Narzisstische Persönlichkeitsstörung

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Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine Persönlichkeitsstörung im Cluster B, die sich darin zeigt, dass eine Person unmäßig stark damit beschäftigt ist, auf andere einen vorteilhaften Eindruck zu machen, aber nicht den Schaden wahrzunehmen vermag, den sie mit ihrem destruktiven, uneinfühlsamen Verhalten bei anderen und bei sich selbst anrichtet.

Personen, bei denen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wird, zeichnen sich durch pathologischen Narzissmus, d. h. vor allem durch ein übermäßiges Wichtignehmen ihrer selbst aus. Sie fühlen sich zu hohen Ansprüchen berechtigt und weisen in ihren Überzeugungen und ihrem Verhalten eine hohe Selbstwertschätzung auf. Sie beanspruchen Bewunderung, zeigen im Umgang mit anderen aber wenig Einfühlungsvermögen.

Im Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, DSM-5 wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung als selbstständiges Störungsbild geführt. Im System der Weltgesundheitsorganisation, ICD-10, wird sie unter F60.8 („Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen“) geführt.[1]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Normaler vs. pathologischer Narzissmus[Bearbeiten]

Zu den ersten Autoren, die explizit zwischen einem „normalen“ und einem pathologischen Narzissmus unterschieden, zählt im frühen 20. Jahrhundert der Psychoanalytiker Isidor Sadger.[2] Dass Narzissmus zur ganz normalen menschlichen Entwicklung gehört, wurde wenig später von Otto Rank herausgearbeitet.[3] Sigmund Freud räumte 1914 zwar ein, dass Narzissmus auf eine Pathologie hinweisen könne, konzipierte ihn – wie Rank – aber eher als einen Prozess der normalen Entwicklung, denn als ein Krankheitsbild.[4] Sein Schüler Karl Abraham dagegen sah beim Narzissmus eine Pathologie, sobald Neid ins Spiel komme, als durchaus gegeben an.[5]

In Großbritannien hatte der Psychoanalytiker Ernest Jones bereits 1913 von einem „Gotteskomplex“ geschrieben, einer Pathologie, die sich durch Abgehobenheit, Selbstbewunderung, Exhibitionismus und Omnipotenz- und Allwissenheitsfantasien auszeichne. Wie vor ihm bereits Otto Rank, nahm auch Jones an, dass dieses Verhalten als Versuch eines sich bedroht fühlenden Individuums zu erklären sei, sich selbst zu schützen.[6] Noch weiter ging später Annie Reich, die Narzissmus für eine pathologische Form der Regulierung des Selbstwertgefühls hielt, bei der Selbstüberhöhung und Aggression benutzt werden, um das Konzept zu schützen, das man sich vom Selbst gemacht hat.[7]

Narzisstischer Charakter[Bearbeiten]

Das Konzept einer narzisstischen Persönlichkeit bzw. eines narzisstischen Charakters hat 1925 erstmals der Psychoanalytiker Robert Waelder beschrieben.[8] Freud folgte ihm 1931 und beschrieb nun ebenfalls einen „narzisstischen Charaktertypus“ mit einem dynamischen Zusammenhang zwischen Narzissmus und Aggressivität in Reaktion auf Kritik, Kränkung oder fehlende Beachtung.[9] Wilhelm Reich nahm diese Anregung auf und beschrieb 1933 seinerseits einen „phallisch-narzisstischen Charakter“, den er vor allem bei Männern und mit einer ganzen Bandbreite von Auffälligkeiten beobachtet hatte; eingehend stellte er darüber hinaus die von Freud nur allgemein erwähnte Dynamik von Narzissmus und Aggressivität dar.[10]

