Murdschiʾa

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Murdschiʾa (arabisch ‏مرجئة‎, DMG Murǧiʾa ‚Aufschieber‘) ist der Name einer religiös-politischen Bewegung des Islam, die sich während der Umayyadenzeit in Kufa bildete und danach strebte, die unter den Muslimen eingetretene Spaltung dadurch zu überwinden, dass das Urteil über die den Streitigkeiten beteiligten Personen aufgeschoben und dem Gericht Gottes überlassen werden sollte. Daraus entwickelte sich auf dogmatischer Ebene ein sehr weites, die menschlichen Werke ausklammerndes Glaubensverständnis.

Nach dem sie sich auch nach Chorasan und Transoxanien verbreitet hatte, setzte sie sich besonders für die Interessen der Mawālī ein.

Ende des 8. Jahrhunderts ging die murdschiʾitische Theologie eine Symbiose mit der hanafitischen Rechtsschule ein. Aufgrund des allgemein schlechten Ansehens der Murdschiʾa haben sich die Hanafiten allerdings später von dieser Bewegung distanziert.

Anfänge[Bearbeiten]

Nach Muhammad ibn Saʿd und anderen arabischen Quellen geht die Murdschi'a-Bewegung auf Hasan, den Sohn des Muhammad ibn al-Hanafīya zurück. Er war in Kufa ansässig und verfasste in den frühen 690er Jahren einen offenen Brief, in dem er die Lehre entwickelte, dass entsprechend das Urteil über die Menschen, die sich an der Fitna beteiligt hätten, also Talha, az-Zubair ibn al-ʿAuwām, ʿAlī ibn Abī Tālib und Uthman ibn Affan, aufgeschoben werden müsse, bis Gott (im Jenseits) über sie entscheide. Dies begründete er mit Sure 9:106 des Korans, wo es heißt: "Und mit anderen wird zugewartet, bis Gott über sie entscheidet (wa-āḫarūn murǧaʾūn li-amri Llāh). Entweder bestraft er sie, oder er wendet sich ihnen (gnädig) wieder zu."[1]

Damit wandte er sich gegen die Ansichten der Charidschiten, Schiiten und Sunniten Bezug, die je nach Position verschiedene dieser Personen zu Ungläubigen erklärten. Hasan lehrte, dass sich die Muslime angesichts der Tatsache, dass allein Gott über diese Menschen urteile, jeglicher Parteinahme enthalten sollten. Nach dem aus dem Koran übernommenen Begriff für das Aufschieben des Gottesurteils ist der offene Brief Hasans als „Buch der Aufschiebung“ (Kitāb al-Irǧāʾ) bekannt geworden, und diejenigen Personen, die sich seiner Lehre anschlossen, wurden „Aufschieber“ (Murdschi'a) genannt. Andere arabische Quellen nennen noch zwei weitere Personen aus Kufa als Gründer der Murdschi'a-Bewegung: Dharr ibn ʿAbdallāh und Qais ibn Abī Muslim.[2]

Schon in dieser frühen Zeit scheint die Bewegung auf Widerspruch gestoßen zu sein. Ibrāhīm ibn Yazīd an-Nachaʿī (st. 715), einer der wichtigsten Rechtsgelehrten von Kufa zu jener Zeit, wird mit der Aufforderung zitiert, man solle nicht mit den Murdschi'a sprechen und auch nicht mit ihnen zusammensitzen.[3] Die Murdschi'a sollen ihm verhasster gewesen sein als Juden und Christen.[4]

Einsatz für die Rechte der Mawālī[Bearbeiten]

