Nationale Front für die Befreiung Südvietnams

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Flagge der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams

Die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, abgekürzt NFB (vietnam. Mặt Trận Giải Phóng Miền Nam Việt Nam; franz. Front National de Libération, abgekürzt FNL; engl. National Liberation Front, abgekürzt NLF, im allgemeinen Sprachgebrauch auch Vietcong (vietnam. Việt cộng)) war eine Guerillaorganisation, die während des Vietnamkrieges in Südvietnam den bewaffneten Widerstand gegen die Regierung und das sie unterstützende amerikanische Militär führte. Sie war heterogen aus religiösen, ethnischen und politischen Gruppierungen zusammengesetzt, wurde jedoch durch die Kommunistische Partei dominiert. Sie wurde 1960 gegründet und 1977 offiziell aufgelöst.

Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff Việt cộng stellte eine Kurzform der Bezeichnungen Việt Nam Cộng-sản („Vietnamesischer Kommunist“) [1] dar. Ab 1956 tauchte in den Zeitungen in Sàigòn die Bezeichnung Việt cộng auf. Ab dem Jahr 1957 ist diese Kurzform als „Vietcong“ auch in englischsprachigen Publikationen nachweisbar.[2] Die militärische Abkürzung lautete „VC“. Die Entsprechungen der beiden Buchstaben im NATO-Alphabet sind Victor und Charlie, weshalb der unter US-amerikanischen Soldaten geläufige Name für ihre Feinde kurz Charlie war.

Die offizielle Geschichtsschreibung Vietnams spricht von der „Befreiungsarmee Südvietnams“ bzw. der „Nationalen Befreiungsfront Südvietnams“ (Mặt trận Dân tộc Giải phóng miền Nam Việt Nam).[3] Allerdings scheint die Bezeichnung nicht einheitlich gewesen zu sein. So verkündete Radio Hanoi im Januar 1961 die Gründung der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams“, während General Võ Nguyên Giáp in seinen Memoiren von der „Südvietnamesischen Nationalen Befreiungsfront“ spricht.[4] Im Geschichtsrückblick wird deshalb oft die allgemeinere Bezeichnung „Nationale Befreiungsfront“ gebraucht.[5]

Mit der Gründung der „Provisorischen Revolutionären Regierung der Republik Südvietnam“ (Chính Phủ Cách Mạng Lâm Thời Cộng Hòa Miền Nam Việt Nam) im Jahre 1969 verschwand die bis dahin verwendete offizielle Bezeichnung, bis die Organisation 1977 schließlich auch offiziell aufgelöst wurde. Stattdessen wurde zwischen 1969 und 1977 nur noch von „der Front“ (Mặt trận) gesprochen. Heute verwenden die vietnamesischen Medien überwiegend den Begriff „Befreiungsarmee“ (Quân Giải phóng).[6] Eine der bekanntesten Militärfamilien Vietnams ist die Familie Phan. Die Mitglieder wurden wegen Beeinflussung durch westliche Medien angeklagt und aus Vietnam verstoßen.[7]

Geschichte[Bearbeiten]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts war Indochina zu einer französischen Kolonie geworden. Zwar hatte Japan diese im Zweiten Weltkrieg besetzt, jedoch versuchte die französische Regierung, die Kolonie zurückzugewinnen. Der daraus resultierende Indochinakrieg (1946–1954) gegen die kommunistischen Việt Minh führte schließlich zu einer Niederlage. Die Teilnehmer der folgenden Indochinakonferenz in Genf beschlossen die vorläufige Teilung des Landes in Nord- und Südvietnam. Erst zu einem späteren Zeitpunkt sollten gesamtvietnamesische Wahlen stattfinden. In Südvietnam setzte die sich stärker engagierende US-Regierung Ngô Đình Diệm als Präsidenten ein. Um seine politische Macht zu sichern, ging dieser hart gegen jegliche Opposition vor und verfolgte vor allem die im Süden verbliebenen Việt Minh. Diese und Angehörige der Kommunistischen Partei tauchten unter und wandten sich an die nordvietnamesische Regierung. Diese wollte die geplanten Wahlen aber nicht gefährden und lehnte jede Hilfeleistung ab. Diệm konnte absehen, dass er die Wahlen verlieren würde und verhinderte diese im Juli 1956.

