Myślibórz

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Myślibórz
Wappen von Myślibórz
Myślibórz (Polen)
Myślibórz
Myślibórz
Basisdaten
Staat: Polen
Woiwodschaft: Westpommern
Landkreis: Myślibórz
Fläche: 15,04 km²
Geographische Lage: 52° 56′ N, 14° 52′ O52.93333333333314.866666666667Koordinaten: 52° 56′ 0″ N, 14° 52′ 0″ O
Einwohner: 11.614
(31. Dez. 2013)[1]
Postleitzahl: 74-300
Telefonvorwahl: (+48) 95
Kfz-Kennzeichen: ZMY
Wirtschaft und Verkehr
Straße: DK 23 Myślibórz – Sarbinowo
DK 26 Krajnik Dolny – Renice
DW 128 Rów – Ławy
Schienenweg: kein Bahnanschluss
Nächster int. Flughafen: Posen
Gemeinde
Gemeindeart: Stadt- und Landgemeinde
Gemeindegliederung: 27 Ortsteile
Fläche: 328,33 km²
Einwohner: 20.584
(31. Dez. 2013)[1]
Bevölkerungsdichte: 63 Einw./km²
Gemeindenummer (GUS): 3210043
Verwaltung (Stand: 2010)
Bürgermeister: Arkadiusz Zygmunt Janowicz
Adresse: Rynek im. Jana Pawła II 1
74-300 Myślibórz
Webpräsenz: www.mysliborz.pl

Myślibórz (deutsch: Soldin; kaschubisch: Żôłdzëno) ist eine polnische Kreisstadt im Südwesten der Woiwodschaft Westpommern. Die Stadt ist auch Sitz der Stadt- und Landgemeinde Gmina Myślibórz. Bis 1945 gehörte die Stadt als Soldin zur Neumark.

Geografische Lage[Bearbeiten]

Die Stadt liegt am Südufer des Soldiner Sees, Teil eines etwa 50 km² großen Seengebietes, am Ausfluss der Mietzel, einem Nebenfluss der Oder in der Neumark.

Die Bahnlinie (Stargard Szczeciński –) Pyrzyce (Pyritz) – Küstrin verlief bis 2002 ebenso wie noch heute die Fernverkehrsstraße 26 von Krajnik Dolny (Nieder Kränig bei Schwedt/Oder) nach Renice (Rehnitz) durch die Stadt, während die Fernverkehrsstraße 3 sechs Kilometer östlich der Stadt vorbeiläuft. Die Fernverkehrsstraße 23 verbindet die Kreisstadt mit dem Südosten der Woiwodschaft Westpommern, wo sie bei Sarbinowo auf die Fernverkehrsstraße 31 (StettinSłubice/Frankfurt (Oder)) trifft.

Gorzów Wielkopolski (Landsberg (Warthe)) ist 40 Kilometer, der Grenzübergang nach Schwedt/Oder 44 Kilometer entfernt.

Geschichte[Bearbeiten]

Dort, wo später Soldin entstand, siedelten im 10. Jahrhundert Slawen, die am Seeufer eine Holzburg errichteten, die mit einem Wall und durch einen Graben geschützt wurde. Sie hatte bis in das 13. Jahrhundert Bestand, verfiel dann jedoch. Der Dominikanerorden erbaute 1228 eine Durchgangsstation für Wandermönche, und der Templerorden erwarb 1234 die Soldiner Burg. Sie verkauften die Burg bereits 27 Jahre später an die brandenburgischen Markgrafen Johann I. und Otto III. samt 300 Hufen Land am Fluss Mietzel.

Die Propstei Zantoch wurde Soldin 1270 übereignet und im Jahr darauf wurde erstmals eine Stadt Soldin urkundlich erwähnt. Nachdem die Dominikaner 1275 ein Kloster erbauten, hatte Soldin so an Bedeutung gewonnen, dass es zur Hauptstadt der Neumark wurde. An seinem Oberhof, dem u. a. die Gerichtsbarkeit von Bärwalde und Berlinchen unterstand, wurde nach dem strausbergischen Recht geurteilt.[2] In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts musste die Stadt Rückschläge hinnehmen. Zuerst kam 1311 eine Hungersnot über die Stadt, der ein Drittel der Einwohner zum Opfer fiel. Danach geriet die Stadt in die Auseinandersetzungen um den „Falschen Waldemar“, in deren Folge die Burg zerstört wurde. Die 1352 erteilten Marktrechte halfen, den Niedergang aufzuhalten, denn von da an waren die durchreisenden Händler gezwungen, ihre Waren in der Stadt anzubieten. Von 1355 an wurden regelmäßig Jahrmärkte abgehalten.

