Museum für Naturkunde (Berlin)

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Museum für Naturkunde
Das von 2005 bis 2007 überarbeitete Skelett von Brachiosaurus, neuerdings zu Giraffatitan gestellt
„Berliner Exemplar“ des Archaeopteryx lithographica
Der Mineraliensaal zeigt einen Teil der Mineraliensammlung
Einige Granate im Mineraliensaal
200 Jahre Museum für Naturkunde: Briefmarke von 2010
Ein Exemplar von Pterodactylus kochi aus dem Naturkundemuseum als DDR-Briefmarke

Das Museum für Naturkunde in Berlin ist (neben dem Senckenbergmuseum in Frankfurt) das größte Naturkundemuseum in Deutschland. Die Bestände umfassen mehr als 30 Millionen Objekte. Ursprünglich Teil der Humboldt-Universität zu Berlin, ist es seit 1. Januar 2009 eine Stiftung des Öffentlichen Rechts mit dem vollständigen Namen „Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin“ (häufig kurz: „Naturkundemuseum“, auch „Humboldt-Museum“ genannt, vor 1945: „Zoologisches Museum der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin“). Es ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und befindet sich in der Invalidenstraße, in der Oranienburger Vorstadt im Ortsteil Mitte (Bezirk Mitte) von Berlin. Das Naturkundemuseum ist über einen gleichnamigen U-Bahnhof zu erreichen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der nach Plänen von August Tiede angelegte, ursprünglich dreiflügelige Bau wurde 1889 eröffnet und vereinte drei bis dahin eigenständige Institutionen der Berliner Universität: das Geologisch-Paläontologische, das Mineralogisch-Petrografische und das Zoologische Museum. Letzteres war bereits 1809 von dem Naturforscher Johann Centurius von Hoffmannsegg gegründet worden; in den 1860er Jahren war Friedrich Anton Schneider Kurator. Von 1914 bis 1917 wurde ein weiterer Quertrakt errichtet.

Umbauten[Bearbeiten]

2005 wurde das Skelett von Brachiosaurus brancai abgebaut, das 1937 aus mehreren Teilskeletten und modellierten Ergänzungen zusammengesetzt worden war. Es wurde präpariert, abgegossen und im Frühjahr 2007 nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen neu aufgestellt. Das Skelett ist seitdem einen Meter höher als zuvor, da die Vorderbeine durchgestreckt unter den Körper montiert wurden. Zudem wurde der Schwanz nicht länger auf dem Boden liegend rekonstruiert, da heute bekannt ist, dass Brachiosaurus wie auch alle anderen Dinosaurier seinen Schwanz nicht auf dem Boden schleifte, sondern über dem Boden trug.

Der Abbau der Saurier inklusive des großen Skeletts war wegen der Sanierung des Daches und des gesamten großen Ausstellungsaales notwendig, die aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), des Landes Berlin und der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin finanziert wurde. Insgesamt wurden mit einem Volumen von rund 16 Millionen Euro vier Säle und ein Treppenhaus saniert und vollständig mit multimedialen Komponenten neu gestaltet. Am 13. Juli 2007 fand die Wiedereröffnung mit neuen Ausstellungen zur Evolution des Lebens und der Erde statt. Innerhalb eines Jahres nach dieser Wiedereröffnung haben über 731.000 Besucher das Museum besucht.

Der im Zweiten Weltkrieg am 3. Februar 1945 durch einen Bombenangriff zerstörte und seither als Ruine dastehende Ostflügel wurde ab Mitte November 2006 nach zehnjähriger Planung für 29,6 Millionen Euro wieder aufgebaut, bis er im September 2010 für die Öffentlichkeit freigegeben wurde. Dort sind rund 80.000 Gläser mit Flüssigpräparaten von Fischen und Reptilien in 70-prozentigem Alkohol ausgestellt.[1] Im Januar 2012 wurde die vom Architekturbüro Diener & Diener durchgeführte Rekonstruktion des Ostflügels mit dem DAM Preis für Architektur in Deutschland ausgezeichnet.[2]

Sammlungen[Bearbeiten]

Das Museum ist vor allem wegen eines ursprünglich als Brachiosaurus brancai eingeordneten Skeletts bekannt, des weltweit größten aufgebauten Skeletts eines Dinosauriers. Es wurde von der paläontologischen Gesellschaft zum Fossil des Jahres 2012 gewählt. Das bislang besterhaltene Skelett der Gattung wurde von einer deutschen Expedition in den Tendaguru-Schichten der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, gefunden. Das Art-Epitheton brancai ehrt den damaligen Museumsdirektor Wilhelm von Branca, der die Finanzierung der Expedition ermöglicht hatte. Allerdings wurde 2009 eine detaillierte Studie von Taylor veröffentlicht, die das aufgebaute Skelett mit dem Holotyp von Brachiosaurus verglich und zu dem Schluss kam, dass das Tendaguru-Material in eine eigene Gattung Giraffatitan zu stellen sei.[3]

Der Giraffatitan ist das zentrale Element der neuen Ausstellung „Saurierwelt“ im überdachten Lichthof des Museums. Diese Ausstellung widmet sich der Fundstelle Tendaguru (Oberjura). Neben dem Giraffatitan sind weitere sechs Dinosaurier zu sehen: Dicraeosaurus, Diplodocus, Kentrosaurus, Allosaurus, Dysalotosaurus und Elaphrosaurus. Ausstellungsinseln widmen sich dem Luftraum beziehungsweise dem aquatischen Bereich von Tendaguru. Im Lichthof zu sehen ist außerdem das sehr gut erhaltene Original eines Archaeopteryx („Berliner Exemplar“), des weithin als ältester Vogel bekannten Paraves aus den Solnhofener Plattenkalken Süddeutschlands.