Karen Horney unterschied 1939 drei Subtypen von narzisstischen Charakteren (aggressiv-expansiv, perfektionistisch, arrogant-rachsüchtig) und nahm eine genaue Unterscheidung zwischen gesundem Selbstbewusstsein und pathologischem Narzissmus vor, wobei Narzissten sich insbesondere da selbst lieben, bewundern und wertschätzen, wo gar nichts liebenswert sei. Anders als Freud hielt Horney Narzissten für unfähig zur Liebe, einschließlich der Liebe zum tatsächlichen Selbst; konsequenter als Freud ging sie davon aus, dass die narzisstische Grandiosität eher auf Defensive als auf authentischer Selbstliebe basiere.[11] Donald Winnicott folgte ihr 1965 und charakterisierte Narzissten als Personen, die sich schützend mit einem grandiosen falschen Selbst identifizieren.[12] Als Ursache für diese Reaktion hatte Annie Reich bereits 1960 die Unfähigkeit des Narzissten bestimmt, sein Selbstwertgefühl autonom zu regulieren, und zwar aufgrund wiederholter traumatischer Erfahrungen, die in ihm ein hartnäckiges Grundgefühl von Schwäche und Machtlosigkeit erzeugt habe. Reichs Beitrag zum narzisstischen Charakter ist auch darum wichtig, weil sie als erste die ständigen Schwankungen beschrieben hat, denen das narzisstische Selbstbewusstsein unterworfen ist; Narzissten können Ambivalenz, Mittelmäßigkeit und Misserfolg schwer aushalten und sehen sich darum entweder als perfekt oder als komplett gescheitert an.[7]

Psychische Störung[Bearbeiten]

Der erste Autor, der Narzissmus nicht nur als Charaktertyp, sondern explizit als psychische Störung beschrieben hat, war der Psychiater John C. Nemiah; Nemiah sprach 1961 von einer „narzisstischen Charakterstörung“.[13] 1967 schlug Otto F. Kernberg den Terminus „narzisstische Persönlichkeitsstruktur“ vor und lieferte drei Jahre darauf – als Handhabe zur Diagnose – eine umfassende Beschreibung der Symptome.[14] 1968 führte Heinz Kohut schließlich den Terminus „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ ein.[15]

Kernbergs und Kohuts Konzeptionen der Störung unterschieden sich jedoch stark, besonders in der Ätiologie. Kernberg verstand den pathologischen Narzissmus als Folge einer problematischen Erziehung durch unempathische, emotional eigennützige Eltern, die dem Kind mit Ablehnung und Kälte begegnen, ihm aber Aufmerksamkeit gewähren oder sich ihm sogar aufdrängen, sobald dies ihren eigenen Bedürfnissen entspricht. Das grandiose Selbstkonzept, das das Kind unter diesem Umständen entwickelt, fungiert für Kernberg als Rückzugsort, an dem es die Bewunderung, die ihm chronisch vorenthalten wird, immerhin fantasieren kann. Das negative Selbstbild, das das von den Eltern abgelehnte Kind ebenfalls hat, wird abgespalten und hinterlässt ein Gefühl von Scham und von Leere sowie ständigen Hunger nach Bewunderung und Aufregung.[16]

Kohut dagegen begriff die narzisstische Persönlichkeitsstörung als fehlgeschlagene Wendung innerhalb einer ganz normalen Entwicklung. Während der kindliche Narzissmus bei psychiatrisch unauffälligen Menschen den Motor dafür bildet, dass über die Identifikation mit den idealisierten Eltern am Ende realistischer Ehrgeiz und realistische Ziele entwickelt werden, bleibt dieser Prozess hier unvollendet, und zwar deshalb, weil das Kind Eltern, die sich ihm gegenüber ablehnend oder gleichgültig verhalten, nicht ausreichend idealisiert. Personen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung fehlen bestimmte – normalerweise über die Identifizierung mit den idealisierten Eltern erworbene – Fähigkeiten zur Selbstregulierung, sodass sie darauf angewiesen bleiben, für die alltägliche Aufrechterhaltung ihres Selbstbewusstseins andere Personen in Dienst zu nehmen, die ihnen ergeben sind und ihnen volle empathische Aufmerksamkeit entgegenbringen.[17]

