Mossul

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Mossul (Begriffsklärung) aufgeführt.
Mossul
Lage
Mossul (Irak)
Mossul
Mossul
Koordinaten 36° 21′ N, 43° 9′ O36.34343.149228Koordinaten: 36° 21′ N, 43° 9′ O
Staat Irak
Gouvernement Ninawa
Basisdaten
Höhe 228 m
Einwohner 2.882.442 (1. Januar 2010)[1]
Vorwahl 40 (Stadt), 964 (Land)
Tigris river Mosul.jpg

Mossul oder Mosul (arabisch ‏الموصل‎, DMG al-Mauṣil; türkisch Musul; kurdischموصل‎/Mûsil; syrisch-aramäisch:ܢܝܢܒ݂ܐ/Nîněwâ) ist eine Stadt im Norden des Irak am rechten Ufer des Tigris, circa 350 Kilometer nördlich von Bagdad. Sie ist mit 2.882.442 Einwohnern (Berechnung 2010)[1] nach Bagdad die zweitgrößte Stadt des Landes. Mossul ist die Hauptstadt der Provinz Ninawa.

Bevölkerung[Bearbeiten]

Mossul ist eine multiethnische und multireligiöse Stadt: Araber, Kurden, Assyrer (auch Aramäer und Chaldäer genannt), Turkmenen und Jesiden leben hier. Wegen der Unsicherheit infolge des Irakkrieges 2003 verließen viele Menschen die Stadt. Insbesondere Christen haben Mossul nach gezielten Angriffen verlassen. Eine genaue Statistik der heute in der Stadt lebenden Bevölkerung gibt es nicht.

Religion[Bearbeiten]

Mossul blickt auf eine 1600 Jahre alte christliche Tradition zurück. Die Stadt war bis vor kurzem Sitz mehrerer Erzbischöfe von Ostkirchen syrischsprachiger Tradition (siehe auch: Christen im Irak). Nach der Eroberung Mossuls durch Kämpfer der Gruppe ISIS bzw. Islamischer Staat wurden die christlichen Einwohner vor die Wahl gestellt, die Stadt entweder zu verlassen, zum Islam zu konvertieren oder hingerichtet zu werden. Die allermeisten Christen verließen Mossul daraufhin Ende Juli, sodass die christliche Tradition der Stadt vorläufig zu einem Ende gekommen ist. Laut Erzbischof Louis Raphaël I. Sako lebten bei der Machtübernahme des ISIS noch 25.000 Christen in Mossul,[2] nach Angaben der BBC waren es sogar 35.000.[3]

Der syrisch-katholische Erzbischof Basile Georges Casmoussa, der am 17. Januar 2005 entführt wurde, wurde am Tag darauf ohne Zahlung von Lösegeld freigelassen. Das armenische Kirchengebäude wurde 2004 durch einen Terrorakt schwer beschädigt; Anfang 2006 erhielt Erzbischof Avag Asadurian die Zusage von Staatspräsident Dschalal Talabani und Ministerpräsident Ibrahim al-Dschafari, dass die Kirche wiederaufgebaut werden soll. In der Nähe von Mossul unterhält die Syrisch-Orthodoxe Kirche das St. Ephrem-Seminar zur Ausbildung von Priestern und Kirchennachwuchs. Der jetzige Abt ist der Erzbischof Mar Saverius Ishak Saka (* 1931).

Geschichte[Bearbeiten]

Armenier in Mossul, die während des Völkermords aus osmanischen Deportationszügen flüchten
Marktszene aus Mossul von 1932
Siehe auch: Ninive

Mossul war seit dem 8. Jahrhundert ein wichtiges Wirtschaftszentrum, im 10. Jahrhundert regierten die Hamdaniden über Mossul und wurden im 11. Jahrhundert von den Uqailiden abgelöst. Im 12. Jahrhundert war es Hochburg der Zengiden im Kampf gegen die Kreuzritter, im 13. Jahrhundert wurde es von den Mongolen erobert und zerstört. Nach dem Wiederaufbau wurde es wieder zu einem regionalen Zentrum, ohne an seine frühere Bedeutung anknüpfen zu können. Im frühen 16. Jahrhundert gehörte Mossul zum Herrschaftsbereich des turkmenischen Stammesbundes der Ak Koyunlu, 1508 nahmen es die Safawiden ein. 1535 eroberten die Osmanen unter Süleyman dem Prächtigen die Stadt. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte Mossul unter einer kurzlebigen, aber weitgehend autonomen Gouverneursdynastie (Dschaliliden) vorübergehend eine bescheidene Blüte.

