Mumie aus dem Dachauer Moos

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Mumie aus dem Dachauer Moos, auch als Moorleiche aus dem Dachauer Moos[1] bekannt, ist eine südamerikanische Trockenmumie, die lange Zeit für eine Moorleiche gehalten wurde. Die aus dem 15. bis 17. Jahrhundert stammende Frauenmumie wurde von 1977 bis 2007 in der Dauerausstellung der Archäologischen Staatssammlung in München gezeigt, bis bei wissenschaftlichen Nachuntersuchungen ihre wahre Identität aufgedeckt wurde.

Befunde[Bearbeiten]

Bei der Mumie handelt es sich um die Leiche einer Frau, die aufgrund der noch nicht komplett verwachsenen Apophyse auf ein Alter zwischen 20 und 25 Jahren geschätzt wird. Sie liegt in hockender Position mit stark angezogenen Beinen auf der linken Seite. Ihre Arme sind zwischen Bauch und Oberschenkeln verschränkt und die Finger gebeugt. Lediglich der Zeigefinger der linken Hand ist gerade ausgestreckt. Beide Unterschenkel und Füße fehlen. Abdrücke von Einschnürungen an den Oberschenkeln deuten an, dass die Leiche der Frau durch Verschnürungen künstlich in die extreme Hockerposition gebracht wurde. Die Haut der Frau ist lederartig, von mittelgrauer bis anthraziter Farbe und leicht glänzend. An dünneren Hautpartien zeichnen sich deutlich Muskelpartien und Rippen ab. Ihr Gesicht ist größtenteils zerstört. Das Gebiss war kariesfrei. Besonders auffällig sind ihre gut erhaltenen Haare und ihre Frisur. Ihre langen Haare sind mittig über dem Kopf gescheitelt, zu sechs seitlichen Zöpfen geflochten, die wiederum zu zwei größeren Zöpfen zusammengeflochten wurden. An den Enden sind die Haarspitzen umgeschlagen und breit mit Bändern aus Alpakawolle umwickelt. Chemische Analysen der Haare ergaben in einer Probe erhöhte Konzentration an Kaolin (Aluminiumsilikat) und Hämatit (Eisen(III)-oxid), sowie Eisen, Arsen und Antimon als Bestandteile aus dem Hämatit. Diese Metalle stammen höchstwahrscheinlich aus einer Färbung der Haare mit dem Erdpigment Ocker, die auch an vielen anderen südamerikanischen Mumien beobachtet wurde. Weiterhin weist eine zweite Haarprobe hohe Konzentrationen an Magnesium, Aluminium, Kalium, Calcium, Barium und Strontium auf, die sehr wahrscheinlich aus dem Bombenschutt des Krieges eingetragen wurden. Der Schädel der Frau weist im Röntgenbefund ein Inkabein auf, einen nicht krankhaften zusätzlichen Knochen, der zur Vermutung führte, dass die Tote aus Südamerika stammen könnte, da diese Anomalie dort besonders häufig auftritt. Die Isotopenanalyse einiger Haarproben ergab typische Muster, wie sie von Chinchorro-Mumien aus Südamerika bekannt sind. Außerdem zeigten die Ergebnisse, dass die Frau überwiegend pflanzliche Nahrung aufnahm und der Anteil an Meerestieren in den letzten vier Monaten vor ihrem Tode deutlich abnahm. Weiterhin deuten die Analyseergebnisse an, dass die Frau in einer Küsten- und/oder Wüstenregion im Norden Chiles oder Perus lebte.[2] Die Mumifizierung der Leiche erfolgte durch einen rein natürlichen Trocknungsprozess. Die chemischen Analysen der Haare und Haut deuten aufgrund charakteristischer Spurenelementmuster an, dass die Frau in einer nitratreichen Trockenwüste mumifiziert wurde.

Datierung[Bearbeiten]

Zunächst wurde für die Moorleiche aus dem Dachauer Moos ein Sterbedatum im 15. oder 16. Jahrhundert angenommen.[3] Eine in den 1970er Jahren an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel durchgeführte 14C-Analyse einer Probe aus dem verletzten Rumpf mittels Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS) ergab ein Sterbedatum zwischen 1440 und 1630 n. Chr.[4]

Geschichte[Bearbeiten]

