Mušov

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Kirche des hl. Leonhard

Mušov (deutsch Muschau) ist eine Wüstung in Tschechien. Sie liegt zwölf Kilometer nördlich von Mikulov (Nikolsburg) im mittleren Thaya-Stausee von Nové Mlýny (Neumühl). Ihre Fluren gehören zur Gemeinde Pasohlávky (Weißstätten) im Okres Brno-venkov (Bezirk Brünn-Land). Erhalten blieb auf einer Insel die Kirche des hl. Leonhard.

Geschichte[Bearbeiten]

Siedlungsfunde sind bereits aus der Steinzeit, jüngeren Bronzezeit, Hallstattzeit und La-Tène-Zeit nachweisbar. Zur Zeit der Markomannenkriege (166−180 n. Chr.) bestand beim heutigen Mušov ein weit ausgedehnter militärischer Stützpunkt der römischen Armee, der durch ein römisches Badegebäude und mehrere Militärlager belegt ist, deren Reste hier gefunden wurden. Hier wurde im Jahr 1988 auch das so genannte „Fürstengrab von Mušov“ entdeckt, das in die Zeit der Markomannenkriege datiert und in dem ein wahrscheinlich romfreundlicher germanischer Führer bestattet wurde. Auch für die Zeit der Völkerwanderung sind Funde belegt. Die älteste slawische Besiedlung setzt in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts ein.

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts verdichtete sich die Bevölkerungkonzentration im Gebiet von Mušov. Der Grund hierfür waren eine Besiedlung durch bayrische deutsche Siedlern, welche vor allem im 12/13. Jahrhundert erfolgte. Diese brachten die „ui“- Mundart (bairisch-österreichisch) mit ihren speziellen Bairischen Kennwörtern mit, welche bis zum Schicksalsjahr 1945 gesprochen wurde.[1] Zu dieser Zeit war der Ort in Besitz der Herren von Dürnholz und wurde in der Laaer Urkunde vom 4. Dezember 1237 mit einer romanischen Kapelle erwähnt. 1249 gelangte der Ort an Heinrich I. von Liechtenstein. Eine weitere urkundliche Erwähnung von „Muschaw“ erfolgte 1332. Für das Jahr 1414 sind in einem Urbar besondere Fischereirechte verzeichnet. Während der Hussitenkriege bot der „Taborgraben“ dem Ort Schutz. Hierbei handelte es sich um einen 250 m langen Ringwall, dessen Ursprung schon in frühester Zeit lag.

1560 musste Christoph von Liechtenstein Muschau mit der Herrschaft Nikolsburg an den ungarischen Freiherrn Ladislaus von Kereczeny und Kaniafeld verkaufen. Ab 1566 gehörte die Herrschaft seinem Sohn Christoph von Kereczeny und Kaniafeld, der Muschau 1570 auch das Marktrecht verlieh. Nach dessen kinderlosem Tod 1572 fiel die Herrschaft Nikolsburg an den Kaiser, der sie dann 1575 Adam von Dietrichstein gab.

Zur Zeit der Reformation, am Beginn des 16. Jahrhunderts, war die Pfarre zeitweise evangelisch und der Ort von Angehörigen der radikal-reformatorischen Täuferbewegung bewohnt. In der Zeit der Rekatholisierung um 1582 wurde die Kirche vom Olmützer Bischof Stanislaus Pavlovský von Pavlovitz neu geweiht. Nachfolgend nahmen 161 Menschen den katholischen Glauben wieder an. 1609 erhielt Muschau eine Bergrechtsordnung. Während des Dreißigjährigen Krieges wurden im Jahre 1622 die Täufer (Hutterer) aus dem Land gewiesen. Diese zogen daraufhin nach Siebenbürgen weiter.[2] Mit dem Bau der Kaiserstraße von Wien nach Brünn 1754 nahm Muschau einen wirtschaftlichen Aufschwung. Muschau war bis 1761 nach Bergen gepfarrt und erst ab 1865 wieder selbständige Pfarrei. Matriken werden seit 1627 geführt (Onlinesuche über das Landesarchiv Brünn).[3] Grundbücher werden seit 1759 geführt. Zur gleichen Zeit wurde eine Schule in Muschau eingerichtet, im Jahre 1796 wurde sie restauriert und erweitert. 1804 vernichtete ein Großbrand 50 Häuser. Um die alte Schule zu ersetzen, wurde im Jahre 1831 eine neue Schule gebaut, welche 1883 auf zwei Klassen aufgestockt wurde.