Kernberg und Kohut legten ihre Veröffentlichung in einer Zeit vor, in der das Interesse am pathologischen Narzissmus stark angestiegen war, und fanden international große Beachtung.[18] Obwohl sie hinsichtlich der Ätiologie und Behandlung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung gegensätzliche Auffassungen vertraten, beschrieben sie die Symptome der Störung in großer Einmütigkeit und schufen damit die Grundlage für eine Konzeption der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die über die Psychoanalyse hinaus weite Verbreitung fand und 1980 schließlich auch ins Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (DSM-III) übernommen wurde.[19]

Differenzierung in Subtypen[Bearbeiten]

Die Charakterisierung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung in DSM-III und DSM-IV erregte bald die Kritik von Forschern, die darauf hinwiesen, dass diese Kategoriensysteme lediglich die auffälligste Form dieser Störung berücksichtigte – einen grandiosen, unbeirrten, eigenwilligen, exhibitionistischen, dickhäutigen und phallischen Narzissmus –, während eine zweite Form von pathologischem Narzissmus – gekennzeichnet durch Verletzlichkeit, Überempfindlichkeit, Verschlossenheit und Dünnhäutigkeit – mit dem gegebenen Instrumentarium nicht diagnostiziert werden könne und durchs Raster falle.[20] Gemeinsam sind beiden Typen, deren Vorkommen auch empirisch nachgewiesen wurde,[21] eine außerordentlich hohe Selbstzentriertheit und unrealistisch grandiose Ansprüche an die eigene Person.[22]

In der jüngsten Fassung ihres Klassifikationssystems (DSM-5, 2013) hat die American Psychiatric Association ihre Definition der narzisstischen Persönlichkeitsstörung so reformuliert, dass damit nun auch verdeckte narzisstische Persönlichkeitsstörungen diagnostiziert werden können.[23]

Symptome[Bearbeiten]

ICD-10[Bearbeiten]

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung wird im ICD 10 nur unter der Rubrik Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen (F 60.8) aufgeführt, jedoch nicht weiter charakterisiert, obwohl sie als Persönlichkeitsdiagnose häufig gebraucht wird. Sie wird im Weiteren in Anhang 1: Vorläufige Kriterien für ausgewählte Störungen der Diagnostischen Kriterien für die Forschung (Grünbuch) der ICD-10 erläutert.[24]

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

A. Die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung (F60) müssen erfüllt sein.

B. Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen vorhanden sein:

(Anmerkung des Übersetzers: Die folgende Auflistung entspricht im englischen Original (bis auf allergeringste Abweichungen) wörtlich dem entsprechenden Text der DSM-IV.)

  1. hat ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit (übertreibt etwa Leistungen und Talente, erwartet ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden)
  2. ist stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe
  3. glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder hochgestellten Menschen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen verkehren zu müssen
  4. benötigt exzessive Bewunderung
  5. legt ein Anspruchsdenken an den Tag, d. h. hat übertriebene Erwartungen auf eine besonders günstige Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen
  6. ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, d. h. zieht Nutzen aus anderen, um eigene Ziele zu erreichen
  7. zeigt einen Mangel an Empathie: ist nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen / anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren
  8. ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn
  9. zeigt arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten

DSM-5[Bearbeiten]

Im aktuellen Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (DSM-5, 2013) umfasst die Störung folgende Symptome:[25]

