Monte Verità

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Der Monte Verità, um 1900

Der Monte Verità (dt. Wahrheitsberg) ist ein Hügel (Höhe 321 m[1]) im Westen von Ascona, im Kanton Tessin, Schweiz, der in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der Sitz einer lebensreformerischen Künstlerkolonie war, die als eine der bedeutendsten Wiegen der Alternativbewegungen gilt und stark durch die Ideen ihres Mitbegründers Gustav Gräser und des Lebensreformers Karl Wilhelm Diefenbach geprägt war. In ihr sammelte sich der Widerstand gegen die Kultur und Gesellschaft der Zeit, die als patriarchal und militaristisch wahrgenommen wurden. Monte Verità wurde ein Zentrum neuer Bewegungen: Lebensreform, Pazifismus, Anarchismus, Theosophie, Anthroposophie, OTO, Psychoanalyse, östliche Weisheit, Ausdruckstanz.

Darüber hinaus wurde der Monte Verità auch ein Zentrum des politischen Widerstands gegen die autoritären und chauvinistischen Regime des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. So war der Kanton Tessin im 19. Jahrhundert unter anderem Anlaufpunkt verschiedener russischer Intellektueller, speziell bedeutender Anarchisten. Neben Graf Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842–1921) hielt sich in den Jahren 1873/74 Michail Bakunin (1814–1876) in Locarno-Minusio und Lugano, also in direkter Nähe zu Ascona, auf. Auch nach der Gründung des Sanatoriums Monte Verità 1900 blieben Anarchisten und Pazifisten Gäste auf dem Berg. Als Beispiel sei hier nur auf Erich Mühsam verwiesen. Der politische Aktivist und Antimilitarist befreundete sich während seiner Aufenthalte zwischen 1904 und 1908 mit dem Siedler Gusto Gräser.[2] Vor und während des Ersten Weltkriegs sammelten sich dort die Pazifisten, Verweigerer, Emigranten und Flüchtlinge aus den kriegführenden Staaten: so Hans Arp, Hugo Ball, Ernst Bloch, Hermann Hesse, Ernst Toller und viele andere. Durch Hermann Hesse, der seinen Freund, den Mitgründer Gusto Gräser, in den Meistergestalten seiner Dichtungen verewigte, durch Gerhart Hauptmann, Bruno Goetz, Reinhard Goering, Emil Szittya und andere, vor allem aber durch die Person und das Werk von Gusto Gräser selbst, wurde der Berg zu einem Mythos.

1900 bis 1920[Bearbeiten]

Gründer dieser Kolonie waren die Brüder Karl (1875–1920) und Gustav Arthur Gräser (1879–1958) zusammen mit dem belgischen Fabrikantensohn Henri Oedenkoven (1875–1935) und der Münchner Pianistin Ida Hofmann (1864–1926). Oedenkoven und Hofmann kauften im Herbst 1900 für 150.000 Franken den Monte Monescia oberhalb Asconas, benannten ihn um in Monte Verità (»Berg der Wahrheit«) und gründeten eine »vegetabile Cooperative«.[3] Sie waren von der Überzeugung beseelt, eine Veränderung der Welt durch die Änderung des eigenen Lebens bewirken zu können. Während die Brüder Gräser eine Liebeskommune anstrebten, eine Freistatt für Aussteiger, setzten Oedenkoven und Hofmann auf eine wirtschaftlich rentable Naturheilanstalt. 1920 wurde die Naturheilanstalt wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit aufgegeben. Die Impulse vom Berg der Wahrheit wirken jedoch weiter in den Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegungen der Gegenwart. Dies gilt auch für den Ausdruckstanz oder German dance, der in den Sommerkursen von Rudolf von Laban auf dem Monte Verità eine wichtige Keimzelle hatte.

Casa Anatta
Licht-Luft-Hütte Casa Selma

Aus der Pionierzeit gibt es noch einige Häuser und Zeugnisse, die besucht werden können. Drei Gebäude machen den heutigen Museumsrundgang aus: Casa Anatta, Casa Selma, Holzpavillon Chiaro mondo dei beati.