Die Stadt und das umliegende Gebiet wurden nach dem Ersten Weltkrieg von Großbritannien besetzt, die Türkei beanspruchte das Gebiet aber weiterhin und leitet daraus zum Teil noch heute Ansprüche ab. Der Völkerbund, dem die Türkei nicht angehörte, sprach das strittige Ölgebiet 1925 dem britischen Mandatsgebiet Irak zu. Die Forderung der Türkei, eine Volksabstimmung in Mossul über dessen Zukunft abzuhalten, wurde von Großbritannien abgelehnt. Im Vertrag von 1926 zwischen Großbritannien und der Türkei sah sich die Türkei gezwungen, Mossul abzutreten, zumal zum gleichen Zeitpunkt kurdische Aufstände in Ostanatolien die Türkei schwächten.

Am 22. Juli 2003 wurden bei einem Gefecht mit US-amerikanischen Spezialeinheiten in Mossul Udai und Kusai Hussein, die Söhne des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein, getötet. Im Dezember 2006 riefen sunnitische Extremisten der Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIS)[4] in Mossul das Islamische Emirat Irak aus, dessen Hauptstadt Mossul werden soll. Ein sogenanntes Kriegsministerium verkündet seine Anordnungen mittels Flugblättern. Seitdem hat der Terror in Mossul signifikant zugenommen: Polizisten, Journalisten und Frauen ohne Kopftuch werden ebenso bedroht und ermordet wie z.B. Inhaber kleiner Fotostudios (nach Ansicht des „Kriegsministeriums“ widerspricht das Abbilden von Lebewesen dem Islam) oder Restaurantbesitzer, deren Speisen harām seien, also unislamisch, z. B. Salate mit „weiblichen“ Tomaten und „männlichen“ Gurken.[5]

ISIS-Terror 2014[Bearbeiten]

Anfang Juni 2014 startete der "Islamische Staat", der bereits zuvor im syrischen Bürgerkrieg aktiv war und schon zu Beginn des Jahres Teile der irakischen Provinz al-Anbar unter seine Kontrolle gebracht hatte, einen Angriff auf Mossul. Innerhalb weniger Tage brachten die Kämpfer dieser Organisation die Stadt vollständig unter ihre Kontrolle.[6]

Unter der Kontrolle der Terroristen wurden die Statuen des abbasidischen Dichters Abu Tammam (788–845) wie des irakischen Musikers und Lyrikers ʻUthman al-Mawsili (1854–1923) ebenso zerstört wie die Marienstatue auf dem Turm der chaldäisch-katholischen Erzdiözese. Auch die Grabstätte des Historikers Ibn al-Athīr (1160–1223) wurde demoliert.[7]

Die christlichen Einwohner wurden vor die Wahl gestellt zu fliehen, zum Islam zu konvertieren oder hingerichtet zu werden. Die allermeisten Christen verließen daraufhin Ende Juli die Stadt.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Von wirtschaftlicher Bedeutung ist Mossul heute hauptsächlich wegen der reichen Ölfelder in der Umgebung. In der Stadt selbst gibt es Erdölraffinerien. Traditionell ist die Stadt bekannt für Textil- und Lederprodukte, der Stoff Musselin hat seinen Namen von der Stadt.

Die Stadt ist Verkehrsknotenpunkt des Nordirak (die Bagdadbahn führt über Mossul), die instabile Lage hat ihre wirtschaftliche Bedeutung jedoch stark schrumpfen lassen.

Kultur[Bearbeiten]

Zu den Kulturstätten gehört unter anderem das Mosul Museum, das Kunstwerke aus der Assyrischen Zeit aufbewahrt.

In der Nähe von Mossul auf dem gegenüberliegenden Tigrisufer liegen die von dem Briten Austen Henry Layard entdeckten Ruinen der antiken assyrischen Hauptstadt Ninive, nach der auch die Provinz benannt wurde.

