Myers-Briggs Typenindikator

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Der Myers-Briggs-Typenindikator (kurz MBTI, von englisch Myers-Briggs type indicator – nach Katharine Briggs und Isabel Myers) ist ein an die Typologie der Persönlichkeit von Carl Gustav Jung angelehnter Test, der überwiegend im Bereich Coaching und Personalwesen eingesetzt wird. Von klinischen Psychologen wird der MBTI abgelehnt, weil er den Mindestanforderungen an Zuverlässigkeit und Genauigkeit nicht entspricht.[1]

ISTJ ISFJ INFJ INTJ
ISTP ISFP INFP INTP
ESTP ESFP ENFP ENTP
ESTJ ESFJ ENFJ ENTJ
Persönlichkeitstypen mit den vier
Hauptklassen nach Keirsey, I (Introversion) – E (Extraversion), N (Intuition) – S (Sensing), F (Feeling) – T (Thinking), J (Judging) – P (Perceiving)
Geschätzte Verbreitung der Typen in der
Bevölkerung der USA (Quelle)
ISTJ
 11–14 % 
ISFJ
 9–14 % 
INFJ
 1–3 % 
INTJ
 2–4 % 
ISTP
 4–6 % 
ISFP
 5–9 % 
INFP
 4–5 % 
INTP
 3–5 % 
ESTP
 4–5 % 
ESFP
 4–9 % 
ENFP
 6–8 % 
ENTP
 2–5 % 
ESTJ
 8–12 % 
ESFJ
 9–13 % 
ENFJ
 2–5 % 
ENTJ
 2–5 % 

Einführung[Bearbeiten]

Der MBTI baut auf der Typologie von Carl Gustav Jung auf, der seine Beobachtungen in „Psychologische Typen“ niederschrieb. Katherine Cook Briggs und ihre Tochter Isabel Myers griffen diese auf und führten Messreihen durch. Sie nutzten die Ergebnisse, um das Center for Applications of Psychological Type zu gründen, das Persönlichkeitseinschätzung kommerziell anbietet. Der Begriff MBTI ist eine Schutzmarke des amerikanischen Unternehmens CPP Inc. und blieb in Europa weitestgehend unbekannt.

Durch die Publikationen von David Keirsey gewann die jungsche bzw. myers-briggsche Typologie eine größere Bekanntheit. Sie wird gern im Personalwesen eingesetzt, da es charakteristische Korrelationen von MBTI-Typus und beruflicher Eignung geben soll.

In den USA sind im Laufe der Zeit mehrere Dutzend Bücher über den MBTI und das damit verbundene Persönlichkeitsmodell erschienen. Dort besitzt er eine hohe Verbreitung und Popularität, während es in Deutschland nur einige wenige und relativ unbekannte Bücher darüber gibt und die Anwendungen sich weitestgehend auf den Coaching-Bereich in Unternehmen beschränken.

Der Original-MBTI-Fragebogen ist nur gegen Gebühr über lizenzierte Trainer erhältlich, in der Regel verbunden mit einem anschließenden Beratungsgespräch. Es gibt zahlreiche ähnlich aufgebaute, frei erhältliche Tests und Fragebögen, die auf dem gleichen Prinzip wie der MBTI basieren, jedoch nicht dessen Qualitätskriterien entsprechen. Der bekannteste davon ist der Keirsey Temperament Sorter.

Die Reliabilität des MBTI ist schlecht, und es kommt sehr häufig vor, dass jemand sich nicht mit dem Typ identifizieren kann, den der Test ergeben hat. Auch wenn man sich dann für einen Typ entschieden hat, dem die eigene Persönlichkeit am ehesten entspricht, kann man leicht Übereinstimmungen mit einigen anderen der 16 Typen finden und so je nach Tagesform und Situation über mehrere Typen wechseln. Bei Wiederholungen des Tests nach mehreren Wochen oder Monaten schwankt der Typ häufig.[2]

Klassifikation[Bearbeiten]