Wegen der Stauungen am Zusammenfluss von Thaya, Schwarza und Igel war Muschau häufig zweimal im Jahr überschwemmt. Darum wurden im Überschwemmungsgebiet Ziegelbrücken gebaut und im Zuge der Thaya-Regulierung, um 1892, das Flussbett von der Mühle bis zur Eisernen Brücke drei Meter tief ausgebaggert. Da die wiederkehrenden Überschwemmungen dadurch trotzdem nicht verhindert werden konnten, wurde 1979 ein Stausee mit einem Wasserkraftwerk angelegt. Der größte Teil der Bewohner von Muschau lebten vom Fischfang und der Landwirtschaft, wobei der sonst wichtige Weinbau Südmährens keine wichtige Rolle gespielt hatte. Daneben gab es noch ein florierendes Kleingewerbe, eine Raiffeisenkassa, eine Milchsammelstelle der Molkerei Brünn und eine Mühle, welche aber im Jahre 1889 aufgrund der Thayaregulierung aufgelassen wurde. Vier Jahre später wurde im Ort eine Freiwillige Feuer- und Wasserwehr gegründet. Zum 50-jährigen Thronjubiläum des Kaisers wurde im Jahre 1908 der kaiserlichen Familie durch ein Kaiser-Josef-II.-Denkmal gedankt.[4]

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Vertrag von Saint-Germain[5] 1919 wurde der Ort, dessen Bewohner im Jahre 1910 zu 98 % der deutschen Sprachgruppe angehörten, Bestandteil der neuen Tschechoslowakischen Republik. Im gleichen Jahr wurde das Kaiser-Josef-II.-Denkmal entfernt und auf dessen Sockel im Jahre 1927 ein Kriegerdenkmal errichtet. 1924 erfolgte die Elektrifizierung des Ortes. 1928 wurde das Marktrecht[6] durch Gurkenmärkte wiederbelebt. In der Zwischenkriegszeit kam es durch neue Siedler und die Neubesetzung von Beamtenposten zu einem vermehrten Zuzug von Personen tschechischer Nationalität.[7] Maßnahmen wie die Bodenreform und die Sprachenverordnung, die halfen, Tschechen in den deutschen Gemeinden anzusiedeln, verschärften die entstehenden Spannungen. Als auch die von den Deutschsüdmährern geforderte Autonomie nicht verhandelt wurde und bewaffnete Konflikte drohten, veranlassten die Westmächte die tschechische Regierung zur Abtretung der Randgebiete, die im Münchner Abkommen geregelt wurde, an Deutschland. Somit wurde Muschau mit 1. Oktober 1938 ein Teil des deutschen Reichsgaus Niederdonau.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (8. Mai 1945) – der dort 57 Opfer forderte – wurden die im Münchner Abkommen an Deutschland übertragenen Territorien, also auch Muschau, wieder der Tschechoslowakei zugeordnet. Als die mit der rückziehenden Front geflüchteten Muschauer wieder in ihren Heimatort zurückkamen, fanden sie viele ihrer Häuser bereits von tschechischen Partisanen besetzt. Bei den einsetzenden Exzessen durch militante Tschechen kamen 22 Zivilpersonen zu Tode.[8] Das Beneš-Dekret 115/46 (Straflosstellungsgesetz) schützt vor einer juristische Aufarbeitung der Geschehen. Beim Versuch einer Nachkriegsordnung nahmen die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges am 2. August 1945 im Potsdamer Protokoll, Artikel XIII, zu den laufenden „wilden“ Vertreibungen der deutschen Bevölkerung konkret nicht Stellung. Explizit forderten sie jedoch einen „geordneten und humanen Transfer“ der „deutschen Bevölkerungsteile“, die „in der Tschechoslowakei zurückgeblieben sind“.[9][10] Die offizielle Zwangsaussiedlung von zwei Ortsbewohnern erfolgte 1946 nach Westdeutschland.[11][12] Neun Personen konnten im Ort verbleiben. Das Vermögen der http://download.springer.com/static/pdf/273/art%253A10.1007%252FBF01344139.pdf?auth66=1396358835_c13b70040b3c1b8697c40fb49deaacbf&ext=.pdfdeutschen Bewohner wurde durch das Beneš-Dekret 108 konfisziert, das Vermögen der evangelischen Kirche durch das Beneš-Dekret 131 liquidiert und die katholische Ortskirche in der kommunistischen Ära enteignet. Eine Restitution ist seitens der Tschechischen Republik nicht erfolgt.