  • Casa Anatta: Wohnhaus der Gründer der Naturistenkolonie, gebaut 1902. Es galt schon 1930 als „originellstes Schweizerhaus in Holz“ mit Flachdach, doppelten Wänden, Rolltüren und in allen Räumen hölzernen Tonnengewölben. Heute beherbergt es eine permanente Ausstellung über die Geschichte des Monte Verità und seiner Kolonie.
  • Casa Selma: eine typische „Licht-Luft-Hütte“, die von der Kolonie und der Vegetariergenossenschaft in den ersten Jahren nach der Besiedlung des Monte Verità übernommen wurde.
  • Der Holzpavillon Chiaro mondo dei beati wurde auf dem Fundament des damaligen Solariums erbaut. Darin befindet sich das gleichnamige Riesengemälde von Elisar von Kupffer (1923).

1926 bis 1940[Bearbeiten]

Hotel von Emil Fahrenkamp

1926 machte die russische Malerin Marianne von Werefkin den deutschen Bankier Eduard von der Heydt auf die frühere Lebenskolonie aufmerksam, an der sie früher selbst teilgenommen hatte. Baronin Werefkin konnte schließlich Von der Heydt dazu bewegen, den legendären Berg zu erwerben.[4] Von der Heydt war von seiner zweiundzwanzig Jahre älteren, „reizvollen Begleiterin“ sehr beeindruckt: „Bei dem Abendessen war auch die höchst amüsante russische Malerin Marianne von Werefkin zugegen […] Sie hatte wie viele interessante Russinnen nicht nur einen großen Charme, sondern auch eine überzeugende Art zu sprechen und einen anzuschauen. Mit blitzenden Augen fragte sie mich, ob ich schon die Perle Asconas, den ‚Monte Verità’, gesehen hätte, was ich verneinte. Ich hatte von einem Monte Verità noch nie etwas gehört. Wir verabredeten für den nächsten Tag eine gemeinsame Tour dorthin, und sie erzählte mir in kurzen Stichworten die merkwürdige Geschichte dieses Berges […] Als ich mit gespannter Aufmerksamkeit den Erzählungen der Frau von Werefkin lauschte und mit ihr über den Berg schritt, war ich begeistert von der Schönheit und einzigartigen Lage von Monte Verità.“[5] Nach dem Kauf erhob niemand Anspruch auf eine Provision.[6]

Von der Heydt erwarb den Berg noch 1926 für 160.000 Franken, arrondierte das Gelände, liess durch den Architekten Emil Fahrenkamp 1929 ein Hotel im Bauhausstil errichten und stattete dieses mit einem Teil seiner ostasiatischen Sammlung (Karl With) aus. Der Berg lebte mit dem Hotel erneut als ein internationaler Anziehungspunkt auf. Der Zweite Weltkrieg beendete diese Blütezeit. Als 1946 die Schweizer Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen ihn eröffnete wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit für das Dritte Reich, vermachte er im selben Jahr seine Ostasiatika dem Museum Rietberg in Zürich. Das Verfahren endete mit seinem Freispruch. Der Berg ging 1964 aufgrund einer testamentarischen Verfügung Von der Heydts in den Besitz des Kantons Tessin über.

1978 bis heute[Bearbeiten]

Der Monte Verità wurde durch die Ausstellung „Mammelle delle verità“ von Harald Szeemann und ein von Hermann Müller initiiertes Revival-Treffen 1978 wiederentdeckt. Die Ausstellung wurde danach in Zürich, Berlin, München und Wien gezeigt und war ein grosser Erfolg, da sie dem Bedürfnis nach Alternativen in den 1970er Jahren eine historische Grundlage gab. Szeemann hatte den Monte Verità wieder zu einem Gesamtkunstwerk gemacht, Hermann Müller dagegen wieder zu einem lebendigen Sammelplatz für – auch jüngere – Lebenskünstler. In Deutschland bewahrt das Deutsche Monte-Verità-Archiv Freudenstein die grösste Sammlung über die Geschichte des Berges.

Ende der 80er wurde unter dem Monte Verità ein 1,1 km langer Straßentunnel gebaut. Er entlastet die Asconeser Innenstadt, wo es besonders in der Ferienzeit ständig zu langen Staus kam. Heute fahren die Autos durch den Tunnel an Ascona vorbei, die alte Uferstraße dient als Spazierweg und dem Anliegerverkehr.

Im Jahr 1990 übernahm das „Centro Stefano Franscini“ (CSF), das internationale Konferenzzentrum der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, den Monte Verità. Das CSF veranstaltet bis zu 25 wissenschaftliche Konferenzen pro Jahr auf dem Monte Verità. Der Kanton Tessin führt in der verbleibenden Zeit kulturelle Veranstaltungen durch.