A. Signifikante Beeinträchtigung in der Funktionalität der Persönlichkeit, die zum Ausdruck kommt durch:

1. Beeinträchtigung der Selbstfunktionen (a oder b):
a. Identität: Exzessive Bezugnahme auf andere für die Selbst-Definition und für die Regulierung des Selbstwertgefühls; übertriebene Selbsteinschätzung, kann überhöht oder abgesenkt sein oder zwischen Extremen schwanken; emotionale Regulierung spiegelt Schwankungen im Selbstwertgefühl wider.
b. Selbstlenkung: Ziele werden abhängig von der Zustimmung anderer gesetzt; persönliche Standards sind unvernünftig hoch, damit man sich selbst als außergewöhnlich ansehen kann, oder zu niedrig, jeweils abhängig von den Ansprüchen, zu denen man sich berechtigt fühlt.
UND
2. Beeinträchtigung der interpersonalen Funktionen (a oder b):
a. Empathie: Beeinträchtigte Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse anderer wahrzunehmen oder zu erkennen; übermäßig auf die Reaktionen anderer abgestimmt, jedoch nur, wenn diese Reaktionen als relevant für einen selbst wahrgenommen werden; Über- oder Unterschätzung der eigenen Wirkung auf andere.
b. Intimität: Beziehungen weitgehend oberflächlich und werden unterhalten, soweit sie der Regulation des Selbstwertgefühls dienen; beschränkte Gegenseitigkeit, weil kein echtes Interesse an den Erfahrungen anderer besteht, und Überwiegen des Bedürfnisses nach persönlichem Gewinn.

B. Pathologische Persönlichkeitszüge in den folgenden Bereichen:

1. Zwiespältigkeit, charakterisiert durch:
a. Überzogenes Selbstwertgefühl: Berechtigungsdenken, entweder offen oder verdeckt; Selbst-Zentriertheit; fest davon überzeugt, dass man selbst besser ist als andere; herablassend gegenüber anderen.
b. Aufmerksamkeit heischend: Übermäßiges Bemühen, die Aufmerksamkeit anderer zu erringen und zu erhalten; Heischen von Bewunderung.

C. Die Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktionalität und des Ausdrucks der Persönlichkeit sind über die Zeit und über unterschiedliche Situationen hinweg relativ stabil.

D. Die Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktionalität ergeben keine größere Plausibilität, wenn man sie als Teil einer Entwicklungsphase der Person oder aus ihrer sozio-kulturellen Umgebung heraus zu erklären versucht.

E. Die Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktionalität und des Ausdrucks der Persönlichkeit gehen nicht allein auf die physiologischen Effekte einer Droge (z.B. einer Rauschdroge, eines Medikaments) oder einer allgemeinen medizischen Gegebenheit (z.B. eines schweren Schädeltraumas) zurück.

Formen und Dimensionen narzisstischer Persönlichkeitsstörungen[Bearbeiten]

Nachdem die narzisstische Persönlichkeitsstörung 1980 ins Klassifikationssystem DSM-III Aufnahme fand, gelangten viele Psychiater zu der Auffassung, dass die dort genannten Diagnosekriterien zu eng gefasst seien und dass es Varianten gebe, die der Störung ebenfalls zugerechnet werden müssen.

Einige Autoren versuchten zunächst, Typologien herauszuarbeiten, darunter Theodor Millon, der gleich sechs Formen der Störung unterschied:[26]

  • „Normaler narzisstischer Mensch“: Er erscheint kompetitiv, selbstsicher und erfolgreich.
  • „Charakterloser Narzisst“: Er ist betrügerisch, ausnutzend und skrupellos, hat häufig damit Erfolg, wird aber auch unter Umständen straffällig.
  • „Amouröser Narzisst“: Er präsentiert sich verführerisch und exhibitionistisch und kann sich nicht auf tiefe Beziehungen einlassen.
  • „Kompensatorischer Narzisst“: Er führt ein grandioses Selbst vor, dem jedoch massive Selbstzweifel, Minderwertigkeits- und Schamgefühle zugrunde liegen.
  • „Elitärer Narzisst“: Er legt ein überhöhtes Selbstwertgefühl an den Tag, ist angeberisch und selbstbezogen, begierig auf sozialen Erfolg und süchtig nach Bewunderung.
  • „Fanatischer Narzisst“: Er kompensiert sein niedriges Selbstwertgefühl und die reale Bedeutungslosigkeit durch Omnipotenzwahn. Sein Verhalten hat paranoide Züge.

