Musikproduzent

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Musikproduzent ist in der Musikindustrie eine mit der Leitung einer Musikaufnahme im Tonstudio beauftragte Person. Neben dieser Kernaufgabe kann der Aufgabenbereich eines Musikproduzenten stark variieren.

Allgemeines[Bearbeiten]

Den Musikproduzenten gibt es üblicherweise nur in Popmusik, Country-Musik oder Jazz. In der klassischen Musik nimmt der recording Producer bzw. der künstlerische Aufnahmeleiter in der Regel weniger offensichtlichen Einfluss auf das künstlerische Resultat. Die Arbeit des Musikproduzenten bei der Soundgestaltung ist vergleichbar mit dem Regisseur eines Kinofilms. Da ihnen wesentliche künstlerische und technische Aufgaben obliegen, rekrutierten sich Musikproduzenten nicht selten aus dem Bereich der Tonstudios (Studioinhaber oder Toningenieure) oder sind Komponisten/Liedtexter, die die Umsetzung ihrer Kompositionen im Studio selbst überwachen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Beruf des Musikproduzenten ist eng mit der Entwicklung der Tonstudios verbunden. Das erste Tonstudio wurde durch den Pianisten Frederick William „Fred Gaisberg“ (* 1873, † 1951) in Philadelphia/Pennsylvania Anfang 1897 eröffnet.[1] Gaisberg war Mitarbeiter des deutsch-jüdischen Emigranten Emil Berliner. Dieser konzentrierte sich auf Wiedergabetechnik (Grammophon, Schallplatte), doch mussten auch Anstrengungen unternommen werden, um die Vorstufe der Wiedergabetechnik, die industrielle Aufnahmetechnik, zu verbessern. Gaisberg kannte als Pianist die Perspektive des Interpreten und machte sich mit der Aufnahmetechnik vertraut. Zu jener Zeit war die Arbeitsteilung im Tonstudio gering, denn die Aufgaben des Toningenieurs, Musikproduzenten und Artists and Repertoire-Managers waren oft in einer Person vereinigt.[2]

Als am 1. Januar 1909 Harry O. Sooy bei RCA Victor zum Leiter des Aufnahmeteams ernannt wurde, war die Funktion des Musikproduzenten offiziell entstanden. Die Bedeutung und der Aufgabenbereich des Musikproduzenten nahmen mit der rasanten technischen Entwicklung ständig zu. Als John Hammond für den 9. Dezember 1932 mit Fletcher Hendersons Band drei Jazzaufnahmen einspielte, hatte faktisch die Karriere eines Musikproduzenten begonnen.[3] Seine Aufgaben bestanden zunächst lediglich darin, die Interpreten zu kontaktieren, die Anzahl der Aufnahmen abzustimmen und die Musik so natürlich wie möglich auf Band festzuhalten.[4] Mit der Einführung des Tonbandgerätes im Jahre 1948 konnten fehlerhafte Aufnahmen ganz oder teilweise gelöscht und neu produziert werden, Mehrspurtechnik erlaubte schließlich die Möglichkeit des Overdub. Damit verbreiterte sich das Tätigkeitsgebiet des Produzenten.

Die Rock & Roll-Erfolgsautoren Jerry Leiber und Mike Stoller beschritten neue Wege in der Studiopraxis der Popmusik, als sie sich wie nie zuvor in den Aufnahmeprozess einmischten[5] und ihre eigenen Kompositionen in der Studioarbeit umsetzten. Ihre technischen Möglichkeiten im Tonstudio waren 1955 immer noch recht bescheiden, denn es konnten lediglich verschiedene Takes zusammengefügt und Nachhalleffekte erzeugt werden.[6] Für ihre Studioarbeit gab es noch nicht den Begriff des Musikproduzenten („record producer“),[7] sie wurden auf den ersten Drifters-LPs noch als „supervisors“ bezeichnet. Leiber und Stoller ist der Status des Musikproduzenten zu verdanken, denn Musikproduktion war einerseits Teil des Komponierens, andererseits aber auch ein eigenständiger Beruf.[8]