Carl Gustav Jung bemerkte in seinem täglichen Umgang mit Patienten, dass der Umgang mancher Menschen mit der Welt schlicht anders war als sein eigener. Er notierte diese Beobachtungen und deren charakteristische Merkmale, benannte sie und machte sich die Kenntnis der Persönlichkeitseinschätzung wieder für seine Arbeit zunutze. Grundlegend für das Modell ist die Einschätzung der Typen in vier Funktionen (Denken/Fühlen, Sensorik/Intuition), die jeweils mit den Attributen introvertiert oder extravertiert belegt wurden. Der MBTI löste die Attribute von den Funktionen und erstellte daraus Dimensionen (E/I, N/S, F/T - die Orientierung J/P wurde durch Briggs und Myers-Briggs hinzugefügt), die jeweils die dominierende Präferenz bezeichnen. Die Abfolge der Buchstaben ist geteilt in zwei Wahrnehmungsfunktionen und zwei Beurteilungsfunktionen (bei Jung waren es zwei plus eine). Wichtig hierbei ist, dass im MBTI eine bimodale Verteilung mit einer sehr harten Trennung zwischen den jeweiligen Dichotomen verwendet wird. Das führt dazu, dass es keine Ausprägungen gibt, sondern nur eindeutige Präferenzen (Rechts- oder Linkshänder). Alle Funktionen und Orientierungen sind bei allen Menschen vorhanden. Der MBTI gibt Aufschluss darüber, welche Funktion präferiert benutzt wird und auf welche nachrangig zurückgegriffen wird.

Indikator Präferenz Beschreibung
Motivation, Antrieb
(Energizing Preference)
Extraversion
(Extraversion, E)
Dies beschreibt die Motivation zur Sinneserfahrung. Diese Unterscheidung ist weit geläufig.

Ein außenorientierter Mensch ist kontaktfreudiger und breiter interessiert, ein innenorientierter Mensch konzentrierter und intensiver. Man spricht auch von der Tendenz zur Weite (E) bis Tiefe (I) der Sinneserfahrung.

Introversion
(Introversion, I)
Aufmerksamkeit
(Attending Preference)
Intuition
(Intuition, N)
Dies beschreibt die Verarbeitung der Sinneseindrücke.

Der sensorische Geist gewichtet die „Rohdaten“ bzw. unmittelbaren Eindrücke am höchsten. Er ist detailorientiert und exakt im Verarbeiten von konkreter Information sowie im Begreifen des Hier und Jetzt.

Der intuitive Geist verlässt sich stärker auf seinen sechsten Sinn, also auf die Interpretation und den Gesamtzusammenhang. Er achtet eher auf das Ganze als auf dessen Teile und ist eher zukunfts- und möglichkeitenorientiert.

Es wird davon ausgegangen, dass Sensoriker etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Bevölkerung ausmachen.

Sensorik
(Sensing, S)
Entscheidung
(Deciding Preference)
Denken
(Thinking, T)
Dies beschreibt die Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden.

Der Denker (thinking) betrachtet die ihm vorliegenden Informationen eher von einem rationalen Standpunkt und versucht, mittels objektiver Wertesysteme (z. B. Gesetze) zu Entscheidungen zu gelangen. Er ist resultatorientiert im Sinne der optimalen Lösung der Sache.

Der Fühlende (feeling) beachtet seine persönlichen Wertesysteme (Moral) stärker. Er urteilt entsprechend dieser Systeme und ist bemüht, alle Parteien zu einer Lösung der Sache mitzunehmen.

Hier wird von einer Gleichverteilung bei geringfügig mehr Fühlern ausgegangen. Gleichzeitig besteht hier die größte Unausgewogenheit zwischen den Geschlechtern. Schätzungen zufolge sind etwa zwei Drittel der Denker Männer und etwa zwei Drittel der Fühler Frauen.

Fühlen
(Feeling, F)
Lebensstil
(Living Preference)
Wahrnehmung
(Perception, P)
Dies beschreibt die Tendenz, die Eindrücke der Umwelt schnell zu strukturieren oder noch länger weitere Eindrücke aufzunehmen.