In jüngerer Zeit ist an die Stelle der Typologien die Einsicht getreten, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung ein vieldimensionales Phänomen ist, dessen Dimensionen für die Forschung inzwischen auch operationalisiert, d.h. in Messkalen verwandelt worden sind.[27] Beschrieben wurden bisher folgende Dimensionen der Störung:

  • offener und verdeckter Narzissmus[28]
  • Grandiosität und Anspruchsdenken[29]
  • angepasster und unzureichend angepasster Narzissmus[30]
  • grandioser und verletzlicher Narzissmus[31]

Verbreitung[Bearbeiten]

Die Prävalenz der narzisstischen Persönlichkeitsstörung wurde in unterschiedlichen Studien mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen bestimmt. Während viele Stichproben gar keine Person enthielten, die dem Symptombild entsprach,[32] wurde in anderen eine Prävalenz von 0,4 % bzw. 5,7 % festgestellt,[33] wobei bis heute allerdings noch keine Studien vorliegen, die von der aktuellen DSM-5-Definition ausgehen.

Ursachen[Bearbeiten]

Vermutungen[Bearbeiten]

Über die Ursachen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung wird bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert nachgedacht. Die grundlegende Annahme, die viele dieser Erklärungsansätze gemeinsam haben, besteht darin, dass die Ursachen in der Elternhauserziehung zu suchen sind und dass das Kind von den Eltern daran gehindert wird, aus der Phase des ursprünglichen kindlichen Narzissmus herauszuwachsen, sodass es in diesem Zustand dauerhaft verharrt und ihn zur Verteidigung des Selbst benutzt, in Ermangelung alternativer Mittel, die Kindern normalerweise nach und nach zuwachsen.[34]

Was die Eltern im Einzelnen jedoch tun, und mit welcher Wirkung, wird von verschiedenen Autoren und Schulen ganz unterschiedlich gefasst. Heinz Kohut vermutete, dass Eltern von Narzissten es versäumen, dem Kind ein gesundes Maß an Frustration („optimal frustrations“) zuzumuten, die ihm hilft, aus der kindlichen Grandiosität nach und nach zu einem realistischen Selbstbild zu finden.[35] Otto Kernberg dagegen stufte die Eltern als kalt, streng oder sogar feindselig ein und erklärte den übermäßigen Narzissmus des Kindes als Verteidigungsreaktion. Die lieblosen Eltern werden nicht idealisiert, sodass das Kind sich nicht mit ihnen identifiziert; damit versäumt es die Gelegenheit zu reifen und zu erstarken und über die ursprüngliche naive Grandiosität hinauszuwachsen; das narzisstische Kind bleibt auf sich allein gestellt. Andererseits sind narzisstische Kinder häufig solche, an die die Eltern besonders hohe Hoffnungen und Erwartungen richten.[36] Arnold Rothstein vermutete 1979, dass Eltern narzisstischer Kinder ihr Kind übermäßig dazu benutzten, ihre eigenen ehrgeizigen Bestrebungen zu befriedigen.[37] Einen ganz anderen Erklärungsansatz hat 1981 Theodore Millon vorgeschlagen, der vermutete, dass Narzissten von ihren Eltern daran gewöhnt worden seien, von anderen Menschen Ergebenheit erwarten zu dürfen.[38] Hinsichtlich der Frage, ob elterliche Wärme und Überwachung die Entstehung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen begünstigen oder im Gegenteil verhindern, sind diese Autoren sich weitgehend uneinig.[39]

Es wird vermutet, dass neben den erzieherischen auch genetische und psychobiologische Faktoren eine Rolle spielen.[40]

Forschung[Bearbeiten]

Die empirische Erforschung befasst sich mit den Ursachen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung erst seit dem frühen 21. Jahrhundert und hat dabei neben den Social Media[41] vor allem die Elternhauserziehung im Blick.[42]

Behandlung[Bearbeiten]