Im neuen Saal „Evolution in Aktion“ befindet sich die Ausstellung zur heutigen Vielfalt der Lebensformen (Biodiversität) am Beispiel der Tiere. Eine zwölf Meter lange und vier Meter hohe „Biodiversitätswand“ gibt mit 3000 verschiedenen Tieren einen Eindruck von dieser Vielfalt. Die Ausstellung zeigt die Tierwelt als Ergebnis der Evolution, die vor etwa 3,5 Milliarden Jahren begonnen hat. Es geht um die Mechanismen, die hier wirken und zu welchen Ergebnissen sie führen. In einer Medieninstallation stellt das Museum der biologischen Diversität eine geistige Diversität gegenüber: Anhand von sieben Grundfragen wird die Vielseitigkeit der Sicht des Menschen auf das Phänomen Leben vorgestellt.

Das Museum zeigt des Weiteren: Minerale, Fossilien, Huftiere und einheimische Tiere. Als kulturhistorisch wertvoll gelten die Dioramen, die verschiedene Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zeigen.

Die Sammlungen des Museums, die außerhalb des Ausstellungsbereiches liegen, umfassen das Tierstimmenarchiv sowie Objekte der Mineralogie, Zoologie und Paläontologie. Insgesamt umfasst die Sammlung über 30 Millionen Objekte, unter anderem 130.000 ausgestopfte Vögel mit etwa 90 % aller Vogelarten weltweit und 130.000 in Alkohol eingelegte Fische. Neben seinem öffentlichen Bildungsauftrag mit den Dauer- und Sonderausstellungen sieht das Museum seine Aufgaben in der wissenschaftlichen Dokumentation und Interpretation der belebten und unbelebten Natur, die in unterschiedlichen Forschungsvorhaben realisiert wird.

Forschung[Bearbeiten]

Aktuelle Forschungsthemen sind die Rekonstruktion der Evolution verschiedener Tiergruppen, Biodiversitätsforschung in heutigen Lebensräumen, Zoodiversität im Wandel von Umwelt und Nutzung unter anderem im südlichen Afrika, Biogeographie, Paläoökologie, die frühe Entwicklung von Sonnensystemen, der Aufprall von Asteroiden auf der Erde und deren Auswirkung auf die Erdkruste und die Biosphäre sowie die Bildungsforschung.

Als Forschungseinrichtung bildet das Museum für Naturkunde zusammen mit der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin und der Universität Potsdam auch wissenschaftlichen Nachwuchs aus.

Generaldirektor war vom 1. Januar 2006 bis 31. Dezember 2010 Reinhold Leinfelder. Nach einer Periode, in welcher Ferdinand Damaschun Amtierender Generaldirektor des Museums war, ist seit 1. Februar 2012 Johannes Vogel neuer Generaldirektor des Museums.

Seit 1. Januar 2009 ist das Museum für Naturkunde wegen der überregionalen Bedeutung und des gesamtstaatlichen Interesses an seiner Forschungsarbeit Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft und seit dem 24. September 2009 Gründungsmitglied des Humboldt-Rings.

Literatur[Bearbeiten]

Film[Bearbeiten]

  • Schatzkammer des Lebens. Das Naturkundemuseum Berlin. Dokumentarfilm, Deutschland, 2010, 28:30 Min., Buch und Regie: Felix Krüger, Produktion: rbb, Erstsendung: 22. November 2010 bei rbb, Inhaltsangabe von prisma.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Museum für Naturkunde (Berlin) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Artikel

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Thomas Loy: Naturkundemuseum. Schatzkammer aus Glas. In: Tagesspiegel, 13. September 2010.
  2. DAM Preis für Architektur in Deutschland 2011. In: Deutsches Architekturmuseum, aufgerufen am 23. Juli 2014.
  3. M.P. Taylor: „A re-evaluation of Brachiosaurus altithorax Riggs 1903 (Dinosauria, Sauropoda) and its generic separation from Giraffatitan brancai (Janensch 1914)“. In: Journal of Vertebrate Paleontology, ISSN 0272-4634, 2009, 29 (3), S. 787–806.
  4. Elke Schmitter: Romantisches Trockenmaterial. In: Der Spiegel, Nr. 49, 6. Dezember 2010, Seite 162, Besprechung von Der Schmetterlingskoffer.

52.5302413.379228Koordinaten: 52° 31′ 48,9″ N, 13° 22′ 45,2″ O