Um die Wende zum 8. Jahrhundert erhielt die Murdschi'a eine neue politische Rolle, indem sie begann, in Chorasan und Transoxanien für die Rechte der Mawālī zu kämpfen. Im Jahre 718/9 beschwerte sich ein murdschi'itischer Maulā, Abū s-Saidāʾ, bei dem umayyadischen Kalifen ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz darüber, dass 20.000 Mawālī in Chorasan in der Armee ohne Sold dienten und eine ähnliche Zahl neuer Konvertiten zur Zahlung der Dschizya gezwungen sei. ʿUmar sorgte daraufhin dafür, dass diese neuen nicht-arabischen Konvertiten den Arabern gleichgestellt wurden. 728/9 wurde Abū s-Saidāʾ von dem umayyadischen Gouverneur in Chorasan beauftragt, den Islam in Transoxanien zu verbreiten, mit dem Versprechen, dass den neuen Konvertiten die Dschizya-Zahlung erlassen würde. Als dieses Versprechen von umayyadischer Seite gebrochen wurde und die sogdischen Konvertiten Widerstand leisteten, schloss sich Abū s-Saidāʾ mit einigen anderen Murdschi'iten ihrem Aufstand an. Er und Thābit Qutna, ein anderer murdschi'itischer Kämpfer, wurden daraufhin gefangengesetzt.[5]

Die Sezession des Hārith ibn Suraidsch[Bearbeiten]

Im Jahre 734 zettelte der arabische Kämpfer al-Hārith ibn Suraidsch, ein Mann, der eng mit den Murdschiʾiten von Abū s-Saidāʾ verbunden war, in Chorasan einen Aufstand gegen die Umayyaden an. Ibn Suraidsch, der in einer öffentlichen Erklärung forderte, dass der Gouverneur von Chorasan durch eine Schura gewählt werden und gemäß dem Buch Gottes und der Sunna des Propheten handeln müsse, konnte die chorasanische Stadt Balch erobern. Nach einer Niederlage gegen umayyadische Truppen verbündete er sich mit nicht-muslimischen türkischen Stammesführern, die in dieser Zeit von Transoxanien aus die Araber bekämpften.

Zwar konnte der umayyadische Gouverneur Ibn Suraidsch und seinen türkischen Verbündeten 737 eine Niederlage beibringen, doch gelang es ihm nicht, Ibn Suraidsch endgültig zu besiegen. Er zog sich für die folgenden Jahre in das nördliche Transoxanien zurück und lebte dort auf dem Gebiet türkischer Stammesverbände, die einem buddhistischen Glauben anhingen. Sekretär von Ibn Suraidsch war ein Dschahm ibn Safwān. Ihm wird nachgesagt, dass er mit buddhistischen Mönchen, die in den arabischen Quellen als Sumanīya bezeichnet werden, Streitgespräche geführt habe. Ibn Suraidsch kehrte erst 743 auf islamisches Gebiet ein, nachdem der kufische Rechtsgelehrte Abū Hanīfa für ihn bei dem Kalifen Yazid III. Fürsprache eingelegt und seine Begnadigung erwirkt hatte.[6]

Starke Opposition gegenüber den murdschiʾitischen Lehre kam damals von traditionalistischen Kreisen in Kufa und Basra. Sie sagten den Murdschiʾiten eine Neigung zu moralischer Laxheit nach und schlossen sie aus dem Islam aus. Das hing damit zusammen, dass die Murdschiʾiten generell keinen Unterschied zwischen Islam und Glauben (īmān) machten und den großen Sünder ebenfalls als Gläubigen einstuften. Die Gegner der Murdschiʾiten, allen voran Sufyān ath-Thaurī, zogen dagegen die Grenzen des Glaubens sehr eng. Sie meinten, dass man nicht einmal von sich selbst wissen könne, ob man ein Gläubiger sei, und verlangten, dass man eine solche Aussage immer mit dem istithnāʾ, der Ausnahme-Formel: „so Gott will“, versehen müsste. Die Murdschiʾiten lehnten umgekehrt den Istithnāʾ ab und verspotteten diejenigen, die ihn ausübten, als "Zweifler" (šukkāk).[7]

Der Kreis um Abū Hanīfa[Bearbeiten]

Auch Abū Hanīfa selbst wurde nachgesagt, ein Murdschiʾit zu sein. In einem Brief, den er nach Basra an den Tuchhändler ʿUthmān al-Battī (st. 760) sandte,[8] lehnte er diese Bezeichnung zwar für sich selbst ab, verteidigte aber gleichzeitig die Personengruppe, die mit diesem Begriff belegt wurde, als honorige und rechtgläubige Menschen.[9] Außerdem bekräftigte er darin die murdschiʾitische Lehre, dass ein Muslim, der eine große Sünde begehe, immer noch als ein Gläubiger (muʾmin) anzusehen sei. Nach seiner Auffassung waren alle Ahl al-Qibla, also diejenigen Menschen, die nach Mekka beten, als Gläubige anzusehen.[10]