Im Frühjahr 2006 wurde auf dem Monte Verità ein Teepark eröffnet. Die Teepflanzen (Camellia sinensis) können hier auch erworben werden. Ein Zen-Garten und ein Tee-Haus (im Loreley-Haus), in dem Tee-Zeremonien und Seminare zum Thema Grüner Tee abgehalten werden, ergänzen den Park.[7]

Prominente Besucher[Bearbeiten]

Hans Arp: Roue Oriflamme / Goldflammendes Rad (1962) auf dem Monte Verità

Von der Heydt und sein Freund Werner von Rheinbaben beziffern die Zahl der Besucher des Monte Verità zwischen 1926 und 1958 auf rund 30.000 bis 35.000 sowie „mindestens dieselbe Zahl Passanten […] welche nur kurze Einkehr hielten“.[8]

Die Liste der prominenten Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur, Politik und Gesellschaft die der Monte Verità anlockte, umfasst u.a. Adelige wie den belgischen König Leopold, den letzten deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm Victor August Ernst von Preußen, den Grossfürsten Alexander von Russland oder den Bayerischen Prinzen Rupprecht, den Bankier Hjalmar Schacht, die Diplomaten De Margerie und Paul Graf Metternich, den Komponisten Richard Strauss und Erika Kickton, die Maler Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Paul Klee, Georg Schrimpf, Alexej von Jawlensky, Carlo Mense, Arthur Segal, Lou Albert-Lasard, Julie Wolfthorn, den Kunsthistoriker Karl With, die Politiker Konrad Adenauer, Otto Braun, Otto Meissner, Gustav Stresemann und Chaim Weizmann, den Psychoanalytiker Carl Gustav Jung, der regelmäßig viele Sommer lang seine Eranos-Tagungen abhielt, den Revolutionär Vladimir Iljitsch Uljanov, die Schauspieler Emil Jannings und Heinz Rühmann, die Sexologen Magnus Hirschfeld, Henry van de Velde, die Schriftsteller Stefan George, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Gusto Gräser, Hugo Ball, Klabund, Oskar Maria Graf, Friedrich Glauser, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam, Bruno Goetz, Reinhard Goering, Erich Maria Remarque, Ernst Toller, Georg Kaiser und Werner von der Schulenburg, den Soziologen Max Weber und die Tänzerinnen Mary Wigman, Katja Wulff, Suzanne Perrottet und Isadora Duncan.

Seinen Ruf und seine fortdauernde Wirkung verdankt der Monte Verità den Dichtern, Denkern und Künstlern. Unter ihnen sind vor allem Hermann Hesse und Gerhart Hauptmann, Max Weber und Ernst Bloch zu nennen. Hesse schrieb schon seit 1907 Legenden aus der Thebais. Die Bergwelt um Arcegno, in der er mit Gusto Gräser zusammen eine Felsgrotte bewohnt hatte, war ihm, in Erinnerung an die urchristlichen Wüstenmönche, zu seiner „Wüste Thebais“ geworden. Sein frühes Hauptwerk, der Roman Demian, spielt ebenfalls auf dem Wahrheitsberg. Dort suchte nach der Niederlage von 1918 auch Gerhart Hauptmann Trost und Zuflucht. Seine damalige Erfahrung – die Vision eines heidnischen Heilands – hat sich niedergeschlagen im letzten Abenteuer seines Till Eulenspiegel.

Der österreichische Psychiater Otto Gross entwickelte in Ascona seine Theorie der „sexuellen Revolution“. Der junge Philosoph Ernst Bloch beendete im Anblick und unter dem Einfluss des Berges sein Erstlingswerk Geist der Utopie. Nach Aufenthalten in Ascona von 1913 und 1914 entwarf der Soziologe Max Weber seine Lehre vom Charisma und von charismatischen Gesellschaftsformen. Bruno Goetz, Emil Szittya und Werner von der Schulenburg schrieben Romane über den Berg, ebenso Gabriele Reuter und Max Brod. Im Roccolo-Turm von Ascona entwarf der Dramatiker Reinhard Goering sein Antikriegsdrama Die Seeschlacht. Yvan Goll, Claire Goll, Emmy Hennings und Pierre Jean Jouve schrieben Antikriegsgedichte. Der Tänzer und Choreograf Rudolf von Laban verfasste dort während des Krieges eine Reihe expressionistischer Tanzdramen sowie sein Buch Die Welt des Tänzers, das zur Bibel des Ausdruckstanzes wurde.