Der Perceiver ist lange offen für neue Eindrücke und zeigt sich bereit, seine Entscheidungen und Pläne zugunsten neuer Informationen zu überdenken. Dies bedeutet auch, dass man spontaner handelt und sich flexibler unregelmäßigen Umständen anpassen kann (perceiving).

Im Gegensatz dazu steht die Entschiedenheit. Der Urteilende (judging) entscheidet bereits, bevor ihm alle Informationen vorliegen, und hält an einmal getroffenen Entscheidungen und eingeschlagenen Wegen auch unter widrigen Umständen fest. Bevorzugt handelt er systematisch und planmäßig. Falls erforderlich, werden Pläne angepasst, jedoch werden diese ungern völlig verworfen. Der Urteilende hat außerdem eine stärkere Neigung zum Dominieren und Kontrollieren. Er zeigt im Handeln weniger Spontanität, dafür jedoch mehr Disziplin und Konsistenz.

In dieser Dimension ist ungefähr von einer Gleichverteilung auszugehen.

Beurteilung, Entscheidung
(Judgement, J)

Jeder Mensch ist in der Lage, entsprechend den vorliegenden Ereignissen angepasst zu handeln, jedoch bevorzugen die meisten Menschen bestimmte, bevorzugte Herangehensweisen. Dies wird hier als Typen bezeichnet.

Über Gruppenstudien wurden Tests entwickelt, die ohne Einzelgespräch schon eine Einschätzung des MBTI-Typus erlauben. Wenn ein solcher Test I(3) S(5) T(6) J(5) ergibt, dann schreibt man kurz ISTJ als Kurzbezeichnung. Jedes Viererkürzel hat dabei auch einen Eigennamen, der jedoch je nach Autor und Sprachversion verschieden sein kann. Der ISTJ heißt so z.B. auch „Inspektor“ und beschreibt besonders verlässliche Zeitgenossen - eine solche Kategorisierung ist allerdings umstritten, da sie Klischeebilder fördert.

Funktionen[Bearbeiten]

Die Funktionen mit den Attributen introvertiert und extravertiert bilden den Kern des MBTI-Modells. Sie sollen erklären wie die Persönlichkeit eines Typen aufgebaut ist. Jedoch gibt es berechtigte Zweifel an ihrer Validität (siehe Kritik) und einige Autoren, z.B. David Keirsey, haben sich komplett von ihnen abgewandt. In der restlichen Literatur über den MBTI tauchen sie oft gar nicht auf und werden durch die vier Dimensionen (siehe oben) ersetzt. Auch wenn die Funktionen an denen von Jung angelehnt sind, werden sie etwas anders aufgefasst.

Beschreibung der Funktionen:

Sensorik
introvertierte Sensorik (Si)
vergleicht das aktuelle Geschehen auf subjektiver Basis mit Informationen aus der Vergangenheit und versucht Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu finden. Dabei können Informationsschichten überlagert werden, die nicht mehr differenziert werden können. Die subjektive Wahrnehmung kann Überreaktionen oder eine nichtobjektive Realitätssicht mit Tendenz zur Mystik oder Fantasie zur Folge haben.
extravertierte Sensorik (Se)
nimmt Informationen mit allen „fünf Sinnen“ wahr und verarbeitet diese zu Erfahrung mit Fokussierung auf das Hier und Jetzt. Informationen werden dabei in der Außenwelt von Objekten und körperlichen Aktivitäten wahrgenommen. Sie sind realistisch und häufig auf der Suche nach Spaß und Unterhaltung. Von äußeren Prozessen lassen sie sich beeinflussen und projizieren manchmal ihre eigenen Empfindungen auf Andere. In negativer Ausprägung sind sie von hohem Misstrauen und Eifersucht charakterisiert.
Intuition
introvertierte Intuition (Ni)
interessiert sich für zukünftige Geschehnisse, sucht dabei nach Signifikanz und versucht das Unbekannte zu ergründen. Ihre Visionen wollen sie durch Kunst oder Prophezeiungen äußern. Ihre Ideen können sehr ungewöhnlich sein, weswegen sie häufig missverstanden werden.
extravertierte Intuition (Ne)
interessiert sich für Möglichkeiten und versucht Ideen und Informationen untereinander zu verbinden. Sie möchten etwas verändern und verbessern, haben dafür viele Ideen und nehmen einen hohen Einsatz auf sich. Dabei kann es passieren, dass sie wenig Rücksicht auf Andere nehmen. Situationen, in denen sich nichts verändern und verwirklichen lässt, langweilen sie. Bei der Suche nach ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten können sie u. U. viel Zeit verlieren.
Fühlen
introvertiertes Fühlen (Fi)
beurteilt Dinge nach eigenem Ermessen, hat ein Gespür für emotionale Beziehung zwischen Objekten sowie ausgeprägtes Moralbewusstsein. Sie sind an verborgenen Gefühlsprozessen interessiert bis hin zu Mystik und Magie. Gefühle äußern sie nicht immer, auch wenn sie diese nach innen hin intensiv erleben. Dadurch könnten sie auf Andere unzugänglich und unauffällig wirken. Negativ äußert sich introvertiertes Fühlen durch tyrannisches, „aufgeblasenes“ Auftreten und dem Gefühl von innerer Leere und Nutzlosigkeit.
extravertiertes Fühlen (Fe)
befasst sich mit sozialen Prozessen und versucht die Außenwelt basierend auf sozialen Beziehungen zu organisieren. Es wird versucht, soziale Werte zu erfüllen und harmonisch in Bezug auf andere Menschen zu sein. Äußere Einflüsse haben für sie einen höheren Stellenwert als innere. Negativ äußert sich Fe durch intensive Stimmungsgefühle und -schwankungen.
Denken
introvertiertes Denken (Ti)
testet und analysiert Daten und Ideen – eigene wie fremde – mit dem Versuch, Ungenauigkeit bzw. Genauigkeit zu finden. Dabei sind sie sehr kreativ und können komplex und abstrakt denken. Im negativen Sinne wirken sie dabei eingebildet, können mürrisch oder brüsk sein und nehmen Kritik persönlich.
extravertiertes Denken (Te)
ist bemüht, die Außenwelt mit Logik und objektiven Daten zu verwalten und zu organisieren. Sie sind praktisch veranlagt und verbinden Ideen logisch und hierarchisch. Ihre Moral basiert auf eigenen Ideen und Absichten und nicht auf fremdbestimmten. Dabei können sie ihre persönlichen Interessen vernachlässigen (z. B. Gesundheit). Auf Fehlverhalten reagieren sie kleinlich oder feindselig oder mit Wutausbrüchen.
Funktionstabelle
Funktionen ISFJ ISTJ ESFJ ESTJ
dominant (erste) introvertierte Sensorik introvertierte Sensorik extravertiertes Fühlen extravertiertes Denken
auxiliar (zweite) extravertiertes Fühlen extravertiertes Denken introvertierte Sensorik introvertierte Sensorik
tertiär (dritte) introvertiertes Denken introvertiertes Fühlen extravertierte Intuition extravertierte Intuition
inferior (vierte) extravertierte Intuition extravertierte Intuition introvertiertes Denken introvertiertes Fühlen
Funktionen ISFP ISTP ESFP ESTP
dominant introvertiertes Fühlen introvertiertes Denken extravertierte Sensorik extravertierte Sensorik
auxiliar extravertierte Sensorik extravertierte Sensorik introvertiertes Fühlen introvertiertes Denken
tertiär introvertierte Intuition introvertierte Intuition extravertiertes Denken extravertiertes Fühlen
inferior extravertiertes Denken extravertiertes Fühlen introvertierte Intuition introvertierte Intuition
Funktionen INFJ INFP ENFJ ENFP
dominant introvertierte Intuition introvertiertes Fühlen extravertiertes Fühlen extravertierte Intuition
auxiliar extravertiertes Fühlen extravertierte Intuition introvertierte Intuition introvertiertes Fühlen
tertiär introvertiertes Denken introvertierte Sensorik extravertierte Sensorik extravertiertes Denken
inferior extravertierte Sensorik extravertiertes Denken introvertiertes Denken introvertierte Sensorik
Funktionen INTJ INTP ENTJ ENTP
dominant introvertierte Intuition introvertiertes Denken extravertiertes Denken extravertierte Intuition
auxiliar extravertiertes Denken extravertierte Intuition introvertierte Intuition introvertiertes Denken
tertiär introvertiertes Fühlen introvertierte Sensorik extravertierte Sensorik extravertiertes Fühlen
inferior extravertierte Sensorik extravertiertes Fühlen introvertiertes Fühlen introvertierte Sensorik