In Übereinstimmung mit den ursprünglichen Überführungs-Zielen[13] des Potsdamer Kommuniqués verlangte im Januar 1946 die Rote Armee den Abschub aller Volksdeutschen aus Österreich nach Deutschland. Trotzdem konnten 238 Muschauer in Österreich verbleiben, 471 Personen wurden nach Deutschland weitertransferiert.[14][15]

Die für den Untergang vorgesehene Gemeinde wurde 1976 nach Pasohlávky (Weißstätten) eingemeindet. Nach der Überflutung wurde Mušov am 1. Januar 1980 aufgelöst. Zuvor waren die Bewohner des früheren Marktfleckens nach Pasohlávky (Weißstätten) und Pohořelice (Pohrlitz) umgesiedelt worden. An Mušov erinnern nur vier Inseln im mittleren Stausee. Auf der größten Insel steht die Kirche von Mušov. Eigentümer der Kirche ist seit 1999 die Gemeinde Ivaň (Eibis).

Wappen und Siegel[Bearbeiten]

Mit der Erhebung zum Markt erhielt Muschau auch das Siegelrecht verliehen. Zugleich mit dem Siegelrecht hat der Herrschaftsinhaber Christoph von Liechtenstein seinem Markt 1570 auch ein Wappen verliehen.[16]

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Volkszählung Einwohner gesamt Volkszugehörigkeit der Einwohner
Jahr Deutsche Tschechen Andere
1880 667 662 5 0
1890 695 687 7 1
1900 665 650 14 1
1910 742 729 12 1
1921 742 707 17 18
1930 730 667 38 25

[17]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

  • Die auf einer Insel liegende ehemalige Pfarrkirche zum hl. Leonhard geht auf einen romanischen Kirchenbau aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Der Altar des hl. Leonhard wurde nach dem Untergang des Städtchens in die Kirche Mariä Himmelfahrt in Černvír verbracht[18].

Literatur[Bearbeiten]