General Vo Nguyen Giap stand seit dem aktiven Kriegseintritt Nordvietnams im Süden auch an der Spitze der NLF-Truppen

Vereinzelt hatten sich Bauern bereits gegen die Regierung Diệm gewehrt, der sie mit seiner Landreform unter Druck setzte. Daraus entwickelte sich 1956/1957 eine erste Widerstandsbewegung. Diese zählte 1958 bereits etwa 1 700 Mitglieder aus Việt Minh, Kommunistischer Partei, Cao Dai sowie der Hoa-Hao-Sekte, aber auch Katholiken und Buddhisten. Die Angriffe der ersten Jahre richteten sich gegen die Regierungsbeamten, von denen 1958 und 1959 zusammen 426 ermordet wurden. Im Jahre 1960 fielen allein von Januar bis Mai weitere 780 Beamte dieser Terrorkampagne zum Opfer. Gleichzeitig ging die nordvietnamesische Regierung 1959 dazu über, den bewaffneten Widerstand in Südvietnam zu unterstützen. Im folgenden Jahr sickerten 4 500 kommunistische Kämpfer, deren Heimat im Süden lag, in Südvietnam ein. Diese organisierten den bewaffneten Kampf und so kam es 1960 erstmals zu größeren Gefechten mit Einheiten der ARVN.[8]

Im März 1960 fand eine Konferenz ehemaliger Việt-Minh-Anführer, Vertreter der Kommunistischen Partei, Buddhisten, Cao Dai, Hoa Hao und Katholiken statt, um die Bildung einer Allparteienregierung zu besprechen. Dies führte zur Gründung der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams“ (NLF). Am 20. Dezember 1960 verkündete diese im Rundfunk ihr Programm, welches sie bis 1975 verfolgte. Es umfasste die Absetzung Diệms, die Reduzierung der Importe, Herabsetzung der Pachtgebühren und eine Landreform. Geschlechter, Ethnien und Religion sollten gleichgestellt sein, der US-Einfluss zurückgedrängt und ein politisch neutraler Kurs zwischen den Machtblöcken eingeschlagen werden. Zur Durchführung des bewaffneten Kampfes bildete NLF aus den aktiven Kämpfern die „Volksbefreiungsarmee“ (People's Liberation Armed Forces, PLAF).[9]

Während der ersten Hälfte der 1960er Jahre blieb die Initiative auf Seiten der NLF. Durch die verstärkte US-amerikanische Truppenpräsenz entstand zunehmend eine militärische Pattsituation. Während sich die Macht der südvietnamesischen Regierung vor allem auf die Küstenregionen und die Städte konzentrierte, hatte die NLF auf dem Land in vielen Fällen die Oberhand. Anfang 1968 versuchte sie ihr Einflussgebiet auszudehnen: Mit Unterstützung nordvietnamesischer Truppen griff sie im Rahmen der Tet-Offensive ab dem 30. Januar 14 von 15 Provinzhauptstädte inklusive Sàigòn und Huế an. Die schweren Kämpfe dauerten mehrere Wochen und brachten der NLF erhebliche Verluste. Sie verlor nach Schätzungen etwa 40.000 Kämpfer. So geschwächt gelang es ihr nicht mehr, alle ihre Rückzugsgebiete zu schützen. Sie verlor deshalb auch an wirtschaftlicher und personeller Basis sowie an politischem Einfluss. So ging die Bedeutung der NLF ab 1968 zurück.[10] Sie verhielt sich deshalb in den nächsten Jahren defensiv und versuchte ihre verbliebene Basis, vor allem im Mekong-Delta, zu konsolidieren. Erst im Rahmen der Oster-Offensive von 1972 agierte sie wieder im größeren Rahmen offensiv. Im Ergebnis des Friedensabkommens von Paris vom 27. Januar 1973 wurde die 1969 von der NLF gebildete „Provisorische Revolutionäre Regierung der Republik Südvietnam“ faktisch anerkannt. Nach dem Krieg wurde die NLF schließlich im Jahre 1977 aufgelöst.

