Nationales Folklorefestival von Gjirokastra

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Bühne des Festivals auf der Burg von Gjirokastra

Das Nationale Folklorefestival von Gjirokastra (albanisch Festivali Folklorik Kombëtar i Gjirokastrës) ist ein mehrtägiges Kunstfestival für Folklore, das alle fünf Jahre in Gjirokastra in Südalbanien stattfindet. Das Festival präsentiert der Öffentlichkeit traditionelle albanische Musik, Kleidung und Tanz aus allen Gebieten in Südosteuropa und Süditalien, die von Albanern bewohnt werden. Das Folklorefestival gilt als die wichtigste Veranstaltung für albanische Kultur.[1] Die verschiedenen Gruppen in farbenfrohen Kostümen bestanden aus einer Vielzahl von Musikern, Sängern und Tänzern. Oft wurde auch iso-polyphone Musik vorgetragen.[2]

Erstmals wurde das Festival im Jahr 1968 durchgeführt. Es nimmt eine Tradition von Folklorefestivals auf, die 1949 in Tirana lanciert wurde.[1][3]

Austragungsort[Bearbeiten]

Das Folklorefestival wurde mit Ausnahme des Anlasses von 1995 seit 1968 auf der Burg von Gjirokastra ausgetragen. Die hoch über der Stadt thronende Festungsanlage wurde vor 1968 zumindest in Teilen noch als Gefängnis genutzt.[4] Später wurde es für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und ein Museum eingerichtet. Im östlichen Teil der Anlage befindet sich eine fast 100 auf 50 Meter große offene, leicht abschüssige Fläche, die für das Festival genutzt wird.

1984 wurde eine metallene – zuletzt im Jahr 2000 ersetzte – Bühnenkonstruktion errichtet, die auch sonst ab und zu für Feste genutzt wird. Davor wurde die Fläche noch archäologisch untersucht; dabei wurden Keramikreste aus dem 4. bis 2. Jahrhundert vor Christus gefunden.[5][6]

Zumindest früher wurde das Fest abends in den Gassen von Gjirokastra fortgesetzt, wo die Teilnehmer des Festivals zusammen mit den Passanten weitertanzten und gemeinsam sangen.[7]

Geschichte[Bearbeiten]

Sänger am Festival von 1988

Ursprünge[Bearbeiten]

Dem Nationalen Folklorefestival von Gjirokastra ging das Nationale Festival für Gesang, Musik und Tanz voraus, das in der albanischen Hauptstadt Tirana in den Jahren 1949[3] und im November 1959 veranstaltet wurde.[1]

„Höhepunkt im Volksmusikleben des Landes“[Bearbeiten]

Zehn Jahre später fand vom 8. bis zum 16. Oktober 1968 das erste Nationale Folklorefestival in Gjirokastra statt, das anlässlich des Geburtstags von Enver Hoxha durchgeführt wurde.[8] Gjirokastra ist die Heimatstadt von Hoxha, dem damaligen politischen Führer Albaniens. Das einwöchige[9] Festival wurde mit einem Abstand von fünf Jahren 1973, 1978, 1983 und 1988 jeweils im Oktober anlässlich runder Geburtstage von Hoxha durchgeführt.[1][10]

Das Festival war der wichtigste Anlass der Volksmusik.[9][10] Folklore gehörte zu den wenigen tolerierten Musikstilen im kommunistischen Albanien. Mit dem Folklorefestival sollte die nationale Einheit und Identität unterstrichen werden. So wurde darüber jeweils ausführlich landesweit berichtet. Das ganze Programm wurde aufgezeichnet und abends von Radio und Fernsehen fast pausenlos ausgestrahlt.[8][11][12] Die Teilnehmer für den Großanlass wurden an langen regionalen Vorentscheidungen – damals traten nur Künstler aus Albanien auf – ausgewählt. Die Musiker, die meist Laien waren, repräsentierten alle 36 Regionen des Landes.[9][12]

„[Das Festival] … bildet wohl den Höhepunkt im organisierten Volksmusikleben des Landes“

Adelheid Feilcke-Tiemann[9]

Immer wieder wurde Künstlern, die politisch nicht genehm waren, die Teilnahme verweigert. Auch die Auszeichnung der Gewinner hatte vermutlich politische Hintergründe.[8][12] Alte Melodien wurden zum Teil auch mit neuen Texten vorgetragen, die Enver Hoxha, die Errungenschaften des Kommunismus und den Partisanenkampf der Kommunisten während des Zweiten Weltkriegs würdigten. Religiöse Musik war nach 1967 verboten.[12]

