Moralische Ökonomie

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Der Begriff moralische Ökonomie (von engl. moral economy) bezeichnet von moralischen Werten getragene Wirtschaftsweisen, deren vorrangiges Prinzip die gegenseitige Unterstützung ist. Vorbilder dieses Modelles, das 1971 von dem englischen Sozialhistoriker Edward Palmer Thompson geprägt[1] und später auch von deutschen Historikern (z. B. Dieter Groh) und Sozialwissenschaftlern (z. B. Elmar Altvater) übernommen wurde, sind die traditionellen Subsistenzwirtschaften früherer Kulturen oder heutiger lokaler Gemeinschaften. Der Kulturwissenschaftler Nico Stehr spricht von der „Moralisierung der Märkte“.[2]

Nach Thompson besteht die „moral economy“ aus Legitimitätsvorstellungen und moralischen Grundannahmen, aus denen die Unterschichten im 18. Jahrhundert ihre Motive zu Brotpreis- und Nahrungsrebellionen bezogen. Entgegen der in den Sozialwissenschaften verbreiteten Methode, ihre Rebellionen reaktiv aus Not und Hunger („Rebellionen des Bauches“) zu erklären, betont er als deren moralischen Antrieb die Verteidigung „traditioneller Rechte und Gebräuche“, die sich an Preisen der lebenswichtigen Güter, vor allem am Brotpreis orientieren, als direkter Protest gegen die liberale Marktökonomie, die zulasse, dass aus der Not anderer Profit gezogen werde.

Den darin eingeschlossenen Vorstellungskern der Subsistenzwirtschaft hat J. C. Scott 1976 in seiner Publikation „Moral Economy of the Peasant: Rebellion and Subsistence in South East Asia“ weiter entfaltet.

Heute wird der Begriff vielfach im Zusammenhang mit Fragen der Wirtschaftsethik, der Nachhaltigkeit und Ökologieproblematik benutzt.

Literatur[Bearbeiten]

  • John Bohstedt: The Moral Economy and the Discipline of Historical Context. In: Journal of Social History, Jg. 26 (1992), Heft 2, S. 265-284 ISSN 0022-4529.
  • Nina Odenwälder: Nahrungsproteste und moralische Ökonomie. Das Alte Reich von 1600 bis 1789. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2008, ISBN 978-3-8364-9290-4.
  • James C. Scott: The Moral Economy of the Peasant. Rebellion and Subsistence in South East Asia. 2. Aufl. Yale University Press, New Haven, Conn. 1977, ISBN 0-300-02190-9.
  • Edward Palmer Thompson: Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Ullstein Verlag, Frankfurt am Main 1980. ISBN 3-548-35046-1 (ausgewählt und eingeleitet von Dieter Groh).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Edward Palmer Thompson: The Moral Economy of the Englisch Crowd in the 18 Century. In: Past and Present. A journal of historical studies, Bd 50 (2001), S. 76-136, ISSN 0031-2746
  2. Nico Stehr: Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2007, ISBN 978-3-518-29431-4.