  • J. Matzura: Muschau an der Thaya, 1925
  • Hans Freising: Neu entdeckte vor-frühgeschichtliche Siedlungen im Gerichtsbezirk Nikolsburg, Tagesbote, 1931
  • Hans Freising: Kelten im Umland der Polauer Berge, Heimatblatt für den Nikolsburger Bezirk, 1933
  • Johann Zabel: Kirchlicher Handweiser für Südmähren, 1941, S. 21
  • Josef Freising: Ortsgeschichte von Muschau 1934, Neuauflage, 1991
  • M. Zemek, Josef Unger: Jižni Moravě, 1982, S. 117
  • Peter Frank: Muschau, 1981
  • Jaroslav Peška: Die Königsgruft von Mušov, 1991
  • Jaroslav Tejral, Jaroslav Peška, Das germanische Königsgrab von Mušov in Mähren. (Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 55). Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2002
  • Hans Lederer: Beiträge zur Muschauer Geschichte, 1999
  •  Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band 3. Die Geschichte der deutschen Südmährer von 1945 bis zur Gegenwart. Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen an der Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0, S. 230, 237, 407, 409, 425, 431, 540, 573, 577.
  • Gerald Frodel, Walfried Blaschka: Der Kreis Nikolsburg A - Z, 2006, S. 130 ff.
  • Franz Josef Schwoy: Topographie vom Markgrafthum Mähren, Bd 1-3, Wien 1793.
  • Gregor Wolny: Die Markgrafschaft Mähren topographisch, statistisch und historisch. Bd.II, Brünn, 1837, S. 202.
  • Margarethe Beninger, Hans Freising: Die germanischen Bodenfunde in Mähren. (Anstalt für Sudetendeutsche Heimatforschung, Vorgeschichtliche Abteilung 4). Reichenberg 1933
  • Josef Unger, Metoděj Zemek: Z osudů nedávno zaňiklého Mušova, 1982
  • Anton Schwetter, Anton Kern: Heimatkunde für den politischen Bezirk Nikolsburg, 1911
  • Emil Kordiovsky: Mušov 2000

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Leopold Kleindienst:Die Siedlungsformen, bäuerliche Bau- und Sachkultur Südmährens. 1989, S. 9.
  2. Bernd Längin: Die Hutterer. 1986, S. 237.
  3. Acta Publica Registrierungspflichtige Online-Recherche in den historischen Matriken des Mährischen Landesarchivs Brünn (cz,dt). Abgerufen am 22. März 2011.
  4. Wilhelm Szegeda: Heimatkundliches Lesebuch des Schulbezirks Nikolsburg. 1935, approbierter Lehrbehelf, Lehrerverein Pohrlitz Verlag, Muschau, S. 87.
  5. Felix Ermacora: Der unbewältigte Friede: St. Germain und die Folgen; 1919 -1989. Amalthea Verlag, Wien, München, 1989, ISBN 3-85002-279-X.
  6. M. Zemek, A. Zimakova: Mistopis Mikolovska 1848-1960 Olomouc 1969
  7. Johann Wolfgang Brügel: Tschechen und Deutsche 1918 – 1938. München 1967.
  8. Walfried Blaschka, Gerald Frodl: Der Kreis Nikolsburg von A-Z, Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen an der Steige, 2006, S. 216.
  9. Charles L. Mee: Die Potsdamer Konferenz 1945. Die Teilung der Beute. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979. ISBN 3-453-48060-0.
  10. Milan Churaň: Potsdam und die Tschechoslowakei. 2007, ISBN 978-3-9810491-7-6.
  11. Archiv Mikulov: Odsun Nĕmců - transport odeslaný dne 20. kvĕtna, 1946
  12. Wilhelm Jun/ Ludislava Šuláková: Die Problematik des Abschubs der Deutschen in den Akten des Volksausschusses (MNV) und des Bezirks-Volksausschusses (ONV) Nikolsburg. Verlag Maurer, Südmährisches Jahrbuch 2001, S. 45, ISSN 0562-5262.
  13. Cornelia Znoy:Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach Österreich 1945/46. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades der Philosophie, Geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Wien, 1995.
  14.  Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band 3. Die Geschichte der deutschen Südmährer von 1945 bis zur Gegenwart. Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen an der Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0, S. 239.
  15. Brunnhilde Scheuringer: 30 Jahre danach. Die Eingliederung der volksdeutschen Flüchtlinge und Vertriebenen in Österreich. Braumüller, 1983, ISBN 3-7003-0507-9.
  16. Codex diplomaticus et epistolaris Moraviae Bl. IV, S. 42
  17. Statistickỳ Lexikon obcí České Republiky 1992, Praha 1994
  18. http://www.nasemorava.cz/prezentace/1100cern/dominanty.htm

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mušov – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.89555555555616.6Koordinaten: 48° 54′ N, 16° 36′ O