Die spätere islamische Doxographie, die "Abū Hanīfa und seine Gefährten" als eine Untergruppe der Murdschiʾa nennt, schreibt ihnen die Lehre zu, der Glaube (īmān) bestehe allein aus der Kenntnis (maʿrifa) und dem öffentlichen Bekenntnis (iqrār) zu Gott, seinen Propheten und ihrer Botschaft, "summarisch, ohne Erläuterung im Detail". Eine Anekdote muʿtazilitischen Ursprungs karikiert die Nachsichtigkeit Abū Hanīfas in diesem Punkt. Er soll sogar solche Menschen als Gläubige akzeptiert haben, die das Schweinefleischverbot kannten, es aber auf etwas anderes als das, was gemeinhin als "Schwein" bezeichnet wird, bezogen, die die Wallfahrtspflicht kannten, aber zu einer anderen Kaaba pilgerten als der von Mekka, die das Prophetentum Mohammeds anerkannten, aber damit eigentlich irgendeinen "Neger" (zanǧī) meinten. Glaube, so berichtet die islamische Doxographie weiter, war nach der Meinung Abū Hanīfas Lehre nicht teilbar und kann auch nicht zu- oder abnehmen.[11]

Schüler Abū Hanīfas wie Abū Mutīʿ al-Balchī und Abū Muqātil as-Samarqandī verbreiteten in der nachfolgenden Zeit in seinem Namen murdschiʾitische Glaubenslehren in Chorasan und Transoxanien. Hier arbeiteten sie auch mit Werken, die sie Abū Hanīfa zuschrieben, wie dem "Buch des Lehrers und des Lernenden" (Kitāb al-ʿĀlim wa-l-mutaʿallim) und dem Werk "die ausgebreitete Erkenntnis" (al-Fiqh al-absaṭ). Diese Werke bildeten die Grundlage der späteren hanafitischen Theologie, einschließlich seiner māturīditischen Ausformulierung. Auf dieses Weise gingen hanafitisches und murdschiʾitisches Gedankengut eine feste Verbindung ein.[12] In Abū Hanīfas Einsatz für den Anspruch der Mawālī auf Anerkennung als vollwertige Muslime liegt auch eine Erklärung, warum sich seine Rechtsschule besonders bei den Türken in Ostiran und Zentralasien verbreitet hat.[13]

Das Ansehen der Murdschiʾa in späterer Zeit[Bearbeiten]

Allgemein wurde der Begriff Murdschiʾa im Laufe des 9. Jahrhunderts zur Bezeichnung für all diejenigen Theologen, die die Grenzen des Glaubens sehr weit zogen und dabei die Werke ausklammerten. Das konnten auch Muʿtaziliten sein wie Abū l-Husain as-Sālihī, der gegen Ende des Jahrhunderts lebte.[14] Von ihm überliefert al-Aschʿarī, dass er den Glauben allein auf Gotteserkenntnis reduzierte, die wiederum mit Gottesliebe identisch sei. Das Gebet erkannte er nicht als Gottesdienst an, weil er den Glauben als den einzigen Gottesdienst betrachtete.[15]

Durch eine derartige Verwendung des Begriffs verschlechterte sich in den zentralen Gebieten des Abbasidenreiches das Ansehen der Murdschiʾa immer weiter. Ahmad ibn Hanbal schloss in einer seiner Bekenntnisschriften die Anhänger dieser Strömung zusammen mit der Qadarīya, den Rāfiḍa und der Dschahmīya, womit er die Anhänger der Muʿtazila meinte, aus dem Islam aus. Dieses harte Urteil wurde auch von späteren Hanbaliten wie Ibn Taimīya übernommen.[16] Das schlechte Ansehen der Murdschiʾa als häretischer Gruppierung führte dazu, dass sich in der frühen Neuzeit die Hanafiten darum bemühten, ihre Gruppierung von dem Makel der Zugehörigkeit zur Murdschiʾa reinzuwaschen. So verfasste zum Beispiel der hanafitische Rechtsgelehrte ʿAlī al-Qārī um die Wende zum 17. Jahrhundert drei Schriften, um aufzuzeigen, dass die Hanafiten keinerlei Beziehung zu den Murdschiʾa haben.[17]

