Muschelgeld

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Tabu-Muschelgeldschnüre von der Insel Neuirland in Papua-Neuguinea, noch heute zu Tausch- und Kultzwecken gebräuchlich

Muschelgeld ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene vormünzliche Formen von einfachem Geld (Primitivgeld), die bei indigenen Völkern vor allem in Afrika, Amerika, Asien und im Südpazifik verwendet wurden. Bei einigen Völkern dient eine Muschelwährung heute als Komplementärwährung neben der offiziellen Geldwährung. Auch das Kaurigeld und anderes Schneckenhausgeld werden als Muschelgeld bezeichnet, obwohl es aus den Gehäusen von Schnecken hergestellt wird. Eine echte Muschelschale, die als Muschelgeld genutzt wird, ist die der Macoma nasuta.

Meist besteht das Muschelgeld aus kleinen, rundlichen Scheibchen, die auf Schnüre aufgezogen und nach ihrer Länge bewertet werden. Manchmal sind die Perlenschnüre in regelmäßigen Abständen mit andersfarbigen Messperlen versehen, die eine einfachere Längenmessung der betreffenden Geldschnüre erlauben. Teilweise wird diese Art von Zahlungsmittel noch heute verwendet, vor allem in rituellen Zusammenhängen, beispielsweise zur Zahlung eines Brautpreises vor der Heirat oder bei Begräbnissen. In manchen Kulturen wurden oder werden die Muschelscheiben nicht als Zahlungsmittel aus der Hand gegeben, sondern die Bänder dienen als eine Art Konto, bei der jede kleine Scheibe einen Vertrag repräsentierte und bei Bezahlung vom Band entfernt wird. Es gibt Varianten des Muschelgeldes, bei denen die Muschelscheiben mit anderen wertvollen Gegenständen, unter anderem Knochen, kombiniert werden. Außer kleinen Muschelscheiben können auch Armringe aus der innersten Schalenschicht (Perlmutt) eine Geldfunktion haben.

Molluskengeld[Bearbeiten]

Zoologisch korrekt sind viele Formen von Muschelgeld eigentlich als Molluskengeld zu bezeichnen. Zu den Mollusken (Weichtieren) zählen sowohl Muscheln als auch Schnecken. Die zoologische Bezeichnung Mollusken fasst den Tierstamm der Weichtiere zusammen, deren verschiedene Arten der Gattung Schnecken (Gastropoda), Muscheln (Bivalvia) und Grabfüßer (Scaphopoda) geldgeschichtlich von Bedeutung waren. Das Gehäuse von Schnecken (vor allem der Porzellanschnecken: Kaurischnecken) und die Schalen von Muscheln (Perlmutt) und Grabfüßern (Dentalium) bilden das Material, aus dem Muschelgeld hergestellt wurde und teils heute noch wird.

Vorkommen[Bearbeiten]

Die verbreitetste Form von Muschelgeld war das Kaurigeld aus den Gehäusen von Kaurischnecken, das in Afrika, Asien und Ozeanien in Gebrauch war und heute nur noch traditionelle Bedeutung hat.

Asien und Ozeanien
  • Das Tabu-Muschelgeld des Tolai-Volkes auf Neubritannien in Papua-Neuguinea hat neben seiner Bedeutung als Komplementärwährung auch tiefgreifende kultische, religiöse und spirituelle Bedeutungen.
  • Das Aaht-Muschelgeld wurde als Währung vorwiegend im Bereich der Marshall-Inseln im westlichen Pazifik benutzt.
  • Das Diwarrageld aus der Landschnecke Nassa camelius war in Melanesien verbreitet.
  • Das Kula-Ritual ist ein Gabentausch-System von Muschel-Halsketten und -Armreifen zwischen den verschiedenen Trobriand-Inseln im Pazifik.
Afrika
  • Dongo, Achatina-Geld oder Achatschneckengeld wurde in Westafrika auf Schnüre aufgezogen und um den Hals oder die Hüften getragen.
Nordamerika
  • Wampum-Perlen aus Meeresschnecken und Muscheln dienten Indianer-Stämmen an der Ostküste als Tauschmittel.

Herstellung[Bearbeiten]

Die küstennahen Bewohner zerbrachen die Muscheln, durchbohrten die Scheiben mit Hilfe angespitzter Stöcke (heute: Drillbohrer) und reihten sie an einem Band auf. Die fertigen Bänder wurden anschließend mit Steinen abgeschliffen. Bei der Herstellung gab es eine Arbeitsteilung: Die Frauen sammelten und sortierten die Muscheln, während es den Männern vorbehalten war, die Bänder anzufertigen und die Muscheln abzuschleifen.

Aufgrund der knappen Verfügbarkeit und der schwierigen Herstellung des Muschelgeldes wurde der Wert des Muschelgeldes natürlich reguliert. Die Muscheln wurden nicht wie Münzen einzeln, sondern im Verbund, als Geldschnüre, genutzt. Anstatt die einzelnen Scheiben zu zählen, wurde oft die Länge der bepackten Bänder als Wertmaß angenommen.

Literatur[Bearbeiten]

Neueste zuerst:

  • Alexander Solyga: Tabu – das Muschelgeld der Tolai. Eine Ethnologie des Geldes in Papua-Neuguinea. Reimer, Berlin 2013, ISBN 978-3496028512 (wirtschaftsethnologische Untersuchung, erhielt 2011 den Preis der Stadt und der Universität Bayreuth).
  • Sigrun Preissing: Tabu – Das Muschelgeld der Tolai in Papua Neuguinea. In: Zeitschrift für Sozialökonomie. Jahrgang 46, Nr. 160–161, Kiel 2009, S. 38–40 (PDF-Datei; 233 kB; 4 Seiten auf zfsoe-online.de).
  • Pei-yi Guo: From Currency to Agency: Shell Money in Contemporary Langalanga, Solomon Islands. In: Asia-Pacific Forum. Band 31, 2006, S. 17–38 (englisch; online auf academia.edu).
  • William Taufa, Heinrich Fellmann: Über das Muschelgeld (a tabu) auf Neupommern, Bismarckarchipel (Deutsch-Neuguinea). In: Mitteilungen des Seminars für Orientalische Sprachen an der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin, Abt. 1: Ostasiatische Studien. Jahrgang 5, 1902, S. 92–102.
  • Richard Parkinson: Über das Durchbohren von Muschelplatten, behufs Herstellung von Armringen etc. etc. In: Internationales Archiv für Ethnographie. Band 7, 1894, S. 89 (mit Zeichnung einer Drillbohrvorrichtung aus Neuguinea).
  • Wilhelm Ludwig Volz: Geschichte des Muschelgeldes. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft / Journal of Institutional and Theoretical Economics. Band 10, Heft 1, Mohr Siebeck, 1854, S. 83–122 (online bei JSTOR).

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Muschelgeld – Bilder und Mediendateien
  • Eintrag: Muschelgeld. In: Lexikon der Biologie. Spektrum Akademischer Verlag, 1999, abgerufen am 14. Oktober 2014.
  • Enzyklopädischer Eintrag: Salomonen: Herstellung von Muschelgeld. In: Moneypedia.de. Internationaler Banknoten-Sammlerverein banknotesworld e. V., München, April 2011, abgerufen am 14. Oktober 2014.