Die Funktionen zu den einzelnen Typen werden wie folgt interpretiert: Intro- und extravertierte Funktionen wechseln sich stets ab. In der ersten und zweiten sowie in der dritten und vierten Funktion ergänzen sich rationale und irrationale Funktionen. Perceiving oder Judging richtet sich nach der ersten extravertierten Funktion (bei extravertierten die erste, bei introvertierten die zweite Funktion), da die MBTI-Erfinderinnen davon ausgingen, dass man nur über seine extravertierte Funktion mit der Umwelt kommunizieren kann. Auffällig ist dadurch bei den introvertierten, dass diejenigen vom irrationalen Typus (perceiver) eine dominierende rationale Funktion haben und umgekehrt. Die unbewussten, also letzten vier Funktionen, entsprechen den bewussten in gleicher Reihenfolge, aber vertauschter Intro- bzw. Extraversion.

Fragebogen[Bearbeiten]

Das psychologische Inventar zur Abschätzung des MBTI erfolgt in der Regel zweistufig, indem zuerst ein Fragebogen ausgefüllt wird. Anschließend wird das Ergebnis dem Probanden im Detail erläutert und er wird aufgefordert, alle diejenigen Änderungen vorzunehmen, die er für notwendig hält, weil er sich selbst in den entsprechenden Kriterien anders kennt. Nach der Korrektur durch den Probanden ist der so genannte "Best Fit" (beste Passung zwischen Proband und Inventar) hergestellt. Der Fragebogen selbst enthält eine lange Serie dichotomer Fragen (mit je zwei Antwortmöglichkeiten), deren Beantwortung auch ausbleiben kann. Abstufungen wie z. B. „eher ja“, „eher nein“ und „weiß nicht“ sind nicht möglich.

Von den möglichen Fragestellungen werden für den Fragebogen jene mit möglichst diskriminierendem Wert verwendet, deren Antwort häufig von einem erwarteten Mittelwert abweicht. Es darf so verschiedene Fragebögen geben, sinnvoll sind diese jedoch nur, wenn sie mittels eines Gruppentests kalibriert wurden. Neben den offiziellen MBTI-Testbögen der Firma CPP ist weithin noch der „Keirsey Temperament Sorter“ bekannt, der geeicht wurde und kostenlos zur Verfügung steht. Es gibt verschiedene Webseiten, die den Keirsey-Test in vielen Sprachen online stellen.

Die Diskussion des Testergebnisses sollte immer erfolgen, da die Zusammenstellung und Wertung der Teilfragen letztlich willkürlich ist. Die Jung’sche Beobachtung verschiedener Typen bleibt jedoch bestehen, bei denen sich Charakteristika der Herangehensweisen an Aufgaben gruppieren und zuordnen lassen, also letztlich typisch sind. Ohne Einzelgespräch erfolgt dies, indem man die Beschreibungen der 16 Typen nachliest und der Proband selbst den passendsten wählt. Das Ergebnis des Testbogens gibt dabei einen Hinweis, welcher Typ am wahrscheinlichsten ist. Nur selten wählt man einen anderen Typus als passendsten, als den im Test ermittelten.