Auch in den heutigen religiös-politischen Diskursen der Muslime spielt die Murdschiʾa noch eine Rolle. So hat der saudische Gelehrte Safar al-Hawālī, der sich selbst als Salafist bezeichnet, in den 1980er Jahren in Mekka unter der Leitung von Muhammad Qutb, dem Bruder von Sayyid Qutb, eine Dissertation über "Das Phänomen des Murdschiʾitentums im islamischen Denken" (Ẓāhirat al-irǧāʾ fī l-fikr al-islāmī) abgefasst, in dem er die laxe und nachgiebige Haltung seiner Mitmuslime gegenüber den Politikern, die sich nicht an den Islam halten, als Murdschiʾitentum geißelte und zu einer "Für-Ungläubig-Erklärung" (takfīr) dieser Politiker im Sinne Sayyid Qutbs aufrief.[18]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Cook: Early muslim dogma: a source-critical study. Cambridge u.a.: Cambridge Univ. Press 1981
  • Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. 6 Bde. Berlin: De Gruyter 1991-97. Bd. I, S. 152-221.
  • Daniel Lav: Radical Islam and the revival of medieval theology. Cambridge [u.a.]: Cambridge Univ. Press, 2012.
  • Wilferd Madelung: "The early Murjiʾa in Khurāsān and Transoxania and the spread of Ḥanafism" in Der Islam 59 (1982) 32-39.
  • Wilferd Madelung: Art. "Murdjiʾa" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. VII, S. 605b-607b.
  • Joseph Schacht: "An early Murciʾite treatise: the Kitāb al-ʿĀlim wa-l-mutaʿallim" in Oriens 17 (1964) 96-117.
  • M. Talbi: "Al-Irǧāʾ ou de la théologie du salut à Kairouan au IIIe/IXe siècle" in Akten des VII. Kongresses für Arabistik und Islamwissenschaft hrsg. von A. Dietrich. Göttingen 1976, 348-63.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Name der Bewegung ist von dem aktiven Partizip murdschiʾ des arabischen Verb ardschaʾa ("aufschieben, zuwarten") abgeleitet.
  2. Vgl. van Ess TuG I 154-161.
  3. Vgl. Abū Yūsuf Yaʿqūb Ibn Sufyān al-Fasawī: Kitāb al-Maʿrifa wa-t-tārīḫ. Ed. Akram Ḍiyāʾ al-ʿUmarī. 3 Bde. Bagdad: Maṭbaʿat Aršād 1975. Bd. II, S. 605f.
  4. Vgl. van Ess TuG I 160.
  5. Vgl. Madelung in EI2 606a.
  6. Vgl. dazu Madelung EI² 606.
  7. Vgl. dazu Madelung EI² 607a.
  8. Vgl. die deutsche Übersetzung in van Ess TuG V 24-13.
  9. Vgl. van Ess TuG V 29.
  10. Vgl. van Ess TuG V 28.
  11. Vgl. den bei van Ess TuG V 32 zitierten Text aus Abū l-Hasan al-Aschʿarīs Maqālāt al-islāmīyīn.
  12. Vgl. dazu Ulrich Rudolph: Al-Māturīdī und die sunnitische Theologie in Samarkand. Leiden: Brill 1997. S. 25-77.
  13. Vgl. dazu Madelung Ei² 606b.
  14. Vgl. zu ihm van Ess TuG IV 133-141.
  15. Vgl. sein Werk Maqālāt al-Islāmīyīn S. 132-133, hier online abrufbar: http://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/ssg/content/pageview/707774
  16. Vgl. Lav 30-41.
  17. Vgl. Patrick Franke: "Querverweis als Selbstzeugnis - Individualität und Intertextualität in den Schriften des mekkanischen Gelehrten Mullā ʿAlī al-Qārī (st. 1014/1606)" in St. Reichmuth u. Fl. Schwarz (Hg.): Zwischen Alltag und Schriftkultur: Horizonte des Individuellen in der arabischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts. Beiruter Texte und Studien 110. Beirut-Würzburg 2008. S. 131-163. Hier S. 151f.
  18. Vgl. Lav 86-120.