Naxaliten

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Indische Regionen mit naxalitischen Aktivitäten im Jahr 2013
Indische Regionen mit naxalitischen Aktivitäten im Jahr 2007

Naxaliten ist die gängige Bezeichnung für maoistische Parteien, Bewegungen oder Aktivisten in Indien.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Naxaliten entstanden in den späten 1960er Jahren und sind nach dem Ort Naxalbari im Distrikt Darjeeling in Westbengalen benannt, wo 1967 ein unter der Führung einiger Mitglieder des linken Flügels der Communist Party of India (Marxist) (CPI(M)) stattfindender Bauernaufstand von der Polizei niedergeschlagen wurde. Hauptursachen für diesen und andere im selben Zeitraum ablaufende Bauernaufstände (am wichtigsten war derjenige in Srikakulam, Andhra Pradesh) waren die Konzentration des Landes in den Händen weniger Großgrundbesitzer, die im Wesentlichen aus der britischen Kolonialzeit herrührte, sowie die gesellschaftliche und ökonomische Diskriminierung nicht-hinduistischer „Ureinwohner“ und Stämme Indiens (Adivasis), durch die hinduistisch geprägte Gesellschaft mit ihrem Kastensystem. Außerdem gab es zum Teil Widerstand ansässiger Volksgruppen gegen Umsiedlungen, die wegen großer Bauprojekte durchgeführt wurden.

Die Hochphase der maoistischen Kämpfe war von 1967 bis 1972, in dieser Zeit wurden als wichtigste Organisationen der Naxaliten die All-India Coordination Committee of (Communist) Revolutionaries (1968, heute aufgelöst), die mehr auf Basisarbeit orientiert war, und die stärkere Communist Party of India (Marxist-Leninist) (CPI (ML)) (1969), welche zunächst den bewaffneten Kampf in den Vordergrund stellte, gegründet, die Gründungsmitglieder stammten meist aus der CPI(M).

Der Vorsitzende der CPI (ML), Charu Majumdar, propagierte die „Vernichtung des Klassenfeindes“ (annihilation of class enemy), was sich vor allem in zahlreichen Anschlägen auf Großgrundbesitzer, Beamte und Angehörige der Polizei äußerte. 1972 wurde Mazumdar festgenommen und starb etwa zwei Wochen später im Gefängnis. Die Revolten wurden weitgehend von Polizei und Militär niedergeschlagen, naxalitische Aktivitäten gingen bis zum Ende der 1970er Jahre weitestgehend zurück.

Um 1980 gelang es verschiedenen Gruppen, die zumeist den Namen CPI (ML) führen, wieder Fuß zu fassen. Von der Vernichtungsstrategie hatten sich die meisten Gruppen mittlerweile losgesagt, der Schwerpunkt wurde auf Basisarbeit, d. h. vor allem auf den Aufbau von Organisationen der Bauern, Arbeiter, Studenten, Frauen und Adivasi, gelegt. Dabei können unter den ca. 20 größeren Naxalitenorganisationen zwei Hauptrichtungen unterschieden werden: Ein Teil der Bewegung hat sich inzwischen, ohne den revolutionären Anspruch aufzugeben, auf die Arbeit im legalen Rahmen bis hin zur Teilnahme an Wahlen konzentriert, ein anderer Teil verbindet die Basis- und Massenarbeit mit klassischen Guerillakampfmethoden.

Das indische Innenministerium schätzte den harten Kern der bewaffneten Naxaliten im Jahr 2004 auf ungefähr 9.300.[1] Nach Judith Vidal-Hall bewegen sich aktuellere Aussagen über die zahlenmäßige Stärke der Gruppierung im Bereich von etwa 15.000.[2] Neueste Schätzungen des indischen Geheimdienstes (2009) sprechen inzwischen von etwa 50.000 Mitgliedern und 20.000 bewaffneten Kämpfern.[3]