Neupositionierung nach der Wende[Bearbeiten]

Festivalgelände im südlichen Bereich der Burg

Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems geriet auch das Festival in eine Krise, mitunter wegen fehlender Mittel, aber auch durch einen gesellschaftlichen Wertewandel bezüglich Musik.[10][12] 1995 wurde das Folklorefestival auf der Burg von Berat veranstaltet. Seit dem September 2000 ist Gjirokastra wieder der Austragungsort.[1] Die nächste Ausgabe fand bereits im Herbst 2004 statt, nachdem per Gesetz von 2003 die Förderung der Folklore einem spezifischen Institut übertragen worden war.[1][13][14]

Die neunte Ausgabe des Festivals wurde im September 2009 veranstaltet.[15] Gewinner des Festivals war der Qark Shkodra für die allgemein beste Darbietung, während die Barden Sherif Dervishi und Myfterin Uka für den besten Soloauftritt ausgezeichnet wurden.[16]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Bruno Reuer, Adelheid Feilcke-Tiemann: Das Festival von Gjirokaster. In: Walter Raunig (Hrsg.): Albanien – Reichtum und Vielfalt alter Kultur. Staatliches Museum für Völkerkunde, München 2001, S. 184-188.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f  Vasil S. Tole, Albanian Music Council/UNESCO (Hrsg.): Inventory of performers on iso-polyphony. Tirana 2010, S. 52 f (Kopie auf isopolifonia.com (PDF; 691 kB)).
  2.  Johannes Schubert: Ein Fest für Auge, Ohr und Herz. In: Deutsch-Albanische Freundschaftsgesellschaft (Hrsg.): Albanische Hefte. Nr. 4, München 1988, ISSN 0930-1437, S. 17 f.
  3. a b Festivali Folkloristik 1949. In: YouTube. Abgerufen am 5. August 2011 (albanisch).
  4. Castle. In: Gjirokastra.org. Abgerufen am 8. August 2011 (englisch).
  5.  Gjirokastra Conservatin and Development Organization (Hrsg.): Gjirokastra – the essential guide. Tirana/Norwich 2009, ISBN 978-99956-747-0-0.
  6. Informationstafel Skena e Festivalit/Festival Stage auf der Burg von Gjirokastra
  7.  Bruno B. Reuer: Stimmen zum Festival. In: Deutsch-Albanische Freundschaftsgesellschaft (Hrsg.): Albanische Hefte. Nr. 4, München 1988, ISSN 0930-1437, S. 19 f.
  8. a b c  Ardian Ahmedaja, Gerlinde Haid (Hrsg.): European voices: Multipart singing in the Balkans. Volume I, Böhlau, Wien 2008, ISBN 978-3-205-78090-8 (Vorschau auf Google Books).
  9. a b c d  Adelheid Feilcke-Tiemann: Folklore. In: Rüdiger Pier, Dierk Stich (Hrsg.): Albanien. VSA, Hamburg 1989, ISBN 3-87975-467-5, S. 145-149.
  10. a b c  Bruno B. Reuer: Musik. In: Klaus-Detlev Grothusen (Hrsg.): Albanien (= Südosteuropa-Handbuch. Band VII). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, ISBN 3-525-36207-2, S. 714-726.
  11.  Adelheid Feilcke-Tiemann: Stimmen zum Festival. In: Deutsch-Albanische Freundschaftsgesellschaft (Hrsg.): Albanische Hefte. Nr. 4, München 1988, ISSN 0930-1437, S. 19.
  12. a b c d e  Bruno Reuer, Adelheid Feilcke-Tiemann: Das Festival von Gjirokaster. In: Walter Raunig (Hrsg.): Albanien – Reichtum und Vielfalt alter Kultur. Staatliches Museum für Völkerkunde, München 2001.
  13. Ligji nr. 9048, dt. 07.04.2003 „Per trashegimine kulturore“. 7. April 2003, abgerufen am 8. August 2011 (albanisch).
  14. Events. In: Gjirokastra.org. Abgerufen am 8. August 2011 (englisch).
  15. Gjirokaster, starton Festivali Folklorik Kombetar. In: Top Channel. 25. September 2009, abgerufen am 5. August 2011 (albanisch).
  16. Shkodra fiton Festivalin e Gjirokastrës. In: Gazeta Start. 30. September 2009, abgerufen am 5. August 2011 (albanisch).