Als hilfreich wird Gesprächstherapie eingeschätzt, weil Betroffene dort lernen können, ihre eigenen Gefühle und Handlungsmotive und ihre Interaktion mit anderen Menschen besser wahrzunehmen und zu verstehen.[43]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Eva Dieckmann: Die narzisstische Persönlichkeitsstörung mit Schematherapie behandeln, Klett-Cotta, 2011, ISBN 978-3608891164
  • Otto F. Kernberg: Narzißtische Persönlichkeitsstörungen, Schattauer, 1996, ISBN 978-3794516926
  • Claas-Hinrich Lammers: Psychotherapie narzisstisch gestörter Patienten: Ein verhaltenstherapeutisch orientierter Ansatz, Schattauer, 2014, ISBN 978-3794526000
  • Rainer Sachse: Histrionische und Narzisstische Persönlichkeitsstörungen, Hogrefe, 2002, ISBN 978-3801714468
  • Rainer Sachse, Meike Sachse, Jana Fasbender: Klärungsorientierte Psychotherapie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, Hogrefe, 2011, 978-3801723866

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. ICD-Code: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. Abgerufen am 14. Mai 2015.
  2. Isidor Sadger: Psychiatrisch-Neurologisches in psychoanalytischer Beleuchtung, Zentralblatt für das Gesamtgebiet der Medizin und ihrer Hilfswissenschaften, Band 4, 1908, Heft 7, S. 45–47, Heft 8, S. 53–57; ders.: Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Absenzen, Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung, Band 2, 1910, S. 59–133
  3. Otto Rank: Ein Beitrag zum Narcissismus, Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, Band 3, 1911; ders.: Der Doppelgänger, Imago, Band 3, Heft 2, 1914, S. 97–164
  4. Sigmund Freud: Zur Einführung des Narzissmus, Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung, Band 6, 1914, Franz Deuticke, Leipzig, Wien, G.W., Band 10, S. 137–170; Kenneth N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso: A historical review of narcissism and narcissistic personality, S. 4f
  5. Karl Abraham: Zur narzißtischen Bewertung der Exkretionsvorgänge in Traum und Neurose, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band 6, 1920, S. 64–67
  6. Ernest Jones: The God Complex, Essays in Applied Psycho-Analysis, Band 2, 1913, S. 244–265, Nachdruck: New York: International University Press, 1964; Kenneth N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso: A historical review of narcissism and narcissistic personality, S. 5
  7. a b Annie Reich: Pathologic forms of self-esteem regulation, Psychoanalytic Study of the Child, Band 18, 1960, S. 218–238
  8. Robert Waelder: The psychoses: Their mechanisms and accessiblity to influence, International Journal of Psycho-Analysis, Band 6, 1925, S. 259–281
  9. Sigmund Freud: Über die weibliche Sexualität, Gesammelte Werke XIV, Frankfurt/Main: Fischer 1999, S. 515–537; Claas-Hinrich Lammers: Psychotherapie narzisstisch gestörter Patienten: Ein verhaltenstherapeutisch orientierter Ansatz, Stuttgart: Schattauer, 2015, ISBN 978-3-7945-2600-0,S. 3
  10. Wilhelm Reich: Charakteranalyse, Wien: Selbstverlag 1933; Kenneth N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso: A historical review of narcissism and narcissistic personality, S. 5
  11. Karen Horney: New Ways in Psychoanalysis, New York: Norton, 1939; Kenneth N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso: A historical review of narcissism and narcissistic personality, S. 5f
  12. Donald Winnicott: Ego distortion in terms of true and false self. The Maturational Process and the Facilitating Environment, Studies in the Theory of Emotional Development, New York: International Universities Press, 1965, S. 140–157
  13. John C. Nemiah: Foundations of Psychopathology, New York: Oxford University Press, 1961