In der Casa all'Angolo unterhalb des Monte Verità unterhielt der Rumäne Arthur Segal eine Malschule. Zu seinen Freunden gehörten Hans Arp, Sophie Taeuber, Alexej von Jawlensky, Lou Albert-Lasard sowie Otto van Rees und dessen Frau Adya. Wie Hans Arp fanden auch die Maler Georg Schrimpf, Richard Seewald, Carlo Mense und Heinrich Maria Davringhausen in Ascona zu ihrem eigenen Stil. Vom Monte Verità kommend setzten Emil Szittya und Hugo Kersten 1915 die Anfänge der Dada-Bewegung in Gang. Die Dadaisten Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Richter und Marcel Janco lebten zeitweise in Ascona oder auf dem Berg. Das tänzerische Sonnenfest von 1917 vor der Grotte Gusto Gräsers vereinte Dichter,Denker, Maler, Tänzer und Reformer zu einer Friedensdemonstration der Künste mitten im Krieg.

Monte Verità in der Rezeption[Bearbeiten]

Sozialwissenschaftler rezipierten die Lebensgemeinschaft auf dem Monte Verità vor allem in ihrer „klassischen“ Phase von 1900 bis 1920.

Diese Lebensgemeinschaft bot einerseits ideale Voraussetzungen für eine dauerhafte „alternative“ Lebens- und Wirtschaftsform. Allerdings standen deren Ziele, Werte und Methoden in diametralem Gegensatz zu denen der „etablierten“ bürgerlichen Gesellschaft:

  • Sie hatte die Chance, in einem völlig unerschlossenen Gelände beim Punkt Null zu beginnen.
  • Sie wurde von der sie umgebenden Gesellschaft in Ascona und im Tessin geduldet und nicht behindert. Sie konnte sich voll ihrem Bestimmungszweck widmen, ohne Sicherungs- und Verteidigungsmaßnahmen treffen zu müssen.
  • Sie wurde mit den reinsten Idealen und lautersten Absichten gegründet, ohne auf gesellschaftliche oder sonstige Sachzwänge Rücksicht nehmen zu müssen.

Andererseits litt die Lebensgemeinschaft unter ständigen Spannungen und Konflikten, an denen sie schließlich auch scheiterte. Nach Darstellung von Robert Landmann [9] waren folgende Gründe dafür verantwortlich:

  • Unterschiedliche Vorstellungen der Kolonisten von einer „natürlichen“ Lebensweise
    Während der „moderne“ Flügel (repräsentiert durch z. B. Henri Oedenkoven) am Monte Verità den technischen Fortschritt bewusst, aber eben „richtig“ einsetzen wollte, lehnten die Vertreter des „Primitivismus“ (zu denen z. B. die Brüder Gräser zählten) die Technik als Quelle des Übels rundweg ab.
  • Zu hoch gesteckte Ziele und Forderungen (Konflikt zwischen Idealismus und Realismus/Pragmatismus)
    Beispiel 1: Die Forderung der Veganer nach einer Umstellung von ledernen Sandalen (Tierprodukt!) auf pflanzliches Schuhwerk ließ sich mangels gleichwertiger pflanzlicher Materialien nicht verwirklichen. – Beispiel 2: Nicht alle Kolonisten waren in der Lage, der Forderung der Vegetaristen nachzukommen und sich ausschließlich pflanzlich zu ernähren. – Beispiel 3: Nicht alle Kolonisten konnten sofort, vollständig und dauerhaft auf Genussmittel (vor allem Tabak, Alkohol, Kaffee und Tee) verzichten (Abstinenz). – Beispiel 4: Der Verzicht auf Dienstboten und Angestellte, die in den Augen mancher Kolonisten als Objekte bürgerlicher Ausbeutung galten, erwies sich als nicht praktikabel.
  • Meinungsverschiedenheiten über das Reformtempo, d.h. die „richtige“ Geschwindigkeit, mit der die theoretisch formulierten Idealzustände anzustreben und herbeizuführen seien
    Entsprechend häufig waren Innovationen von „Kurzatmigkeit“ gekennzeichnet: Gedanken wurde oft keine Zeit gelassen, auszureifen; Versuche wurden abgebrochen, bevor sie Gelegenheit hatten, den Beweis ihrer Tauglichkeit zu erbringen; Verordnungen und Aufrufen wurde selten Zeit gelassen, sich restlos auszuwirken; Erfolge wurden selten ganz ausgeschöpft; Neuerungen überstürzten und Arbeiten überholten sich, kaum dass sie beendet waren.
  • Ein ungehemmtes Ausleben persönlicher Neigungen etlicher Bewohner (Egoismus) ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer und die Erfordernisse der Gemeinschaft
    Beispiel 1: Faulenzer und Schmarotzer, die sich von den (anderen) Kolonisten „durchfüttern“ ließen, ohne sich selbst in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. – Beispiel 2: Behinderung von Kolonisten durch Gäste, die erstere in lange Unterhaltungen verwickelten und dadurch von der Arbeit abhielten. – Beispiel 3: Mangelnder Respekt mancher Besucher vor dem Gemeinschaftseigentum der Kolonie. Beim Verlassen der Kolonie nahmen sie ungefragt mit, was sie als persönlichen Bedarf für nötig hielten.
  • Das Fehlen von Statuten, das heißt einer verbindlichen, von allen Mitgliedern anerkannten formalen Gemeinschaftsordnung
    Eine solche Satzung hätte die Möglichkeit geboten, Neuankömmlinge und Besucher, die nicht bereit waren, sich für das Wohl des Gemeinwesens einzusetzen, abzuweisen bzw. nach einer Probezeit oder bei wiederholten, gravierenden Verstößen gegen die vereinbarten Regeln von der Kolonie auszuschließen. Das Instrument einer Satzung war jedoch als (vermeintlich) „bürgerliche“ Institution verpönt.

