Mustafa Cerić

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Mustafa Cerić
Mustafa Cerić in der islamisch-theologischen Fakultät in Sarajevo, Mai 2012

Mustafa Efendi Cerić (* 5. Februar 1952 in Visoko) ist ein bosnischer Islamgelehrter sowie seit 29. Dezember 2012 Präsident des Bosniakischen Weltkongresses und Mitgründer der Bosniakischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Bis November 2012 war Cerić Reisu-l-ulema (Großmufti) von Bosnien und Herzegowina. Er wurde in dieser Funktion am 15. November 2012 von Husein Kavazović, vormals Mufti von Tuzla, abgelöst.[1]

Leben[Bearbeiten]

Mustafa Cerić besuchte die Gazi-Husrev-Beg Medresa in Sarajevo und studierte von 1974 bis 1978[2] als Stipendiat an der Kairoer Al-Azhar-Universität Theologie und Philosophie. Danach kehrte er nach Jugoslawien zurück.

1981 nahm Cerić eine Position in den USA als Imam des Islamic Cultural Center in Northbrook (Illinois) an und promovierte bei Fazlur Rahman an der University of Chicago 1987 über die Theologie Abu Mansur al-Maturidis. Ende der Achtziger Jahre war Cerić Imam in der Weißen Moschee in Gračanica sowie Imam in der Moschee von Zagreb und unterrichtete an der Fakultät Islamischer Wissenschaften in Sarajevo.

1990 war Cerić ein Gründungsmitglied von Izetbegovićs „Partei der demokratischen Aktion“ (Stranka demokratske akcije, SDA).[3] Von 1991 bis 1993 lehrte er am „International Institute of Islamic Thought and Civilization“ (ISTAC) der Islamischen Universität Malaysia in Kuala Lumpur[4], und fungierte dort auch als Repräsentant Izetbegovićs.

Cerić wurde während des Bosnienkriegs am 28. April 1993 unter Umständen, die von Kritikern als eine „Putschsitzung“ gegen Jakub Selimovski bezeichnet werden, vorläufig zum bosnischen Großmufti ernannt.

Er wurde im August 1995 bestätigt und im November 1998[4] sowie 2005 wiedergewählt.

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Laut Verfassung der Islamischen Glaubensgemeinschaft Bosnien Herzegowina (Islamska zajednica, IZ BiH) von 1997 kann der Reisu-l-ulama nach 7-jähriger Amtszeit nur einmal wiedergewählt werden, so dass Cerić voraussichtlich 2012 aus dem Amt scheiden wird.[5]

Cerić arbeitet und lebt zurzeit in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. Seine Wirkungsstätte ist die Kaisermoschee.[6]

Careva Dzamija (Kaisermoschee)

Wirken[Bearbeiten]

Cerić ist seit 1996 Gründungsmitglied des European Council for Fatwa and Research (ECFR). Dieser Zusammenschluss muslimischer Rechtsgelehrter hat es sich zur Aufgabe gesetzt, islamisches Recht (Fiqh) für die moderne westliche Welt zu formulieren. Ihr Vorsitzender ist Yusuf al-Qaradawi. Aus Deutschland nimmt die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş an der ECFR-Arbeit teil.

Cerić ist Mitglied des European Council of Religious Leaders (ECRL), einer Unterorganisation der World Conference of Religions for Peace.[7]

Cerić hat in seinen Büchern und öffentlichen Deklarationen seine Vorstellungen für die Muslime und über die Zukunft des Islam in Europa entwickelt. So schrieb er 2006 eine „Deklaration Europäischer Muslime“[8] und nahm an einer Konferenz europäischer Imame und Seelsorger im April 2006 teil, die eine „Wiener Erklärung“[9] verabschiedete. Im Juli 2006 stellte er die „Topkapi-Erklärung“ in Istanbul vor.[10] Der Zeit-Journalist Jörg Lau sah darin dessen „Bewerbung für den Posten eines europäischen Großmuftis“[6], eine Einschätzung, die auch in der NZZ („angemeldeter Führungsanspruch über Europas Muslime“[11]) und Le Monde diplomatique („Ceric schwebt vor, unter seiner geistigen Führung alle islamischen Organisationen einer Region zu vereinigen“[12]) geteilt wird. In Bosnien wird Cerić schon lange vorgeworfen, stark politische Ansprüche zu vertreten.[13][14][15]

Am 13. Oktober 2007 veröffentlichten Cerić und weitere 137 muslimische Gelehrte einen 29seitigen offenen Brief („Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“)[16] an die christlichen Religionsführer, in dem sie zum Dialog über Gemeinsamkeiten der beiden Religionen aufforderten. Die Initiative gilt als historisches Ereignis[17][18], bei dem sich erstmals muslimische Führer aus unterschiedlichen Richtungen und Ländern zusammengefunden haben.

