Nationenbildung

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Nationenbildung (engl. nation building) ist ein Prozess sozio-politischer Entwicklung, der aus locker oder auch strittig verbundenen Gemeinschaften eine gemeinsame Gesellschaft mit einem ihr entsprechenden Staat werden lässt. Sie ist zu unterscheiden von State Building, bei dem es im engeren um den Aufbau staatlicher Institutionen geht.

Zum Prozess der Nationenbildung gehört die Etablierung gemeinsamer kultureller Standards, darunter oft auch die einer einheitlichen Sprache für das zukünftige Gemeinwesen,[1] und die behutsame Integration von immer weiteren Teilen der Bevölkerung in soziokulturelle und politische Einrichtungen wie z. B. das Gerichtswesen, das Schulsystem oder das Wahlrecht. Der Prozess der Nationenbildung wird oft von einer militärisch, administrativ und ökonomisch dominanten Machtelite aus geführt, um bestehende oder angestrebte Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren.

Geschichte[Bearbeiten]

Nationen im modernen Sinne sind erst im Zuge der Französischen Revolution in Europa entstanden. Die Voraussetzungen dafür haben sich im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts herausgebildet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sich geprägt vom Nationalismus in Europa eine Reihe von Nationalstaaten. Italien, das erst 1861 im Zuge des Risorgimento geeinigt wurde und Deutschland, das erst 1871 mit der Deutschen Reichsgründung unter Ausschluss Deutschösterreichs zum Nationalstaat wurde, galten daher als Verspätete Nationen. Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts anachronistisch zu wirken. Die Tatsache, dass der Österreichisch-Ungarische Ausgleich die Nationalismen der kleineren Nationen nicht befriedigen konnte, trug wesentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges bei.

„Nation Building“ im engeren Sinne bezog sich ursprünglich auf die Bestrebungen junger Nationalstaaten nach dem Zweiten Weltkrieg, vornehmlich der Nationen ehemaliger afrikanischer Kolonien, die von den Kolonialmächten ohne Berücksichtigung ethnischer oder andere Grenzen umgeformten kolonialen Territorien neu zu gestalten und zusammenzuhalten. Der Kampf gegen einen gemeinsamen Kolonialherren kam hier gelegen. Diese reformierten Staaten sollten aber nach Erringung der Unabhängigkeit entwicklungsfähige und mental zusammenhängende Staaten werden.

Nation Building umfasste die Schaffung äußerer nationale Symbole wie Flaggen, Hymnen, Nationalfeiertage, nationale Stadien, nationale Fluglinien, Nationalsprachen einschließlich nationaler Mythen. Auf einem niedrigeren Niveau musste die nationale Identität willkürlich konstruiert werden, indem sie unterschiedliche Gruppen zu einer Nation formte, besonders dort, wo der KolonialismusTeile und Herrsche“-Taktiken (divide et impera) zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft verwendet hatte.

Eine der erfolgreichsten Nation-Building-Aktionen erbrachte die Stadtrepublik Singapur, wo Chinesen, Südinder, Malaiien, Europäer und anderen Ethnien nebeneinander leben.

Zahlreiche junge Nationalstaaten werden jedoch durch Machtkämpfe mit sich des Tribalismus bedienenden Rivalitäten zwischen ethnischen oder religiösen Gruppen erschüttert. Dieses führte mitunter zum Separatismus, wie 1970 beim Sezessionskrieg Biafras aus Nigeria oder der anhaltenden Forderung der Ogaden-Somalier nach vollständiger Unabhängigkeit ihrer Region von Äthiopien. In Asien bildet der Zerfall von Pakistan in Pakistan und Bangladesch ein Beispiel, dass ethnische Unterschiede, gestützt durch die geographische Abgrenzung, einen postkolonialen Staat auseinanderzureißen erleichterten. Bestimmte Wurzeln des Völkermordes in Ruanda oder des Sudankonfliktes hängen ebenfalls mit einem Mangel an ethnischer und/oder religiöser Kohärenz innerhalb der Nation zusammen. Gerade bei der Vereinigung von Staaten mit ähnlichem ethnischen, aber unterschiedlichem kolonialgeschichtlichen Hintergrund kommen häufig Konflikte auf. Neben erfolgreichen Beispielen wie Kamerun zeigen Fehlschläge wie die Konföderation Senegambia die Probleme bei der Vereinigung frankophoner und anglophoner Territorien.

Im 20. Jahrhundert sind mehrere Wellen der Nationenbildung zu unterscheiden: Nach dem Zerfall der Vielvölkerstaaten in der Folge des Ersten Weltkriegs entstanden in Europa neue Nationalstaaten (z. B. Jugoslawien, Tschechoslowakei). In der Dritten Welt erlangten nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Zerfall der Kolonialreiche viele künstlich geschaffene Gebiete die Eigenständigkeit als Nationalstaaten, ohne über eine gemeinsame nationale Identität zu verfügen (multiethnische Staaten). Nach Ende des Ost-West-Konflikt 1989/90 zerfielen Vielvölkerstaaten (Sowjetunion, Jugoslawien, Tschechoslowakei) aufgrund dynamischer Prozesse der Nationenbildung in ihrem Inneren.