Dass die Kolonie gleichwohl zwanzig Jahre durchhielt und bis heute ihre Strahlkraft nicht verloren hat, verdankt sie in erster Linie ihren Sezessionisten. Das sah Erich Mühsam schon 1930 so und erst recht Martin Green in seiner grundlegenden Monographie von 1986. Karl und Gusto Gräser, Jenny Hofmann und Lotte Hattemer, die Aussteiger unter den Aussteigern, waren fest entschlossen, ihre ursprünglichen Ideale rein zu erhalten. Der deutsche Soziologe Winfried Gebhardt äußerte dazu: „Sie verließen zwar das Gelände des gemeinsam begonnenen Siedlungsprojekts, nicht aber den Monte Verità. Sie siedelten sich in der Nähe der Oedenkovenschen Besitzung an und lebten hier ihr Ideal eines einfachen, harmonischen, nur dem Augenblick geweihten, sich selbst genügsamen Lebens absoluter Armut und fanatischer Kulturverachtung […] dafür aber im Einklang mit der 'Natur'. Ihr Beispiel wirkte ansteckend.“[10] Sie hätten den Traum einer Symbiose von Freiheit und Verwurzelung gelebt. „Die lebensreformerischen Bohémiens vom Monte Verità sind, wenn nicht das Vorbild, so doch der Stamm, dem all diese Versuche (einer Reorganisation der Gesellschaft) entwuchsen und heute noch entwachsen. Ihr Entwurf einer 'neuen Gemeinschaft' war der 'wahnwitzige' Versuch, alle die Moderne tragenden, aus dem Charisma der Vernunft geborenen Ideen des Liberalismus, des Sozialismus, des Idealismus, des Anarchismus (und als spezifische Beigabe: des Vegetarismus) in einer geschlossenen, konsistenten Lebensform zu vereinen.“[11] Mohr zieht mit dem Verweis auf andere Siedlungsprojekte und alternative lebensreformerische Gesellschaftsentwürfe das Fazit: „Der Monte Verità reiht sich somit in die Tradition der europäischen gesellschaftskritischen Sozialutopien ein“.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ester Bertchinger-Joos, Richard Butz: Ernst Frick, 1881 - 1956; Anarchist in Zürich, Künstler und Forscher in Ascona, Monte Verità, Vorwort von Hans Christoph Binswanger. Limmat, Zürich 2014, ISBN 978-3-85791-742-4.
  • Adolf Grohmann: Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin. Referate und Skizzen. Halle a. S. 1904. (Neudruck mit Anmerkungen und Nachwort hg. von Hanspeter Manz, Edizioni della Rondine, Ascona 1997, OCLC 81523196)
  • Erich Mühsam: Ascona. Eine Broschüre. Locarno 1905. (Nachdruck im Verlag Klaus Guhl, Berlin 1976; Abdruck In: Erich Mühsam: Ascona und Wiedersehen mit Ascona. Vereinigte Texte aus den Jahren 1905, 1930 und 1931. Sanssouci, Zürich 1979, ISBN 3-7254-0333-3)
  • Ida Hofmann-Oedenkoven: Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung. Lorch 1906.
  • Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Die Geschichte eines Berges. Ascona Pancaldi Verlag 1930.
  • Jacob Flach: Ascona, gestern und heute. Zürich / Stuttgart 1960.
  • Jonny G. Rieger: Ein Balkon über dem Lago Maggiore. Stuttgart 1957, S. 50–81.
  • Friedrich Glauser: DADA, Ascona und andere Erinnerungen. Verlag der Arche, Zürich 1976, ISBN 3-7160-1571-7.
  • Harald Szeemann: Monte Verità. Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie. Agentur für geistige Gastarbeit, Civitanova Marche und Tegna, und Electa Editrice, Milano 1978. (Sehr umfangreiche, historisch und kulturgeschichtliche Einordnungen des Begegnungsortes in die Avangardebewegungen der Moderne)
