Mondragón Corporación Cooperativa

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Mondragón Corporación Cooperativa
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Rechtsform S. Coop. (Genossenschaft)
Gründung 1956, Mondragón
Sitz Mondragón, Spanien
Leitung José María Aldecoa
Mitarbeiter 80.321 (2012)
Umsatz EUR 14 Mrd. (2012)
Branche Finanzen, Industrie, Handel und Wissen
Website www.mondragon-corporation.com

Die Mondragón Corporación Cooperativa (MCC) ist die weltgrößte Genossenschaft und das siebtgrößte Unternehmen Spaniens.[1] Sie hat ihren Sitz in Mondragón im spanischen Baskenland und ist global tätig. Zur MCC gehören mehr als 100 Unternehmen verschiedener Sektoren wie Maschinenbau, Automobilindustrie, Haushaltsgeräte (u. a. Fagor), Bauindustrie, Einzelhandel (u. a. Supermarktkette Eroski), Banken und Versicherungen.

Gründung[Bearbeiten]

Die Genossenschaft wurde in der Kleinstadt Mondragón in der baskischen Provinz Gipuzkoa gegründet, wo sie bis zum heutigen Tage ihren Hauptsitz hat. Im Spanischen Bürgerkrieg litt die Stadt unter Massenarbeitslosigkeit. Der junge Priester José María Arizmendiarrieta (1915–1976) beschloss, das Elend der Bevölkerung mit genossenschaftlichen Strukturen der Selbsthilfe zu mindern.

1943 baute Arizmendiarrieta eine demokratisch organisierte Fachhochschule auf, die eine Schlüsselrolle des späteren Genossenschaftswesens im Baskenland spielte. Drei Jahre nach Gründung der ersten Genossenschaft durch fünf Absolventen der von Arizmendiarrieta gegründeten Fachschule wurde die Caja Laboral ins Leben gerufen, eine Kreditgenossenschaft, die Genossenschaften und genossenschaftliche Neugründungen finanzierte. Der besondere Aspekt dabei ist die den Realgenossenschaften gegenüber dienende Rolle durch die geringen Zinssätze für Fremdkapital bei Neugründungen.

Die genossenschaftliche Idee[Bearbeiten]

Die Genossenschaften zeichnen sich durch Solidarität unter den Arbeitnehmern aus, die gleichzeitig auch am Grundkapital des genossenschaftlichen Unternehmensverbundes beteiligt sind und in die Entscheidungen des Führungspersonals durch demokratische Abstimmungsprozesse eingebunden werden. Die baskischen Genossenschaften der MCC haben einen personenorientierten Charakter, der die Arbeit und nicht das Kapital in den Vordergrund stellen soll. Dies solle zu einem positiven Klima beitragen, welches Motivation und Produktivität der Betriebe erhöht. Die Arbeitnehmer werden am Gewinn beteiligt. Befindet sich ein Betrieb in finanziellen Schwierigkeiten, können sie mit Zustimmung der Arbeitnehmer durch Lohneinbußen aufgefangen werden. Bei großen betriebswirtschaftlichen Problemen oder Auftragsspitzen arbeiten Arbeitnehmer kurzzeitig in anderen Genossenschaften. Beinahe alle erwirtschafteten Erlöse werden reinvestiert. Große Bedeutung kommt auch der (Weiter-)Bildung zu. Damit möchte die Genossenschaft nicht nur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten, sondern auch ihrer sozialen Verantwortung nachkommen.

Von den 103.000 Beschäftigten im Jahr 2009 sind 84.000 auch Genossenschafter. Die Einlage, die ein sogenannter socio nach sechsmonatiger Probearbeit leisten muss, beträgt 12.000 Euro. Ein Teil davon wird als Investitionskapital verwendet. Der Rest ist Kapitalstock und wird auch mit den Gewinnen der Firmen aufgestockt. Ein Rentner kann sein Kapital entnehmen oder weiter am Erfolg des Unternehmens teilhaben. Arbeitsunfähige erhalten die vollen Bezüge bis zum Rentenalter, bei Pflegebedürftigkeit sogar 150 % der Bezüge. Die Führungskräfte verdienen maximal das achtfache der einfachen Angestellten.[2]

Organisation[Bearbeiten]

Oberstes beschlussfassendes Organ ist der genossenschaftliche Kongress mit 650 Mitgliedern, der sich aus Delegierten aus den einzelnen Genossenschaften zusammensetzt. Die Jahreshauptversammlung wählt den "Regierenden Rat" (Vorstand), der die Verantwortung für das Tagesgeschäft trägt. Jede Einzelgenossenschaft hat einen Betriebsrat, der einen Vorsitzenden wählt, welcher das Management des Betriebes berät.

Probleme[Bearbeiten]

Die Größe hat Spannungen zwischen den traditionellen Werten und Idealen und der betriebswirtschaftlichen Wirklichkeit hervorgebracht. So gab es Vorwürfe, dass Fabriken verlagert wurden und dort den Arbeitnehmern nicht die gleichen Rechte zugestanden würden. Dennoch waren Ende 2005 noch 81 % der 78.455 Arbeitnehmer Vollmitglieder der Genossenschaften.[3] Die Schaffung von Arbeitsplätzen hat immer noch Vorrang vor Kapitalinteressen. So wurde seit der Gründung der Genossenschaft im Gegensatz zu anderen Industrieunternehmen kein Stellenabbau durchgeführt.

Unruhe erzeugte ebenfalls die gefühlte zunehmende Distanz zwischen Management und Arbeitnehmern. Zwar besteht immer noch die Regelung, dass das Führungspersonal maximal das achtfache des Arbeiterlohnes verdienen darf. Dennoch fühlen sich viele Arbeitnehmer nicht mehr in die Entscheidungsprozesse eingebunden und geben auch an, der gemeinsame genossenschaftliche Gedanke und Zusammenhalt habe in der letzten Generation nachgelassen.[4]

Einige Genossenschaften haben sich bereits abgespalten, da sie mehr betriebliche Demokratie in ihren Genossenschaften durchsetzen möchten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jörg Flecker, Luise Gubitzer, Franz Tödtling: Betriebliche Selbstverwaltung und eigenständige Regionalentwicklung am Beispiel der Genossenschaft von Mondragon. Wien 1985.
  • Sally Hacker: Women workers in the Mondragon system of industrial cooperatives. In: Gender & Society Vol. 1, p. 358–379.
  • J.K. Gibson-Graham: A Postcapitalist Politics. Minnesota 2006, ISBN 9780816648047
  • Sharryn Kasmir: The myth of Mondragón: cooperatives, politics, and working-class life in a Basque town. Albany, NY: State Univ. of New York Press, 1996
  • Yvonne Holl: Wo alle Chef sind In: Vorwärts 4/2011, S. 26

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Artikel von Holl, Vorwärts 4/2011, Seite 26.
  2. vgl. Artikel von Holl,in: Vorwärts, 4/2011, S.26
  3. http://www.mcc.coop/ale/magnitudes/cifras.html
  4. Hafner, Astrid: Genossenschaftliche Realität im baskischen Mondragón. In: Auinger, Markus (Hrsg.) Solidarische Ökonomie zwischen Markt und Staat: Gesellschaftsveränderung oder Selbsthilfe? Mandelbaum, Wien 2009.