Nationalliteratur

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Der Ausdruck Nationalliteratur ist ein Begriff des 19. Jahrhunderts, der nötig wurde, als das Wort „Literatur“ neudefiniert wurde (dazu ausführlich das Stichwort Literatur). Mit der Emanzipation der Nationalstaaten und der Berufung auf nationale Traditionen und nationale Werte trug die Nationalliteratur zur Schaffung des Bewusstseins einer Nationalkultur bei.

Neudefinition[Bearbeiten]

Mit der Neudefinition wurde die Literatur zum Bereich der sprachlichen Überlieferung. Als „Literatur im engeren Sinne“ wurden dabei die Felder kunstvollen Sprachgebrauchs eingegrenzt. Unterstützt wurde die neue Begriffsfassung von der Theorie, dass die Literatur sich nicht allein in sprachlichen, sondern wesentlich nationalen Traditionen, entwickelte, und in diesen von einzelnen Philologien zu untersuchen wäre. Es entstand in der Arbeitsaufteilung zwischen den Philologien das Konzept der „Nationalliteraturen“, um von den verschiedenen Literaturen und ihren Wirkungen aufeinander (hierfür ist seit dem 20. Jahrhundert die Komparatistik zuständig) sprechen zu können.

Nationalliteraturen bildeten sich in der Folge der nationalen Emanzipation einzelner Nationen heraus. So spricht man im Zuge des 19. Jahrhunderts von einer sich aus der englischen Literaturtradition entwickelnden amerikanischen Literatur als Nationalliteratur, ebenso von einer österreichischen Literatur. Die Literaturwissenschaft statuiert nationale, ethnische, soziale etc. Charakteristika, auch bei derselben jeweiligen Muttersprache.

Das Wort „Nationalliteratur“ wird von manchen heute als störend, irritierend oder historisch belastet empfunden. Daher wird Englische Literatur von „englischsprachiger Literatur“ als „Nationalliteratur“ unterschieden.

Weiteres Charakteristikum[Bearbeiten]

Ein weiteres Charakteristikum wäre mit „Kontinentalliteratur“ zu umschreiben. Dies berücksichtigt insbesondere die Herausbildung der Nationalstaaten im Zuge der Entkolonialisierung. Dabei wirkten die Kolonialmächte als literarisch und mental prägender Sprachgeber. England und Frankreich übten einen wesentlichen Einfluss besonders auf Afrika (afrikanische Literatur) und Asien (asiatische Literatur) aus, ersterer wurde durch das Aufkommen der Négritude im 20. Jahrhundert gebrochen und führte zu einem Erblühen jeweiliger Nationalliteraturen. Spanien und Portugal wirkten besonders in Lateinamerika (lateinamerikanische Literatur) federführend; ebenfalls durch Spannungen mit dem Aufkommen der Kreolisation und anderer lateinamerikanischer ethnischer und weiterer lokaler Spezifika entstanden in Brasilien, Argentinien, Peru etc. Nationalliteraturen von exemplarisch weltliterarischem Rang.

Siehe[Bearbeiten]

Weiterführende Literatur[Bearbeiten]

  • Geschichte der poetischen National-Literatur der Deutschen von Dr. G. G. Gervinus. Erster Theil. Von den ersten Spuren der deutschen Dichtung bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts (Leipzig: W. Engelmann, 1835).
  • Vorlesungen über die Geschichte der deutschen National-Literatur von Dr. A. F. C. Vilmar, 2. Aufl. (Marburg/ Leipzig: Elwert'sche Universitäts-Buchhandlung, 1847).
  • National-Texturen. Nationalliteratur als literarisches Konzept in Nordosteuropa. Hrsg. v. Jürgen Joachimsthaler und Hans-Christian Trepte. Lüneburg: Nordost-Institut 2009 (=Nordost-Archiv N.F. XVI/2007).
  • Kai Hammermeister: "Nationalliteratur: 45 Thesen" Blaue Narzisse, 30. Oktober 2012. http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/item/3572-nationalliteratur-45-thesen