Immer wieder erregten spektakuläre terroristische Aktionen die Aufmerksamkeit nicht nur der indischen, sondern der Weltöffentlichkeit. Bei einem Angriff von mehr als 350 maoistischen Kämpfern auf eine Einheit der indischen Bundespolizei im Bundesstaat Chhattisgarh am 6. April 2010 wurden mehr als 70 Polizisten getötet.[4] Am 29. Mai 2010 töteten Naxaliten 26 Polizisten in einem Feuergefecht in Chhattisgarh.[5] Ein schweres Zugunglück mit mindestens 70 Todesopfern auf der Bahnstrecke Mumbai-Kolkata am 28. Mai 2010 wurde durch die indischen Behörden auf einen Naxaliten-Anschlag zurückgeführt.[6] Bei einem Naxaliten-Angriff auf eine Wagenkolonne der regierenden Kongresspartei im Bundesstaat Chhattisgarh am 26. Mai 2013 starben mindestens 23 Menschen und mindestens 30 wurden verletzt. Der Premierminister Manmohan Singh nannte in einer Reaktion auf den Anschlag die Naxaliten die größte innere Sicherheitsbedrohung Indiens.[7][8] Der Anschlag wird von Teilen der Naxaliten-Bewegung als anarchistisch abgelehnt.[9]

Bedeutende Naxalitenorganisationen[Bearbeiten]

  • Communist Party of India (Marxist-Leninist) Liberation: 1974 gegründet, derzeit stärkste Naxaliten-Organisation, arbeitet seit Beginn der 1980er Jahre in der Legalität, Hochburgen in Bihar, Assam und Jharkhand, dort in den Regionalparlamenten vertreten, war von 1989 bis 2004 mit einem Abgeordneten in der Lok Sabha präsent, kritische Haltung zu Stalin und teilweise auch zu Mao.
  • Communist Party of India (Marxist-Leninist) New Democracy: 1988 gegründet, Schwerpunkt in Andhra Pradesh, Schwerpunkt liegt in der dortigen Bauernbewegung, stärker am klassischen Maoismus orientiert.
  • Communist Party of India (Marxist-Leninist): 2005 aus der Vereinigung von CPI(ML) [Kanu Sanyal] und CPI(ML) Red Flag hervorgegangen, kombiniert legale und illegale Kampfformen, war mit einem Abgeordneten im Parlament von Bihar vertreten.
  • Communist Party of India (Maoist): Ging 2004 aus der Vereinigung von CPI(ML) People's War Group (um 1980 gegründet, Schwerpunkt in den Adivasi-Regionen in Andhra Pradesh) und Maoist Communist Centre of India (Schwerpunkt im Süden von Bihar und in Jharkhand), verfolgen als Volkskrieg bezeichnete klassische maoistische Guerillastrategie kombiniert mit dem Aufbau von Vorfeldorganisationen, Gute Beziehungen zur Communist Party of Nepal (Maoist) in Nepal, 2004 gescheiterte Friedensverhandlungen mit der indischen Regierung. Die CPI(Maoist) ist für diverse Übergriffe (bis hin zu Morden) auf Polizisten und Anhänger konkurrierender (auch maoistischer) Parteien verantwortlich. Der CPI(Maoist) steht das All India People’s Resistance Forum, ein nicht unbedeutender Zusammenschluss von Bauern-, Menschenrechts-, Frauenorganisationen, Gewerkschaften und NGOs nahe.
  • Communist Party of India (Marxist-Leninist) Janashakti: 1992 als Zusammenschluss von sieben kleineren Gruppen gegründet, Schwerpunkt in Andhra Pradesh, gewann dort bei den Wahlen (wo die Partei 13 auf Grund der Illegalität offiziell als „parteilos“ auftretende Kandidaten aufstellte) 1994 einen Sitz im Regionalparlament, Ende der 1990er Jahre stärkere Orientierung auf bewaffnete Untergrundarbeit, 2004 erfolglose Friedensgespräche mit der Regionalregierung.
  • Provisional Central Committee, Communist Party of India (Marxist-Leninist): 1971 gegründet, Hochburg in der Bodo-Region in Assam, dort über Vorfeldorganisation United Reservation Movement Council of Assam hohe Wahlergebnisse.