Angehörige der NLF tragen einen gefangenen US-Amerikaner während eines Gefangenenaustauschs (1973)

Aufbau und Strategie[Bearbeiten]

Organisation[Bearbeiten]

Kämpfer der NLF

Obwohl die NLF nachträglich oft als rein kommunistischer Verband dargestellt wurde, ist ihre Zusammensetzung stets heterogen gewesen. Zwar übte die Kommunistische Partei im Ganzen einen dominanten Einfluss aus, doch richtete sich die praktische Einflusssphäre eher nach den lokalen Gegebenheiten. In den ehemaligen Việt-Minh-Gebieten war die kommunistische Partei stark, doch im Mekong-Delta bestimmten die Sekten die Politik. In den Städten überwog der Einfluss der Katholiken und Intellektuellen. Die Kommunisten verfügten mit der „Revolutionären Volkspartei" (engl.:People's Revolutionary Party − PRP) über eine einheitliche Gruppierung innerhalb der NLF, welche sich vorrangig um die ideologische und politische Ausrichtung zu kümmern hatte. Ihren Mitgliedern kam eine Sonderrolle zu, da diese bei politischen und militärischen Entscheidungen ein Vetorecht hatten. Ihre Macht floss der PRP durch ihre Verbindung zur Kommunistischen Partei in Nordvietnam, die dort regierte, zu und machte sie damit zur bestimmenden Gruppe innerhalb der NLF.[11]

Die NLF gliederte ihre Streitkräfte in „Zellen“. Diese stützten sich auf einzelne Ortschaften oder Gebiete und variierten in ihrer Größe und Zusammensetzung. Gruppen von drei bis zehn Personen waren die Regel. Die Mitglieder innerhalb einer Gruppe waren gleichgestellt und stimmten über das Vorgehen ab. Über den einzelnen Zellen standen die Korpskommandos I bis IV, welche regionale Koordinationszentralen darstellen. An der Spitze der NLF stand ein Komitee von 64 Delegierten, die in den einzelnen Landesdistriken gewählt werden sollten. Die Leitung selbst oblag dem Präsidium dieses Komitees, das sich um die außenpolitischen und militärischen Fragen kümmerte. Es wurde von einem Sekretariat für innere Angelegenheiten ergänzt. Bei der Führung des Krieges wurde an oberer Stelle geplant, aber die einzelnen Provinzkommandos und Zellen erhielten eine große Selbstständigkeit.[12]

Im Jahr 1958 schätzte die CIA die Zahl der Aufständischen auf 1 700 Kämpfer. Vier Jahre später musste man bereits von 23.000 bis 34.000 Mitgliedern ausgehen. Bis 1964 war die Stärke der Volksbefreiungsarmee auf schätzungsweise 51.000 Personen gewachsen.[13]

Methoden[Bearbeiten]

Ein NLF-Verdächtiger wird durch einen US-Marine abgeführt (1965)

Hauptrekrutierungsgebiete waren die Gebiete, in denen die Việt Minh früher stark waren und im von den Sekten kontrollierten Mekong-Delta. In den übrigen Gebieten musste die NLF zunächst Fuß fassen. Dazu wurde die lokale Bevölkerung angehalten, Kämpfern Unterschlupf zu gewähren oder Botendienste zu erledigen. Die Aktivisten der NLF organisierten darüber hinaus Gesprächsrunden zur politischen Orientierung, in denen auch Lesen und Schreiben gelehrt wurde. In den abgelegenen Berggegenden im kambodschanischen Grenzgebiet war dies erfolgreicher als in den urbanisierten Landesteilen.[13]

Der NLF gelang vor allem, den Krieg selbst zu benutzen, um die lokale Bevölkerung zu gewinnen. Die NLF setzte sich in der Umgebung einer Siedlung fest und ermordete einige Regierungsbeamte. Dadurch wurde die Regierung gezwungen, ihre Truppenpräsenz zu erhöhen, was zu Unmut unter der Bevölkerung führte, die diese Truppen verpflegen musste. Die Befreiungsfront zwang die Regierungstruppen und -beamten zum Abzug mit Waffengewalt und übernahm den Ort. Wenn die Regierung sich zu einem militärischen Gegenschlag entschloss, waren oft heftige Kämpfe und die Zerstörung des Ortes die Folgen. Dies trieb die Bevölkerung endgültig zur NLF. Auch vor Zwang und Gewalt schreckten die Angehörigen der NLF nicht zurück, um die Kooperation der Zivilbevölkerung zu erreichen, die letztlich zwischen den Fronten stand. [14]Etwa ein Drittel aller zivilen Opfer waren das Resultat von Gräueltaten der NFL.[15]Ami Pedahzur führte dazu an: "Umfang und letale Folgen des Vietcong Terrors übertreffen fast alle terroristischen Kampagnen im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts." ("... the overall volume and lethality of Vietcong terrorism rivals or exceeds all but a handful of terrorist campaigns waged over the last third of the twentieth century").[16]