Vielbeachtet und kritisiert wurde sein Aufsatz[19] im Journal European View des der Europäischen Volkspartei nahestehenden europäischen Thinktanks Centre for European Studies, in dem er 2007 für ein Imamat und eine einzige Muslim-Autorität in Europa warb und weil er darin in einem theologischen Begründungszusammenhang die Scharia „als ewig, nicht verhandelbar und unendlich“ beschrieb. Ihm wurde von Kristina Schröder vorgeworfen, mit dieser Forderung den Weg zu einem „europäischen Kalifat“ eröffnen zu wollen.[20] Cerić verfasste einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in dem er sich nach Auffassung der Dialog-Website Qantara.de „unter anderem klar zu seiner demokratischen Grundüberzeugung bekennt“[21].

Cerić lehnt die Begriffe „Euroislam“ und „Europäischer Islam“ ab und spricht lieber von einem „europäischen Erfahrungshorizont des Islam“ („European experience of Islam“).[22][23] Europa sei weder „Haus des Islams“ (Dar al-Islam) – weil hier verschiedene Religionen gleichberechtigt zusammenlebten – noch „Haus des Krieges“ (Dar al-Harb), das durch den Islam erobert werden müsse. Europa müsse von den Muslimen begriffen werden als „Haus des Gesellschaftsvertrags“, womit sich Cerić auf den contrat social Jean-Jacques Rousseaus bezieht.[19] Einen ähnlichen Ansatz, der sich auf die islamische Orthodoxie bezieht, aber eine Modernisierung anstrebt, vertritt Tariq Ramadan.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. AMTSWECHSEL IN BOSNIEN-HERZEGOWINA (Version vom 28. Juni 2013 im Internet Archive)
  2. Biography of Mustafa Ceric, IslamOnline.net
  3. « L’islam bosniaque, entre identité culturelle et idéologie politique » (MS Word; 111 kB), in: Xavier Bougarel / Nathalie Clayer (dir.), Le nouvel Islam balkanique. Les usulmans, acteurs du post-communisme, Paris: Maisonneuve & Larose, 2001, pp. 79-132
  4. a b CONTEMPORARY ISLAM IN EAST EUROPE (PDF; 99 kB) Gyorgy Lederer, Nato.int, May 1999, page 6-7
  5. IZ BiH / Rijaset Constitution of 1997 Artikel 58
  6. a b Der islamische Reformator Kurzportrait über Ceric von Jörg Lau, Die Zeit, 30. November 2006, Nr. 49
  7. World Conference of Religions for Peace: http://www.wcrp.org/
  8. Mustafa Cerić: Deklaration Europäischer Muslime von 2006
  9. „Wiener Erklärung“ der Konferenz Europäischer Imame und Seelsorgerinnen Wien 2006
  10. Topkapi declaration text: Conference Urges EU Governments, Muslims to Bridge Gap Ali Al-Halawani, IslamOnline.net 3. Juli 2006
  11. Führungsanspruch des Reis Ceric NZZ 9. Februar 2006
  12. Der Einfluss des Islam Jean-Arnault Dérens, Le Monde diplomatique vom 12. September 2008
  13. The State Religion (Version vom 9. Juli 2004 im Internet Archive) by Gojko Beric, Bosnian daily Oslobodjenje April 1996
  14. Theodor-Heuss-Preis an Mustafa Ceric - Wichtige Integrationsfigur Zoran Arbutina Deutsche Welle 15. Mai 2007
  15. „… has personal political ambitions“ SARAJEVO: A JOURNEY TO AN INTERRELIGIOUS FUTURE Leonard Swidler and Paul Mojzes, Dec 1995
  16. „A Common Word Between Us and You“
  17. Christian W. Troll: Unsere Seelen sind in Gefahr, DIE ZEIT, vom 18. Oktober 2007, S. 14
  18. Ingo Koll: Verschlafener Dialog? (Version vom 30. Juni 2007 im Internet Archive), Religions-Pädagogische Internetplattform der Evangelischen Kirche in Deutschland
  19. a b Mustafa Ceric: The Challenge of a single Muslim authority in Europe in European View (2007) 6:41-48
  20. Aufsatz in CDU-naher Zeitschrift fordert Scharia in Europa Von Ansgar Graw, Die Welt, 13. Mai 2008
  21. Mustafa Ceric, Großmufti von Bosnien-Herzegowina - Brückenbauer oder verkappter Fundamentalist? Zoran Arbutina qantara.de 25. November 2008
  22. Interview: „Patrioten im Namen des Islam“ Erich Rathfelder, taz, 16. April 2004
  23. Islam: Bosnian Cleric Sees Unique Role For Europe's Muslims Dzenana Halimovic interview RFE/RL March 15, 2006
  24. Association of Muslim Social Scientists in Great Britain (AMSSUK) LIFETIME ACHIEVEMENT AWARD TO REISU-L-ULEMA DR. CERIĆ Bosniaks.Net, 14. Mai 2008