Napoleon Seyfarth

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Napoleon Seyfarth

Napoleon (Hans-Joachim) Seyfarth-Hermann (* 31. August 1953 in Ludwigshafen-Oggersheim; † 2. Dezember 2000 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Autor und Anti-AIDS-Aktivist.

Leben[Bearbeiten]

Napoleon Seyfarth wurde im pfälzischen Oggersheim als Sohn eines Barbesitzers und einer Hausfrau geboren. Er wuchs bei seinen Großeltern väterlicherseit in Bad Dürkheim auf. Seyfarth machte in Ludwigshafen Abitur, wurde Postbeamter und studierte Psychologie.

1975, nach dem Besuch einer Kinovorführung von Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ gründete er Mannheims erste Schwulengruppe, die SchAM (Schwule Aktion Mannheim).

Autograph (1992)

1980 siedelte Seyfarth nach (West-)Berlin um. Seinen Lebensunterhalt verdiente er während der Semesterferien seines Studiums der Psychologie als Angestellter der Telefonauskunft im Berliner Fernmeldeamt. Als Autor war er unter anderem als Kolumnist für die Siegessäule tätig.

Er wurde Teil der schwulen Berliner Subkultur. Die Anfänge der Schwulenbewegung und deren Emanzipation in den 1980er Jahren waren seine Themen. Gruppierungen wie die AHA (Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft Berlin), eine Abspaltung der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) stehen für diese Phase. 1988 diagnostizierte man seine Infizierung mit HIV. Er lebte zehn Jahre mit dem Virus, bis seine AIDS-Erkrankung ausbrach.

Mit seinem 1991 erschienenen autobiografischen Roman "Schweine müssen nackt sein. Ein Leben mit dem Tod" erregte Seyfarth deutschlandweit großes Aufsehen.[1] Das Buch war eines der ersten größeren Werke deutscher Belletristik zum Thema AIDS.

Er schildert darin die Odyssee eines Schwulen als Spross einer zerrüttenen Ehe, aufgewachsen in den 1950er/1960er Jahren im bürgerlichen Ambiente der großelterlichen Obhut und auf der Suche nach einem gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft. Seyfarth schildert seine Erfahrungen mit den Zielen und Werten der bürgerlichen Welt und den antibürgerlichen, revolutionären Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre. Er schildert aber auch seine Suche nach einem selbstbestimmten, aufrechten Leben ohne Versteckspiel und ohne die Verfolgung durch den § 175. Ihn quält immer wieder sein Zwang, sich in Rollen zu begeben, die ihm den Beifall des Publikums einbringen mögen. "Und wünschte insgeheim doch, dass dieser Beifall der eigenen Person und nicht der Rolle gelte", so Seyfarth in seinem autobiografischen Roman. Am Ende des Buches steht der Tod durch AIDS, den er zunächst bei anderen Protagonisten miterlebt, bis er schließlich selbst zum Betroffenen wird.

Napoleon Seyfarth überraschte mit einer bis dahin nicht gekannten Offenheit und Direktheit: Zuhörer in Lesungen, Journalisten bei Interviews, Gesundheitspolitiker in TV-Talkshows – alle waren beeindruckt von diesem Selbstbewusstsein und der Hingabe, mit welcher er die Themen AIDS, Krankheit und Tod benannte und für eine offene Auseinandersetzung damit warb. Überaus gerne provozierte er aber auch seine Zuhörer, indem er beispielsweise seine Körperbehinderung – die auch zu einem unterentwickelt dünnen Arm führte – thematisierte und dessen Eignung für extreme Sexualpraktiken (z. B. S/M) pries.

Grabstätte Napoleon Seyfarth

Er bezeichnete sich selbst als „Schriftsteller, Videonaut, Psychologe, Lebemann“. Seyfarth ließ sich zunehmend zu einer Medienfigur stilisieren. Er umgab sich gerne mit düsteren und makaberen Accessoires; so war in seiner Wohnung in der Berliner Motzstraße sein Sarg aufgestellt, in dem er beerdigt werden sollte. Dieses Weihnachtsgeschenk einer befreundeten Bestatterin wurde 1994 nach seinen Wünschen bunt lackiert und mit Zeichnungen von Engeln mit Schweinegesichtern bemalt. Bei Partys benutzte er ihn auch als Sektkühler.[2] Seine Beisetzung, die er lange im Voraus plante, wurde zu einer letzten Inszenierung seiner Persönlichkeit und seines ungewöhnlichen Lebensstils.[3]

Im März 1989 heiratete er eine Lesbe, "damit die meine Witwenrente bekommt", wie er sagte.[4] Fortan führte er den offiziellen Namen Hans-Joachim Seyfarth-Hermann. Seine Visitenkarte lautete auf diesen Namen; sie war ergänzt mit der Aufschrift "Besuchen Sie Napoleon, solang´ es ihn noch gibt".

Napoleon Seyfarth starb am 2. Dezember 2000, nachdem er sich bis zuletzt geweigert hatte, eine gezielte Medikamententherapie zu absolvieren. Er wurde auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg beigesetzt.

Seyfarth war Mitglied des weltweit agierenden Ordens der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz[5]

Werke[Bearbeiten]

von Napoleon Seyfarth[Bearbeiten]

über Napoleon Seyfarth[Bearbeiten]

  • 2009: „Das Ende des Schweins ist der Anfang der Wurst“; Kurz-Dokumentation, Regie: John Heys[6] [7]

Kritiken[Bearbeiten]

Zu „Schweine müssen nackt sein. Ein Leben mit dem Tod“:

„Seine stete und treffende Ironie macht den Leser zum lachenden Voyeur beim Rendezvous mit dem Tod … Seyfarths Ironie ist grenzenlos, und kaum ein Satz offeriert nicht wenigstens ein geniales Wortspiel, eine schockierende Anspielung oder einen geschmacklosen Vergleich. (Marc Fest, taz)“

„Eine Art sexueller Bildungsroman…eine Art Sittengeschichte der BRD: genau, freizügig. Hart und verblüffend komisch (Matthias Frings, Sender Freies Berlin)“

„Eines der besten und wichtigsten schwulen Bücher der deutschsprachigen Literatur. (Thomas Held, Gay Express)“

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Leseprobe des Verlags Edition Diá, editiondia.de
  2. Sag lächelnd Good Bye; Der Spiegel, 6. Februar 1995
  3. Der Lebens- als Sterbenskünstler; Berliner Zeitung, 26. Oktober 2000
  4. Der große Oggersheimer: Napoleon Seyfarth im Profil; Pink Power – Berlins schwules Stadtmagazin – 1.Jg. Nr.7 – September 1991 – Seite 17.
  5. 1. Büßer Napoleon Seyfarth auf indulgenz.de
  6. Eintrag bei filmportal.de
  7. Inhaltsangabe auf der Homepage des Regisseurs, johnheys.de

Weblinks[Bearbeiten]