Die Einfachheit dieser Testmethode ist zugleich vorteilhaft wie kritikwürdig. Durch die Einfachheit ist sie auch Laien gut vermittelbar, lässt aber andererseits viel Spielraum für Interpretationen und Missbrauch. Eine Mittelantwort ("weder noch") oder eine Abstufung der Antwort ("trifft teilweise zu") ist nicht möglich. Es muss sich immer für eine Seite entschieden oder die Frage ausgelassen werden.

Anwendung[Bearbeiten]

Die Anwendung des MBTI im Personalbereich ist insbesondere im angloamerikanischen Raum gebräuchlich. Der Einsatz bei Einstellungsverfahren basiert auf statistischen Erhebungen, in denen deutliche Korrelationen zwischen dem Arbeitsfeld, dem Persönlichkeitstyp und der Zufriedenheit der Arbeitenden mit dem Arbeitsfeld gefunden wurden. Hier ergibt sich die Vermutung, dass eine zum Job passende Persönlichkeit langfristig bessere Arbeitsleistungen liefert, z. B. seltener krank wird. Dies ist naheliegend - daraus ergeben sich aber keine Begründungen für oder gegen einen Einsatz des MBTI.

In Deutschland wird er dazu auch eingesetzt, allerdings überwiegt der Einsatz als Entwicklungsinstrument. Der MBTI Step I darf (entsprechend der deutschen Lizenzierungsausbildung) nicht zur Personalselektion eingesetzt werden - von der Verwendung des MBTI Step II wird aufgrund der Verfügbarkeit geeigneterer Instrumente abgeraten. Hintergrund ist hauptsächlich das theoretische Konstrukt: Der MBTI ist kein Test, sondern ein Indikator (Myers-Briggs Type Indicator). Er misst Präferenzen, keine Eigenschaften (Traits) mit Ausprägungen. Daher gibt es auch kein Richtig/Falsch, sondern nur Präferenzen wie Rechts- oder Linkshänder, die keinerlei Aussagekraft über die Qualität der Leistung haben. Der MBTI berücksichtigt ausdrücklich Lernverhalten, so dass ein Rechtshänder erlernen kann, bestimmte Tätigkeiten mit links auszuführen, sogar besser als ein Linkshänder, aber dennoch Rechtshänder bleibt. Daraus ergibt sich, dass der MBTI nicht vorhersagt, wie sich jemand verhalten wird; er ermöglicht lediglich in der Retrospektive eine Reflexion der Situation und Modifikation für zukünftiges Verhalten. Dies war durch Briggs und Myers-Briggs gewollt, da sie aufgrund der Erfahrung zweier Weltkriege ein Tool schaffen wollten, das die Verständigung der Menschen erleichtert. Ausdrücklich soll kein Mensch in seinen Möglichkeiten beschnitten werden. Somit ist die Anwendung des MBTI auf die Reflexion eigenen Verhaltens und persönlicher Entwicklung beschränkt, da ein Einsatz als Test zur Selektion bedenklich und moralisch fragwürdig ist.

Die freie Verfügbarkeit MBTI-artiger Fragebögen von Drittanbietern wie z.B. Keirsey hat auch die Anwendung von MBTI-artigen Systemen außerhalb der beruflichen Eignung hervorgebracht. So werden im angloamerikanischen Raum auch in der Eheberatung diese Tests eingesetzt, um den Partnern Hinweise geben zu können, auf welche Persönlichkeitsunterschiede Rücksicht genommen werden muss. Die Erfolge haben jedoch teils auch zu einer Überbewertung des MBTI geführt.

Weiterführende Werke[Bearbeiten]

Gunter Dueck greift in einigen seiner Werke auf das MBTI-Modell zurück (wobei er die Ausführungen von David Keirsey benutzt) und entwirft darauf basierend sein eigenes Charaktermodell.

