Nachgotik

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Kirche St. Andreas in Erlabrunn von 1656

Als Nachgotik bezeichnet man das Auftreten gotischer Architekturmotive in den Epochen der Renaissance und des Barock, also quasi nach der eigentlichen mittelalterlichen Epoche der Gotik. Vergleiche den Begriff Barockgotik, der jedoch nicht inhaltsgleich ist.

Hauptmerkmale[Bearbeiten]

Die Nachgotik ist ein Phänomen der Renaissanceepoche und des Barock. Es handelt sich einerseits um eine Weiterführung der mittelalterlichen Bautradition (vor allem im Gewölbebau) im Rahmen einer handwerklich und zünftisch geprägten Baukunst, andererseits um den programmatischen Einsatz ausgewählter gotischer Elemente wie Rippengewölbe und Maßwerkfenster im Sakralbau in Abgrenzung zum Profanbau. Nur selten findet sich der Stil deshalb an hochrangigen Profanbauten wie Schlössern oder Rathäusern. Mit den gotischen Motiven werden antikisierende wandbezogene Motive wie Säulen und Gebälke systematisch kombiniert.

Verbreitung[Bearbeiten]

Der 1618 begonnene Innenraum der Jesuitenkirche St. Mariä Himmelfahrt in Köln
Mit dem Bau der Kathedrale von Orléans wurde 1601 begonnen

Die Verwendung von nachgotischen Formen war vor allem in den protestantischen Ländern für den Bau von Kirchen und Kapellen von großer Bedeutung, etwa in Gestalt der Hauptkirche Beatae Mariae Viriginis in Wolfenbüttel. Die Errichtung wichtiger und repräsentativer Profanbauten war eher selten, obwohl bis in das späte 17. Jh. hinein nachgotische Lösungen bei der Erweiterung der englischen Universitäten von Oxford und Cambridge eine zentrale Rolle spielten.

Auch in katholischen Gegenden gab es Formen der Nachgotik, beispielsweise in Franken die sogenannte Echtergotik (ein veralteter Begriff, auch Echterstil oder Juliusstil genannt), die mit dem den Würzburger Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn in Verbindung steht. Bekanntestes Beispiel ist die Wallfahrtskirche in Dettelbach. Nachgotische Prinzipien wurden gebietsweise auch gerne im jesuitischen Kirchenbau verwendet (veraltete: sog. "Jesuitengotik"): z.B. Sankt-Georg- und Dreifaltigkeitskirche in Molsheim und St. Mariä Himmelfahrt in Köln.

Ein Hauptbeispiel für die barocke Nachgotik des 18. Jh. in Österreich ist die Deutschordenskirche in Wien.

In Frankreich wurden verschiedene der großen Kathedralen auch in der Barockzeit in gotischen Formen weitergebaut bzw. sogar neu begonnen: so der 1601 begonnene Neubau der Kathedrale von Orléans oder Weiterbau der Kathedrale von Nantes ab 1627.

Nachgotik und Neugotik[Bearbeiten]

Als Nachgotik wird der Einsatz gotischer Formen im Rahmen einer grundsätzlich an der Antike orientierten Architektur (Renaissance, Barock) bezeichnet. Die gotischen Motive werden hier als Unterscheidungsmerkmal eingesetzt, z.B. um Kirchenbauten eine sakrale Anmutung zu geben. Demgegenüber ist die Neugotik die Neuformung oder Nachschöpfung von als Einheiten gedachter mittelalterlicher Baustile. In den Epochen der Romantik und des Historismus werden damit gleichermaßen Kirchen, Rathäuser, Wohngebäude oder Schlösser gestaltet.

Der Hauptunterschied auf der stilistischen Ebene ist gemäß Hermann Hipp, dass in der Nachgotik nur ausgewählte Motive zum Einsatz kamen. In Mitteleuropa beispielsweise wurde in der Nachgotik weitgehend auf den Einsatz von Fiale und Wimperg verzichtet. In der Neugotik wird vielfach wieder auf die originären gotischen Stilelemente zurückgegriffen.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann Hipp: Studien zur ‘Nachgotik‘ des 16. und 17. Jahrhunderts in Deutschland, Böhmen, Österreich und der Schweiz. 3 Bde. Hannover, 1979.
  • Hermann Hipp: Die Bückeburger "structura". Aspekte der Nachgotik im Zusammenhang mit der deutschen Renaissance. In: Renaissance in Nord-Mitteleuropa I. (= Schriften des Weserrenaissance-Museums Schloß Brake 4). München, Berlin 1990, S. 159–170.
  • Hermann Hipp: Die "Nachgotik" in Deutschland - kein Stil und ohne Stil. In: Hoppe, Stephan; Nußbaum, Norbert; Müller, Matthias (Hrsg.): Stil als Bedeutung in der nordalpinen Renaissance. Wiederentdeckung einer methodischen Nachbarschaft. Regensburg 2008, S. 14–46.
  • Barbara Schock-Werner: Die Bauten im Fürstbistum Würzburg unter Julius Echter von Mespelbrunn 1573 - 1617. Struktur, Organisation, Finanzierung und künstlerische Bewertung. Regensburg 2005.
  • M. Hesse: Von der Nachgotik zur Neugotik. Die Auseinandersetzung mit der Gotik in der französischen Sakralarchitektur des 17. u. 18. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1984.
  • L. J. Sutthoff: Gotik im Barock. Zur Frage der Kontinuität des Stils außerhalb seiner Epoche. Dissertation, Saarbrücken 1988.
  • E. Kirschbaum: Deutsche Nachgotik, ein Beitrag zur Geschichte der kirchlichen Architektur von 1550-1800. Augsburg 1930.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Nachgotik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. H. Hipp: Studien zur Nachgotik des 16. und 17. Jahrhunderts in Deutschland, Böhmen, Österreich und der Schweiz. Dissertation an der Universität Tübingen, 1979