte Vorgabe war eine Zusammenstellung von Richtlinien zur Produktion von US-amerikanischen Filmen im Hinblick auf eine moralisch akzeptable Darstellung besonders von Kriminalität und sexuellen Inhalten. Der Dachverband der US-Filmproduktionsfirmen übernahm den Kodex zunächst auf freiwilliger Basis; drohende Zensurgesetze der Regierung machten ihn jedoch ab 1934 zur Pflicht. Der Code war nie gesetzlich verankert, aber Filmen, die gegen ihn verstießen, drohte ein von der Catholic League of Decency organisierter Kinoboykott. Erst 1967 wurde der Hays Code abgeschafft.[23]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Moderne Zeiten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Movie College: Der Tonfilm in den 30er Jahren
  2. vgl. Der letzte Stummfilm – Zur Entstehung von ‚Moderne Zeiten‘. Dirk Jasper FilmLexikon
  3. http://film.fluter.de/de/135/heimkino/4546/
  4. http://film.fluter.de/de/135/heimkino/4546/
  5. http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/06/02/a0246
  6. http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/06/02/a0246
  7. http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/06/02/a0246
  8. http://www.arte.tv/de/moderne-zeiten/2972622,CmC=2972592.html
  9. Uraufführungen lt. IMDb
  10. Umworbener Klassenfeind: Das Verhältnis der DDR zu den USA, Uta Andrea Balbier, Christiane Rösch, Ch. Links Verlag, 2013, ISBN 3862840980, 9783862840984, S.155
  11. Arbeitsgemeinschaft Rundfunk Evangelischer Freikirchen (AREF): Das Kalenderblatt. Kalenderwoche 05/2011
  12. Fritz Hirzel: Modern Times 1/6
  13. moviepilot: Heute vor 55 Jahren: Chaplins Moderne Zeiten bereicherte das Kino. 31. März 2011
  14. Umworbener Klassenfeind: Das Verhältnis der DDR zu den USA, Uta Andrea Balbier, Christiane Rösch, Ch. Links Verlag, 2013, ISBN 3862840980, 9783862840984, S.155
  15. Philipp Bühler: Moderne Zeiten – Mann gegen Maschine. Der Fluter (Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung). 1. Dezember 2005
  16. Fritz Hirzel: Modern Times 1/6
  17. Festival de Cannes: Modern Times. In: festival-cannes.com. Abgerufen am 8. November 2009.
  18. Andreas Platthaus: Warum wir Chaplin noch brauchen. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 9. Juni 2005
  19. Thomas Klingenmaier: Moderne Zeiten – Eingesaugt und dann ausgespuckt (Memento vom 12. Juli 2012 im Webarchiv Archive.today). Stuttgarter Zeitung. 28. Juli 2005
  20. Stadttheater Fürth: Moderne Zeiten. Tanzstück von Jean Renshaw
  21. Appignanesi, Lisa, 2005, Simone de Benauvoir, London: Haus, ISBN 1-904950-09-4, p. 82.
  22. http://film.fluter.de/de/135/heimkino/4546/
  23. Charlie Chaplin: eine dramaturgische Studie, ab S.112, Johannes Schmitt, LIT Verlag Münster, 2006 - 128 Seiten