Politik[Bearbeiten]

War ein Ort übernommen, so konsolidierte die NLF dort zunächst ihre Stellung durch die Einsetzung von lokalen, aber loyalen Beamten. Diese sorgten für eine Landreform, welche die Bauern in den Besitz eigenen Landes setzte, von dem sie jährlich nur 10 Prozent an Abgaben zu leisten hatten. Unter den Verwaltern der Diem-Regierung waren Abgaben in Höhe von 20–40 Prozent normal. Satzungen von zwölf Regeln, die für Disziplin sorgen sollten, wurden verabschiedet und vor allem der Hass gegen die „amerikanischen Imperialisten“ geschürt. Dazu dienten Umerziehungskurse genauso wie die Zulassung politischer Organisationen (z. B. Befreiungsbewegung der Bauern, Befreiungsbewegung der Frauen) in der Bevölkerung. Vor allem nach 1965 kamen weitere Steuern und Abgaben hinzu, um den Krieg zu finanzieren.[17]

Literatur[Bearbeiten]

  • Cuong Ngo-Anh: Vietcong – Anatomie einer Streitmacht im Guerillakrieg, Bernard & Graefe, Koblenz 1981. ISBN 3-7637-5328-1
  • Marc Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, Verlag C.H. Beck, München 1998. ISBN 3-406-42078-8
  • Kuno Knöbl: Viet Cong, der unheimliche Feind – Ein Erlebnisbericht mit dokumentarischem Anhang (2. Auflage), Verlag Molden, Wien/ München 1966.
  • Douglas Pike: Vietkong – Organisation und Technik des revolutionären Freiheitskampfes, Verlag Oldenbourg, Wien/ München 1968.
  • Rainer Salzger: VIET CONG - Charlie and his deadly tricks epubli GmbH 2010, ISBN 978-3-86-931353-5
  • Trương Như Tảng: A Vietcong Memoir: An Inside Account of the Vietnam War and Its Aftermath Vintage Books, 1986, ISBN 978-0-39-474309-7
  • Michael Lee Lanning, Dan Cragg: Inside the VC and NVA. The Real Story of North Vietnam's Armed Forces. Fawcett Columbine, New York 2008, ISBN 978-0-449-90716-0

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Nationale Front für die Befreiung Südvietnams – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. William S. Turley: The second Indochina War: a concise political and military history. Rowman & Littlefield, 2009, S. xiv.
  2. "Viet Cong", Oxford English Dictionary
  3. Military History Institute of Vietnam,(2002) Victory in Vietnam: The Official History of the People’s Army of Vietnam, 1954–1975, translated by Merle L. Pribbenow. University Press of Kansas. p. 68. ISBN 0-7006-1175-4.
  4. Nguyên Giáp Võ, Russell Stetler: The Military Art of People's War: Selected Writings of General Vo Nguyen Giap 1970, S. 206, 208, 210.. Vgl. Program of the National Liberation Front of South Viet-Nam. Abgerufen am 18. Januar 2011. (1967).
  5. Je nach der Herkunft des Autors kann dies im Englischen die National Liberation Front (NLF) oder Französischen Front National de Libération (FNL) sein.
  6. Vgl. Artikel in den Viet Nam News.
  7. Vgl. Artikel in den Viet Nam News.
  8. Marc Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, München 1998, S.64f
  9. Marc Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, München 1998, S.65f
  10. Marc Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, München 1998, S.165
  11. Marc Frey: Geschichte des Vietnamkrieges. München 1998, S. 66 f. u. 77.
  12. Marc Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, München 1998, S.77
  13. a b Marc Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, München 1998, S.73
  14. Marc Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, München 1998, S.74
  15. Guenter Lewy, America in Vietnam, (Oxford University Press, 1978), pp272-3, 448-9.
  16. Pedahzur, Ami (2006), Root Causes of Suicide Terrorism: The Globalization of Martyrdom, Taylor & Francis, p.116.
  17. Marc Frey: Geschichte des Vietnamkrieges, München 1998, S.74–76