Wie die Mumie nach München gelangte, lässt sich heute nur noch vage, aufgrund der Aktenlage, rekonstruieren. Höchstwahrscheinlich wurde sie von der naturwissenschaftlich gelehrten Prinzessin Therese von Bayern, der Tochter Prinzregent Luitpolds von Bayern, nach Deutschland gebracht. Therese von Bayern unternahm Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Forschungsreisen, auf denen sie Exponate für ihre im Leuchtenberg-Palais untergebrachte Privatsammlung erwarb. 1898 grub sie auf einer Reise durch Kolumbien, die Karibik, die Anden und Peru in der Nähe von Lima eigenhändig eine Mumie aus. Eine weitere Mumie, samt Grabbeigaben kaufte sie für 38 peruanische Soles (Umgerechnet etwa 3.000 €) an. Nach dem Tode Therese von Bayerns ging ihre Sammlung an die Zoologische Staatssammlung und das Völkerkundemuseum München. Da über die angekaufte Mumie detaillierte Aufzeichnungen existieren, wird davon ausgegangen, dass es sich bei der anderen, von Therese von Bayern selbst ausgegrabenen, Mumie um die vermeintliche Moorleiche aus dem Dachauer Moos handelt. Nachweislich wurde die Mumie seit 1904 im Inventar der Anatomischen Anstalt München geführt. Wie sie in dieses Institut gelangte, ist unklar. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Sammlung 1945 durch Bombentreffer zerstört. Die Mumie wurde aus dem Schutt des Gebäudes geborgen und zum Trocknen in die Sonne gelegt. Daraufhin wurde sie jedoch von Arbeitern, die sie irrtümlich für ein Bombenopfer hielten, begraben. Die irrtümliche Bestattung soll sich dann noch ein zweites Mal wiederholt haben.[5] Schließlich wurde die Mumie erneut ausgegraben, gereinigt und als Moorleiche gekennzeichnet. Danach fand sie nur wenig Beachtung. In den 1970er Jahren wurde sie anthropologisch untersucht und es wurde eine 14C-Datierung vorgenommen. Aufgrund des vermeintlichen Fundorts Dachauer Moos sowie der Datierung wurde die Mumie 1977 als Dauerleihgabe an die Archäologische Staatssammlung München abgegeben, wo sie als Moorleiche aus dem Dachauer Moos in der Dauerausstellung, Abteilung Frühes Mittelalter, gezeigt wurde. 2007 musste die Mumie dann erstmals wieder aus ihrer Vitrine genommen werden, da ein Parasitenbefall an ihr vermutet wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde festgestellt, dass es sich nicht um eine Moorleiche handeln konnte, woraufhin sie umfassend wissenschaftlich untersucht wurde.

Deutung[Bearbeiten]

Die isotopenanalytisch beobachtete merkliche Reduzierung von Meerestieren in der Ernährung vor dem Tode könnte durch einen Umzug von einer Küstenregion in das Landesinnere begründet sein. Nach Bekanntwerden der südamerikanischen Abstammung der Mumie wurden zahlreiche Vermutungen über die mögliche Zugehörigkeit zu einzelnen Volksstämmen angestellt. Aufgrund der Rotfärbung der Haare wurden die Stämme Chinchorro und Chiribaya angenommen, von denen bekannt ist, dass sie Haut und Haare ihrer Mumien mit Ocker rot einfärbten.[2] Aufgrund der für die Frisur verwendeten Alpakawolle sowie der Isotopen- und Spurenelementanalysen wurde angenommen, dass die Frau möglicherweise im Bereich der Atacamawüste lebte und verstarb.[2]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Rupert Gebhard (Hrsg.): Die Mumie aus der Inkazeit: Neues von der Moorleiche aus dem Dachauer Moos. Wißner, Augsburg 2014, ISBN 978-3-89639-960-1.
  •  Miriam Meyer: Chemische Analyseverfahren zur Identifizierung einer südamerikanischen Mumie. Technische Universität München, München 2008 (Facharbeit, PDF, 2,95 MB, abgerufen am 25. Juni 2010).
  •  Reinhard Aigner, Oskar Hellerer: Über die Moorleiche der Anatomischen Anstalt München. In: Peter Schröter (Hrsg.): 75 Jahre Anthropologische Staatssammlung München. 1902-1977. Jahrestag der Gründung am 2. August 1902. Anthropologische Staatssammlung, München 1977, S. 159–163.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Saal 12. Archäologische Staatssammlung, 25. Juli 2010, abgerufen am 7. Dezember 2011.
  2. a b c Meyer: Analyseverfahren zur Identifizierung einer südamerikanischen Mumie Seite 22
  3. Birgit Frank: Das Rätsel um die Tote aus dem Moos. Münchner Merkur, 23. März 2005, abgerufen am 7. Dezember 2011 (mit teilweise überholtem Forschungsstand).
  4. Aigner, Hellerer: Über die Moorleiche der Anatomischen Anstalt München S. 163.
  5. Aigner, Hellerer: Über die Moorleiche der Anatomischen Anstalt München S. 159.

Weblinks[Bearbeiten]