Probleme[Bearbeiten]

Die Herausbildung von Nationen war immer ein langwieriger und oft von gewaltsamen Auseinandersetzungen begleiteter Prozess (vgl. Unabhängigkeits- und Einigungskriege). Da Staatszerfall und instabile Identitäten für das regionale Umfeld oder die gesamte Staatengemeinschaft zur Gefahr werden können, wurde daher im 20. Jahrhundert des Öfteren versucht, Nationenbildung von außen zu fördern (vgl. Bosnien und Herzegowina, Kosovo[2], Mazedonien). Der Erfolg solcher Versuche ist umstritten.[3]

Dennoch gilt Staatenbildung ohne Nationenbildung als problematisch, da in diesem Fall notwendige identitätsstiftende Stabilisierungs- und Ausgleichsmechanismen fehlen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2005, ISBN 3-593-37729-2
  • Kenan Engin: „Nation-Building“ - Theoretische Betrachtung und Fallbeispiel: Irak, Nomos, Baden Baden 2013, ISBN 978-3-8487-0684-6.
  • Christine Fricke: Non-Bilder der Nation – Über wandelnde Darstellungen afrikanischer Identitäten. In: Manuel Aßner, Jessica Breidbach et al. (Hrsg): AfrikaBilder im Wandel? Quellen, Kontinuitäten, Wirkungen und Brüche. Lang, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-631-61568-3.
  • Francis Fukuyama: Staaten Bauen, ISBN 3-549-07233-3.
  • Jochen Hippler (Hg.): Nation-Building – ein sinnvolles Instrument der Konfliktbearbeitung? Dietz Verlag, Berlin 2003, Auszug: [1]
  • Eric Hobsbawm: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. Campus-Verlag, Frankfurt am Main / New York, NY 1991, ISBN 3-593-34524-2
  • Miroslav Hroch: Das Europa der Nationen. Die moderne Nationsbildung im europäischen Vergleich, Göttingen 2005, ISBN 3-525-36801-1
  • R. Kl. [Rolf Klima]: Nationenbildung. In: Werner Fuchs-Heinritz u. a. (Hgg.): Lexikon zur Soziologie, 4. Aufl., VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, S. 452, ISBN 978-3-531-15573-9
  • Heinz-Peter Platen: Nationenbildung und Nationalismus, Schroedel, ISBN 978-3-507-36858-3
  • Siegfried Weichlein: Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa (= Geschichte Kompakt), Darmstadt 2006, ISBN 978-3-534-15484-5
  • Siegfried Weichlein: Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa. Ein Forschungsüberblick, in: Neue Politische Literatur 51 (2006), Heft 2/3.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Das kann auch durch Oktroy oder Import geschehen, die aber meist erhebliche Probleme mit sich bringen.
  2. „Im Verlauf der Balkankriege konnten die postosmanischen Staaten ihre Territorien jedoch erheblich erweitern. Dadurch verschärften sich die Konflikte in den jungen ‚Nationalstaaten‘. Denn in den ‚befreiten‘ Gebieten (z. B. im makedonischen Raum, in Kosovo, in West-Thrakien oder Epirus) waren mehr oder minder große Gruppen beheimatet, die entweder noch kein Nationalbewusstsein besaßen oder deren Nationalbewusstsein sich von dem der Titularnation unterschied. […] Der Staat einer ethnisch basierten Titularnation ist aber per definitionem nicht der Staat seiner Minderheiten, selbst wenn diese als Staatsbürger und Individuen gleich behandelt werden. Während sich die Mehrheit mit ‚ihrem‘ Staat, seinen Symbolen, Feiertagen, Denkmälern und sonstigen Inszenierungen identifizieren kann, bleiben die Minderheiten ausgeschlossen. […] Die Abkehr der internationalen Gemeinschaft vom ‚Modell Lausanne‘ hat die Rekonstruktion multiethnischer Gemeinschaften nicht nachhaltig gefördert. Von den rund vier Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem früheren Jugoslawien ist etwa die Hälfte in die Heimat zurückgekehrt - aber fast ausschließlich dorthin, wo ihre Nation die Mehrheit stellt. […] Die Transformation vom ethnonationalen Staat zu einer multiethnischen und ethnisch neutralen Staatsbürgergemeinschaft, die nur den Menschenrechten verpflichtet ist, muss bei der Titularnation ansetzen. Wo sonst? Erst danach kann auf ethnische Minderheitenrechte oder Territorialautonomien verzichtet werden.“ Zit. n. Holm Sundhaussen: Staatsbildung und ethnisch-nationale Gegensätze in Südosteuropa, Aus Politik und Zeitgeschichte B 10-11/2003.
  3. „[…] dass der heutige Staat europäischer Prägung, der als Folie dient,lediglich das Endprodukt einer viele hundert Jahre währenden, komplizierten Entwicklung ist. Seine einfache Implementierung in andere Kulturen müsse scheitern, so die Politologin Berit Bliesemann de Guevara am Beispiel Bosnien-Herzegowinas“ (Buchbesprechung (PDF; 13 kB) zu Berit Bliesemann de Guevara, Florian P. Kühn: Illusion Statebuilding. Warum sich der westliche Staat so schwer exportieren lässt, Edition Körber Stiftung, 2010)