Aufgaben[Bearbeiten]

Mit den ersten Tonstudios und der Verbesserung der Tontechnik begann auch das Erfordernis, bei Tonaufnahmen gestalterische Elemente einzusetzen. Dabei variiert das Aufgabenspektrum eines Musikproduzenten in der heutigen Musikindustrie sehr stark und hängt insbesondere von der Arbeitsteilung zwischen Plattenlabel, Tonstudio und Produzent ab. Der Musikproduzent ist Mittler zwischen künstlerischer Darbietung, Tontechnik und kommerziellem Potenzial der aufgenommenen Werke. Einerseits kann das Aufgabenspektrum eines Musikproduzenten in technische, künstlerische und wirtschaftliche Kriterien aufgeteilt werden,[9] andererseits können die Phasen vor, während und nach einer Musikaufnahme unterschieden werden. Der Musikproduzent ist also nicht bloß auf den Überwachungs-, Mixing- und Masteringprozess fokussiert.

Vor der Aufnahme[Bearbeiten]

Im Vorfeld einer Aufnahme sucht er und bildet Talente aus und entscheidet über deren Repertoire zusammen mit dem Artists and Repertoire-Manager. Zudem trifft er die endgültigen Entscheidungen über das Arrangement und den Einsatz von Sessionmusikern, übernimmt die Vermittlerrolle zwischen Plattenlabel und den Interpreten, ist zuständig für die kommerzielle Verantwortung zusammen mit dem Plattenlabel und trifft die letzte Entscheidung über das Aufnahmebudget. Urheberrechtlich muss der Musikproduzent die Rechte der für die Tonaufnahme geplanten Musikwerke einholen, damit eine spätere Verbreitung durch Tonträger statthaft ist.[10] Das geschieht in Form der so genannten Künstler-Exklusivverträge. Dem Produzenten obliegt oftmals auch die Ausarbeitung des Arrangements; er bestimmt die einzelnen Instrumental- und Gesangsstimmen und führt die Aufnahmeregie.

Während der Aufnahme[Bearbeiten]

Der Musikproduzent erstellt den Aufnahmeplan, bucht und organisiert die Aufnahmesession im Tonstudio, entscheidet über neue Takes, bestimmt die zum Mixing und Mastering zugelassenen Takes und bezahlt die Toningenieure und Studiomusiker. Er kümmert sich um oder überwacht die Platzierung der Mikrofone/Mikrofonständer, Mikrofonverstärker, Notenständer oder die Isolierung der Instrumente. Er arbeitet mit den Künstlern zusammen, um die Aufnahme zu optimieren. Er kooperiert mit der Studiocrew vor, während und nach der Tonaufnahme. Während und nach der Aufnahmesession steht dem Produzenten und Toningenieur ein breites Spektrum von Soundeffekten zur Verfügung wie Overdub, Kompression,[11] Equalizer, Delay, Flanger, Phaser, Chorus, Filter, Pitch-Shifter oder Verzerrer. Der Produzent ist involviert in Tonaufnahme („recording“), Mixing (die Abmischung aller Takes) und Mastering (Zusammenstellung des finalen Sounds).[12]

Nach der Aufnahme[Bearbeiten]

Der Musikproduzent lässt sich vom Künstler das Recht der Musikaufnahme und Musikverwertung übertragen. Dabei kann er sich das Recht einräumen lassen, im Rahmen der Titelexklusivität die im Produktionsvertrag erwähnten Musiktitel noch Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung verwerten zu dürfen. Der Produzent kann, muss aber nicht, die Kosten der Produktion und Vermarktung vorläufig übernehmen.[13] Er sucht - sofern noch nicht geschehen - nach Plattenfirmen, die die fertige Aufnahme auf Tonträger pressen lassen und danach vermarkten. Interpreten und Plattenfirmen verlassen sich auf den Produzenten als objektiver Hörer bei der Erfüllung seiner Aufgaben, insbesondere bei der Bestimmung des passenden Sounds.[14]

Künstlerischer Einfluss[Bearbeiten]

