Mundgeruch

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Klassifikation nach ICD-10
R19.6 Mundgeruch
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Mundgeruch (fachsprachlich Halitosis, von lateinisch halitus: Atem, Hauch; auch Foetor ex ore, wenn nur vom Mundraum her verursacht,) ist unangenehmer Geruch des Atems bzw. der Ausatemluft.

Pathophysiologie[Bearbeiten]

Linus Pauling (1901−1994) fand in menschlichem Mundgeruch durch Gaschromatographie mindestens 200 verschiedene flüchtige, meist organische Verbindungen, die sich mit der ausgeatmeten Atemluft vermischen.[1] Inzwischen wurden mit dieser Methode etwa 3000 verschiedene flüchtige Verbindungen identifiziert.[2] Dazu zählen unter anderem Schwefelverbindungen wie Schwefelwasserstoff (H2S) und Methanthiol (Methylmercaptan), Amine, Diamine[3] und andere Stickstoffverbindungen wie 1,5-Diaminopentan, Indol und Skatol,[3][4] Ketone wie Aceton sowie kurzkettige Fettsäuren.[5] Diese Stoffe entstehen z. B. durch die bakterielle Zersetzung (meist anaerobe gramnegative Bakterien) von organischen Substanzen aus Nahrungsresten, Speichel oder totem Gewebematerial (abgeschilferte Epithelzellen).

Ursachen[Bearbeiten]

Als Auslöser von Mundgeruch kommen lokale oder systemische Ursachen in Betracht. In 80–90 % der Fälle liegen lokale Ursachen vor – entweder in der Mundhöhle oder im Nasen-Rachen-Raum.[6]

Lokale Ursachen für Mundgeruch sind:

Systemisch bedingter Mundgeruch kann entstehen durch:

Diagnose[Bearbeiten]

Halitose-Patienten können den Geruch des eigenen Atems selbst nicht wahrnehmen, da der Geruchssinn nur auf Veränderungen der Konzentration eines Duftstoffes anspricht. Abhilfe versprechen kleine Atemmessgeräte, mit denen angeblich der Schwefelgehalt der Ausatmungsluft festgestellt werden kann.

Ein beträchtlicher Teil der Patienten, die befürchten, dass sie Mundgeruch haben, denken dieses zu Unrecht. Diese Angst vor (dem eigenen) Mundgeruch wird als Halitophobie bezeichnet.

Therapie[Bearbeiten]

  • Therapie der Grunderkrankung, wenn möglich
  • Häufig trinken, insbesondere Schwarztee, die in ihm enthaltenen Polyphenole, insbesondere das Flavonoid Theaflavin, behindern das Wachstum der Plaquebakterien.[8]
  • Mundspülungen mit Salbeitee
  • Mundhygiene (Zahnbürste, Zahnseide, Zungenreiniger). Die Hauptmenge der „Geruchsbakterien“ sitzt auf dem Zungenrücken. Nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen Zähne putzen.
  • Mundspülen mit Xylitol-Pulver hungert schädliche Streptococcus mutans-Bakterien aus und etabliert eine gesunde Mundflora, die Mundgeruch nicht aufkommen lässt.[9]
  • Desodorierende (wie Chlorophyll) und antibakterielle Mundspüllösungen (Chlorhexidin, Cetylpyridiniumchlorit (CPC)). Chlorhexidin tötet sehr zuverlässig Bakterien im Mund ab. Teilweise wird aber auch generell vor dem Gebrauch antibakterieller Mundspüllösungen abgeraten, da sie keinen Langfrist-Effekt haben, zudem die schützende Mundflora zerstören, und damit überhaupt erst gefährlichen Keimen die Verbreitung erleichtern.[10]
  • Zahnbürste, Zahnzwischenraumbürste, Zungenschaber usw. lassen sich mit UV-Strahlen oder chlorhexidinhaltigem Dentalspray desinfizieren. So bleibt die natürliche Mundflora erhalten, aber die Re-Kontamination mit "Geruchsbakterien" wird vermieden.
  • Weiter kann mit einer noch zusätzlich zu verdünnenden 3-prozentigen Wasserstoffperoxidlösung therapiert werden. Hierzu wird ein Esslöffel Wasserstoffperoxidlösung auf ein Glas Wasser (Verhältnis der Wasserstoffperoxidlösung zu Wasser mindestens 1:10) verdünnt und der Mund damit gespült. Die Lösung soll dabei nicht getrunken werden.
  • Entfernen der Essensrückstände aus dem Oropharynx vor dem Spiegel mit den Fingern (kurze Nägel sind von Vorteil) kann einige Minuten in Anspruch nehmen, da die Partikel nicht in jeder Stellung der Pharyngischen Muskulatur sichtbar sind. (Betroffene spüren die Partikel jedoch oft nur schwer.)

