Nacht von Sevilla

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Als Nacht von Sevilla (oder als Thriller von Sevilla) wird im Fußball das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien bezeichnet (ausgetragen am 8. Juli 1982 im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán in Sevilla), in dem die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen die Nationalmannschaft Frankreichs nach Verlängerung im Elfmeterschießen gewann. Es war das erste Spiel bei einer Weltmeisterschaft, das im Elfmeterschießen entschieden wurde. Oft wird dieses Spiel mit dem Jahrhundertspiel 1970 gegen Italien verglichen, das für die Bundesrepublik 3:4 nach Verlängerung verlorenging.

Hintergrund[Bearbeiten]

Die deutsche Mannschaft war jeweils als Gruppensieger aus den beiden ersten Finalrunden hervorgegangen, nach der überraschenden Niederlage gegen Algerien im ersten Spiel und einer peinlichen Vorstellung gegen Österreich. Im Halbfinale traf man auf Frankreich, das seine beiden Spiele der zweiten Finalrunde gewinnen konnte.

Spielverlauf[Bearbeiten]

Pierre Littbarski brachte die deutsche Mannschaft in der 17. Spielminute in Führung. Neun Minuten später verwandelte Michel Platini einen Elfmeter für Frankreich zum 1:1. In der 90. Minute schoss der Franzose Amoros den Ball an die deutsche Querlatte. Im Gegenzug hätte Fischer fast den Siegtreffer für die Deutschen erzielt.[1]

In der Verlängerung gingen die Franzosen durch Marius Trésor schon nach zwei Minuten in Führung. Alain Giresse erhöhte sechs Minuten später sogar auf 3:1. Einige Minuten später wurde ein Kopfballtor Fischers nicht anerkannt, da das Schiedsrichtergespann auf Abseits erkannte.

Doch mit Karl-Heinz Rummenigge, der immer noch an den Folgen einer Oberschenkelzerrung litt und erst in der siebten Minute der Verlängerung eingewechselt wurde, kam die Wende: Er traf zum 2:3 und Klaus Fischer in der zweiten Halbzeit der Verlängerung (108. Minute) spektakulär per Fallrückzieher zum 3:3. Dieser Treffer wurde später zum Tor des Jahres 1982 gewählt. Bei diesem Unentschieden blieb es auch nach 120 Minuten, sodass erstmals bei einer WM ein Elfmeterschießen über das Weiterkommen entscheiden musste.

Während des Elfmeterschießens lag Deutschland erst zurück, da Uli Stielike beim Stande von 2:3 mit seinem Elfmeter scheiterte. Harald Schumacher aber hielt die Schüsse von Didier Six und Maxime Bossis, und Horst Hrubesch schoss die deutsche Elf letztendlich ins Finale.

Schumachers Aktion gegen Battiston[Bearbeiten]

In der 57. Spielminute lief der gerade eingewechselte Patrick Battiston alleine auf das von Harald „Toni“ Schumacher gehütete Tor zu. Schumacher stürmte aus seinem Tor und sprang – als er sah, dass er den Ball nicht mehr erreichen konnte – Battiston an. Noch in der Luft drehte Schumacher ab und rammte dabei Battiston den Ellbogen unter das Kinn. Battiston blieb bewusstlos am Boden liegen und musste mit angebrochenem Halswirbel und einer Gehirnerschütterung[2] ausgewechselt werden. Der Ball verfehlte das Tor. Der Schiedsrichter wertete die Aktion nicht als Foul; da der Ball ohne Schumachers Berührung ins Toraus gerollt war, gab es Abstoß vom deutschen Tor.

Schumacher fing sich harte Kritik von französischer Seite ein, da er sich dehnte und warm hielt, während Battiston am Boden behandelt wurde. Des Weiteren hatte Schumacher auf den Hinweis eines Journalisten, dass Battiston Zähne verloren hatte, flapsig „Dann zahl' ich ihm seine Jacketkronen“ geantwortet. Schumacher erklärte im Nachhinein, er habe dies, emotional aufgeputscht durch den Spielverlauf eines Jahrhundertspiels, aus Erleichterung darüber gesagt, dass nicht mehr passiert war. Zu der Reaktionslosigkeit nach dem Foul äußerte sich Schumacher dahingehend, dass er aus Angst und Unsicherheit gegenüber der aufgeheizten Situation der Szene wegblieb. Später entschuldigte sich Schumacher bei seinem französischen Gegenspieler und wurde sogar zu dessen Hochzeit eingeladen.

Besonders Schumachers Äußerung zum Gesundheitszustand Battistons rief in Frankreich das Bild des bösen Deutschen hervor, so dass Schumacher u. a. als Boche (Schimpfwort für Deutsche) bezeichnet wurde. Man sprach von einem attentat sur Battiston. In der französischen Presse wurden darüber hinaus nach dem Spiel alte Ressentiments gegen den ehemaligen Kriegsgegner Deutschland wach. Es tauchten dort unter anderem die Worte „Panzer“, „Gestapo“, „Schumacher SS“ und „Nazis“ auf. Die französische Sportzeitschrift L’Équipe schrieb „Toni Schumacher, Beruf Unmensch“. Der französische Präsident François Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt sahen sich genötigt, eine gemeinsame Presseerklärung herauszugeben.

Daten zum Spiel[Bearbeiten]

Aufstellungen[Bearbeiten]

BR Deutschland
Harald Schumacher, Manfred Kaltz Kapitän der Mannschaft, Uli Stielike, Karlheinz Förster, Bernd Förster, Wolfgang Dremmler, Paul Breitner, Felix Magath (ab 73. Min. Horst Hrubesch), Hans-Peter Briegel (ab 97. Min. Karl-Heinz Rummenigge), Pierre Littbarski, Klaus Fischer; Trainer: Jupp Derwall
Frankreich
Jean-Luc Ettori, Manuel Amoros, Marius Trésor, Gerard Janvion, Maxime Bossis, Jean Tigana, Bernard Genghini (ab 50. Min. Patrick Battiston, ab 60. Min. Christian Lopez), Alain Giresse, Michel Platini Kapitän der Mannschaft, Dominique Rocheteau, Didier Six; Trainer: Michel Hidalgo

Tore[Bearbeiten]

Tor Schütze Minute
1 : 0 Pierre Littbarski 17.
1 : 1 Michel Platini 26. (Elfmeter)
1 : 2 Marius Trésor 92.
1 : 3 Alain Giresse 98.
2 : 3 Karl-Heinz Rummenigge 102.
3 : 3 Klaus Fischer 108.
Elfmeterschießen
0 : 1 Alain Giresse
1 : 1 Manfred Kaltz
1 : 2 Manuel Amoros
2 : 2 Paul Breitner
2 : 3 Dominique Rocheteau
Uli Stielike
Didier Six
3 : 3 Pierre Littbarski
3 : 4 Michel Platini
4 : 4 Karl-Heinz Rummenigge
Maxime Bossis
5 : 4 Horst Hrubesch

Zuschauer[Bearbeiten]

64.000 Zuschauer

Schiedsrichter[Bearbeiten]

Charles Corver (Niederlande)

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Deutschland-Frankreich: Wolfgang Niersbachs Bericht von 1982 – »Eine Kondition aus Stahl«. In: 11freunde.de. 29. Februar 2012, abgerufen am 21. November 2012.
  2. sueddeutsche.de: Der Fall Schumacher/Battiston