Im Jahr 1402 kam Soldin mit der gesamten Neumark in das Eigentum des Deutschen Ordens. Bei einem Hussitenüberfall im Jahre 1433 wurde Soldin zerstört. 1455 wurde die Neumark von dem brandenburgischen Kurfürst Friedrich II. zurückgekauft. Am 21. Januar 1466 hinterließ Soldin einen Markstein in der Geschichte. An diesem Tag schlossen Brandenburg und Pommern einen Vertrag über die brandenburgische Lehnshoheit über Pommern.

Das 16. Jahrhundert brachte der Stadt wenig Gutes. Als sich 1535 die Neumark von Brandenburg abspaltete, wurde der markgräfliche Hof von Soldin nach Küstrin verlegt. Vier Jahre später wurde die Stadt von einem Großfeuer vernichtet. Das Dominikanerkloster wurde im Zuge der Reformation geschlossen. Auch der Dreißigjährige Krieg hinterließ seine Spuren, 1627 nahmen 2500 kaiserliche Soldaten Quartier und richteten erhebliche Verwüstungen an. Zu dieser Zeit lebten etwa 2300 Menschen in der Stadt. Sie mussten erleben, wie 1655 ihre Stadt erneut einem Brand zum Opfer fiel. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts konnte Soldin mit Hilfe des preußischen Königs wieder aufgebaut werden. Eine preußische Garnison wurde in die Stadt verlegt, und 1772 stellte Friedrich II. 50.000 Taler zum Bau neuer Wohnhäuser zur Verfügung. Zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte Soldin 2700 Einwohner, die meisten waren Tuchmacher, Schuhmacher oder Ackerbürger.

Am industriellen Aufschwung des 19. Jahrhunderts hatte Soldin zunächst wenig Anteil, denn die modernen Verkehrswege verliefen abseits der Stadt. Erst 1848 war die Chaussee nach Küstrin fertiggestellt, und 40 Jahre später erfolgte der Anschluss an die Bahnlinie Stargard–Küstrin. Allerdings gewann Soldin an Bedeutung, als 1837 der Verwaltungssitz des Landkreises in die Stadt verlegt wurde. Vor allem unter der Ägide des Königlich Geheimen Rats und Landrats Karl Krummacher gelang es, wichtige Zentralitätsfunktionen für die junge Kreisstadt zu gewinnen. 1898 wurde ein Elektrizitätswerk errichtet und ein Jahr später wurde die öffentliche Wasserleitung verlegt. 1912 wurde eine weitere Eisenbahnverbindung nach Landsberg geschaffen. Dem Ersten Weltkrieg fielen 170 Soldaten aus Soldin zum Opfer. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte die Stadt 6284 Einwohner.

Am 31. Januar 1945 wurde die Stadt von der Front überrollt und von der Roten Armee kampflos eingenommen. Aufgrund eines Zwischenfalls am 3. Februar 1945, mit der Tötung eines Rotarmisten durch einen Soldiner Bürger, erfolgte die Vergeltung seitens der Roten Armee mit Geiselnahme von rund 160 Soldiner Bewohnern männlichen Geschlechts, von denen 120 Personen am 7. Februar 1945 erschossen und in einem Massengrab vor der Stadt verscharrt wurden. Nach der Entdeckung und Öffnung des Massengrabs 1995 erinnert heute ein Gedenkstein an diese Tragödie.[3]

Nach dem Kriegsende kam die Stadt unter polnische Verwaltung und wurde in Myślibórz umbenannt. Die Bevölkerung wurde vertrieben und durch Polen ersetzt.[4]

Neuenburger Tor, um 1900
Marktplatz und Stiftskirche

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

  • Die Stadtpfarrkirche St. Johannes der Täufer ist eine dreischiffe, backsteingotische Hallenkirche aus dem 14. Jahrhundert. Die untere Hälfte des wuchtigen Frontturms mit hohem Nadelhelm ist frühgotisch und wurde im 13. Jahrhundert aus Feldsteinen gemauert
  • Das klassizistische Rathaus von 1772 auf dem Marktplatz
  • Das ehemalige gotische Dominikanerkloster
  • Gertraudenkapelle aus dem 15. Jahrhundert
  • Die seit der Reformation profanierte gotische Heiliggeistkapelle aus dem 14. Jahrhundert beherbergt das Regionalmuseum der Soldiner Seenplatte (Muzeum Pojezierza Myśliborskiego).
  • Reste der mittelalterlichen Stadtmauer mit Neuenburger und Pyritzer Stadttor sowie dem Pulverturm aus dem 13./14. Jahrhundert.

