Moritat

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Moritatensänger,
1. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Die Moritat (vermutlich von dem beim Singen langgezogenen Wort „Mordtat“[1][2]) ist eine Sonderform des Bänkelgesangs mit einer einfachen Melodie. Sie enthält schaurige und gruselige Verbrechen mit einem moralischen Hintergrund. Moritaten wurden vom 17. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert erzählt. Damals dienten sie als Zeitungsersatz, denn sie waren die einzige Art der Informationsverbreitung. Die Moritat behandelt inhaltlich eine Schuld-Sühne-Thematik. Außerdem kennzeichnet sie eine regelmäßige Strophenform, eine direkte Anrede des Publikums und die Betonung der wahren Begebenheit. Noch bis heute hat die Moritat Einfluss auf Dichtung und Kleinkunst.

Geschichte[Bearbeiten]

Diese Schauerballaden, die sich auch an wahren Begebenheiten orientierten, wurden häufig durch eine Drehorgel, Violine, Gitarre oder Harfe begleitet, auf Straßen, Plätzen und Jahrmärkten von Moritatensängern und Bänkelsängern vorgetragen. Dabei wurde die Dramatik oft durch einen erhöhten Stand und entsprechende Leinwandbilder oder Moritatentafeln gesteigert, auf die mit einem langen Stock gedeutet wurde. Dazu verkauften die Sänger Texthefte oder sammelten vom Publikum Geld; so konnten sie ihren Lebensunterhalt verdienen.

Im Gegensatz zu dem verwandten Drehorgelmann, der gelegentlich noch anzutreffen ist, verschwand der Moritatensänger in den 1930er Jahren allmählich aus dem öffentlichen Leben. In den letzten Jahren wurde allerdings der Moritatengesang durch Einzelne oder Gruppen wiederentdeckt. Er wird heute etwa in Deutschland durch die Baden-Badener Liederweiber, die Gruppe Leierkastenheiterkeit mit Doris van Rhee, Axel Stüber und Ullrich Wimmer, die Hofheimer Moritatensänger um Gerd Gröhl oder durch die oberschwäbische Moritatengruppe um Werner Schnell vertreten. In Österreich hat Eberhard Kummer Anfang der 1990er-Jahre eine Reihe populärer Moritaten und Balladen aus Wien aufgeführt eingespielt. So finden sich auf einer 1993 gemeinsam mit Kammerschauspielerin Elisabeth Orth gestalteten CD Titel wie „Ludwig Sands letzte Stunde“, „Rinaldo Rinaldini“ oder „Des Raubmörders Geliebte im Kerker“.

In Bertolt Brechts Dreigroschenoper wird die Form der Moritat noch einmal in der Moritat von Mackie Messer aufgegriffen, von Kurt Weill konsequent mit Begleitung „in der Art eines Leierkastens“ umgesetzt.

Heutige Formen des Genres Mörderballade findet man zum Beispiel bei der Kanadierin Suzie Ungerleider und bei Nick Cave, dessen 1996er-Album Murder Ballads enthält und auch so heißt.

Küchenlieder[Bearbeiten]

Ein Küchenlied ist eine andere Form einer Moritat. Sie handelten meistens von Frauen oder jungen Mädchen.

Beispiele für diese Liedgattung sind Sabinchen war ein Frauenzimmer, Mariechen saß weinend im Garten und Die schöne Tilla.

Hörbeispiele[Bearbeiten]

Sentimentale Volkslieder vom Tod, von Räubern und Mördern. Eberhard Kummer gemeinsam mit Elisabeth Orth. CD. Preiser-Records, Wien, 1993.

Moritaten oder Das Morden höret nimmer auf Helmut Qualtinger und Kurt Sowinetz. CD. Preiser-Records, Wien, 1964.

Die Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht, Uraufführung am 31. August 1928.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Duden Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache (= Der große Duden. Bd. 7). Bibliographisches Institut, Mannheim 1963.
  2. Moritat f. Bilder und Lieder der Bänkelsänger ... wohl aus Moralität, wenn auch Mordtat in Wort und Bild geschildert werden (Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Walther Mitzka. 19. Auflage. de Gruyter, Berlin 1963, S. 488.).

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]