  14. Otto Kernberg: Borderline Personality Organization, Journal of the American Psychoanalytic Association, Band 15, 1967, S. 641–685; ders.: Factors, psychoanalytic treatment of narcissistic personalities, Journal of the American Psychoanalytic Association, Band 18, 1970, S. 51–85
  15. Heinz Kohut: The psychoanalytic treatment of narcissistic personality disorders: outline of a systematic approach, Psychoanalytic Study of the Child, Band 23, 1968, S. 86–113
  16. Otto Kernberg: Borderline Personality Organization, Journal of the American Psychoanalytic Association, Band 15, 1967, S. 641–685; ders.: Factors, psychoanalytic treatment of narcissistic personalities, Journal of the American Psychoanalytic Association, Band 18, 1970, S. 51–85; ders.: Borderline Conditions and Pathological Narcissism, New York: Jason Aronson, 1975; ders.: Aggression in Personality Disorders and Perversions, New Haven, CT: Yale University Press, 1992
  17. Heinz Kohut: The Analysis of the Self: A Systematic Approach to the Psychoanalytic Treatment of Narcissistic Personality Disorders, New York: International Universities Press, 1971, ISBN 0-8236-8002-9; ders.: The Restoration of the Self, New York: International Universities Press, 1977, ISBN 0-8236-5810-4
  18. Kenneth N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso: A historical review of narcissism and narcissistic personality, S. 6
  19. Robert N. Raskin, Calvin S. Hall: A narcissistic personality inventory, Psychological reports, Band 45, heft 2, Oktober 1979, S. 590; A.J. Frances: The DSM-III personality disorder section: a commentary, American Journal of Psychiatry, Band 147, 1980, S. 1439–1448; Robert A. Emmons: Relationship between narcissism and sensation seeking, Psychological Reports, Band 48, 1981, S. 247–250; Robert A. Emmons: Factor analysis and construct validity of the Narcissistic Personality Inventory, Journal of Personality Assessment, Band 48, 1984, S. 291–300, Robert A. Emmons: Narcissism: theory and measurement Journal of Personality and Social Psychology, Band 52, Heft 1, Januar 1987, S. 11–17; Robert N. Raskin, Howard Terry: A Principal-Components Analysis of the Narcissistic Personality Inventory and Further Evidence of Its Construct Validity, Journal of Personality and Social Psychology, Band 54, Heft 5, 1988, S. 890–902; Robert A. Emmons: Exploring the relations between motivs and traits: The case of narcissism, in: D. M. Buss, N. Cantor (Hrsg.): Personality psychology: Recent trends and emerging directions, New York: Springer, 1989, S. 32–44; Robert N. Raskin, J. Novacek, R. Hogan: Narcissism, self-estee, and defensive self-enhancement, Journal of Personality, Band 59, Heft 1, März 1991, S. 19–38; Paul Wink: Two Faces of Narcissism, Journal of Personality and Social Psychology, Band 61, Heft 4, Oktober 1991, S. 590–597; Paul Wink: Three narcissism scales for the California Q-set, Journal of Personality Assessment, Band 58, 1992, S. 51–66; Paul Wink: Three types in narcissism in women from college to mid-life, Journal of Personality, Band 60, 1992, S. 7–30; Richard W. Robins, Oliver P. John: Accuracy and bias in self-perception: Individual differences in self-enhancement and the role of narcissism, Journal of Personality and Social Psychology, Band 66, 1994, S. 206–219; Theodore Millon: The Millon inventories: Clinical and personality assessment, New York: Guilford Press, 1997; Richard W. Robins, Oliver P. John: Effects of visual perspektive and narcissism on self-perception: Is seeing believing?, Psychological Science, Band 8, 1997, S. 37–42; W. Keith Campbell: Narcissism and romantic attraction, Journal of Personality and Social Psychology, Band 77, 1999, S. 1254–1270; Roy F. Baumeister, Brad J. Bushman, W. Keith Campbell: Self-Esteem, Narcissism, and Aggression: Does Violence Result From Low Self-Esteem or From Threatened Egotism?, Current Directions in Psychological Science, Band 9, Heft 1, Februar 2000, S. 26ff; Paul Rose: The happy and unhappy faces of narcissism, Personality and Individual Differences, Band 33, 2002, S. 379–391; Kelly A. Dickinson, Aaron L. Pincus: Interpersonal Analysis of grandiose and vulnerable Narcissism, Journal of Personality Disorders, Band 17, Heft 3, 2003, S. 188–207