Das Ehepaar Paul D. Tieger und Barbara Barron-Tieger hat einige Bücher herausgebracht, um Menschen in Beruf, Erziehung und Partnerschaft zu helfen, und nutzt den MBTI als zentrales Werkzeug. Auch hier wird u.a. auf Keirseys Ausführungen zurückgegriffen und durch jahrzehntelange Beobachtungen ergänzt.

Die weitgehende Anwendung der MBTI-ähnlichen Modelle hat dazu geführt, dass andere Modelle zu Persönlichkeit und Charakter sich damit vergleichen. Nicht das MBTI-Modell an sich, aber die Ableitungen von Keirsey greifen die klassische Vier-Elemente-Lehre der abendländischen Welt auf, auf die auch die Humoralpathologie und die Temperamentenlehre zurückgehen. Diese hatten schon eine Verbindung von Temperament und Gesundheit eines Menschen gesehen.

Im Osten, speziell in Russland, ist die auf Jung aufbauende Klassifizierung Sozionik sehr beliebt und stellt sozusagen das russische Gegenstück zum MBTI dar. In der Sozionik geht es nicht ausschließlich um die Typen an sich, sondern der Funktionstheorie nach C.G. Jung wird eine stärkere Bedeutung zugemessen, und die Beziehungen der Typen untereinander werden in einem komplexen Modell erfasst. Zudem versucht die Sozionik eine Korrelation zwischen Typen und körperlichen Merkmalen aufzuzeigen.

Kritik[Bearbeiten]

Wie für alle selbsteinschätzenden Verfahren gilt auch für den MBTI der Barnum-Effekt. Der Proband erkennt sich in Beschreibungen wieder, obwohl diese eher allgemein gehalten sind und in Wirklichkeit auf die meisten Menschen zutreffen.

Ob Menschen wirklich 16 klar zu unterscheidenden Typen zuzuordnen sind ist höchst umstritten, denn das Konzept der 16 Typen konnte nicht wissenschaftlich belegt werden. Im Gegenteil sprechen zahlreiche Studien gegen die Existenz von Typen, bzw. gegen dichotome, in entweder/oder unterteilte Persönlichkeitsmerkmale. Stattdessen bewegen sich Charaktereigenschaften auf einer kontinuierlichen Skala, auf der die Endpunkte (z.B. Introversion und Extraversion) lediglich ein Extrem darstellen und der Großteil der Menschen sich ungefähr in der Mitte zwischen diesen beiden Punkten befindet, siehe Big Five (Psychologie). [3] [4]

Innerhalb von drei umfangreichen Studien wurde die Funktionstheorie des MBTI überprüft. Das eindeutige Ergebnis lautet, dass die Aussagen der Funktionen und vor allem auch ihre festgelegte Reihenfolge von Haupt- und Nebenfunktionen kaum mit der Realität und dem tatsächlichen Verhalten übereinstimmen. Sie konnten der wissenschaftlichen Überprüfung in keiner Weise standhalten. Es wurden grobe Logikfehler im Aufbau des Funktionssystems aufgezeigt, sowie angezweifelt, ob dieses überhaupt der Jungschen Theorie entspricht.[5]

Von Seiten der Sozionik kommt ebenfalls der Kritikpunkt, dass der MBTI die von Jungs Arbeit abgeleiteten Funktionen falsch interpretiert. In der Sozionik haben die introvertierten Typen die Hauptfunktion, die ihrem Typencode (Judging oder Perceiving) entspricht. Im MBTI haben sie die dem Typencode (Judging oder Perceiving) gegenteilige Hauptfunktion. Jedoch ist die Aussagekraft der Funktionen generell sehr umstritten, siehe letzter Absatz.