Außerhalb der Klassik spielt der Sound der Tonaufnahmen eine gewichtige Rolle. Meist sind Toningenieure und insbesondere Musikproduzenten die Beteiligten in der Aufnahmesession, zu deren Kernaufgabe die Gestaltung des Sounds gehört. Der Produzent entscheidet über die Instrumentation, den Einsatz von Background-Stimmen oder von Overdubs. Damit wird der künstlerische Einfluss mancher Produzenten so groß, dass ihnen ein kreativer Anteil am Werk zustand und sie damit in die Rolle des Mitkomponisten gelangen. Das ging urheberrechtlich manchmal so weit, dass der Musikproduzent auch formal als Komponist genannt und registriert wurde. Die urheberrechtlichen Ansprüche mancher Musikproduzenten waren seit jeher teilweise umstritten (siehe Cut In). Ein Produzent mit erheblichem künstlerischen Einfluss auf die Musik war Phil Spector, der die Talente fand, zu Text und Musik beitrug und im Tonstudio die Session akribisch überwachte und auch eingriff.[15] Die künstlerischen Aspekte werden ergänzt durch technische und wirtschaftliche Aufgaben.[16] Manche Produzenten wirkten als musikalische Katalysatoren wie Brian Eno oder versuchen wie Trevor Horn ein spezielles Konzept von Popmusik und deren Vermarktung zu realisieren. Insbesondere im Hip-Hop und im Dance-Bereich sind Musikproduzenten häufig die Komponisten und/oder Texter der von ihnen produzierten Stücke.

Arten[Bearbeiten]

Nach dem Unabhängigkeitsgrad unterscheidet man den unabhängigen Produzenten von dem (meist bei einem Plattenlabel) angestellten Musikproduzenten. Letztere erhalten von ihrem Arbeitgeber ein Gehalt und daneben noch erfolgsabhängige Tantiemen, während freie Produzenten üblicherweise auf Basis einer gegen künftige Tantiemen zu verrechnenden Vorauszahlung arbeiten.[17] Hieraus resultiert dann auch das unternehmerische Risiko eines Musikproduzenten. Der unabhängige produziert auf eigene Rechnung und eigenes Risiko. Das fertige Master bietet er interessierten Plattenfirmen an, die die fertiggestellten Songs dann übernehmen. Er schließt mit ihnen einen Produktionsvertrag, der ihm seine Einnahmen aus den Tonträgerverkäufen sichert. Sind die Einnahmen wegen geringer Verkaufszahlen niedriger als die von ihm verauslagten Kosten, erwirtschaftet er möglicherweise einen Verlust. Der gehaltsabhängige Produzent ist diesem Risiko nicht ausgesetzt. Der Executive Producer ist für die Finanzierung eines Musikprojekts zuständig, während der einfache Record Producer den kreativen Teil übernimmt.[18]

Ausbildung[Bearbeiten]

Zumeist sind Musikproduzenten Musiker, Toningenieure oder Verleger, die als Quereinsteiger diese Tätigkeit ausüben. Inzwischen gibt es jedoch auch Ausbildungsgänge für diesen Beruf.

Die private Akademie Deutsche POP (Berlin, Köln, München) bietet einen Teilzeit-Studiengang an, der in sechs Einzelkursen die Bereiche Komposition, Tontechnik und Business abdeckt.[19] Seit 2000 veranstaltet die audioacademy in Hamburg die Fortbildung Audio-Design, in der es unter anderem um Musiktheorie und Kompositionslehre, Musiksoftware, Musikproduktion und Tontechnik sowie um betriebswirtschaftliche und juristische Aspekte der Tätigkeit eines Musikproduzenten geht. Beide Schulen sind nicht staatlich anerkannt.

Der Verband Deutscher Musikschaffender bietet dem Produzenten Seminare für den gesamten wirtschaftlichen Ablauf sowie der ihm zustehenden Musikrechte an. Das Lizenzieren von Produkten, der richtige Umgang mit Künstlern und Plattenfirmen ist bei den Seminaren ein wesentlicher Bestandteil der Produzententätigkeit. Produzenten, die eigene Labels gründen möchten, werden über ihre Pflichten aufgeklärt.