  • Martin Green: Mountain of Truth. The Counterculture begins. Ascona, 1900–1920. University Press of New England, Hanover and London 1986, ISBN 0-87451-365-0.
  • Mara Folini: Schweizerische Kunstführer GSK, Band 628/629: Il Monte Verità di Ascona. Bern 1998, ISBN 3-85782-628-2.
  • Bernhard Mayer: Interessante Zeitgenossen. Lebenserinnerungen eines jüdischen Kaufmanns und Weltbürgers. Hg. von Erhard Roy Wiehn. Hartung-Gorre, Konstanz 1998, ISBN 3-89191-888-7.
  • Ernst R. Petzold, Walter Pöldinger: Beziehungsmedizin auf dem Monte Verità. 30 Jahre Psychosomatik in Ascona. Springer, Wien / New York 1998, ISBN 3-211-83200-9. (zur Arbeit von Balint-Gruppen)
  • Robert Landmann (= Werner Ackermann): Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Huber, Frauenfeld 2000, ISBN 3-7193-1219-4.[13]
  • Andreas Schwab, Claudia Lafranchi: Sinnsuche und Sonnenbad. Experimente in Kunst und Leben auf dem Monte Verità. Limmat, Zürich 2001, ISBN 3-85791-369-X.
  • Heiner Boehnke: Der Zauberberg der Gegenkultur: Monte Verità. In: Joachim Meißner (Hrsg.): Gelebte Utopien. Alternative Lebensentwürfe. Insel, Frankfurt am Main / Leipzig 2001, ISBN 3-458-17086-3, S. 201–214.
  • Hermann Müller: Propheten und Dichter auf dem Berg der Wahrheit. Gusto Gräser, Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann. In: Kai Buchholz u. a. (Hrsg.): Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Band I, Häusser, Darmstadt 2001, ISBN 3-89552-077-2.
  • Andreas Schwab: Monte Verità – Sanatorium der Sehnsucht. Orell Füssli, Zürich 2003, ISBN 3-280-06013-3.
  • Elisabetta Barone, Matthias Riedl, Alexandra Tischel: Pioniere, Poeten, Professoren. Eranos und der Monte Verità in der Zivilisationsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2252-1.
  • Ursula Pellaton, Pierre Lepori: Monte Verità, Ascona TI. In: Andreas Kotte (Hrsg.): Theaterlexikon der Schweiz. Band 2, Chronos, Zürich 2005, ISBN 3-0340-0715-9, S. 1265–1268.
  • Gertrude Cepl-Kaufmann: Die Boheme zwischen Lebensreform und Lebensflucht. In: Walter Fähnders (Hrsg.): Nomadische Existenzen. Klartext, Essen 2007, ISBN 978-3-89861-814-4, S. 55–73.
  • Frank Milautzcki: Reinhard Goering – ein Unbekannter auf dem Berg der Wahrheit. Verlag im Proberaum 3, Klingenberg 2007.
  • Eberhard Mros: Phänomen Monte Verità. Neun Bände, Selbstverlag, Ascona 2008/2011, DNB 1013534158. (sind in der Stiftung Monte Verità erhältlich)[14]
  • Ulrike Voswinckel: Freie Liebe und Anarchie: Schwabing – Monte Verità. Entwürfe gegen das etablierte Leben. Allitera, München 2009, ISBN 978-3-86906-027-9.
  • Florian Illerhaus: Gegenseitige Beeinflussungen von Theosophie und Monte Verità. München 2009, ISBN 978-3-640-47012-9.
  • Friedrich Glauser: "Man kann sehr schön mit Dir schweigen". Briefe an Elisabeth von Ruckteschell und die Asconeser Freunde, 1919-1932. Hrsg. von Bernhard Echte. Nimbus, Wädenswil um 2008, ISBN 978-3-907142-32-5.
  • Kaj Noschis: Monte Verità. Ascona et le génie du lieu. Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne 2011, ISBN 978-2-88074-909-5 (französisch)..