IS-Terroristen brachten Kunstwerke -wie Bildhauerarbeit "Das Grab Jonas"- in den raubgestützten Kunsthandel, um Geld für Waffen und Anschläge zu beschaffen.[8]

Bauwerke[Bearbeiten]

40 Kilometer nördlich von Mossul liegt am Tigris die Mosul-Talsperre, die größte Talsperre im Irak.

In Mossul befand sich die Jonas-Moschee, das mutmaßliche Grab des Propheten Jonas. Am 24. Juli 2014 wurde die in den 1990er Jahren renovierte Moschee von Angehörigen der Gruppe Islamischer Staat (IS) gesprengt.[9]

Infrastruktur[Bearbeiten]

Mitte Februar 2010 wurde die Zugstrecke Mossul-Gaziantep (Türkei) eröffnet. Die 18-stündige Fahrt führt über Syrien und fand einmal wöchentlich statt,[10] wurde aber bereits einige Monate darauf wieder eingestellt. Die Stadt hat einen eigenen Flughafen.

Klimatabelle[Bearbeiten]

Mossul hat ein semiarides Klima mit sehr heißen trockenen Sommern und kühlen regnerischen Wintern. Hier fällt nahezu dreimal soviel Regen wie in Bagdad und doppelt soviel wie in Basra. Dadurch ist die Gegend für den Anbau von Weizen und Gerste geeignet.

Mossul
Klimadiagramm
J F M A M J J A S O N D
 
 
66
 
13
3
 
 
70
 
15
4
 
 
60
 
19
6
 
 
50
 
25
10
 
 
19
 
33
15
 
 
0
 
40
20
 
 
0
 
43
23
 
 
0
 
43
22
 
 
0
 
39
17
 
 
7
 
31
11
 
 
46
 
22
7
 
 
60
 
15
3
Temperatur in °CNiederschlag in mm
Quelle: wetterkontor.de
Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Mossul
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Max. Temperatur (°C) 12,8 15,3 19,0 25,4 32,9 39,6 43,4 43,0 38,7 31,2 22,4 15,0 Ø 28,3
Min. Temperatur (°C) 2,5 3,5 6,3 10,2 15,0 19,5 22,9 21,8 16,6 11,4 7,0 3,2 Ø 11,7
Niederschlag (mm) 66 70 60 50 19 0 0 0 0 7 46 60 Σ 378
Sonnenstunden (h/d) 5,1 5,9 6,2 7,0 10,0 12,1 12,4 11,9 10,7 8,6 6,3 5,0 Ø 8,4
Luftfeuchtigkeit (%) 82 76 71 64 48 31 28 30 37 49 67 79 Ø 55,1
T
e
m
p
e
r
a
t
u
r
12,8
2,5
15,3
3,5
19,0
6,3
25,4
10,2
32,9
15,0
39,6
19,5
43,4
22,9
43,0
21,8
38,7
16,6
31,2
11,4
22,4
7,0
15,0
3,2
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
N
i
e
d
e
r
s
c
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l
a
g
66
70
60
50
19
0
0
0
0
7
46
60
  Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • J. M. Fiey: Mossoul chrétienne. Beyrouth 1959.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mossul – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b World Gazetteer: Bevölkerungszahlen der Stadt
  2. Tausende Christen fliehen aus Mossul, Artikel der Zeit vom 19. Juli 2014
  3. BBC News, Iraqi Christians flee after Isis issue Mosul ultimatum, 18. Juli 2014; zuletzt eingesehen am 21. Juli 2014
  4. http://www.welt.de/politik/ausland/article127410744/Die-Kurden-wollen-weg-von-Bagdad.html
  5. Mosul ohne Bilder. Sunnitische Extremisten bauen am Islamischen Emirat Irak: ein Reich des Terrors, eine Welt ohne Lebensfreude erschienen in der Berliner Zeitung am 4. August 2007.
  6. Mossul: Dschihadisten kontrollieren zweitgrößte Stadt des Irak, Artikel von Spiegel-online vom 10. Juni 2014
  7. Joseph Croitoru: Die Kulturbarbarei des Isis. Spur der Verwüstung, in: Neue Zürcher Zeitung, 3. Juli 2014.
  8. Das geplünderte Erbe, Dokumentation der ARD, 20. Oktober 2014.
  9. http://derstandard.at/plink/2000003539275?_pid=38811182 Berichterstattung in der österreichischen Tageszeitung DER STANDARD
  10. 18 saatte trenle Musul'a, Artikel der Radikal vom 17. Februar 2010