Die musicube academy in Bonn bietet ein Vollzeitstudium mit Bachelor- bzw. Master-Abschluss an. Das erste Studienjahr an der musicube academy bereitet auf die Aufnahmeprüfung für den Bachelor- und Masterstudiengang vor.

Das SAE Institute bietet in Kooperation mit der Middlesex University London ein Bachelorstudium (Bachelor of Arts (Hons), Audio Production) im Bereich Tontechnik an. Hier werden in zwei Etappen die technischen Aspekte der Tontechnik und folgend das Umfeld der Musikwirtschaft unterrichtet. An der Musikhochschule der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gibt es den Studiengang Keyboard & Music Production. Das Institut für Musik an der Hochschule Osnabrück bietet seit dem WS 2011/12 das Hauptfach Producing im Studiengang Pop als Bachelorstudium an.

Berühmte Musikproduzenten[Bearbeiten]

Obwohl in der Popmusik die Musikproduzenten wie die Komponisten und Studiomusiker eher im Hintergrund arbeiten und weitgehend dem Musikpublikum unbekannt bleiben, sind wenige Produzenten aus dieser Anonymität herausgerückt. Denn erfolgreiche und ausgezeichnete Musikproduzenten genießen einen ähnlichen Status wie die Interpreten selbst.[20] In den USA sind hervorzuheben will.i.am, Bill Putnam, Sam Phillips, Quincy Jones oder Phil Ramone (Pop), Rudy Van Gelder (Jazz) oder Chet Atkins (Country). In Großbritannien George Martin, Norrie Paramor, Joe Meek, Mickie Most oder Stock Aitken Waterman. Ralph Siegel, Hans Bertram, Nils Nobach, Heinz Gietz, Conny Plank, Dieter Dierks, Frank Farian oder Dieter Bohlen waren oder sind bedeutende deutsche Musikproduzenten. Besonders im Jazz fanden und finden sich bis heute Persönlichkeiten wie Alfred Lion und Manfred Eicher, die aus eigener Überzeugung Musiker aufnehmen und auf ihren eigenen Plattenlabels vermarkten. In England ist vor allem Hugh Padgham hervorzuheben, für seine Arbeit mit Genesis, Phil Collins und Mike and the Mechanics.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ross Laird, Tantalizing Tingles, 1995, S. 66
  2. Pekka Gronow/Ilpo Saunio, International History of the Recording Industry, 1999, S. 11
  3. Pekka Gronow/Ilpo Saunio, a.a.O., S. 70
  4. Pekka Gronow/Ilpo Saunio, a.a.O., S. 111
  5. Virgil Moorefield, The Producer as Composer, 2010, S. 7
  6. Virgil Moorefield, a.a.O., S. 8
  7. David Ritz, Hound Dog: The Leiber and Stoller Autobiography, 2009, S. 299 f.
  8. David Ritz, a.a.O., S. 300
  9. Sebastian Steinhardt, Musikproduktion der Zukunft, 2013, S. 43
  10. Michél Clement/Oliver Schusser/Dominik Papies (Hrsg.), Ökonomie der Musikindustrie, 2008, S. 64
  11. hiermit können beispielsweise Bewegungen des Sängers vor dem Mikrofon ausgeglichen werden
  12. Phil Ramone, Making Records: The Scenes Behind the Music, 2007, S. 14
  13. Insa Sjurts, Gabler Lexikon Medienwirtschaft, 2010, S. 345
  14. John Shepherd, Continuum Encyclopedia of Popular Music of the World, Part 1, 2003, S. 197
  15. Virgil Moorefield, a.a.O., S. 9
  16. Sebastian Steinhardt, a.a.O., S. 44
  17. Harvey Rachlin, The Encyclopedia of the Music Business, 1981, S. 345
  18. By Wikipedians, Music, 2012, S. 94 ff.
  19. Deutsche Pop, Akademie der Musik- und Medienbranche
  20. Wieland Ziegenrücker/Peter Wicke, Sachlexikon Popularmusik, 1987, S. 299