Sonstigen[Bearbeiten]

Der heute durch soziale Probleme bekannte Soldiner Kiez im Berliner Ortsteil Gesundbrunnen wurde nach dieser Stadt benannt. Quer durch ihn verläuft die Soldiner Straße.

Gemeinde[Bearbeiten]

Die Stadt- und Landgemeinde gliedert sich in den namensgebenden Hauptort, die Stadt Myślibórz, sowie 26 weitere Ortsteile (Sołectwa) (kursiv = ehemalige deutsche Namen):

Czółnów (Zollen), Dalsze (Woltersdorf), Dąbrowa (Eichwerder), Derczewo (Dertzow), Głazów (Glasow), Golenice (Schildberg), Gryżyno (Griesenfelde), Kierzków (Kerkow), Kolonia Myśliborzyce, Kruszwin (Simonsdorf), Listomie (Wilhelmsburg), Ławy (Brügge), Myśliborzyce (Mietzelfelde), Nawrocko (Liebenfelde), Otanów (Wuthenow), Pniów (Pinnow), Prądnik (Hauswerder), Pszczelnik (Kuhdamm), Renice (Rehnitz), Rościn (Rostin), Rów (Rufen), Sitno (Hohenziethen), Sulimierz (Adamsdorf), Wierzbnica (Werblitz), Wierzbówek (Gut Werblitz) und Zgoda (Louisenthal)

Dazu gehören weitere Ortschaften (Miejscowości niesołeckie) (kursiv = ehemalige deutsche Namen):

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

  • Johann Caspar Hindersin (* 1667; † 1738) – preußischer Baumeister
  • Christoph Theodosius Walther (* 1699; † 1741) - pietistischer Prediger, Philologe und Missionar
  • August Piepenhagen (* 2. August 1791; † 27. September 1868) – Landschaftsmaler
  • Daniel Lessmann (* 18. Januar 1794; † 2. September 1831) – Historiker und Dichter
  • Hermann Kennemann (* 4. Januar 1815; † 11. April 1910) - Großgrundbesitzer und Landesökonomierat
  • Heino Schmieden (* 15. Mai 1835; † 7. September 1913) – Architekt
  • Emil von Schenckendorff (* 21. Mai 1837; † 1. März 1915) – preußischer Reformpädagoge, Politiker (NLP) und MdPrA
  • Martin Gensichen (* 10. November 1842 in Dertzow, heute: Derczewo; † 1927) – lutherischer Theologe
  • Max Fesca (* 31. März 1846; † 31. Oktober 1917) – Bodenkundler und Pflanzenbauwissenschaftler
  • Albert Vater (* 17. März 1859; † 7. Februar 1923), Politiker
  • Konrad Schliephacke (* 2. Mai 1879; † 3. April 1940) – Politiker (Nationalsozialistische Freiheitspartei)
  • Hans Knospe (* 3. August 1899 in Soldin; † 14. April 1999 in Sellin) − Fotograf
  • Fritz Leese (* 6. März 1909; † 19. Oktober 2004) – Puppenspieler und Figurentheaterleiter
  • Wolfgang E. Struck (* 16. Februar 1920; † 14. Februar 1989) – Regisseur und Intendant
  • Hildegard Grunert (* 20. Juni 1920) – Malerin und Keramikerin
  • Otto Höhne (* 30. Juli 1926) – Sportfunktionär
  • Gisela Kallenbach (* 28. März 1944) – Europaabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen

Ehrenbürger[Bearbeiten]

  • Wolfgang Buhr (* 27. Mai 1932) – deutscher Politiker, für sein langjähriges Engagement in der Städtepartnerschaft mit Soltau

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Myślibórz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Population. Size and Structure by Territorial Division. As of December 31, 2013. Główny Urząd Statystyczny (GUS) (PDF), abgerufen am 11. Juli 2014.
  2. Heinrich Gottfried Philipp Gengler: Regesten und Urkunden zur Verfassungs- und Rechtsgeschichte der deutschen Städte im Mittelalter. Erlangen 1863, S. 102..
  3. Soldiner Geiselmord. In: Focus. 18/1995.
  4. Zur vollständigen Vertreibung der Einwohner der Neumark siehe Paweł Rutkowski (Hrsg.): Streifzüge zwischen Oder und Drage. Begegnung mit der Neumark, Deutsches Kulturforum, Potsdam 2012, ISBN 978-3-936168-44-0, S. 14 f., zu Soldin S. 148.
  5. [1]