Nicht zu den Naxaliten werden die primär nationalistisch motivierten, maoistisch inspirierten Bewegungen im Nordosten Indiens wie die United Liberation Front of Asom, der National Socialist Council of Nagalim in Nagaland oder die People's Revolutionary Party of Kangleipak in Manipur gezählt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Deutschsprachig

  • Jan Myrdal: Roter Stern über Indien. Wenn die Verdammten dieser Erde sich erheben – Impressionen, Reflektionen und vorläufige Folgerungen. Frankfurt 2011, ISBN 978-3-88975-179-9
  • Satya Sivaram: Echo auf das Donnergrollen. Aufbruch, Niederlage und Neubeginn der Naxaliten-Bewegung in Indien. In: Fantômas, Winter/Frühjahr 2005/2006 (Nr. 8), S. 21–23.
  • Gerhard Klas: Es begann in Naxalbari. Naxaliten, Maoisten und der bewaffnete Kampf; in: Südasien. Zeitschrift des Südasienbüros, 26. Jg. Nr. 4, Bonn 2006, ISSN 0933-5196 S. 31–33
  • Arundhati Roy: Wanderung mit den Genossen. Mit den Guerilleros im Dschungel Zentralindiens, Zambon Verlag, Frankfurt am Main, 2011. ISBN 978 3 88975 180 5

Englischsprachig

  • Mohan Ram: Maoism in India. Naxalite. Barnes & Noble, NY 1971 ISBN 038904198X
  • Sumanta Banerjee: In the Wake of Naxalbari. A History of the Naxalite Movement in India. Calcutta 1980
  • Sumanta Banerjee: India’s Simmering Revolution. The Naxalite Uprising. London 1984
  • Edward Duyker Tribal Guerillas. The Santals of West-Bengal and the Naxalite Movement. Delhi u. a. 1987; ISBN 0-19-561938-2
  • Sankar Ghosh, The Naxalite Movement: A Maoist Experiment, K. L. Mukhopadhyay, Calcutta 1975. ISBN 0883865688.
  • J. C. Johari, Naxalite Politics in India, Institute of Constitutional and Parliamentary Studies, New Delhi 1972
  • Sohail Jawaid, The Naxalite Movement in India. Origin and Failure of the Maoist Revolutionary Strategy in West Bengal, 1967–1971. Associated Publ., 1979
  • Judge Paramjit S.: Insurrection to Agitation. The Naxalite Movement in Punjab. Mumbai 1992, ISBN 81-7154-527-0
  • Louis Prakash: People Power: The Naxalite Movement in Central Bihar. New Delhi 2002, ISBN 81-87412-07-0
  • Prakash Singh: The Naxalite Movement in India. New Delhi 1995, ISBN 81-7167-294-9

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Naxalite – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Deutschsprachig

Englischsprachig

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nach Judith Vidal-Hall, Naxalites, S. 73–75; in: Index on Censorship, Volume 35, Nummer 4 (2006).
  2. Judith Vidal-Hall, Naxalites, ebd.
  3. Haznain Kazim: Indiens Maoisten: Terror im Namen der Entrechteten; auf Spiegel Online vom 11. November 2009
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatUlrike Bosse: Großangriff auf indische Bundespolizei: Maoistische Rebellen töten mehr als 70 Polizisten. tagesschau.de, 6. April 2010, abgerufen am 27. Mai 2013.
  5. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMaoists rebels kill 26 policemen in central India. BBC News, 29. Juni 2010, abgerufen am 27. Mai 2013 (englisch).
  6. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKai Küstner: Mutmaßlicher Anschlag im Osten Indiens: Behörden machen Maoisten für Anschlag verantwortlich. tagesschau.de, 28. Mai 2010, abgerufen am 27. Mai 2013.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKai Küstner: Anschlag maoistischer Rebellen in Indien: Tödliche Attacke auf Kongresspartei. tagesschau.de, 26. Mai 2013, abgerufen am 27. Mai 2013.
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatSonia Gandhi ‘devastated’ by India Chhattisgarh ambush. BBC News, 26. Mai 2013, abgerufen am 27. Mai 2013 (englisch).
  9. CPI(ML) Condemns the 25th May Attack of Maoists on Congress Rally Artikel der CPI (ML) (englisch)