  20. Arnold Cooper: Narcissism, in: S. Arieti, H. Keith, H. Brodie (Hrsg.): American Handbook of Psychiatry, Band 4, New York: Basic Books, 1981, S. 297–316; James F. Masterson: The Narcissistic and Borderline Disorder: An Integrated Developmental Approach, Psychology Press, 1981; Salman Akhtar, J. Anderson Thomson: Overview: Narcissistic Personality Disorder, American Journal of Psychiatry, Band 139, Heft 1, Januar 1982, S. 12–20; Herbert Rosenfeld: Impasse and Interpretation, Routledge Chapman & Hall, 1987, ISBN 978-0415010122; G.O. Gabbard: Two subtypes of narcissistic personality disorder, Bulletin of the Menninger Clinic, Band 53, 1989, S. 527–532; Paul Wink: Two Faces of Narcissism, Journal of Personality and Social Psychology, Band 61, Heft 4, Oktober 1991, S. 590–597; Anthony W. Bateman: Thick- and thin-skinned organisations and enactment in borderline and narcissistic disorders, International Journal of Psychoanalysis, Band 79, Teil 3, Juni 1998, S. 631–638; R. Britton: Hyper-sensitivity and hyper-objectivity in narcissistic disorders, Fort Da, The Journal of the Northern Californian Society for Psychoanalytic Psychology, Band 6, 2000, S. 18–23
  21. Paul Wink: Three narcissism scales for the California Q-set, Journal of Personality Assessment, Band 58, 1992, S. 51–66; Paul Wink: Three types in narcissism in women from college to mid-life, Journal of Personality, Band 60, 1992, S. 7–30; S. Hibbard, S.C. Bunce: Two paradoxes of narcissism, Tagungspapier, auf dem jährlichen Meeting der American Psychological Association in New York, NY vorgelegt, August 1995; N. Rathvon, R. Holmstrom: An MMPI-2 portrait of narcissism, Journal of Personality Assessment, Band 66, 1996, S. 1–19; H.M. Hendin, J.M. Cheek: Assessing Hypersensitive Narcissism: A Re-examination of Murray's Narcissism Scale, Journal of Research in Personality, Band 31, 1997, S. 588–599; Paul Rose: The happy and unhappy faces of narcissism, Personality and Individual Differences, Band 33, 2002, S. 379–391; Kelly A. Dickinson, Aaron L. Pincus: Interpersonal Analysis of grandiose and vulnerable Narcissism, Journal of Personality Disorders, Band 17, Heft 3, 2003, S. 188–207
  22. Kenneth N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso: ' A historical review of narcissism and narcissistic personality, S. 9
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  24. The ICD-10 – Classification of Mental and Behavioural Disorders – Diagnostic criteria for research: Appendix 1: Provisional Criteria for Selected Disorders (Seite 211 im PDF-Dokument; 733 kB)
  25. DSM-IV and DSM-5 Criteria for the Personality Disorders. Abgerufen am 14. Mai 2015.
  26. Psychiatrie der Charité, Narzissmus (PDF; 149 kB) Theodore Millon: Disorders of Personality. Chapter 11: Narcissistic Personality Disorders.
  27. Robert S. Horton: Parenting as a Cause of Narcissism. Empirical Support for Psychodynamic and Social Learning Theories, S. 184, in: W. Keith Campbell, Joshua D. Miller (Hrsg.): The Handbook of Narcissism and Narcissistic Personality Disorder. Theoretical Approaches, Empirical Findings, and Treatments, Hoboken: Wiley, 2011 ISBN 978-0-470-60722-0, S. 181–190
  28. L.J. Otway, V.L. Vignoles: Narcissism and childhood recollections: A quantitative test of psychoanalytic predictions, Personality and Social Psychology Bulletin, Band 32, 2006, S. 104–116
  29. R.P. Brown, K. Budzek, M. Tamburski: On the meaning and measure of narcissism, Personality and Social Psychology Bulletin, Band 35, Heft 7, 2009, S. 951–964
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