Der originale MBTI-Test ist stets kostenpflichtig, und von offizieller Seite gibt es nur wenig kostenlose Informationen. Im deutschsprachigen Raum herrscht eine besondere Informationsarmut, da die offiziellen MBTI-Lizenzgeber CPP und die zugehörige CAPT-Organisation (Center for Applications of Psychological Type) keine deutschsprachigen Internetpräsenzen oder andere frei zugängliche Publikationen in deutscher Sprache anbieten. Deutschsprachige Informationen über den MBTI sind daher nur kostenpflichtig über lizenzierte Drittanbieter oder aus nichtlizenzierten inoffiziellen Quellen zu bekommen. In beiden Fällen fällt die Darstellung des MBTI meist subjektiv und sehr positiv aus. Die Informationen und kostenlosen Tests, die man zum MBTI im Internet findet, sind Nachahmungen oder Neuinterpretationen, die meist mit subjektiven Eindrücken oder dem Modell von Keirsey vermischt sind.

Insbesondere bei der Prognose von Berufseignung und -erfolg versagt der MBTI-Test.[6]

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Stagnierung des Modells. Auch wenn der MBTI anfangs stetig weiterentwickelt wurde, gab es seit Ende der 1960er, Anfang der 1970er nur wenig nennenswerte Änderungen.

Literatur[Bearbeiten]

Jungs Fundament

Primärliteratur

  • Isabel Briggs Myers: Gifts Differing: Understanding Personality Type.Davies-Black Publishing, Mai 1995, ISBN 0-89106-074-X
  • Isabel Briggs Myers: Introduction to Type: A Guide to Understanding Your Results on the Myers-Briggs Type Indicator. Center for Applications of, November 1998
  • Isabel Briggs Myers, Mary H. McCaulley: Manual: A Guide to the Development and Use of the Myers-Briggs Type Indicator. Consulting Psychologists, August 1985, ISBN 0-89106-027-8

Sekundärliteratur

  • Naomi L. Quenk: Essentials of Myers-Briggs Type Indicator® Assessment (Essentials of Psychological Assessment). Wiley, November 1999, ISBN 0-471-33239-9
  • Renee Baron: What Type Am I? : The Myers-Brigg Type Indication Made Easy. Penguin, August 1998, ISBN 0-14-026941-X
  • Linda V. Berens, Dario Nardi: The 16 Personality Types, Descriptions for Self-Discovery. Telos Pubns, Juli 1999, ISBN 0-9664624-7-5
  • Otto Kroeger, Janet M. Thuesen: Type Talk: The 16 Personality Types That Determine How We Live, Love, and Work. Dell, Oktober 1989, ISBN 0-440-50704-9

Deutschsprachige Literatur

  • Lars Lorber: Menschenkenntnis - Der große Typentest: So entschlüsseln Sie die Stärken und Schwächen. Beck, 2013, ISBN 978-3-406-65537-1
  • Stefanie Stahl, Melanie Alt: So bin ich eben! Erkenne dich selbst und andere. Ellert & Richter, März 2005, ISBN 3-8319-0200-3
  • Richard Bents, Reiner Blank: Typisch Mensch - Einführung in die Typentheorie. Beltz Test GmbH, Göttingen, 1995, ISBN 3-8017-0770-9

Weblinks[Bearbeiten]

Offiziell

Weiterführend

Belege[Bearbeiten]

  1. Hunsley, J., Lee, C. M., Wood, J. M. (2003). Science and Pseudoscience in Clinical Psychology. Kapitel Controversial and questionable assessment techniques. Guilford Press. New York. S. 39–76. S. O. Lilienfeld, S. J. Lynn, and J. M. Lohr (Eds.).
  2. Pittenger, David J, Cautionary comments regarding the Myers-Briggs Type Indicator., Consulting Psychology Journal, 2005
  3. Pittenger, David J.: Cautionary comments regarding the Myers-Briggs Type Indicator, in: Consulting Psychology Journal, 2005
  4. McCrae, RR, Costa, PT Jr.: Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator from the perspective of the five-factor model of personality, 1989
  5. James H. Reynierse: The Case Against Type Dynamics, in: Journal of Psychological Type 1 (2009)
  6. Pittenger, David J., Measuring the MBTI... And Coming Up Short," Journal of Career Planning and Employment 54 (1) 1993, S. 8–52

Pittenger, David J., Measuring the MBTI... And Coming Up Short, (PDF; 98 kB)