Belletristik[Bearbeiten]

  • Emil Szittya: Klaps oder Wie sich Ahasver als Saint Germain entpuppt. Potsdam 1924.
  • Bruno Goetz: Das Reich ohne Raum. Eine Chronik wunderlicher Begebenheiten. Mit Kommentar von Marie Luise von Franz. Origo Verlag, Zürich 1962.
  • Bruno Goetz: Das göttliche Gesicht. Roman. Wien 1927.
  • Werner von der Schulenburg: Tre Fontane. Ein Tessiner Roman. Franz Decker Verlag, Schmiden bei Stuttgart 1961.
  • Samir Girgis: Jakob und der Berg der Wahrheit – Historischer Roman über die Geschichte Asconas und des Monte Verità. Schardt Verlag, Oldenburg 2005, ISBN 3-89841-180-X.

Film[Bearbeiten]

  • Monte Veritá. Der Traum vom alternativen Leben. Dokumentarfilm, Schweden, Deutschland, 2014, 84:40 Min., Buch und Regie: Carl Javér, Produktion: Vilda Bomben Film, MDR, arte, deutsche Erstsendung: 12. Januar 2014 bei arte, Inhaltsangabe von arte.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Monte Verità – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wandern am Lago Maggiore, alpenverein-kronach.de, abgerufen am 18. Januar 2014
  2. Florian Illerhaus: Gegenseitige Beeinflussungen von Theosophie und Monte Verità. München 2009.
  3. Hans-Peter Koch: Eine Anlaufstelle für Aussteiger und Weltverbesserer oder Die Alternativen von Ascona. Verlag Michael Müller, 2005.
  4. Lidia Zaza-Sciolli, Mara Folini: The Collection Baron von der Heydt at Monte Verità. im Ausstellungskatalog: Dal Seicento olandese alle avanguardie del primo Novecento. Museo Cantonale d’Arte, Lugano 1996, S. 72.
  5. Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Frankfurt am Main/ Berlin/ Wien 1979, S. 190 f.
  6. Bernd Fäthke, Marianne Werefkin, München 2001, S. 233. Der Großteil des künstlerischen und literarischen Nachlasses der Malerin wird in der Fondazione Marianne Werefkin aufbewahrt.
  7. Jan Feddersen: Refugium der Utopien Der Monte Verità im Tessin. In: die tageszeitung. 14. Juni 2008.
  8. Andreas Schwab, Claudia Lafranchi: Sinnsuche und Sonnenbad. 2001, ISBN 3-85791-369-X, S. 60.
  9. Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. ISBN 3-7193-1219-4.
  10. Gebhardt: Charisma als Lebensform : zur Soziologie des alternativen Lebens. Reimer, Berlin 1994, ISBN 3-496-02542-5, S. 167.
  11. Gebhardt: Charisma als Lebensform. 1994, S. 170.
  12. Hubert Mohr, bei Florian Illerhaus: Gegenseitige Beeinflussungen von Theosophie und Monte Verità. München. 2009.
  13. Perlentaucher: Rezension zu Ascona – Monte Verità: Auf der Suche nach dem Paradies.
  14. DRS 1: Menschen + Horizonte: Hetty Rogantini, die Frau vom Wahrheitsberg (PDF; 83 kB), modules.drs.ch, abgerufen am 17. Mai 2011.

46.1584778.724842321Koordinaten: 46° 9′ 31″ N, 8° 43′ 29″ O; CH1903: 699354 / 112703