Nadelbinden

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Nadelgebundene Socken aus Ägypten (300-500 n. Chr.)
nadelgebundene Fausthandschuhe

Nadelbinden ist eine Technik zur Herstellung von textilen Flächengebilden mit Hilfe eines Fadens und einer Nadel. Beim Nadelbinden wird der Faden spiralförmig in Schlingenketten gelegt. Jede neue Schlinge wird durch einen systematisch geführten Verbindungsstich mit den anderen verbunden. Es entsteht je nach Garnfeinheit und Stichvarianten eine unterschiedlich dichte Maschenware.

Weitere Bezeichnungen für diese Technik sind: Nadelbindung, Nalbinding, Naalbinding, Nålbinding, Nailbinding, Nalbindung, Schlingentechnik oder auch Schlingennähtechnik.

Technik[Bearbeiten]

Die Grundlage der zahlreichen Stichvarianten ist der vom Nähen bekannte Knopflochstich oder auch Schlingenstich, was das Nadelbinden eher dem Sticken, Nähen oder dem Knüpfen von Fischernetzen vergleichbar macht. Im Gegensatz zum Stricken und Häkeln wird beim Nadelbinden jeweils der gesamte Fadenvorrat durch die Schlingen geführt. Nadelgebundene Gewirke erscheinen oberflächlich in Struktur und Aussehen gestrickten oder gehäkelten Textilien ähnlich. Der größte Vorteil gegenüber Strickware ist, dass nadelgebundene Gewirke beim Reißen eines Fadens keine Laufmaschen bilden und sich nicht auflösen.

Die Nadeln, mit der Nadelbindearbeiten gegenwärtig durchgeführt werden, sind in der Regel flach, aus Holz und haben eine Länge von 8 bis 12 cm. Daneben sind Nadeln aus Bein wie Geweih, Horn oder Knochen historisch belegt. Ebenfalls eignen sich vergleichbare Metall- oder Plastiknadeln. Als Garn eignet sich jedes gebräuchliche Handarbeitsgarn, besonders gut jedoch Wolle, wegen ihrer Filzeigenschaft.

Anleitung[Bearbeiten]

Textilkundler entwickelten verschiedene Möglichkeiten zur Erstellung von Musterbriefen und Arbeitsanleitungen. Eine leicht verständliche Möglichkeit zur Beschreibung des Fadenverlaufs im Gewebe veröffentlichte der dänische Textilkundler Egon Hansen im Jahre 1990:

Der Faden läuft zunächst nach links in die rückwärtigen Schlingen. Ein U (under) steht dabei dafür, dass der Faden mit der Nadel unter den nächstliegenden Faden geführt wird, ein O (over) dafür, dass der Faden über den nächstliegenden Faden geführt wird. An der Stelle, wo der Faden die Richtung von links nach rechts wechselt, wird das Zeichen " / " in die Formel eingesetzt. Eine komplette Formel kann dann z. B. so aussehen: UO/UOO. Hansen hängt die Bezeichnung für den Verbindungsstich mit der Vorreihe an die Formel an. Wird von vorn (frontal) in den Schlaufenbogen der Vorreihe gestochen erscheint ein F, wird von hinten (backwards) eingestochen ein B, die angefügte Zahl gibt die Anzahl der Schlaufenbögen an.
Beispiel: UO/UOO F1

Wird in den mittleren Bogen auf der Vorderseite eingestochen, benutzt man das Symbol M1. Diverse Anleitungen für Sticharten wie den Asle-Stich, den Mammen-Stich, den Oslo-Stich und andere findet man inzwischen in der auflebenden Living-History-Szene und den damit verbundenen Webseiten. Viele, vor allem junge Leute beschäftigen sich heute mit den Handwerkstechniken vergangener Zeiten im Rahmen ihrer historischen Darstellung und können Hilfestellungen und Anleitungen zum Erlernen geben. Viele Foren im Internet beschäftigen sich mit mittelalterlichen Handwerkstechniken.

Man kann Nadelbinden in zwei verschiedenen Arten ausführen - in der Freihandmethode, bei der die Schlingen einzeln ausgeführt werden, und in der Daumenfesselmethode. Im Gegensatz zur Freihandmethode werden hier Hin- und Rückstiche in einem einzigen Arbeitsgang gearbeitet. Dabei bedeutet beim folgenden Beispiel UOO (und bei allen ähnlich aufgebauten Stichen) dass bei einem U eine Masche auf dem Daumen bleibt (bei UU 2 Maschen usw.), während OO beutet, dass 2 Maschen hinter dem Daumen aufgenommen werden (bei OOO 3 Maschen etc). Beim "Russischen Stich" UUOOUU lässt man 2 Maschen auf dem Daumen, nimmt 2 hinter dem Daumen auf, und noch zwei in die man von hinten einsticht. Man kann als Anfänger das Nadelbinden mit dieser Methode schnell lernen, ohne aber genau zu wissen, welchen Stich man da eigentlich macht. Dabei dient der Daumen als immer gleichbleibendes Maschenmaß, da die einzelnen Maschen um den Daumen geschlungen werden. Grundstich bzw. der „Einsteigerstich“ beim Nadelbinden ist der Oslostich, der oft in der Daumenfessel-Methode verwendet wird. Aus dem Oslostich lassen sich viele weitere, mehr oder weniger komplizierte Sticharten ableiten.

Geschichte[Bearbeiten]

Nadelgebundene Textilien waren in nahezu allen Kulturen der Welt verbreitet. Der älteste Fund einer Nadelbindearbeit stammt aus der Jungsteinzeit. In Deutschland wurden nadelgebundene Textilien bis etwa 1550 noch in nennenswertem Umfang hergestellt, also noch etwa 300 Jahre nach der Verbreitung des Strickens. Allerdings verschwand das Nadelbinden danach fast völlig. Es gibt historische Funde von nadelgebundenen Handschuhen, Socken, Mützen, Milchsieben aus Tierhaar, daneben existieren ebenfalls einige Funde von jacken- und hemdähnlichen Textilien in Nadelbindetechnik.

Ein Dokumentarfilm des Institut für den Wissenschaftlichen Film in Göttingen zeigt den 90-jährigen Altbauern A. Meyer aus Schleswig-Holstein, der das Nadelbinden noch in der Neuzeit beherrschte. Er hatte diese Technik von seinem 1820 geborenen Großvater gelernt. In einer wissenschaftlich von Arnold Lühning kommentierten Filmaufzeichnung wird gezeigt, wie der alte Mann aus Wollgarn einen Handschuh in Nadelbindung anfertigt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]


Literatur[Bearbeiten]

  • Egon Hansen: Nalebinding. In: P. Walton, J. P. Wild: Textiles in Northern Archaeology: NESAT III Textile Symposium in York 6-9 May 1987. Archetype Publications, London 1990.

Weblinks[Bearbeiten]