Oft neigen Betroffene zum Überdecken des Geruchs durch den Dauerkonsum von Pfefferminzbonbons, Kaugummi oder Mentholpastillen oder die Verwendung kosmetischer Mundwasser. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen ist jedoch nur vorübergehend. Zuckerhaltige Süßigkeiten fördern bei Dauergebrauch Zahnkaries, Bonbons mit Zuckeraustauschstoffen wirken in großen Mengen abführend.

Biomarker[Bearbeiten]

Hauptartikel: Atemgastest

Flüchtige Stoffe im Atem können als Biomarker auf das Vorhandensein von Erkrankungen hinweisen, z. B. Ketokörper auf Diabetes mellitus. Manche Geruchsstoffe geben spezifische Hinweise auf Tumorerkrankungen. Da die ärztliche Nase oft nicht sensibel genug für deren Wahrnehmung ist, können speziell ausgebildete Hunde oder Chemosensoren zu deren Erfassung eingesetzt werden. Jedoch ist der Einsatz solcher Schnüffelmethoden begrenzt, denn flüchtige Stoffe kommen auch in der Umwelt vor, oft sogar in höherer Konzentration, die Produktion flüchtiger Stoffe ist individuell sehr unterschiedlich, außerdem entstehen sie meist erst als Sekundärmetaboliten und sind daher weniger spezifisch.[11] Andere Verfahren sind häufig präziser und wirtschaftlicher. Als sinnvolle diagnostische Anwendungsgebiete der Atemtestung gelten derzeit:

Kulturgeschichte[Bearbeiten]

Folgenschwer erscheint Mundgeruch in der griechischen Mythologie, bekannt als der lemnische Frevel: Weil Aphrodite ihre Heiligtümer auf Lemnos vernachlässigt sah, strafte sie alle Frauen der Insel mit übelriechendem Atem. Als Folge blieben ihnen ihre Gatten fern und vergnügten sich stattdessen mit thrakischen Sklavinnen. Die eifersüchtigen Gattinnen brachten daraufhin in einer Nacht alle männlichen Bewohner der Insel um. Allein Thoas wurde von seiner Tochter Hypsipyle versteckt und überlebte.

Quellenangaben[Bearbeiten]

  1. L. Pauling, A. B. Robinson, R. Teranishi, P. Cary: Quantitative analysis of urine vapor and breath by gas-liquid partition chromatography. In: Proc Natl Acad Sci U S A. Band 68, 1971, S. 2374–2376. doi:10.1073/pnas.68.10.2374.
  2. Wolfgang Legrum: Riechstoffe, zwischen Gestank und Duft, Vieweg + Teubner Verlag (2011) S. 61−63, ISBN 978-3-8348-1245-2.
  3. a b S. Goldberg, A. Kozlovsky, M. Rosenberg: Association of diamines with oral malodor. In: Bad breath. A multidisciplinary approach. Hrsg.: D. Van Steenberghe, M. Rosenberg; Ramot Leuven, 1996.
  4. S. Goldberg, A. Kozlovsky, D. Gordon, I. Gelernter, A. Sinov, M. Rosenberg: Cadaverine as a putative component of oral malodor. In: J. Dent. Res. Band 73, 1168 (1994).
  5. I. Kleinberg, M. Codpilly: The biological basis of oral malodour formation. In: Bad breath. Research perspectives. Hrsg.: M. Rosenberg; Ramot Tel Aviv, 1995, S. 13–39.
  6. G. Delanghe, J. Ghyselen, L. Feenstra, D. van Steenberghe: Experiences of a Belgian Multidisciplinary Breath Odor Clinic. In: Bad breath. A multidisciplinary approach. Hrsg.: D. Van Steenberghe, M. Rosenberg; Ramot Leuven, 1996, S. 199–209.
  7. Ursachen für Mundgeruch abgerufen am 29. Januar 2014.
  8. wissenschaft.de
  9. Zucker gegen Karies (Version vom 27. November 2011 im Internet Archive) Radio Bremen TV Buten und Binnen Magazin.
  10. Ina Mersch: Mundpflege. Mundgeruch macht einsam. (Version vom 3. Januar 2010 im Internet Archive) ARD Ratgeber Gesundheit, Stand: 3. Februar 2009.
  11. Jae Kwak,George Preti: Volatile disease biomarkers in breath: a critique. In: Current Pharmaceutical Biotechnology, Band 12, Nr. 7, 2011, S. 1067–1074. doi:10.2174/138920111795909050.

Weblinks[Bearbeiten]

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